Switzerland

Ein Hauch von «heissem» Krieg – wie die Schweiz Sowjetsoldaten aus Afghanistan internierte

Im Mai 1982 wurden von den Mujahedin gefangene Rotarmisten in die Schweiz ausgeflogen. Die Probleme waren programmiert.

Sowjetische Truppen kämpfen über neun Jahre lang in Afghanistan: Militärparade auf dem Flughafen von Kabul.

Sowjetische Truppen kämpfen über neun Jahre lang in Afghanistan: Militärparade auf dem Flughafen von Kabul.

Laurent Rebours / AP

Auf diese Reise in die weite Welt hätte Juri verzichten können. Der 19-jährige Bauer aus einer Sowchose im Ural wird von der Roten Armee 1981 eingezogen und als Soldat nach Afghanistan geschickt. Dort hat die Sowjetunion an Weihnachten 1979 Truppen einmarschieren lassen und versucht, den Widerstand gegen das von ihr gestützte kommunistische Regime zu brechen. Nach nur drei Wochen im Gebirgsland will Juri auf eigene Faust Kabul erkunden und wird prompt von einer afghanischen Rebellengruppe verschleppt.

Die Mujahedin gelten als wenig zimperlich im Umgang mit gefangenen Feinden: Wer nicht zum Islam konvertiert, wird nicht selten verstümmelt und zurückgelassen – oder gleich hingerichtet. Doch Juri hat Glück. Dank der Vermittlung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) kommt er zusammen mit zwei weiteren Rotarmisten frei und wird am 28. Mai 1982 in die Schweiz ausgeflogen. Der Deal sorgt international für Schlagzeilen – und in Bundesbern bald für Kopfzerbrechen.

Keinen Kontakt zu Kriminellen!

Vorausgegangen sind ihm komplizierte Verhandlungen zwischen dem IKRK und der UdSSR auf der einen und den afghanischen Rebellen auf der anderen Seite. Erstmals wird in einem völkerrechtlich nicht als «Krieg» definierten Konflikt die Genfer Konvention zum Schutz von Kriegsgefangenen angewendet, wenn auch explizit nur «in Analogie». Weil die Nachbarstaaten Afghanistans – Pakistan und Indien – der jeweils einen Konfliktpartei nicht passen, kommt die neutrale Eidgenossenschaft ins Spiel. Sie soll, wie es verklausuliert heisst, die «Mitglieder des sowjetischen Militärkontingents», die «festgehalten» werden, «zur Verwahrung» übernehmen und nach maximal zwei Jahren repatriieren. Die Mujahedin stimmen notabene nicht aus Güte zu, sondern wollen damit erreichen, dass das IKRK wieder Zugang zu den afghanischen Gefängnissen erhält, wo ihre Kämpfer einsitzen.

Beim Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) ist man sichtlich stolz auf die prestigeträchtige «Aktion Afghanistan»: «Gestützt auf die humanitäre Tradition der Schweiz» habe man die Anfrage des IKRK positiv beantwortet, wird verkündet. Bedenken äussert hinter den Kulissen indes das Justizdepartement, man sei für diese Art der Beherbergung in Friedenszeiten schlicht nicht ausgerüstet. Diese Einschätzung bewahrheitet sich rasch. Gegen die anfänglich vorgesehene Unterbringung des Trios in der Berner Strafanstalt Witzwil protestiert die sowjetische Botschaft. Es sei nicht erwünscht, dass die Soldaten Kontakte mit westlichen Kriminellen knüpfen könnten!

So quartiert der Kanton Bern auf Bitte von Aussenminister Aubert die drei Rotarmisten im Massnahmenzentrum St. Johannsen im Seeland ein. Im ehemaligen Kloster verrichten sie abseits der anderen Insassen landwirtschaftliche Arbeiten. Doch die jungen Sowjets haben erhebliche Anpassungsschwierigkeiten, unternehmen Fluchtversuche, rebellieren und randalieren. Sie stören den Betrieb und müssen auch mal in die Sicherheitszelle des Bezirksgefängnisses gesteckt werden. Nach kurzer Zeit ist die Berner Kantonsregierung nicht mehr bereit, für die Internierung zu sorgen. Und da kein anderer Kanton in die Bresche springen will, kommt die Gruppe aus Afghanistan, die in den folgenden Monaten auf elf Mann anwachsen wird, auf den Zugerberg.

