Switzerland

Ein Mann dringt in eine Wohnung, bringt zwei Frauen in seine Gewalt – und richtet ein Blutbad an. Protokoll einer Geiselnahme

Ende Mai 2019 kommt es in einem Zürcher Wohnquartier zu einer Tragödie. Der Blick in die Untersuchungsakten offenbart nun das schlimmstmögliche Ende von häuslicher Gewalt.

Trotz massiver Polizeipräsenz bringt ein Mann in Zürich Wiedikon seine 26 Jahre jüngere Ex-Freundin sowie deren Mitbewohnerin um.

Trotz massiver Polizeipräsenz bringt ein Mann in Zürich Wiedikon seine 26 Jahre jüngere Ex-Freundin sowie deren Mitbewohnerin um.

Ennio Leanza / Keystone

Der Döltschiweg ist eine ruhige Quartierstrasse im Zürcher Kreis 3. Zu dieser Jahreszeit joggen abends Läufer über das Laub, das von den stattlichen Bäumen entlang der Strasse fällt. Aus den Häusern dringt Licht, Küchenfenster sind geöffnet, man hört, wie einer die Spülmaschine ausräumt, wie eine andere mit dem Kochlöffel auf den Rand einer Pfanne klopft. Nichts lässt an diesem Herbstabend mehr erahnen, welche Szenen sich hier vor knapp eineinhalb Jahren abgespielt haben.

Am frühen Morgen des 31. Mai 2019 öffnet Arjan Agani* die Glastür eines der Mehrfamilienhäuser an dieser Strasse, steigt die Steintreppe hoch zum ersten Stock und verschafft sich Zutritt in die Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung von Julia Becher* und Mira Ceta*. Im Gepäck hat er eine Pistole der Marke «Deutsche Werke», eine blaue Schachtel mit Munition und eine gelbe Klebebandrolle. Was dann folgt, ist eine mehr als dreistündige Geiselnahme, die mit drei Toten enden wird.

Schnell ist die Polizei vor Ort. Das Gelände rund um die blass-beige Häuserzeile wird zur Sperrzone erklärt. In den Nebenstrassen parkieren Einsatzwagen, an verschiedenen Orten postieren sich Scharfschützen der Interventionseinheit Skorpion. Auch das Verhandlungsteam sitzt in einem Fahrzeug und nimmt mehrfach Kontakt mit dem 60-Jährigen auf. Sie alle können das blutige Ende nicht verhindern.

Über ein Jahr lang ermittelt die Zürcher Staatsanwaltschaft und versucht herauszufinden, was an jenem Freitagmorgen genau passiert ist. Mitte September 2020 stellt sie das Verfahren ein. Das Ergebnis: Arjan Agani tötete seine Ex-Freundin Mira Ceta sowie Julia Becher, bei der Ceta Unterschlupf gefunden hatte. Danach richtete er sich selbst. Die Beteiligung einer Drittperson am Gewaltdelikt wird ausgeschlossen, das Verfahren «infolge des eingetretenen Todes des Beschuldigten» eingestellt.

Die NZZ hat Einsicht genommen in die Einstellungsverfügung des Falls. Die umfangreichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft liefern bisher unbekannte Hintergründe zum Ablauf der Geiselnahme. Sie zeigen auch, dass es sich hier um eine Tat handelt, die in ihrer Form zwar aussergewöhnlich ist. Doch der Umstand, dass ein Mann seine Ex-Freundin tötet, weil sie sich von ihm getrennt hat, ist leider alles andere als selten. Jeden Monat wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Mann umgebracht.

Dies ist das Protokoll einer Tat mit Ankündigung.

5 Uhr 20: Julia Becher wählt den Notruf 118. Sie brauche sofort die Polizei, sie sei «überfallen» worden, erklärt sie. Danach sind in der Leitung Schreie zu hören. Sofort wird die Meldung von Schutz und Rettung Zürich, welche Julia Becher wohl in der Aufregung fälschlicherweise anruft, an die Stadtpolizei weitergeleitet. Diese schickt mehrere Patrouillen an den Döltschiweg. Gleichzeitig versucht die Einsatzzentrale, mit Becher Kontakt aufzunehmen – jedoch erfolglos. Die Frau ist nicht mehr in der Leitung, als der Notruf an die Stadtpolizei durchgestellt wird.

