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Ein Stück für die ganze Familie im Luzerner Theater: Wenn Pechmarie zur Rebellin wird

Das mit dem Schnee will einfach nicht richtig klappen. Seit über 60 Jahren hat es nun nicht mehr geschneit auf der Welt. Und selbst im von Frau Holle persönlich gegründeten Wetterlabor der Zukunft, wo man Tornados, Blitzeinschläge und Ozeanströmungen erzeugt, findet man kein Rezept, um die weisse Pracht zurückzubringen. Dergestalt setzt das Regie- und Theatermacherinnen-Duo Katharina Siemann und Marie Weich die Ausgangslage für eine äusserst spannende und gelungene Adaption des Grimm-Märchenklassikers «Frau Holle». Am Dienstagnachmittag feierte das Familienstück im Luzerner Theater Premiere und begeisterte das junge Publikum auch mit musikalischem Esprit.

Die fünfköpfige Forschungscrew betritt die Szenerie aber erst, nachdem sich zwei Murmeltiere an den Chips-Vorrat im Laborraum gemacht haben. Denn eigentlich wird versprochen, dass es bald wieder schneit – ergo können sich etliche Tiere endlich wieder auf den Winterschlaf freuen, den es ohne Schnee und Kälte nicht gibt. Und klar – dafür braucht es genügend Essensvorrat! Die beiden kecken Nager begleiten uns durch das ganze Stück und melden immer mal wieder ihre Ansprüche an.

Knallige Farben und ein Guckloch

Dem Wissenschaftsteam gelingt es nun aber selbst mit lautstarker Hilfe des Publikums nicht, den ersehnten Schnee zu produzieren. Davor wird spielerisch erklärt, wie aus Wasserdampf Wolken und Niederschlag entstehen. Das Labor mutet futuristisch und wie aus einem James-Bond-Film aus den 70er-Jahren an: Knallige Farben, Mess- und Instrumententafeln sowie quadratische Elemente an einer gewölbten Rückwand mit grossem, ovalem Durchbruch, welcher sich später auch als Guckloch in die Märchenwelt entpuppt. Das Erarbeiten dieses wirklich überzeugenden Konzepts hat der Bühnen- und Kostümverantwortlichen Àngela Ribera bestimmt sehr viel Spass gemacht.

Und den hatten auch die gut 50 Kinder im Publikum an diesem abwechslungsreichen Stück, das im Fortlauf auf zwei Ebenen funktioniert. Da meldet sich aus dem Off und nur als Stimme Frau Holle zu Wort. Sie ist ganz und gar nicht zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Forscherinnen und Forscher. Und sie verweist ganz trocken auf die Tatsache, dass «die Erde halt immer wärmer wurde». Nun tauchen wir ein in die Erzählung des eigentlichen Grimm-Märchens. Es beginnt ein Theaterstück im Stück, wenn das Wissenschaftsteam die Rollen unter sich aufteilt. Da dürfen ein Junge auch mal ein Mädchen spielen (die spätere Goldmarie) und Tanz- und Musikeinlagen sowie direkte Interaktion mit den Kindern den Rahmen sprengen. Wenn man jetzt befürchtet, das könnte zu viel werden für die jungen Rezipienten: Weit gefehlt. Die verschiedenen Handlungsstränge und Intermezzi funktionieren bestens in- und miteinander. Ein hervorragend gelungener Balanceakt (Dramaturgie Gábor Thury) – man zieht den Hut.

Eine weitere Stimme aus dem Off (Walter Sigi Arnold) trägt nun die Grimm-Erzählung vor. Die Schauspielcrew – an der Seite Siemanns und Weichs treten Alice Escher, Wiebke Kayser und Julian-Nico Tzschentke auf – trifft in den Märchenrollen auf sprechende Brötchen und Äpfel, fällt in Brunnen und sinniert über Faulheit und Fleiss. Stichworte läuten dabei neue Songs ein. So ist der Übergang von reifen Äpfeln, die gepflückt werden wollen, zu Liedzeilen wie «Ich trink Apfelschorle» nicht weit: pädagogisch wertvolle Ernährungstipps im gekonnten Hip-Hop-Kleid. Das ist lustig, cool und animiert zum Mittanzen. Musikalisch werden die Genres so ausgelotet, dass Moderne auf berührenden Singer-Songwriter trifft. Dem Premierenpublikum gefällt das offenkundig sehr.

Die Botschaft ist klar: Es muss etwas geschehen

Zurück im Märchen will die vom Goldregen beglückte Marie das Theater für beendet erklären. Es braucht schon das aufmüpfige Gemüt der rebellischen Schwester, um das zu verhindern. Denn: Das Problem mit dem Schnee aus der übergeordneten Handlungsebene ist doch noch gar nicht gelöst! Eben. Die vermeintlich faule Pechmarie moniert, dass es immer noch viel zu warm ist. Bald wird auch klar, weshalb: Die Erde wird von uns Menschen zugemüllt. Anhand der Geschichte der Pechmarie folgt die Botschaft, die jedes Kind versteht, aber vielleicht manch Erwachsener nicht: Es muss etwas geschehen. Und daher ist es auch in Ordnung, wenn man mal «faul» ist und nicht zur Schule geht, um für das Klima zu streiken.

Die politische Dimension und Ausrichtung ist eindeutig. Das Grimm-Märchen wird zum grünen Lehrstück und hält unsere Kleinen dazu an, Sorge zu tragen zu unserem Planeten. Und da wie in den meisten Märchen am Ende alles gut wird, schneit es irgendwann auch wieder.

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