Switzerland

Ein Platz trotzt der Pandemie mitten in der Stadt

Wer die Grosszügigkeit des Zürcher Sechseläutenplatzes früher nicht zu schätzen gewusst hat, dürfte es jetzt gelernt haben. Das Volk scheint ihn mehr zu lieben denn je.

Nun, da die Seepromenade gesperrt ist, ist das Volk doppelt dankbar für den Sechseläutenplatz.

Nun, da die Seepromenade gesperrt ist, ist das Volk doppelt dankbar für den Sechseläutenplatz.

Annick Ramp / NZZ

In diesen Wochen hat so manches Wesen oder Objekt seine eigentliche Bestimmung entdeckt oder wiedergefunden. Der Sechseläutenplatz ist zurzeit so wunderbar belebt, dass man versucht ist, dieses Fazit auch auf ihn anzuwenden: Er füllt seine Rolle als freie Begegnungsstätte für alle unverdrossen aus. Und seine Weite scheint dabei wie geschaffen für die Befolgung der geltenden Abstandsregeln: Hunderte Leute können auf ihm verweilen und ein Gemeinschaftsgefühl empfinden mitten in der Stadt, ohne sich zu nahe zu kommen. Niemand muss «Platz da!» schreien, denn der Platz ist schon da. Das ist nun doppelt wertvoll während der Sperrung der benachbarten Seepromenade.

Ein Kommen und Bleiben

Bei allem ehrlichen Mitgefühl für den von vielen vermissten Zirkus Knie, dessen raumgreifendes Zelt normalerweise nun hier aufgeschlagen wäre, muss man sagen: Zum ersten Mal seit seiner Neugestaltung kann der Sechseläutenplatz den ganzen Mai hindurch seine Wirkung als Freiluftbühne entfalten – und das Stadtleben in einer einzigartigen Mischung aus Dynamik und Entschleunigung spiegeln. Kinder stolpern über den Steinboden, als führte hier ein Strand zum Meer; die Eltern lassen ihnen etwas Freilauf, bis die Entdeckungslust zu überborden droht. Derweil bilden Durchreisende auf Trottinetten und Velos eine Schneise, und Fussgänger auf dem Weg zur oder von der Arbeit stellen ihre Mappe auf den Boden, halten inne, atmen durch und schauen.

Das Herzstück aber bilden Rastende aller Schichten und Altersgruppen, die sich temporär hier niederlassen – vor allem auf den Dutzenden von frei verschiebbaren Metallstühlen, welche die Stadt in der ersten Phase des Ausnahmezustands noch weggesperrt hatte. Wohl nicht, um die Möbel vor Virenbefall zu schützen, sondern eher als didaktische Massnahme, mahnte doch damals das Plakat mitten auf dem Platz: «Bleiben Sie zu Hause. Bitte. Alle.» Nun warnt an derselben Stelle auf ebenso lakonische, aber weniger drastische Weise ein anderes Poster (zum Teil verdeckt durch Flyer mit Misstrauensvoten von Skeptikern gegen die Regierung und die Medien): «Schützen Sie sich, schützen Sie andere. Alle. Danke.»

Die Regeln sind klar und die bunten Sitzgelegenheiten wieder da, sie werden rege genutzt. Manche Menschen sitzen aufrecht auf ihnen wie Streber im Unterricht, andere fläzen sich darauf. Dritte lassen sich, liegend oder im Schneidersitz, direkt auf den Valser Quarzit nieder. Dieser kann allerdings brühend heiss werden in der prallen Sonne, zumal die Stadt ihre vor zwei Jahren stolz eingeführten Schirme zurzeit versteckt: All die Präventivmassnahmen gegen das Virus lassen zurzeit wohl jene gegen Hautkrebs als sekundär erscheinen.

Lob der Grosszügigkeit

Manche der Besucherinnen und Besucher sind allein, viele zu zweit oder in Grüppchen, wobei die Obergrenze von fünf Personen meist ebenso brav respektiert wird wie die problemlos einzuhaltende Mindestdistanz von zwei Metern zwischen den Gruppen. Weit über hundert Leute halten sich hier bei gutem Wetter gleichzeitig auf zu manchen Tageszeiten, die wenige Orte in der Stadt so schön spiegeln wie dieser: Mittags wird er zu Zürichs grösster Picknickdecke, am Vorabend trinken junge Schöne mitgebrachten Campari Soda aus Plastikbechern in der Abendsonne, die magische Schatten auf dem Stein kreiert.

Und mit der Heure bleue kehrt nochmals anderes Leben ein. Hier tanzt ein Paar in der Mitte seinen Tango, dort drehen Teenager mitgebrachte Musik etwas auf, und gerade da zeigen sich die Qualitäten dieses Platzes als Mediator: Seine Grosszügigkeit schluckt so viele Differenzen, duldet verschiedenste Ansprüche nebeneinander. Gut, wenn an manchen Samstagen demonstrierende Corona-Skeptiker mit Polizisten rangeln, deren Einsatzfahrzeuge den halben Platz verstellen, ist es etwas weniger idyllisch. Aber auch so etwas trägt dieser geduldig auf seinem Rücken. 

Ein Platz ist ein Platz . . .

Die Treppen des Opernhauses, sonst namentlich bei der Jugend beliebt zum Verweilen, sind zwar brutal mit hohen Gittern abgeriegelt. Dafür sind zwei Boulevardcafés am Platz wieder im Dienst. Das «Collana» etwa ist trotz gewisser Gefahr einer Verwechslung mit der Lautkette «Corona» beliebt und grenzt seine Gäste im Aussenbereich mit einem roten Band vom nicht konsumierenden Volk ab. Dieses erobert dafür gerne die fast end- und ganz lehnenlosen Holzbänke auf der anderen Platzseite direkt am Utoquai, auf dem die Autos vorbeibrausen. Der Verkehrslärm fügt sich fast schon harmonisch ein in den Klang- und Geräuschteppich, der diesen Ort eben auch ausmacht, von all den aufsteigenden Gesprächsfetzen bis zu feinem Trommeln, in das sich das Geläut der Altstadtkirchen mischt.

Und wenn manche jetzt finden, diese Betrachtung habe einen leicht romantisierenden Einschlag, mögen sie recht haben. Wer aber behauptet, der Sechseläutenplatz lebe vor allem oder sogar nur dann, wenn Veranstalter ihm dabei behilflich sind, der fühlt sich nun hoffentlich widerlegt – und spürt diesen Mut zur Weite in sich.

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