Switzerland

Ein Kammerkonzert für verstimmte Seelen? Bei Lydia Davis klingt das perfekt

Sie ist die Meisterin der Missverständnisse, der kleinen Verstörungen und grossen Enttäuschungen: Mit ihrer Kurzprosa begeistert die Amerikanerin Lydia Davis nicht allein literarische Feinschmecker.

Das Leben hält tausenderlei Irritationen bereit. Lydia Davis kennt sie alle.

Das Leben hält tausenderlei Irritationen bereit. Lydia Davis kennt sie alle.

Theo Cote

Es gibt Dinge, die man bestenfalls mit spitzen Fingern oder noch lieber gar nicht anfasst. Eine herumliegende, verschwitzte Socke etwa. Oder Kakerlaken. Wen lockte es schon, derlei zum Gegenstand, gar zum Titelmotiv einer Erzählung zu erheben?

«Kafka!», werden Sie vielleicht im Blick auf die Kakerlake einwerfen, wobei dort lediglich von einem «ungeheueren Ungeziefer» die Rede ist, das zudem eine menschliche Seele beherbergt. Und während Kafkas Titel «Die Verwandlung» immerhin Besonderes verheisst, nimmt man eine Überschrift wie «Kakerlaken im Herbst» gelassener zur Kenntnis.

Einfach wegschieben lässt sie sich allerdings nicht. Warum ausgerechnet im Herbst? Schöngeister sehen da mildes Spätlicht auf die ungeliebten Tiere fallen. Nüchterne Leser dagegen wissen, dass Ungeziefer besonders in dieser Saison ein Winterquartier im Haus sucht.

Im goldenen Schnitt

«Kakerlaken im Herbst» heisst einer der Texte von Lydia Davis, die nun im Band «Es ist, wie’s ist» auf Deutsch vorliegen. Wo genau zwischen Kafka, Kammerjäger und Idylle positioniert sich die amerikanische Meisterin der Kurzprosa? Exakt im goldenen Schnitt: Sie führt die drei Dimensionen so mühelos zusammen, dass ausgerechnet das Kakerlaken-Stück zu einem der lichtesten und lyrischsten Texte im Buch gerät.

Die Freiräume zwischen den kurzen Passagen geben der Lektüre Luft, das Zusammenspiel von Beobachtung und Reflexion schafft Raum zum Denken. Verblüffende Momentaufnahmen – wie der Blick in den «Spalt über der Tür, wo man im Licht der Taschenlampe den Wald der hin- und herlaufenden Beine sieht» – wechseln sich ab mit weiter ausgesponnenen Motiven: etwa dem über mehrere verstreute Abschnitte wie in Zeitlupe geführten Schlag nach einer jungen Kakerlake, der mitten in der Luft suspendiert bleibt.

Denn hier ereignet sich das Wunder, welches das kleine Mistvieh, das im Schatten der drohenden Hand innehält, zaudert, dann hastig den Kurs ändert, auf eine andere Ebene hebt: «In dem Augenblick, in dem sie zögert, erkennst du in ihr ein intelligentes Geschöpf. Dessen bist du dir sicher: Zwischen ihrem Warten und ihrem Richtungswechsel hatte sie einen Gedankenblitz.»

Pathos, Humor, Sprache

Lydia Davis ist eine grosse Schriftstellerin, die um ihre Kunst keine grossen Worte macht. In ihren Texten sind Verschrobenheit und durchdringende Intelligenz unauflöslich verflochten, und mit verblüffender Knappheit brachte sie im Gespräch mit der NZZ die Essenz dieser literarischen Miniaturen auf den Punkt: «Pathos, Humor und Sprache.»

Der Droschl-Verlag und der Übersetzer Klaus Hoffer bemühen sich seit Jahren beispielhaft um das Œuvre der Autorin. Der nun erschienenen Sammlung früher Storys merkt man die Distanz zur Gegenwart nur gerade an, wenn das Festnetztelefon, wie in der ersten Geschichte, eine tragende Rolle spielt. Davis’ eigentliches Kernthema, die seelische Verstörung, lebt jedoch im digitalen Zeitalter munter fort, und es ist verblüffend, wie einfalls- und variantenreich die Schriftstellerin es schon in diesem ersten, im Original 1986 erschienenen Erzählband bespielt.

In einer Zeit, da Amerika von neuen Rassenunruhen umgetrieben wird, findet man im Band die subtil doppelbödige Geschichte der Mrs. Orlando, die ihrer eigenen Furcht vor Schwarzen in die Falle läuft. Dabei zeichnet Davis die Dame mit den «steifen, silberfarbenen Locken» und der wehrhaften Handtasche nicht einfach als Karikatur der vorurteilsbehafteten Kleinbürgerin: Auch wenn Mrs. Orlandos Ängste zu Hirngespinsten auswuchern, liegt ihr Keim in gelebter Erfahrung.

In einer Zeit, da wilde Genderdebatten wogen, präsentiert Davis’ Frühwerk eine Story, die auf nur gerade siebeneinhalb Zeilen die Innenspannung eines weiblichen Körpers, der ein männliches Wesen beherbergt, auf die Spitze treibt – und gerade deshalb berührt. Und ohne Scheu vor Plagiatsvorwürfen pflückt die Schriftstellerin, die selbst Klavier und Geige spielen lernte, in «Auszüge aus einem Leben» Passagen aus einem Lehrwerk des Violinisten und Musikpädagogen Suzuki Shinichi, die sie – ohne je den Namen Suzuki zu nennen, unter dem seine Methode im Westen bekannt ist – zu einer stimmigen biografischen Skizze fügt.

