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Eröffnungsfilm in Solothurn: Die Bekehrung eines Bünzlis

«Im Idealfall beides, eine gute Komödie soll unterhalten und zum Nachdenken anregen», sagte Philippe Graber, Hauptdarsteller in «Moskau Einfach!», im Interview mit dieser Zeitung. Das mit dem Nachdenken steht bei Micha Lewinskys «Moskau Einfach!», der gestern die 55. Solothurner Filmtage eröffnete, sicher nicht im Vordergrund. Und doch lieferte die Komödie, die vor dem Hintergrund des Fichenskandals spielt, den Vertretern aus Politik und Gesellschaft, die sich aus diesem Anlass in der Reithalle einfanden, sicher reichlich Gesprächsstoff für den Apéro danach.

Philippe Graber spielt Viktor Schuler, ein eifriger Polizist wie einst sein Vater. Äusserlich der Bünzli schlechthin, macht er sich Büchsenravioli mit Aromat zum Znacht. Er heftet sich an die Fersen von Personen aus dem Theatermilieu, die er an Demonstrationen für die Armee-Abschaffungs-Initiative antrifft und die ihm überhaupt verdächtig erscheinen, mit den Kommunisten gemeinsame Sache zu machen. Im Büro arbeitet Schuler bis tief in die Nacht und heftet Fotos der vermeintlich staatsgefährdenden Personen an die Pinnwand. Auch ein Foto von Max Frisch hängt da, dessen Stück zur Armeeabschaffung, «Jonas und sein Veteran», im Oktober 1989 am Zürcher Schauspielhaus gespielt wurde.

Rundum grossartig ­ agierendes Ensemble

Im Film ist es Shakespeares Liebeskomödie «Was ihr wollt», die der deutsche Regisseur Carl Heymann (Michael Maertens) am Schauspielhaus inszeniert. Das passt, denn als Schulers Chef Marogg (Mike Müller) diesen als verdeckten Ermittler ans Schauspielhaus schickt, verliebt sich der Polizist in der Statistenrolle schon bald in die Schauspielerin Odile Lehmann (Miriam Stein). Die romantische Komödie nimmt ihren klassischen Verlauf.

Erst aber modelt Marogg Viktors Wohnung in die eines Klassenkämpfers um: Otto F. Walter, Peter Bichsel, Franz Hohler, all diesen «Dreck» stellt er ihm ins Bücherregal. «Die chasch au grad abzieh.» Die Hose, meint Marogg. Jetzt gilt es noch, Viktor in Walo zu verwandeln. Hier steht Viktor zum ersten Mal mit abgesägten Hosen da, will heissen, in Unterhose. Natürlich ist sie weiss und bünzlig – so etwas kann man heute wahrscheinlich nicht mehr kaufen. Beim zweiten Mal hat es ein paar Zuschauer mehr, so viel sei gesagt.

Des Abends rapportiert Schuler pflichtbewusst, im Stil von «...x trinkt abends gerne ein Bier» – humorvolle Kritik an der Überwachungshysterie, doch so war das tatsächlich. Dass er das zu Hause auf der Schreibmaschine macht und die Blätter dann einfach in eine unverschlossene Schublade legt, ist zwar nicht ganz plausibel, aber dramaturgisch notwendig. Lewinsky nimmt die «linke» Theaterszene genauso aufs Korn. Der Humor ist meist subtil, und das rundum grossartig agierende Ensemble bringt das auch so rüber.

Lewinsky und sein Anruf bei der russischen Botschaft

Die Gegenüberstellung von rechtschaffenen Bürgern und subversiven Elementen macht die Fronten von Beginn weg klar: In der einen Bildhälfte hockt Viktor Schuler in der Polizeizentrale und tippt beflissen ab, was der Moderator des alternativen Lokalradios LoRa – in der anderen Bildhälfte – gerade Belangloses von sich gibt. Weil der Split Screen heute nicht mehr oft angewandt wird, trägt die Technik formal dazu bei, den Zuschauer in eine andere Zeit zu versetzen.

Wie sich der Moderator später im Film zum Einfluss des Radios LoRa äussert, gibt feinhumorig preis, wie lächerlich die Pauschalverdächtigungen und vor allem die Einschätzung des Gefahrenpotenzials seitens der Geheimpolizei vielfach waren. Die Figur des Moderators steht aber noch für etwas anderes, für den ernsten Unterton, den der Film durchaus hat: Wegen der Fiche über seine Person findet er einfach keine Anstellung als Lehrer, in dem Beruf, den er eigentlich gelernt hat. Sein Fall steht exemplarisch für die existenziellen Konsequenzen, die die Weitergabe von Daten an Arbeitgeber haben konnte.

Wie absurd die Ficheneinträge häufig waren, hat der damals 17-jährige Micha Lewinsky («Der Freund», «Die Standesbeamtin») am eigenen Leib erfahren: Er habe als Kind bei der sowjetischen Botschaft angerufen, sagt der Regisseur im Presseheft zum Film. «Ich wollte einen Vortrag über die Transsibirische Eisenbahn machen und dachte, die Russen könnten mir vielleicht einen Prospekt schicken.» So kam er zu seiner eigenen Fiche, eine von beinahe einer Million.

«Moskau Einfach!» ist eine unterhaltsame, routiniert inszenierte Schweizer Komödie – Micha Lewinskys bisher beste – mit einer kohärenten, stimmigen Filmmusik (Ephrem Lüchinger) und idealer Länge. Der perfekte Auftakt für die Solothurner Filmtage, wo der Film im Übrigen auch für den Publikumspreis nominiert ist.