Switzerland

Ein Wiederhören mit Bruno Ganz

Zusammen mit dem Pianisten Kirill Gerstein hat der grosse Schweizer Schauspieler 2016 das massgeblich durch Dietrich Fischer-Dieskau wiederbelebte Melodram «Enoch Arden» von Richard Strauss aufgenommen. Jetzt ist die Platte zu einem Vermächtnis geworden.

Gewaltige Wellen im Bass verbreiten Unruhe. Die rechte Hand des Pianisten formt auf engstem Raum eine eindringliche, sich wiederholende Melodie. Kirill Gerstein gestaltet das Vorspiel von Richard Strauss’ Melodram «Enoch Arden» – mit viel Pedal und stark herausgearbeiteten dynamischen Schwellern, ehe sich das Geschehen wieder beruhigt und Bruno Ganz mit sonorer Stimme einsetzt: «In langen Klippenreih’n blieb eine Schlucht, und in der Schlucht sind Schaum und gelber Sand. . .»

Sofort ist einem dieser Erzähler vertraut mit seinem warmen Timbre, der grossen Ruhe im Vortrag, der entspannten, in der Tiefe wohlig dunklen Stimme und der Natürlichkeit des Sprachduktus. Mehr als ein Jahr nach seinem Tod, im Februar 2019, ermöglicht das Album zwar kein Wiedersehen, aber immerhin ein Wiederhören mit dem grossen Schweizer Schauspieler. Die Aufnahme, die zu einem Vermächtnis geworden ist, entstand allerdings schon zwischen 31. August und 2. September 2016 in Berlin.

Dass die damals kurzfristig angesetzte Produktion von Myrios Records nun erst mit Verspätung erschienen ist, lag an bereits länger geplanten Projekten mit Kirill Gerstein, wie der Labelchef Stephan Cahen erklärt. Den Veröffentlichungszeitpunkt stimmte er schliesslich mit Bruno Ganz’ Lebensgefährtin Ruth Walz ab. Von ihr stammt auch das eindringliche Porträt auf dem Cover.

Mit Noblesse und Zurückhaltung

Strauss komponierte sein Melodram in der Liszt-Tradition im Jahr 1897 nach einem Gedicht von Alfred Lord Tennyson. Es erzählt vom Fischer Enoch, der seine Frau Annie Lee und die drei gemeinsamen Kinder verlässt, um auf einer Schiffsreise nach China Geld für die verarmte Familie zu verdienen. Nach einem Schiffbruch kehrt er erst nach zehn Jahren in sein Dorf zurück und muss schmerzhaft erkennen, dass nun Philipp, sein Freund aus Kindertagen, an der Seite Annie Lees lebt. Die grosse Konfrontation aber – sie bleibt aus. Der Schmerz des am Ende sterbenden Enoch richtet sich nach innen.

Kirill Gerstein musste einige Jahre warten, ehe Bruno Ganz, den er 2011 bei den Ittinger Pfingstkonzerten kennengelernt hatte, seine Anfrage zur Zusammenarbeit positiv beantwortete. «Er war zunächst sehr zögerlich, fast schüchtern. Und sagte, er könne keine Noten lesen. Dabei war Bruno Ganz enorm musikalisch», erklärt Gerstein im Gespräch. Dann aber kam ein klares Ja – und sogleich eine achtstündige Probe in der Tonhalle Zürich. Aus zwei Übersetzungen stellten die beiden eine deutsche Fassung des englischsprachigen Originals zusammen, die Lücken ergänzte, Überflüssiges wegliess und einige Wörter neu übersetzte.

Der Aufnahme gingen etliche Aufführungen voraus, in denen die beiden Erfahrungen sammelten. «Das Pathos des späten 19. Jahrhunderts wollte Bruno nicht ausdrücken, sondern einfach die Geschichte erzählen, mit Noblesse und Zurückhaltung. Wichtig war uns, dass wir einen Erzählfluss hinbekommen. Präzise Flexibilität und flexible Präzision», so umreisst Kirill Gerstein den interpretatorischen Zugriff.

Der Kampf zweier Männer um eine Frau wird schon in Kindertagen angedeutet, wenn Bruno Ganz im ersten Abschnitt für Enochs Ausruf «Dies ist mein Haus, dies meine kleine Frau» für einen Moment den verbindlichen Tonfall verlässt. Hochmusikalisch gestaltet Ganz die Metrik der Verse, ohne dabei an Spannung zu verlieren. Mit seiner ausgeprägten Satzmelodie charakterisiert er emotionale Nuancen wie Zweifel oder Häme, mit Tempovariationen beschleunigt er das Geschehen oder schafft Momente des Innehaltens.

Ein liebender Mann

Dazu verleiht Gerstein den Leitmotiven, die Strauss für Annie Lee, Philipp und Enoch komponiert hat, klare Kontur: spielerisch, verträumt und zupackend. Wie Ganz entwirft er grosse Spannungsbögen, sorgt etwa in dem Abschnitt «Annies Traum» für klare Kontraste und gibt den vielen musikalische Reminiszenzen die notwendige Zartheit. Der zehnte Abschnitt «Als jetzt der auferstand’ne Tote sah sein Weib, und nicht mehr sein Weib» wird zum eindrucksvollen Höhepunkt. Bruno Ganz schreit zu dramatischen Klaviertremoli Enochs Schmerz mit scharfer, aber dennoch fragiler Stimme heraus. Hier wütet kein Berserker, sondern ein gebrochener, liebender Mann.

«Als Bruno starb», sagt Kirill Gerstein, «verspürte ich einen tiefen Schmerz. Ich freue mich sehr, dass diese Aufnahme existiert: als eine wunderschöne Erinnerung an unser Zusammensein. Ich werde dieses Werk nicht mehr aufführen. Es ist so verbunden mit Bruno. Jetzt bin ich traurig, dankbar und glücklich.»

Richard Strauss: «Enoch Arden», Melodram op. 38. Bruno Ganz (Sprecher), Kirill Gerstein (Klavier). Myrios Classics MYR025CD (1 CD).

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