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Er schrieb lieber Finten als Fugen

Ja, er war der Sohn des grossen Johann Sebastian. Aber Carl Philipp Emanuel Bach hat sich höchst fantasievoll abgenabelt.

Die Perücke war korrekt – aber in seiner Musik hat Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) gegen sämtliche Konventionen verstossen. Foto: Getty Images

Die Perücke war korrekt – aber in seiner Musik hat Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) gegen sämtliche Konventionen verstossen. Foto: Getty Images

Ein harscher Akzent, ein kräftiger Triller, ein Absturz um eine Septime – man meint schon die Bach-Fuge zu hören, die so beginnt. Aber hier war nicht Johann Sebastian am Werk, sondern Carl Philipp Emanuel, der schon damals einen Ruf als originellster Bach-Sohn zu verteidigen hatte. Also schrieb er keine Fuge, sondern eine Finte. Und dann noch eine. Und noch eine: Bis er seine F-Dur-Sinfonie Wq 183/3 beisammen hatte.

Das Tonhalle-Orchester hat sie soeben unter der Leitung von Giovanni Antonini aufgeführt, man hörte staunend, grinsend, anerkennend zu: wie da eine Melodie den Hörern den letzten Ton verweigert, wie dort die Turbulenzen plötzlich in düsterste Langsamkeit absacken, wie dieser Komponist überhaupt elf Minuten lang gegen sämtliche Konventionen verstösst – in einer Weise, die dann nicht nur originell ist, sondern tatsächlich gut klingt.

Giovanni Antonini führt zusammen mit den Berliner Philharmonikern den letzten Satz aus Carl Philipp Emanuel Bachs Sinfonie Wq 183/3 auf. Besonders schöne Finten finden sich bei 0'22" – und im wilden Ritt durch die Tonarten ab 1'07". Video: Youtube

So schön wie hier zeigt sich selten, wie kompliziert das Dasein als Sohn eines grossen Vaters sein kann, wie viel Energie es braucht, eigene Wege zu gehen. Auch ein Jakob Dylan oder ein Julian Lennon können davon ein Lied singen – wobei deren Lieder weit näher an den väterlichen Vorbildern sind als Carl Philipp Emanuel Bachs Musik.

Er hätte sich ein eigenes Plätzchen im Konzertleben also redlich verdient. Aber er ist und bleibt der Bach-Sohn, eine Nebenerscheinung. Am vergangenen Sonntag hat sich das Capriccio Basel in der Kirche St. Peter mit einer seiner Sinfonien für Mendelssohn und Haydn aufgewärmt. Auch in der Tonhalle Maag folgten sichere Werte: Sol Gabetta spielte Schumanns Cellokonzert so intensiv, dass man sich verlieren konnte in ihrem Ton. Und in Mozarts g-moll-Sinfonie KV 550 taten Antonini und die Musiker alles, um dem Hit mit szenischem Gestus und Höchstgeschwindigkeit ein paar ungewohnte Facetten abzutrotzen.

Am längsten klang dennoch der unsichere Wert nach, den Carl Philipp Emanuel so zuverlässig zu liefern verstand.

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