Den Grund können die Ermittler erst später rekonstruieren: Arjan Agani erschiesst die 38-Jährige auf dem Balkon, noch während sie den Notruf absendet – und damit noch vor dem Eintreffen der Polizei. Spätere Befragungen werden ergeben, dass Anwohner exakt zu dieser Zeit einen ersten Schuss hören. Laut Akten wird dieser aber nicht sofort der Polizei gemeldet. Das Obduktionsgutachten des Instituts für Rechtsmedizin belegt Monate nach der Tat, dass Julia Becher Stunden vor Mira Ceta und Arjan Agani verstorben ist.

In der Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft steht: «Dies untermauert den Tatablauf, dass Arjan Agani die um 5 Uhr 20 auf dem Balkon Schutz und Rettung kontaktierende Julia Becher erschoss.»

Nach dem ersten Schuss können Anwohnerinnen Mira Ceta noch lebend auf dem Balkon sehen. Sie sehen auch, wie die 34-Jährige von einer Männerhand brutal in die Wohnung gezerrt wird.

5 Uhr 28: Als die Polizeipatrouillen am Döltschiweg eintreffen, wartet Arjan Agani bereits auf sie. Er steht am Fenster und fordert die Einsatzkräfte unmissverständlich auf, sich zurückzuziehen. Zwei Frauen befänden sich in seiner Gewalt. Er werde sie erschiessen, falls sich die Polizei nähere. Agani sagt, er brauche jetzt Zeit, sich mit seiner Ex-Freundin zu besprechen – mit Mira Ceta, die ihn vor zwei Monaten verlassen hat. Die Interventionseinheit Skorpion wird aufgeboten, ebenso das Verhandlungsteam. Die Polizei postiert sich im und ums Haus herum und bleibt mit dem Geiselnehmer telefonisch in Kontakt.

6 Uhr 10: Im ersten Telefongespräch mit den Verhandlern stellt sich Agani mit vollem Namen vor. Und er wiederholt noch einmal: Wenn sich die Polizei nicht zurückziehe, erschiesse er die beiden Frauen. Noch immer sehe er vom Fenster aus Einsatzfahrzeuge, diese sollen verschwinden. Gleichzeitig fordert er mehr Zeit. Er brauche zwei Stunden, um mit seiner Ex-Freundin zu reden. Dann komme er heraus und ergebe sich.

6 Uhr 53: Beim nächsten Anruf zeigt sich Agani weniger verhandlungsbereit. Er kündigt eine Katastrophe an, sollte die Polizei mit ihm «einen Trick versuchen». Gleichzeitig stellen die Verhandler Forderungen: Sie wollen mit einer der Geiseln sprechen. Die Spezialisten hören nun die Stimme von Mira Ceta. Sie sagt, sie sei unverletzt. Später werden die Ermittler feststellen, dass Agani seine Ex-Partnerin während der Geiselnahme mit Faustschlägen gegen den Kopf und die Arme eindeckt – und dass er sein Opfer mit dem gelben Klebeband an Händen und Füssen fesselt.

7 Uhr 26: Arjan Agani droht weiter, sagt den Verhandlern, er werde «Scheisse machen», wenn die Polizei nicht verschwinde.

7 Uhr 55: Die zwei Stunden, die sich Agani ausbedungen hat, laufen ab. Doch der Geiselnehmer will mehr Zeit. Er sagt den Verhandlern, dass er noch etwas reden wolle mit Mira Ceta – und dass alles gut werde. Er wolle keine Scheisse machen. Er habe keine Angst und wisse, dass er ins Gefängnis gehen müsse. Er sei selber schuld, sagt der 60-Jährige. Bevor er aus der Wohnung komme, werde er die Waffe aus dem Fenster werfen. Die Polizei stellt ihm ein Ultimatum: Um 8 Uhr 30 muss er die Wohnung verlassen und die Geiseln befreien.

8 Uhr 30: Agani versucht, die Verhandler hinzuhalten. Er brauche für das Gespräch mit Mira Ceta nur noch ein paar, vielleicht zehn, fünfzehn Minuten.

