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Eine wie sie: So ist das Leben auf der Intensivstation des Basler Unispitals

Eine wie sie: So ist das Leben auf der Intensivstation des Basler Unispitals

Katharina Moruzzo ist Pflegerin auf der Intensivstation des Basler Unispitals. Eine Heldin, denken viele. Sie nicht.

Benjamin Rosch / ch media

Katharina Moruzzo: Eigentlich wollte sie Primarlehrerin werden. bild: Nicole Nars-Zimmer

Angst hat sie keine, wenn sie ihre Schicht antritt, denn Angst wäre ein schlechter Begleiter. Aber Respekt. Er lässt sie ihre Hände gewissenhaft waschen, den Schutzanzug mit Haube sorgsam anziehen und den Mundschutz satt festzurren: Respekt. Ihr gesammeltes Fachwissen und die persönliche Erfahrung der letzten Tage fasst ­Katharina Moruzzo in diesem Wort zusammen.

Der Nachmittag dieses Donnerstags neigt sich langsam dem Ende zu. Soeben hat Katharina Moruzzo, 52, ihre Schicht beendet und wir treffen sie an einem kleinen Tisch im Hof des Unispitals. Ihre braunen Haare hält sie mit einem Pferdeschwanz aus dem Gesicht, auf dem auch zum Ende des Gesprächs noch deutlich die Striemen der Schutzmaske zu sehen sind. «Tätowierungen», nennt sie Moruzzo scherzhaft.

bgesehen davon und vielleicht den ausgetrockneten Händen ist ihr nicht anzusehen, welchen Knochenjob Moruzzo in den vergangenen Stunden verrichtet hat. Katharina Moruzzo arbeitet als Pflegefachfrau auf der Intensivstation des Basler Unispitals.

«Bei Schichtbeginn erhalten wir den Rapport, dann ziehen wir uns an für die Isolation», beschreibt Moruzzo ihren Alltag. Die meiste Zeit des Tages verbringt sie dann in diesem einen geschlossenen Raum. Darin stehen zwei oder vier Betten mit jeweils einem Monitor, der den Kreislauf des Patienten akribisch überwacht und eine unterschiedliche Anzahl Gerätschaften, die ihn am Leben erhalten.

Wer hier liegt, befindet sich in kritischem Zustand, womöglich im künstlichen Koma. «Für diese Leute übernehmen wir alles, von Mundhygiene bis zur Augenpflege.» Die Medizin weiss, dass Covid-Patienten von der Bauchlage profitieren. Das bedeutet aber, dass man sie alle paar Stunden auf den Rücken drehen muss. «Das ist körperlich sehr anspruchsvoll», sagt Moruzzo. Zum Glück helfe zurzeit eigens ein Lagerungsteam, «deswegen müssen wir das nicht alleine machen».

Bilder von aufgebahrten Menschen auf Bäuchen

Katharina Moruzzo sollte gar nie in diese Situation gelangen. Pflegefachfrau wurde sie mehr aus Zufall, denn aus Berufung. «Eigentlich wollte ich Primarlehrerin werden», sagt sie, «ich bin da mehr so reingerutscht». Während der Schulferien habe sie dann als Pflegehilfe gejobbt. 1991 begann sie die Ausbildung am Basler Unispital, geblieben ist sie bis heute. Nach der Grundausbildung arbeitete sie zuerst in der Chirurgie, dann Medizin. «Dann habe ich gemerkt, dass ich eine Zusatzausbildung machen möchte», sagt Moruzzo. Die Technik der «IPS», wie die Intensivabteilung im Jargon heisst, habe sie fasziniert, und die persönliche Herausforderung. Die Pflegerinnen und Pfleger dieser Abteilungen sind sich Leid gewohnt. Wer hier als ­Patient eingeliefert wird, befindet sich in kritischem Zustand oder in lebensbedrohlicher ­Situation und wird darum rund um die Uhr überwacht.

Weltweit stehen diese Abteilungen nun im Fokus der Aufmerksamkeit. Inzwischen kennt wohl jeder die Bilder aus Italien mit aufgebahrten Menschen auf ihren Bäuchen, angeschlossen an eine Vielzahl von Apparaturen. «Katastrophal», sagt Moruzzo, wenn sie an die Zustände dort denkt und an die Arbeitsbedingungen für die dortigen Kolleginnen und Kollegen. Man könne nur hoffen, dass das Schweizer Gesundheitssystem nie an solche Grenzen stosse.