Wenn die Liebe vorbei ist

Wenn man ihr Schaffen als literarische Feinkost für Kenner bezeichnet, winkt Davis ab. «Ich freue mich, wenn nach einer Lesung Zuhörer zu mir kommen und vielleicht jemand sagt: ‹Wir haben Ihr Buch in die Ferien mitgenommen und es im Auto laut vorgelesen, wir hatten so viel Spass damit.›» Dementsprechend gibt es in ihrem Schaffen auch Texte mit breitem Identifikationspotenzial: Den Schmerz einer verlorenen Liebe, das verwirrende Gefühlsgespinst, das ein getrenntes Paar nach wie vor verbindet, seziert sie so klug und kundig, dass man nicht weiss, ob die Operation beglückt oder weh tut.

In einer dieser Storys kommt dann auch die anfangs erwähnte Socke ins Spiel; der geschiedene Mann der Ich-Erzählerin hat sie bei einem Besuch in ihrem Haus vergessen. Aus dem mehr als prosaischen Objekt entfaltet sich ein wie mit Silberstift gezeichnetes Erinnerungsbild aus den Ehejahren: der Mann, lesend auf dem Bett, wie er sich «zur Seite drehte, die Füsse aufeinandergelegt wie die Hälften einer Frucht»; wie er dann den Arm reckt, die Socken abstreift und sie geistesabwesend auf den Boden fallen lässt. Nun macht das partnerlose Textilknäuel in ihrer Hand der Frau bewusst, wie sehr sie noch immer im Gefühl lebt, «er und ich seien ein Paar».

In der Regel stehen Frauen im Zentrum dieser Storys. «Besuch bei ihrem Ehemann» ist der bissige Schnappschuss eines Paars in Scheidung, eine andere Frau wird mit der Bemerkung abserviert, dass der Partner einige Dinge an ihr von Anfang an nicht leiden mochte. Aber welche? War es die Brille? Oder vielleicht ihre Gewohnheit, Diätpläne auf kleinen Karteikarten zu notieren? Die Frage drillt weiter in ihrem Kopf, bohrt sich ins Leere – «weil nicht ich diejenige bin, die sie beantworten kann, und weil jeder, der es dennoch versucht, mit einer anderen Antwort herausrückt, obwohl natürlich alle Antworten zusammengenommen die richtige ergeben könnten, wenn es denn so etwas wie eine richtige Antwort auf eine solche Frage gibt».

Geht die Rechnung auf?

Wie umstandslos Davis auch in eine männliche Persona schlüpfen kann, beweist sie in der Titelgeschichte. Da versucht ein junger Mann, die Kosten für Ferien zu zweit mit der genossenen Liebe zu verrechnen. Anfangs tönt es krud – «Das macht $ 100 für einmal Abspritzen» –, aber von Satz zu Satz versinkt der Erzähler tiefer in Erinnerungen an das Mädchen, an ihr Lächeln, ihre Berührungen, die feine Haut, die «schlichtweg die Grenze zu was anderem» war. Davis findet für ihre Figur den richtigen Zungenschlag, ohne die sprachliche Differenziertheit preiszugeben; und den zynischen Auftakt führt sie auf einen Schluss hin, der schmerzlich wie ein unaufgelöster Akkord in der Erinnerung des Lesers schweben bleibt.

Lydia Davis: Es ist, wie’s ist. Stories. Aus dem Amerikanischen von Klaus Hoffer. Literaturverlag Droschl, Graz 2020. 176 S., Fr. 32.90.

Football news:

Barça-Fans glaubten an einen frühen Abgang von Bartomeu (wegen der Kontroverse um den referendumstermin). Vergebens: es gab keine rücktrittsgedanken, die Trophäen sind irgendwo in der Nähe. Oktober war ein historisches Ereignis für die Fans des FC Barcelona geplant: am morgen berichtete Diario Sport, dass Josep Bartomeu nach der Sitzung des Board of Directors zurücktreten könnte, wenn die katalanische Regierung die Abstimmung über das Misstrauensvotum der Führung des Klubs (es ist für 1-2 November geplant) nicht verschieben würde. Die Abstimmung wurde nicht verschoben-aber auch Bartomeu blieb vor Ort. Die Fans müssen also noch ein wenig warten (zur Erinnerung: wenn das Votum genehmigt wird, geht die gesamte Führung in den vorzeitigen Rücktritt). Im Anschluss an den Vorstand Sprach Bartomeu auf einer Pressekonferenz alle wichtigen Fragen an
Josep Bartomeu: ich hatte auch keine Gedanken, zurückzutreten. Barça wird in dieser Saison Trophäen haben
Zinedine zidane: Hazard ist bereit. Wir sind glücklich, das ist eine gute Nachricht
Zidane über Isco ' s Worte: das ist Ehrgeiz. Alle wollen spielen, Real-Trainer Zinedine zidane äußerte sich zu den Worten von Trainer Isco cremig über die Unzufriedenheit mit der Spielzeit
Bartomeu über VAR: im Spiel gegen Real wurde ein nicht vorhandener Elfmeter vergeben. Wir brauchen fairen Fußball
Ian Wright: Schade, dass özil nicht spielt, aber Artetas Hartnäckigkeit bewundert
Josep Bartomeu: es war Wichtig, mit Messi eine neue ära von Barça zu beginnen. Der FC Barcelona-Präsident Josep Bartomeu hat sich über den katalanischen Stürmer Lionel Messi geäußert, der den Verein im Sommer verlassen wollte