Switzerland

Enttäuschte Hoffnungen

Kann man diesen Papst noch ernst nehmen? Franziskus war vor bald sieben Jahren mit vollmundigen Reformansagen angetreten. Er ermutigte die Ortskirchen, eigenständig zu handeln. Er forderte Bischöfe und Gläubige auf, die heissen Eisen – vom Zölibat bis zur Sexalmoral – freimütig zu debattieren. Er lancierte Bischofssynoden, gleiste eine Kurienreform auf und rief eine historische Kommission zum Frauendiakonat ins Leben.

Doch er selber will daraus keinerlei Konsequenzen ziehen und belässt alles beim Alten. Welcher Ausdruck passt da besser: «Päpstlicher Eiertanz» («Die Furche») oder «Päpstlicher Hinterhalt» (FAZ)?

Das am Mittwoch von Franziskus vorgelegte Schreiben «Querida Amazonia» («Geliebtes Amazonien») ist ein Abgesang auf die von ihm geschürten Hoffnungen. Auf seinen Wunsch hin hat die Amazonassynode auch über die ausnahmsweise Öffnung des Priesteramts für Verheiratete debattiert. Er aber tritt nun auf die Lockerung des Zölibats gar nicht ein.

So viele Gläubige, die Franziskus hat hoffen lassen, stehen jetzt beschämt da. 

Er preist das Engagement der Frauen in den höchsten Tönen. Ihre Weihe aber schliesst er mit einer überholten Anthropologie kategorisch aus. Und legt eine falsche Fährte, wenn er verspricht, die Frauen würden ihren gebührenden Platz in der Kirche auch ohne Weihe finden. In dieser ist die Leitungs- und Definitionsgewalt nun mal ganz an die Weihe gebunden.

Das alles ist umso befremdlicher, als in seinem Pontifikat das ganze Ausmass des Kindesmissbrauchs durch Kleriker offenbar geworden ist. Er selber führt ihn auf Machtmissbrauch und Klerikalismus zurück, also auf systemimmanente Faktoren. Trotzdem ist er nicht bereit, System und Strukturen zu ändern.

So viele Gläubige, die Franziskus hat hoffen lassen, stehen jetzt beschämt da. All die Theologen und Vatikanisten, die seit bald sieben Jahren an seinen Lippen hingen und an diesen so oft den unmittelbar bevorstehenden reformerischen Durchbruch ablasen, sind düpiert.

Franziskus selber hat seinen eigenen Mythos beschädigt. Seine revolutionäre Rhetorik bleibt Marketing.

Der Nicht-Theologe und italienische Soziologe Marco Marzano bleibt Bergoglios bester Interpret. Er prophezeite schon länger, dass Franziskus die Träume der Reformer nicht im Mindesten erfülle und es bei nur angekündigten Reformen belasse: «Franziskus kirchenreformerisches Wirken geht gegen null.» Die Legende von der böswilligen Clique der Reformgegner und ihrem konservativen Widerstand gegen Bergoglio sei zugleich ein hervorragendes Alibi für den nicht herbeigeführten Wandel.

Fürchtet Franziskus, der Spalt der Öffnung könne zum Dammbruch und zum Schisma führen? Jedenfalls versetzt er die Reformbewegung in Schockstarre. Dass der reformwillige Münchner Kardinal Marx fast zeitgleich mit dem Erscheinen des Dokuments seinen Rückzug von der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz ankündigte, heisst doch, dass er an den Reformprozess des Synodalen Wegs nicht mehr glaubt. Der in der Schweizer Kirche angedachte Weg der Erneuerung dürfte gar nicht erst Fahrt aufnehmen.

Franziskus selber hat seinen eigenen Mythos beschädigt. Seine revolutionäre Rhetorik bleibt Marketing. Die Kohärenz seines Pontifikats ist ihm abhandengekommen. Zeit für den 84-Jährigen zurücktreten. Nur –kann er das, solange sein Vorgänger noch lebt?

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