Switzerland

Eine Autobahn mitten durchs Quartier

In Ägypten werden derzeit rund 7000 Kilometer Schnellstrassen und eine hochmoderne neue Hauptstadt gebaut. Unter die Räder kommen bei diesen Projekten die Armen, also die grosse Mehrheit der Ägypter.

Die im Bau befindliche Teraet-al-Zomor-Hochstrasse in Kairo.

Die im Bau befindliche Teraet-al-Zomor-Hochstrasse in Kairo.

Khaled Elfiqi / EPA

Das Bild sieht aus, als wäre es mit Photoshop bearbeitet worden. Eine Autobahnbrücke führt mitten durch eine Wohnstrasse; der Abstand zu den Häusern beträgt beiderseits etwa 50 Zentimeter. Von den Balkonen aus können einige Anwohner den grauen Beton berühren. Das sind noch die glücklicheren Mieter der oberen Stockwerke. Weiter unten schneidet die Autobahn den Wohnungen jegliches Tageslicht ab. In den sozialen Netzwerken stiess das Foto auf ungläubiges Entsetzen. Doch es ist echt. Die Hochstrasse namens Teraet al-Zomor wird derzeit mitten durch ein dicht besiedeltes Quartier in Kairo gezogen. Sie soll 12 Kilometer lang und bis zu 65 Meter breit werden.

Ein Augenschein vor Ort. Die Dolmetscherin reicht der ausländischen Journalistin einen Hijab, ein Kopftuch: «Zieh das an!» Es ist heikel, in Ägypten auf offener Strasse zu recherchieren; am besten, man fällt möglichst wenig auf. Es ist ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis Menschen, die Fragen stellen, Ärger bekommen. Genauso heikel ist es für Menschen, Fragen zu beantworten. Wir gehen von Tür zu Tür, steigen keuchend bis zu acht Stockwerke hoch. Niemand will mit uns reden, erst recht nicht über die Situation vor Ort. Drei junge Mädchen kichern: «Was gibt es da noch zu fragen!»

«Die Brücke hat unser Leben ruiniert»

In Ägypten wird von oben verordnet; das Volk unten hat zu akzeptieren – und zu schweigen. Das Betonmonster, das sich hier auf hohen Pfeilern zwischen die graubraunen Häuserreihen zwängt, ist dafür ein Sinnbild. Unten die ungeteerte Strasse voller Geröll und Abfall. Ein Strassencafé, eine Werkstatt, eine Apotheke. Oben auf der noch unfertigen Autobahnbrücke rollt ein Mann eine Gasflasche vor sich her. Vor wenigen Tagen sei dabei ein Behälter explodiert und ein Mann schwer verletzt worden, erzählt ein Anwohner, der von seiner Dachterrasse aus die Baustelle beobachten kann.

Ausgerechnet die Ärmsten lassen uns schliesslich herein. Vielleicht, weil sie nichts mehr zu verlieren haben. Die Frau eines Türstehers lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in einem Kellerraum; auf dem breitesten Treppenabsatz nach unten hat sie einen Kochherd installiert. Tageslicht hatte sie schon vor dem Bau der Brücke keines. Aber sie merke, dass nun noch weniger Sauerstoff hineingelange, sagt sie. Ausserdem komme es häufig zu Wasserunterbrüchen. Vor zehn Jahren ist unsere Gesprächspartnerin mit ihrem Mann aus Assiut in Mittelägypten nach Kairo gezogen. Sie sei damals mit dem ersten Kind schwanger gewesen, ihr Mann habe dringend eine Arbeit gebraucht. Würde sie gerne wieder von hier wegziehen? Die Frage stellt sie sich gar nicht: «Wohin sollen wir gehen? Das ist unser Leben hier.»

In der Garage im selben Haus lebt eine weitere vierköpfige Familie aus Beni Suef in Mittelägypten. Das sei eigentlich eine praktische Verbindung von Wohn- und Arbeitsplatz, sagt die Mutter der Familie, denn ihr Mann repariere hier Autos oder passe auf diese auf. Wegen der aufgerissenen Strasse kämen jedoch nicht mehr viele Kunden vorbei. Ausserdem sei es nun verboten, in dieser Strasse zu parkieren. «Die Brücke hat unser Leben ruiniert.»

Am offensten Auskunft gibt ein Student aus dem Sudan, der auf der gegenüberliegenden Strassenseite mit Kollegen in einer WG lebt: «Sie bauen auch nachts, man kann kaum schlafen. Jetzt ist es laut, staubig, dunkel und gefährlich hier.» Für die schäbig möblierte Wohnung zahlen die jungen Männer 250 Dollar im Monat.

