Switzerland

Ein Impfstoffkandidat muss auch scheitern dürfen

Noch nie ging es so schnell: Acht Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 werden bereits in Phase 3 getestet. Trotz dem rasanten Tempo müssen Nutzen und Risiken sorgfältig geprüft werden.

Alle Welt wartet auf einen Impfstoff, der die Menschheit von der Geissel der Pandemie befreien wird.

Alle Welt wartet auf einen Impfstoff, der die Menschheit von der Geissel der Pandemie befreien wird.

Lynne Sladky / AP

Die Covid-19-Pandemie hat sechs Monate nach ihrem Beginn vielerorts an Schrecken verloren. Nun stecken viele Länder in einer Zwickmühle. Grosse Teile der Bevölkerung sind die Einschränkungen müde, auch für die Wirtschaft wäre eine Rückkehr zur Normalität dringend nötig. Auf der anderen Seite bleibt die Angst, die Pandemie könnte ausser Kontrolle geraten. Deshalb wartet alle Welt auf einen Impfstoff, der die Menschheit von der Geissel der Pandemie befreien wird.

Doch der schnelle Erfolg einer Impfung ist zweifelhaft. Fast 200 Impfstoffkandidaten sind derzeit in der Entwicklung. Zwar werden 35 bereits in klinischen Studien getestet, acht davon in der letzten Phase vor der Zulassung. Doch die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen ist schwer vorhersehbar. Zwei Drittel der Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten scheitern in der klinischen Phase.

In Phase 1 werden die Verträglichkeit und die Sicherheit einer Vakzine zunächst an einer kleinen Gruppe aus 20 bis 80 Personen getestet. Etwa 20 Prozent der Impfstoffkandidaten fallen hierbei durch. In Phase 2 wird mithilfe von zirka 50 bis 200 Probanden die geeignete Dosis gesucht, erste positive Effekte sollten erkennbar werden. Dabei scheitern etwa 40 Prozent der Testkandidaten. In Phase 3 werden Zehntausende Teilnehmer rekrutiert, um die Wirksamkeit der Vakzine zu testen. 15 Prozent fallen hier noch durch – kurz vor dem Ziel.

Aus gutem Grund bauen die verschiedenen Testphasen aufeinander auf. Damit sollen das finanzielle Risiko für die Firmen und das gesundheitliche Risiko für die Probanden minimiert werden. Das Tempo, in dem die klinischen Studien derzeit durchgepeitscht werden, gibt deshalb zu denken. Um die Entwicklung zu beschleunigen, führen viele Firmen die klinischen Testphasen parallel durch. Das Ende der vorangehenden Phase wird dabei nicht abgewartet. Zwischenergebnisse können zwar Hinweise liefern, aber es sind eben nur Zwischenergebnisse.

Beginnt Phase 3 aber, bevor die Phasen 1 und 2 abgeschlossen sind, ist es denkbar, dass einige Kandidaten weiterkommen, die unter normalen Umständen schon abgeschrieben wären. Für die vielen Testpersonen in Phase 3 bedeutet das, dass sie ein schwer zu bestimmendes Risiko eingehen. Das sollte bei der Rekrutierung der Probanden klar kommuniziert werden.

Für die Firmen besteht zudem ein grösseres Risiko, dass sie einen scheiternden Impfstoff bis in Phase 3 weiterziehen. Im Fall von Sars-CoV-2 decken die Firmen einen Teil der hohen Ausgaben – zwischen einer und drei Milliarden Franken kostet die Entwicklung eines Impfstoffes –, indem sie mit Staaten Abnahmegarantien aushandeln. Die US-Regierung hat Sanofi und GlaxoSmithKline beispielsweise bis zu 2,1 Milliarden Dollar versprochen. Die Schweizer Regierung hat sich 4,5 Millionen Impfdosen von der Firma Moderna gesichert, die einen RNA-Impfstoff entwickelt. Wie viel Geld hier bereits geflossen ist, ist nicht bekannt. Die EU hat für ihre Mitgliedsstaaten 1,5 Milliarden Impfstoffdosen bei verschiedenen Anbietern bestellt.