Renitenz auf dem Bauernhof

Auf dem 63 Hektaren grossen Gutsbetrieb «Frühbühl» auf 981 Metern über Meer werden seit dem Zweiten Weltkrieg Schweizer Soldaten mit Disziplinproblemen «nacherzogen»: früh aufstehen, Tiere füttern, Felder bestellen, Holz hacken. Major Alfred Klossner, Bauer und Kommandant des Militärstrafdetachements, hat die Notwendigkeit dieser Institution unlängst damit begründet, dass man bereit sein müsse, wenn «der Russe» käme. Er dachte dabei natürlich an den Ernstfall einer sowjetischen Invasion, nicht an «Kriegsgefangene» aus Afghanistan.

Weil laut der Genfer Konvention die fremden Soldaten vor «Gewalttätigkeit, Einschüchterung, Beleidigung und öffentlicher Neugier» geschützt werden müssen, wird das idyllisch gelegene Straflager aufgemöbelt: «Eidgenössisch perfekt mit Stacheldraht, Scheinwerfer, einem Wachtürmchen und patrouillierenden Soldaten mit ungeladener Waffe», wie «Der Spiegel» süffisant schreibt. Beim eigens aufgebotenen WK-Personal befindet sich jeweils auch ein Dolmetscher. Die Internierten leben in ihrer Baracke durchaus komfortabel mit Radio, Fernseher und kleiner russischer Bibliothek. Regelmässig werden sie von IKRK-Delegierten und Mitgliedern der sowjetischen Botschaft besucht. Für die Kosten des Aufenthalts kommt Moskau auf. In der Freizeit gibt es mitunter sportliche Aktivitäten, so nimmt «Väterchen Major» Klossner seine Schützlinge im Winter auch einmal auf die Langlaufloipe mit. Den täglichen Sold von acht Franken vertrinken die jungen Sowjets meist im Ausgang in Zug, unter Bewachung, versteht sich. 

Denn «Lämpen» gibt es auch auf dem Zugerberg: Einige stehen morgens nicht zur Arbeit auf, reissen aus, entwenden Velos und Mopeds, prügeln sich, lassen sich mit Wodka und Bätziwasser volllaufen. Hart bestraft werden sie nicht: Die Schweizer Behörden wollen die UdSSR auf keinen Fall verstimmen.

Flucht aus «Schweizer Gulag»

Zu deren grossem Ärger setzt sich dann aber einer der Internierten im Juli 1983 per Autostopp in die Bundesrepublik Deutschland ab, wo er politisches Asyl beantragt. Er habe es im «Schweizer Gulag» nicht mehr ausgehalten, zudem habe ihm das IKRK keine Garantie geben können, dass er nach der Internierung im Westen bleiben dürfe. Die Frage, ob den «Zugerberg-Russen» nach ihrer Rückkehr in die UdSSR wegen Desertion ein Straflager oder noch Schlimmeres drohe, bewegt nun auch die Öffentlichkeit: Aus Paris fordert der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy ein Asylrecht für die Rotarmisten in der Schweiz. 

Der Bauer Juri aus dem Ural sowie ein Kamerad stellen als Einzige ein Gesuch – und können bleiben. Die restlichen Internierten kehren nach Ablauf des zweijährigen Aufenthalts in die Sowjetunion zurück, der letzte 1986. Der Schweizer Botschafter in Moskau meldet einige Jahre später, dass keiner von ihnen verurteilt worden sei. 

Aus Afghanistan muss sich die Rote Armee 1989 geschlagen zurückziehen. In den gut neun Jahre dauernden Kämpfen starben offiziell rund 15 000 sowjetische Soldaten, über eine Million Afghanen verloren ihr Leben, mehrere Millionen wurden vertrieben. Chaos und Gewalt sind geblieben – bis heute. 

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