Switzerland

Ein Findling in der Genfer Bankenwelt

Camille Vial hatte sich eigentlich auf ein Berufsleben als Mathematikerin eingestellt. Heute steht sie als Senior-Partnerin an der Spitze der Genfer Privatbank Mirabaud.

Camille Vial.

Sie repräsentiert die siebte Generation der Familie, seit Juli 2019 ist sie die erste Frau an der operativen Spitze der Privatbank Mirabaud: Camille Vial ist so etwas wie ein Findling in der von Männern geprägten Genfer Privatbankenwelt. Dabei deutete zunächst wenig auf eine Karriere im Bankgeschäft hin. Als die Studentin im März 2001 an der Ecole polytechnique fédérale de Lausanne ihren Masterabschluss in Mathematik erlangte, bot man ihr an, eine Dissertation zu schreiben. Ihr Professor beantragte beim Schweizerischen Nationalfonds die nötigen Mittel, um das Doktorat zu finanzieren. In der Zwischenzeit trat Camille Vial in die Banque Mirabaud ein, um dort über den Sommer einen Stage zu machen.

Doch die Finanzierung kam nicht zustande, und Camille Vial blieb bei der Bank. Das fiel ihr auch deshalb nicht schwer, weil ihr Vater, Thierry Fauchier-Magnan, zu dieser Zeit Senior-Teilhaber der Bank war. Thierrys Vater, Henri Fauchier-Magnan, hatte Marie-Rose Mirabaud, die Grossmutter von Camille Vial-Fauchier-Magnan, geheiratet. Obwohl der Vater zu Hause mit seinen drei Kindern nicht über das Bankgeschäft zu reden pflegte, war die Bank stets in ihrem Alltag präsent. Denn 0ft kamen Freunde und Kunden ins Haus, die seit Generationen mit der Familie und damit auch mit der Bank verbunden waren. Wäre sie ins Bankgeschäft eingestiegen, wenn sie eine Dissertation geschrieben hätte? «Das kann ich nicht sagen», meint Camille Vial dazu. Sie habe ihre Entscheidung, in die Bank einzutreten, nie bereut.

Besser heisst nicht grösser 

Nach ihrem Einstieg hat sie Erfahrungen in unterschiedlichen Geschäftsbereichen gesammelt, vorübergehend auch ausserhalb der Bank Mirabaud. Anders als ihr Vater, der vor allem seine Kunden betreute, interessierte sich Camille Vial für das Portfoliomanagement, das ihren mathematischen Neigungen entgegenkam. Im Jahr 2012 wurde sie in den Kreis der Teilhaber aufgenommen, und 2019 avancierte sie zur Senior-Teilhaberin und damit zur Prima inter Pares. Ihr Ziel steht fest: «Wir wollen unsere Bank der nächsten Generation von Mirabaud-Partnern in noch besserer Verfassung übergeben, als wir sie übernommen haben», sagt Camille Vial.

Besser heisst aus ihrer Sicht nicht unbedingt grösser. Es kann auch bedeuten, dass die Bank profitabler arbeitet oder eine breitere Palette von Dienstleistungen und Produkten anbietet. Ausschlaggebend ist für Camille Vial, dass die Bank stets auf die Kunden fokussiert bleibt, sich fragt, ob und was sie für diese tun kann, und die eigenen Möglichkeiten nicht überschätzt. Um zu erfahren, was beispielsweise jüngere Generationen von Mirabaud erwarten, sucht die Bank das Gespräch mit ihnen. Und ein Trend bestätigt sich laut Camille Vial: Junge Kunden erwarten von ihrer Bank immer öfter, dass sie nicht nur ihr Geld verwaltet, sondern auch ihre Werte teilt – und ihnen beispielsweise philanthropische Engagements nur dann empfiehlt, wenn sie als Bank selbst in der Philanthropie involviert ist.

Heute verwaltet die Bank Mirabaud mit etwa 700 Mitarbeitern für private und institutionelle Kunden Vermögen von rund 34 Mrd. Fr. und zählt damit zum Mittelfeld der Schweizer Privatbanken. Für diese Grösse unterhält die Bank ein erstaunlich grosses Netz von 15 Niederlassungen, von denen der weitaus grösste Teil im Ausland angesiedelt ist. Standorte finden sich sowohl in europäischen Zentren wie London, Paris, Luxemburg oder Madrid als auch in fernen Städten wie Montreal, Montevideo, Dubai oder Abu Dhabi – und das in einer Zeit, in der andere Häuser ihre ausländische Präsenz aus Kostenüberlegungen reduzieren.

Bin ich gut genug?

Camille Vial ist dezidiert der Meinung, dass ohne dieses Netz die Nähe zu den Kunden, ein gewichtiger Trumpf der Bank, nicht sichergestellt werden kann. Dies umso mehr, als der Zugang zu ausländischen Märkten von der Schweiz aus schwierig ist. Aus Camille Vials Sicht macht es für einen Kunden einen Unterschied, ob sein Bankier ihm gegenübersitzt oder ob er über Tausende von Kilometern mit ihm kommunizieren muss. Sie betont zudem, dass Mirabaud an den Orten präsent ist, an denen die Bank auch tatsächlich sein will. In diesen Ländern will die Bank ihre Aktivitäten weiterentwickeln.

In ihrer Rolle als Senior-Teilhaberin sieht sich Camille Vial nicht als Chefin, die das letzte Wort hat. Für sie ist es wichtig, dass im Kreis der Partner offen diskutiert wird, Fragen gestellt werden und am Schluss ein Entscheid gefällt wird. In einem solchen Gremium dauert die Entscheidfindung etwas länger, die Beschlüsse sind dafür breiter abgestützt als in einer anderen Bank. Und trotzdem lassen sich Überraschungen nicht ausschliessen. Michel Palma, der Anfang 2019 in das Partnergremium aufgenommen wurde, verlässt die Bank per Ende Monat – eine vergleichsweise aussergewöhnliche Wendung. Camille Vial selbst ist nicht sicher, ob sie ihre derzeitige Funktion noch zwanzig Jahre lang ausüben wird. Denn aus ihrer Sicht lautet die Frage, die sie sich von Zeit zu Zeit stellen will: Bin ich gut genug für Mirabaud? Sollten Zweifel darüber aufkommen, wäre dies ein Grund, die Verantwortung abzugeben.