8 Uhr 34: Agani schreibt seinem Schwiegersohn eine SMS, er habe mit Mira Ceta einen «Scheiss» gemacht. Er solle die Polizei rufen.

8 Uhr 39: In der Wohnung am Döltschiweg fallen drei Schüsse. Die Grenadiere der Interventionseinheit Skorpion, die sich vor der Tür postiert haben, stürmen den Raum. Als sie die Wohnung betreten, ist die Tür des Zimmers links vom Eingang von innen verriegelt. Die Spezialkräfte brechen sie auf und sehen Agani mit einer Schussverletzung an der Schläfe auf dem Bett liegen. Rechts neben ihm liegt die gefesselte Mira Ceta. Sie weist Schussverletzungen an der Stirn und am linken Brustkorb auf. Und auf dem Balkon der Wohnung finden die Polizisten die Leiche von Julia Becher. Der Notarzt kann nur noch den Tod der drei Personen feststellen.

Dass Agani allein handelt, schliessen die Ermittler aus mehreren Indizien: Am Tatort stellen sie die Pistole, in der rechten Hand des Geiselnehmers auf dem Brustkorb liegend, sicher. An der gleichen Hand finden sie später Schmauchspuren. Zudem stammen die Patronen und Hülsen, die in der Wohnung gefunden werden, aus dieser Waffe. Für die Staatsanwaltschaft ist deshalb klar: Die Beteiligung einer Drittperson kann gänzlich ausgeschlossen werden.

Wie konnte es so weit kommen?

Unklar hingegen ist die Frage: Wieso konnten die zahlreich ausgerückten Polizistinnen und Polizisten, die Verhandler, die Grenadiere der Interventionseinheit Skorpion, den blutigen Ausgang der Geiselnahme nicht verhindern?

Noch am Döltschiweg muss sich Marco Cortesi, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich, vor den versammelten Journalisten diesen Fragen stellen. Zur NZZ sagt er damals, es handle sich um eine Tragödie. Und er rechtfertigt den Einsatz der Ordnungskräfte. Die Anzeichen vor der Schussabgabe hätten nicht auf eine Eskalation hingedeutet. «Das Verhalten des Mannes war für uns ein klares Signal dafür, abzuwarten.» Man sei überzeugt gewesen, dass sich der Fall auf diplomatischem Weg lösen lasse. Das Risiko einer Stürmung hingegen sei als zu hoch eingeschätzt worden. «Sie hätte mindestens so dramatisch enden können – mit dem Unterschied, dass dann die Polizei für die Eskalation verantwortlich gewesen wäre.»

Heute sagt Cortesi: «Das war ein schwieriger Einsatz, nicht nur für die Verhandler und Grenadiere, sondern auch für mich.» Bei diesem tragischen Ende zu sagen, es sei seitens der Polizei alles korrekt und verhältnismässig abgelaufen, habe ihn Überwindung gekostet. Doch auch nach der internen Aufarbeitung bleibt Cortesi dabei: «Wir haben nichts gefunden, was wir bei einem solchen Fall nicht wieder gleich machen würden.» Der Geiselnehmer habe die Forderungen der Polizei stets eingehalten. Vielleicht hätte man anders reagiert, wenn man gewusst hätte, dass eine Frau bereits tot war. Ähnliche Fälle in der Vergangenheit aber hätten gezeigt, dass es ein Fehler sei, zu früh zu stürmen.

Die Alarmsignale

Die Geiselnahme kam nicht aus heiterem Himmel. Sie hatte eine Vorgeschichte. Arjan Agani ist bereits vor der Tat am Döltschiweg aktenkundig – und zwar wegen häuslicher Gewalt. Er soll Mira Ceta in der Beziehung geschlagen haben. Sie will sich deshalb immer wieder von ihm trennen. Ende März 2019 gelingt es ihr schliesslich. Sie zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und findet Zuflucht bei ihrer Freundin und Arbeitskollegin Julia Becher am Döltschiweg.

Agani aber will die Trennung nicht akzeptieren. Er schreibt Ceta ständig Nachrichten, schickt ihr Rosen an den Arbeitsort, erklärt, er wolle sie zurückgewinnen. Doch er droht ihr auch, sagt, er habe nichts mehr zu verlieren, er werde sie vernichten. Wenn sie auf dem harten Weg abschliessen wolle, könne sie dies haben. Der Mann reist gar nach Kosovo, um sich von einem Imam bestätigen zu lassen, dass Mira Ceta «ein Satan» sei.