Bei allem, was auf dem Spiel steht, haben Pharmafirmen ein grosses Interesse daran, dass ihr Impfstoff zugelassen wird. Es liegt in der Natur des Menschen, Resultate so zu interpretieren, dass sie in das gewünschte Bild passen. In der Forschung spricht man von einem Bias. In der Pandemie sind aber nicht nur die Pharmafirmen voreingenommen. Auch die Regierungen haben ein grosses Interesse daran, dass ihr Kandidat nicht kurz vor dem Ziel strauchelt. Hier liegt es an den Zulassungsbehörden, dem Druck nicht nachzugeben. Es ist inakzeptabel, wenn wie in Russland eine Vakzine zugelassen wird, bevor die klinischen Studien abgeschlossen sind.

Das Scheitern eines bereits bestellten Impfstoffes muss möglich sein: Es bringt niemandem etwas, wenn eine Vakzine zugelassen wird, die nicht gut wirkt oder unangemessen starke Nebenwirkungen hat. Bei einer Krankheit, bei der jeder zweite Infizierte dem Tod geweiht ist, ist man bereit, seltene schwerere Nebenwirkungen zu akzeptieren. Aber Covid-19 ist nicht Ebola. Je kleiner die Gefahr einer Krankheit, desto schwieriger ist es, einen akzeptablen Impfstoff zu produzieren.

Im Verlauf der Covid-19-Pandemie hat sich gezeigt, dass die Krankheit weniger gefährlich ist als zu Beginn befürchtet. Vier von fünf Infizierten entwickeln keine bis leichte Symptome. Und die Sterblichkeit liegt bei jungen Erwachsenen nahezu bei null, bei den 50- bis 59-Jährigen bei 0,3 Prozent und bei den 80 bis 89-Jährigen bei 10 Prozent.

Deshalb wäre eine Impfung vor allem für die Risikogruppen eine Erleichterung. Das Problem dürfte hier aber ähnlich sein wie bei der Grippe. Die Personen, die am meisten gefährdet sind, weil sie aufgrund ihres Alters oder einer Krankheit ein reduziert funktionales Immunsystem haben, sprechen am wenigsten auf die Impfung an. Denkbar ist daher, jüngeren und gesunden Menschen, die in engem Kontakt mit Risikopersonen stehen, zu empfehlen, sich impfen zu lassen. Das stellt aber sehr hohe Anforderungen an die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung, denn die Risiken müssen um ein Vielfaches kleiner sein als jene der Erkrankung.

Zudem sind die derzeit entwickelten Impfstoffe womöglich schlecht dafür geeignet, die Übertragung des Virus zu stoppen. Dann würde die Impfung der Kontaktpersonen auch nicht mehr nützen als beispielsweise eine Maske. Eine totale Immunität zu erreichen, ist nämlich eine grosse Herausforderung. Damit die geimpfte Person bei einer Infektion niemand anderen anstecken kann, muss eine Impfung das Immunsystem dazu befähigen, die Viren direkt an der Eintrittspforte zu eliminieren, also in der Nase und im Rachen. Das zu erreichen, ist aber sehr schwierig, und es ist unwahrscheinlich, dass die derzeit entwickelten Impfstoffe dazu bereits in der Lage sind.

Eher gelingt es, das Immunsystem durch eine Impfung so gut zu wappnen, dass es einen schweren Krankheitsverlauf abwenden kann. In so einem Fall entwickeln die Geimpften bei einer Infektion nur leichte Symptome, sie können das Virus aber weitergeben. Ein Beispiel dafür ist etwa die erste Generation der Impfstoffe gegen Polio (Kinderlähmung). Erst die zweite Generation konnte auch die Übertragung der Krankheit verhindern. Bei der Masernimpfung ist es auch gelungen, die Übertragung zu stoppen. Doch bei der Influenza gelingt es nicht komplett.

