Switzerland

Eine Liga, gnadenlos und gnädig: Die National League verzeiht keine Fehler  - alle müssen an der Kasse vorbei

In den letzten Tagen der Qualifikation, wenn die letzten Playoff-Plätze im Eishockey vergeben werden, müssen alle an der Kasse vorbei. Die Trainer, die Sportchefs, aber auch die Spieler.

Diese letzten Partien sind die unfairsten und daher schwierigsten des Jahres. Weil es nicht mehr für alle um gleich viel geht. Vorne üben die Titanen für die anstehenden Playoffs und hinten geht es ums sportliche Überleben.

Nie ist Hockey unberechenbarer, nie zählt die Statistik weniger, nie sind Prognosen schwieriger. Dazu passt Luganos schlimmste Qualifikationsniederlage seit Einführung der Playoffs 1985/86: 0:6 gegen den SC Bern. Seit dem Februar 2013 hatte Lugano gegen die Berner in der Qualifikation auf eigenem Eis nicht mehr in der regulären Spielzeit verloren.

Nun stehen Bern und Lugano punktgleich auf den Rängen 8 und 9. Lugano spielt noch auswärts gegen die Lakers und zu Hause gegen Ambri. Bern auswärts in Davos, daheim gegen Gottéron und auswärts gegen Lausanne und kann es aus eigener Kraft schaffen.

«Aufstieg und Untergang der Titanen»

Die Finalisten von 2016 sind also die Finalisten um den letzten Platz im Playoff. Wieder einmal wird ein Kapitel im grossen Drama «Aufstieg und Untergang der Titanen» geschrieben.

Einer der grossen Unterschiede zwischen Fussball und Eishockey ist das zerbrechliche Glück der Favoriten. Auch im Eishockey gewinnen zwar am Ende die Grossen, die mit dem Geld. Seit 1998 haben Lugano, Davos, der SC Bern und die ZSC Lions alle Titel unter sich ausgemacht. Aber Krisen kommen heftiger und schneller über die Grossen.

2014 (der SCB) und 2019 (die ZSC Lions) haben die Titelverteidiger die Playoffs verfehlt. Nun muss der Meister SC Bern um die Teilnahme an den Playoffs zittern. Ein gutes Team zusammenzustellen, kostet im Eishockey viel weniger als im Fussball. Die Welt des Eishockeys ist im Vergleich zum globalisierten Fussball beschaulich.

Wer genau weiss, welche Spieler er für sein Team und welchen Trainer er für seine Spieler braucht, dazu fähige «Scouts» hat, findet im heimischen Markt die richtigen Verstärkungen und Ergänzungen. Mit etwas Glück oft sogar zu günstigen Preisen.

Wer sich im internationalen Eishockey gut auskennt, ist dazu in der Lage, das richtige ausländische Personal zu rekrutieren. Den Titel machen zwar am Ende doch die mit dem grossen Portemonnaie unter sich aus. Weil sich nur die Grossen die für die Playoffs unverlässlichen sehr teuren «Gamebreaker» leisten können.

Aber auch mit kleinem Budget ist es möglich, in der Qualifikation vorne mitzumischen. Ambri reichte es letzte Saison gar für die Champions Hockey League, Langnau schaffte die Playoffs.

Die National League ist gnadenlos, weil sie keine Fehler verzeiht. Aber sie ist gnädig, weil sie die Chance bietet, Fehler sofort zu korrigieren. Der HC Davos spielte im vergangenen Frühjahr die Playouts und ist bereits wieder ein Spitzenteam.

Die ZSC Lions haben als Meister die Playoffs verpasst und sind bereits wieder Titelkandidat. Beide sind schnell aufgestanden, weil sie aus den Fehlern gelernt haben und auch, weil der HC Davos und die ZSC Lions junge Mannschaften mit viel Entwicklungspotenzial sind.

Der Anfang vom Ende einer Dynastie

Eine ähnliche Renaissance wird es weder bei Lugano noch beim SCB geben. Die Berner haben noch die Erfahrung und die graubärtigen Leader für ein letztes meisterliches Hurra im Falle einer Playoff-Qualifikation.

Aber im Rückblick werden wir erkennen: Nicht nur die ZSC- und HCD-Renaissance prägten diese Saison. Es war auch der Anfang vom Ende einer grossen SCB-Dynastie. Und weil es eine so grosse Dynastie war, ist es für die sportliche Führung so schwierig, die Fehler zu erkennen und rechtzeitig zu korrigieren.

Die Fehler, die den SCB in dieser Saison in Bedrängnis bringen, sind schon vor zwei Jahren in der Verblendung des meisterlichen Ruhmes begangen worden. Der schlimmste: keine Eiszeit für die jungen Spieler. Keine Möglichkeit, die Mannschaft zu erneuern.

Nun müssen die Berner halt in der zweiten Februarhälfte rechnen – und vieles spricht dafür, dass sie auch im Februar 2021 wieder rechnen werden.

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