Derzeit werden in Ägypten rund 7000 Kilometer Schnellstrassen durchs ganze Land gebaut. «Dabei gäbe es so viele dringendere Dinge», sagt Mamdouh Habashi, Architekt, Inhaber einer Baufirma und Vorstandsmitglied einer oppositionellen sozialistischen Partei. Die Menschen würden nicht nach ihren Bedürfnissen gefragt. «Die Planung hier ist die Planung der Machthaber. Und die haben recht, weil sie die Macht haben – nicht umgekehrt. Deswegen wird ohne Rücksicht auf dem Reissbrett entworfen und durchgeführt. Koste es, was es wolle.»

Von gewissen Balkonen aus, kann man die neue Autobahn fast mit der Hand berühren.

Von gewissen Balkonen aus, kann man die neue Autobahn fast mit der Hand berühren.

Khaled Elfiqi / EPA

Illegale Siedlungen werden erbarmungslos abgerissen

Die Regierung beruft sich im Fall der neuen Hochstrasse darauf, dass die meisten Häuser in diesem Quartier illegal erbaut worden seien. Das heisst: auf einst fruchtbarem Ackerland oder zu hoch hinauf, jedenfalls ohne offizielle Baugenehmigung. Doch Illegalität ist in Kairo die Norm. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu zwei Drittel aller Behausungen auf illegalem Weg entstanden sind. Davon profitiert haben Kleinbauern, Bauherren und vor allem korrupte Beamte. Den Armen – und sie stellen in Ägypten die Mehrheit – bleibt oft keine andere Wahl, als in informellen Siedlungen zu wohnen. Alles andere ist für sie zu teuer.

Im Prinzip haben die Anwohner der Hochstrasse noch Glück. Immerhin sollen ihre Häuser nicht ganz abgerissen werden, nur die Balkone. Andernorts hat die Regierung unter Präsident Abdelfatah al-Sisi dieses Jahr begonnen, harte Exempel im Kampf gegen informelle Siedlungen zu statuieren. Zahlreiche Häuser, manchmal ganze Quartiere, werden abgerissen – vorzugsweise wenn sie zentral liegen und das Bauland an Wert gewonnen hat. Oder die Bewohner müssen im Nachhinein für jeden illegal erbauten Quadratmeter hohe Bussen zahlen. Wenn sie es nicht vermögen, wird mit der Abrissbirne gedroht.

Es gibt staatlich subventionierte neue Siedlungen für die sozial Schwächsten, die bekannteste heisst Asmarat und liegt am südlichen Stadtrand beim El-Mokattam-Hügel. Doch die symbolischen Mieten sind für die Ärmsten immer noch zu teuer, und die sterilen Häuser liegen weit von ihren Werkstätten und Arbeitsplätzen entfernt. «Für meine Kinder gibt es dort keine Schule, für mich keine Arbeit», erklärt ein Fahrer. Seit Corona schlägt er sich mit einem Teilzeitpensum durch. Er hat seinen Computer verkauft, um für die Schulkosten seiner drei Kinder aufzukommen. Jetzt soll er Tausende von Pfund aufbringen, als Strafe für seine bereits vor zwei Jahrzehnten illegal errichtete Wohnung. Er weiss nicht, wie er das Geld zusammenkratzen soll. So wie ihm ergeht es derzeit Tausenden von Familien.

Im Wüstengebiet rund um Kairo werden staatlich subventionierte Sozialwohnungen gebaut wie hier in der neuen Asmarat-Siedlung.

Im Wüstengebiet rund um Kairo werden staatlich subventionierte Sozialwohnungen gebaut wie hier in der neuen Asmarat-Siedlung.

Amr Abdallah Dalsh / Reuters

«Die Menschen werden ausgepresst bis zum Gehtnichtmehr», sagt Mamdouh Habashi. «Und sie sehen, wie ungerecht das alles ist.» Nicht zur Rechenschaft gezogen würden hingegen die vielen korrupten Beamten, die damals gegen Bestechungsgelder illegale Bautätigkeiten zugelassen hätten.

Kairo gehörte einst zu den schönsten Städten der Welt

«Bis in die fünfziger Jahre hinein gehörte Kairo zu den schönsten Städten der Welt», schwärmt der Architekt. Es folgten unkontrollierbare Baubooms. Kairo ist laut Habashi schneller gewachsen als jede andere Stadt der Welt. Die letzten übersichtlichen Stadtpläne stammten aus dem Jahr 1964: «Damals fasste der Staat für Kairo ein Bevölkerungswachstum von 2,6 auf 3 Millionen ins Auge.» Heute wächst die Bevölkerung Ägyptens jedes Jahr um 2,5 Millionen, und im Grossraum Kairo leben gegen 25 Millionen Menschen. Man könne im Grunde gar nicht mehr von einer Stadt reden, stellt der Architekt fest. Kairo sehe auf der Karte wie ein riesiger Eierkuchen aus. Seit Jahrzehnten verlaufe die Planung chaotisch.