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Allzu nah an sich ran lässt Moruzzo diese Bilder nicht. «Ich betrachte sie als Privatperson», sagt sie. Bewusst verzichtet sie darauf, konstant die News rund um das Virus zu verfolgen. Die abonnierte Zeitung liest sie kaum mehr, um Online-Medien macht sie im Moment einen grossen Bogen. «Es wäre einfach zu viel.»

Nichts konnte sie auf diese Situation vorbereiten

Noch ist die Lage in Basel-Stadt nicht dramatisch, vielleicht wird sie es auch nie. Doch schon jetzt steige die Belastung spürbar, sagt Moruzzo. Wer jetzt in einem Isolationszimmer steht, muss jederzeit mit hoher Konzentration und Disziplin zu Werke gehen. Auch ohne tägliche Zeitung wissen alle von den Gefahren, die von Covid-19 besonders für das Pflegepersonal ausgehen.

Wenn Katharina Moruzzo von ihrem Job erzählt, dann tut sie dies mit einer nüchternen Klarheit. Die Beine überkreuzt, lehnt sie im Stuhl und spricht von künstlichem Koma, von Beatmungsgeräten und Menschen, die an der Krankheit sterben. Wer aber meint, Moruzzo begegne ihrer Aufgabe mit Distanz, irrt. Die fast dreissig Jahre Arbeitserfahrung haben sie keineswegs abgestumpft für das menschliche Schicksal. Und schon gar nicht haben sie ­Moruzzo auf das vorbereiten können, was jetzt seinen noch unbekannten Lauf nimmt. Wie auch? «Ich würde nicht einmal sagen, dass ich ein dickes Fell habe», behauptet sie. Jeder erlebe Grenzen schliesslich auf persönliche Weise.

Aber es ist schon so: Unmittelbare Emotionalität verträgt sich schlecht mit diesem Beruf. Um abzuschalten, geht Moruzzo in ihrer Freizeit lange spazieren. Dann kann raus, was raus muss.

Die Krise hat auch ihre schönen Seiten

Diese turbulente Zeit verlangt Moruzzo mehr ab, als es je zuvor in ihrer Karriere vorgekommen war. Gleichzeitig bringt Corona aber auch die schönen Seiten in den Menschen hervor. Da ist beispielsweise die Unterstützung durch die Familie und das Umfeld. Zu Hause hilft der 18-jährige Sohn mit, «und ich erhalte enorm viele SMS von Freunden und Bekannten, die mir ihre Hilfe anbieten.» Die allgemeine Wertschätzung für die Pflegenden ist gestiegen, das war spätestens dann spürbar, als sich auch in Basel die Leute zur Mittagszeit vor ihren Fenstern zum Applaus versammelt hatten. Ist Moruzzo nun eine Heldin?

Sie zögert keine Sekunde mit ihrer Antwort. «Bin ich nicht», sagt sie und schüttelt bestimmt den Kopf. Heldentum erfordere ein hohes Mass an Selbstlosigkeit, ja vielleicht sogar Selbstaufgabe. «Aber für mich ist das ja ein Job und ich schütze mich bestmöglich vor der Gefahr.» Die Arbeit sei zwar zurzeit etwas schwieriger, «aber auch sonst ist die Pflege nicht grad ein Zuckerschlecken.» Moruzzo schliesst bewusst und nicht zum ersten Mal in diesem Gespräch alle verschiedene Rädchen im Gesundheitssystem mit ein, nicht nur die Intensivstation.

Die aktuell weitverbreitete Dankbarkeit gegenüber Pflegenden führt Moruzzo auf den simplen Umstand zurück, dass nun plötzlich jeder selber betroffen sein könnte. Die Angst, plötzlich selber in den Händen von Moruzzo und ihren Kolleginnen und Kollegen zu landen, scheint die Leute zu bewegen, auch wenn wohl viele vorher schon wussten, welche Leistung die Pflege Tag für Tag erbringt. «Für viele ist die Intensivstation und vielleicht das ganze Spital sehr weit weg vom eigenen Alltag. Jetzt ist es ganz präsent», sagt Moruzzo und an ihren Worten haftet keine Kritik.

Selbst wenn, und das wird auch deutlich, ihr lieber wäre, die Leute würden sich auch noch in einem halben Jahr an die jetzt entgegengebrachte Wertschätzung erinnern. (bzbasel.ch)

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