Bedenken gibt es zudem bezüglich der Sicherheit der entwickelten Vakzinen. Bei Covid-19 kommt es häufig zu einer Entgleisung des Immunsystems und deshalb zu schweren Krankheitsverläufen. Eine Impfung könnte dies fördern, wenn dabei etwa die falschen Antikörper gebildet werden. So wurde es bei einem experimentellen Impfstoff gegen Dengue beobachtet. Die Geimpften erkrankten bei einer späteren Infektion schwerer als die Nichtgeimpften. Dieses Risiko versuchen Impfstoffentwickler mit verschiedenen Tests auszuschliessen. Entwarnung können aber erst die Versuche am Menschen geben. Für eine sorgfältige Evaluation müssten sich relativ viele Geimpfte mit dem Virus infizieren. Bis es dazu kommt, dürfte einige Zeit vergehen.

Auch um die Wirksamkeit der Impfstoffe zu eruieren, braucht es Monate. Derzeit wird die Antikörperproduktion als Hinweis für eine Wirkung gedeutet. Doch das ist kein geeignetes Mass, wie man aus Erfahrungen mit der jährlichen Grippeimpfung weiss. Trotz Hinweis auf eine Antikörperproduktion schwankt die Schutzwirkung hier enorm: Studien schätzen die Wirksamkeit je nach Saison und geimpften Personen auf 20 bis 80 Prozent.

Die Firmen müssen sich deshalb genug Zeit nehmen, all diese Daten zu erheben. Nur dann ist eine sorgfältige Abwägung der Nutzen und Risiken der Vakzine für verschiedene Personengruppen überhaupt erst möglich. Zudem muss man sich auf zwei ungünstige Szenarien einstellen. Erstens ist es möglich, dass der von der Regierung reservierte Impfstoff auch kurz vorm Ziel noch scheitert, weil er nicht gut wirkt und/oder unerwartete Nebenwirkungen hat. Das muss man akzeptieren. Zweitens kann es gut sein, dass der Impfstoff zwar zugelassen wird, aber für die Mehrheit der Bevölkerung nicht geeignet ist, weil sein Nutzen-Risiko-Profil in keinem guten Verhältnis zum Krankheitsrisiko steht. In der Schweiz ist es die Aufgabe der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, nach der Zulassung eines Impfstoffes eine Empfehlung für verschiedene Personengruppen abzugeben. Darüber hinaus sollte jeder selbst entscheiden dürfen, ob er sich impfen lässt oder nicht.

Football news:

Ex-FIFA-Inspektor Bartfeld über das 2.Tor von loko Red Bull: der Schiedsrichter hat sich geirrt. Der Ehemalige FIFA-Inspektor Nathan Bartfeld sagte, dass das zweite Tor des FC Lokomotive Im Champions-League-Spiel gegen Red Bull Salzburg von Francois Camano am Fuß des Gegners getroffen worden sei
Vinicius nach dem 2:3 mit Bergmann: Real konzentriert sich bereits darauf, den Clásico zu gewinnen
Coman über Atlético-Niederlage: Bayern will weiter gewinnen. Wir haben gut gespielt, ich habe zwei Tore geschossen, was mich sehr freut. Natürlich erinnere ich mich manchmal noch an ein Tor im Finale, aber die neue Saison hat bereits begonnen
Filimonov über Safonov und Maksimenko in der Nationalmannschaft: eine Frage der Zeit
Milner über das 1:0 gegen Ajax: Liverpool war wichtig, ein gutes Spiel zu zeigen nach einer Woche von Höhen und tiefen
Lukaku hat 4 + 2 in den letzten 3 spielen der Champions League. Er hat an allen 6 Toren von Inter teilgenommen
Miranchuk über das Unentschieden gegen Salzburg: Zwei Tore auswärts - sehr gute Leistung