An Cetas Arbeitsstelle erhält der 60-Jährige Hausverbot. Die Behörden prüfen Schutzmassnahmen für die junge Frau. Die Sicherheitsvorkehrungen werden aber wieder verworfen, weil Ceta solche nicht wünscht. In der Einvernahme zeigt sich Arjan Agani geständig und mimt den reuigen Sünder.

Ihm nahestehende Personen bezeichnen ihn aber als aggressiv. Agani habe Ceta während ihrer langjährigen Beziehung kontrolliert, habe ihr keinerlei Freiheiten zugestanden. Das familiäre Umfeld der 34-Jährigen beschreibt den Mann gegenüber der Staatsanwaltschaft als kaltblütig. Mit Mira sei er respektlos umgegangen, ihr sei es während der Beziehung im Herzen nicht gut gegangen. Sie habe wie in einem Gefängnis gelebt. Auch Ex-Partnerinnen Aganis skizzieren das Bild eines unberechenbaren Mannes, eines Tyrannen, eines Stalkers.

Die schlimmste Eskalation von häuslicher Gewalt

Die zwei Morde an den beiden Frauen im vergangenen Jahr reihen sich ein in insgesamt zehn Tötungsdelikte innerhalb von Partnerschaften – und das alleine im Kanton Zürich. Ein Höchststand. Auch schweizweit steigen die Zahlen wieder an: 2019 wurden 29 Personen in den eigenen vier Wänden umgebracht. Frauenmorde, auch Femizide genannt, sind die schlimmste Eskalation von häuslicher Gewalt. Sie machen knapp zwei Drittel aller polizeilich registrierten Tötungsdelikte aus. Auch die Statistik jener Fälle, die nicht tödlich enden, ist erschreckend: Letztes Jahr registrierte die Polizei fast 20 000 Straftaten in diesem Bereich.

Ins Auge fällt, dass viele Strafverfahren bei häuslicher Gewalt im Sand verlaufen. In fast zwei Dritteln aller Verfahren müssen die mutmasslichen Täter oder Täterinnen keine Konsequenzen befürchten. Dies zeigte eine Studie aus dem Kanton Zürich. Ein nicht hinnehmbarer Zustand, findet auch die Regierung. Sie erklärte häusliche Gewalt zum Legislaturschwerpunkt. Der Kanton will die Situation der Opfer mit einem Bündel von Massnahmen verbessern. Frauenhäuser und Beratungsstellen etwa erhalten seit diesem Jahr wesentlich mehr finanzielle Unterstützung.

Massnahmen, die für Mira Ceta zu spät kommen. Obwohl sie ihren Wohnort geheim hält, findet Arjan Agani die neue Adresse. An jenem Freitagmorgen trifft er am Döltschiweg ein, öffnet die Glastür des Hauses – und macht wenig später seine Drohungen wahr.

Eineinhalb Jahre nach der Geiselnahme sind in jenem Haus wieder alle Wohnungen vermietet. Die Klingelschilder ausgetauscht. Die Namen von Julia Becher und Mira Ceta verschwunden.

*Namen geändert.

Football news:

Griezmann über Messi: ich bewundere Leo, und er weiß es. Wir haben eine großartige Beziehung
Rooney, der in der Saison 2010/11 zu Barça wechseln konnte: darüber Spekulierte er. Er konnte perfekt passen
Hurra, in England werden wieder die Zuschauer auf die Tribüne gelassen! Bis zu 4 tausend und nicht überall, aber die Vereine sind glücklich 😊
Sulscher über das Spiel gegen Istanbul: Das ist der türkische Meister, es wird schwierig werden
Gasperini über die Nominierung für den besten Trainer des Jahres: wenn wir Liverpool schlagen, kann ich ein paar Stimmen gewinnen
Julian Nagelsmann: Leipzig will PSG dieses Gefühl des Finales geben, von dem Sie sprechen
Tuchel über Champions League: Das Spiel gegen Leipzig - das Finale unserer Gruppe