Die historische Altstadt aus der Zeit der Fatimiden und Mamluken sowie Downtown mit seinen Jugendstilhäusern zeugen bis heute von der einstigen Schönheit Kairos, der «Mutter der Welt». Doch ein grosser Teil der wertvollen historischen Bausubstanz verfällt. Statt die Gebäude zu renovieren und sich dem Verbessern der Wohnqualität der in 5000 Jahren am Nil gewachsenen Stadt zu widmen, setzt die Regierung lieber auf einen totalen Neuanfang in der Wüste: Etwa 45 Kilometer weiter südöstlich lässt das Militär eine neue Hauptstadt bauen. Insgesamt soll sie sich auf rund 700 Quadratkilometer erstrecken und dereinst um die 6,5 Millionen Menschen fassen. Seinen ganzen Stolz legt Sisi in das Gelingen dieser neuen Stadt, Billionen von Dollars sind bereits in diese investiert worden. Und das, obschon bereits fertige neue Städte stark unterbelegt sind.

Luxusbauten mitten in der Wüste

Die neue Hauptstadt hätte eigentlich dieses Jahr von der Regierung und vielen Ministerien bezogen werden sollen. Doch bietet sie noch einen kurios unfertigen Anblick. Zwischen kilometerlangen sandigen Wüstenabschnitten ragen einzelne halbfertige Häuserblocks in die Höhe. In der Einöde leuchten in kilometerlangen Abständen vier weisse Moscheen sowie eine koptische Kirche, die grösste im Nahen Osten. Die religiösen Komponenten sind fertig.

Bereits in Betrieb ist auch das Luxushotel al-Masa. Hier, mitten in einer unfertigen, leeren Riesenstadt, sonnen sich ein paar Gäste am Pool. Eine Angestellte bietet eine Kurzführung: Zum Hotel gehören unter anderem eine enorme Lobby aus Marmor und ein kleiner Strand mit künstlich herbeigeführtem Wellengang. Gleich daneben entstehen eine Shoppingmall, ein Opernhaus und ein 9-D-Kino. Wie man denn auf 9 Dimensionen komme? Die Angestellte weiss es nicht.

Hier befindet sich also die andere Seite des Janusgesichts Kairo: ein Luxusort, der sogar die Gesetze der Physik zu überwinden hofft. Unser Fahrer, Mohammed, ist das erste Mal in der neuen Hauptstadt. Das möge ja alles schön werden hier, sagt er, aber das sei nichts für normale Ägypterinnen und Ägypter. Beim Anblick der grössten der vier Moscheen, in der etwa 17 000 Gläubige Platz haben, fasst er sich ans Herz und sagt: «Ich bin Muslim. Aber so was brauche ich nicht. Wir brauchen Spitäler, Schulen, bezahlbare Wohnungen, Arbeit.» Auf dem Rückweg in die Stadt fragt er laut: «Für wen ist dieser Präsident da? Für uns, für die Mehrheit der Ägypter, für das Land? Oder für ein paar wenige reiche Leute?» Eine rhetorische Frage.

Eine der riesigen Moscheen, die in der neuen Hauptstadt im Osten von Kairo gebaut werden.

Eine der riesigen Moscheen, die in der neuen Hauptstadt im Osten von Kairo gebaut werden.

Mohamed Abd El Ghany / Reuters

Nicht einmal die Mittelklasse, die immer mehr in die Armut abrutscht, könne sich eine Wohnung in der neuen Hauptstadt leisten, sagt Mamdouh Habashi. Das Regime von Mubarak habe den oberen 20 Prozent gedient. Das jetzige Regime diene einer noch viel dünneren Schicht von Superreichen. «Je reicher, umso mehr profitiert man von diesem Regime. Je ärmer, umso mehr wird man ignoriert.»

Diese Tendenz hat der Autor Ahmed Khaled Towfik in seinem 2008 erschienenen Roman «Utopia» zu Ende gedacht. Dieser spielt im Jahr 2023. Die Reichen haben sich in einen vom Militär abgeschirmten Luxus-Compound abgesetzt. Im Gegenzug ist Kairo den sogenannten «Anderen» überlassen worden – und sich selbst. Der Staat sorgt nicht einmal mehr für die notdürftigste Infrastruktur. Es herrschen totale Armut und Anarchie. Natürlich ist «Utopia» eine Dystopie und eine Übertreibung. Aber die Realität nähert sich dieser mit hoher Geschwindigkeit an.

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