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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte? Das kann schon sein. Aber lesen muss man es trotzdem. Sonst sieht man gar nichts

Texte sind kompliziert, Bilder versteht man gleich. Nicht so bei Hannes Binder. Wenn er zeichnet, muss man sich anstrengen. Und wird man wird belohnt.

Hannes Binder, «Dürrenmatt als Schachspieler», Officina Ludi 2007. Digitalisat: SLA, Vorlass Hannes Binder. Schabkartonzeichnung.

Hannes Binder, «Dürrenmatt als Schachspieler», Officina Ludi 2007. Digitalisat: SLA, Vorlass Hannes Binder. Schabkartonzeichnung.

Hannes Binder / Pro Litteris

Manchmal weiss man gleich alles. Man sieht etwas im Augenwinkel, dreht sich um – und versteht. Aha. So ist das gemeint. Dafür werben sie. Ein Blick genügt, und das Bild hat verraten, was es sagen kann.

Aber was haben wir verstanden, wenn wir gleich alles wissen? Und wie stellen wir fest, ob der erste Eindruck nicht täuscht? Auf die Wahrnehmung ist ja wenig Verlass, sie stolpert über den billigsten Trick. Zwei schauen sich verliebt an – klare Sache, denken wir. Falsch, es geht nicht um eine Amour fou. Da verkauft jemand Schokolade.

Doch schlimmer noch, manche Bilder schlagen einen mit Blindheit. Die Augen wandern über das Foto, die Illustration, das Plakat. Der Blick tastet sich entlang von Linien, achtet auf Komposition, studiert Gesichtszüge und enträtselt ein Motiv. Er hat alles vor sich – aber sieht nichts. Vor lauter Einzelheiten bekommen wir kein Ganzes zu fassen.

Dürrenmatt geht aufs Schachbrett

Das geht also alles: sehen und gleich Bescheid wissen oder sich prompt irren oder trotz Hinschauen blind bleiben. Und eigentlich ist es einerlei. Denn in jedem Fall besteht die Kunst darin: das Bild zu lesen. So wie man Dürrenmatt lesen muss.

Wenn er beispielsweise Schach spielt; seine Gestalt düster über das Brett gebeugt, die Hand an einer Figur, mitten im Zug, die Augen von der Brille verdunkelt. Der Schriftsteller scheint einem Plan zu folgen – steht ihm das Ende des Spiels schon vor Augen?

Wer es genauer wissen will, muss die Kurzgeschichte «Der Schachspieler» lesen. Sie entstammt Dürrenmatts Nachlass und wurde 2007 mit kongenialen Illustrationen von Hannes Binder herausgebracht.

Dahinter der finstere Abgrund

Wie der Schriftsteller seine Erzählung entfaltet und mit Leser und Figuren sein Spiel treibt, nimmt Binder die Fäden auf und legt sie als Striche aufs Papier. Neben die Sprache tritt hier das Bild, mit eigener Kraft. Es will nicht ersetzen oder ergänzen; zeichnet nicht etwa Dürrenmatts Plot nach. Binders Illustration entwirft eine eigene Welt, fängt die Stimmung ein, die sich durch die Vorlage zieht, und zeigt etwas von der banalen Oberfläche, hinter der ein finsterer Abgrund lauert. Wir sind schliesslich bei Dürrenmatt.

Da trifft also ein Richter einen Staatsanwalt; sie essen gemeinsam, trinken dazu erlesenen Wein, machen es sich dann gemütlich und treten auf dem Schachbrett gegeneinander an. Anfangs ist alles belanglos, allmählich erst erfahren wir: Jede Schachfigur entspricht einer lebenden Person. Wen es in der Partie trifft, wer hier in der Stube vom Spielfeld fliegt, der muss in der Stadt getötet werden. Richter oder Staatsanwalt müssen zur Mordwaffe greifen, je nachdem, wer an der Reihe ist.

Mit Licht zeichnen

Dürrenmatts Kurzgeschichte ist nicht die erste Erzählung, die der Zürcher Illustrator Hannes Binder zeichnerisch adaptiert. Er ist bekannt dafür, (Schweizer) Literatur ins Bild zu setzen, so etwa Werke von Friedrich Glauser, Gottfried Keller und Johanna Spyri, darüber hinaus auch Stücke von Heinrich Böll, Franz Kafka und Eduard Mörike.

Binder kombiniert Text und Bild dabei auf gewagte Weise, so etwa in Mörikes «Um Mitternacht» (1828). Neben dessen Verszeile «Und kecker rauschen die Quellen hervor» stellt Binder ein ebenso unerwartetes wie überwältigendes Bild. Er breitet die Zürcher Hardbrücke aus, in einer Momentaufnahme. Über die vierspurige Strasse rauscht bei Nacht und Regen der dichte Verkehr. 

Was Hannes Binder berühmt gemacht hat – und anders wäre eine Darstellung wie bei Mörike kaum möglich: Er arbeitet mit Schabkarton. Jedes seiner Werke ist aus dem Schwarz gehoben. «Ich rühre Gips, Heissleim und Titanweiss an, darüber pinsle ich eine dünne schwarze Farbschicht», erzählt Binder im Zürcher Strauhof. Das Literaturmuseum widmet ihm zurzeit eine eindrückliche Ausstellung unter dem sinnigen Titel «Die doppelte Lektüre».

Während andere ihre schwarzen Linien aufs weisse Papier zeichnen, zieht Binder mit feinen, aber dezidierten Bewegungen seine Messer über die dunkle Fläche. Er erklärt: «Man nennt mich immer den Schwarzmaler und meint das auch ganz im negativen Sinne: der, der alles so schwarz sieht. Im Gegenteil, was ich mache, ist Weiss-Malen – es entsteht Licht.» Die Technik ist zu seinem Markenzeichen geworden.

Die Stimmung ist Anfang und Ende

Binders Werk ist tatsächlich unverkennbar. Man weiss auf den ersten Blick, wo man sich befindet – in seinem Bilduniversum. Aber viel wichtiger ist sein Umgang mit dem literarischen Stoff. Er zwängt die Erzählungen (seit dem ersten Glauser) kaum mehr in Panels. «Dabei geht die Stimmung verloren», sagt Binder rückblickend.

Dürrenmatts Schachspieler gibt ihm recht: Hier ist nicht alles nacherzählt, aber die Stimmung ist ohne Abstrich eingefangen. Vielleicht besser: neu erzeugt.

Und gerade deswegen muss man das Bild lesen. Das ist bei Binder fast immer unausweichlich. Seine Werke funktionieren auf zwei Ebenen. Da ist einmal der erste Eindruck, diese magische Sekunde, in der das Wichtigste ins Auge tritt: worum es geht und wohin die Sache zielt. Also Stimmung und Sinn. Binder fängt im Hoch beides ein, scheinbar leichtfüssig und ohne Zögern. So schwebt Dürrenmatt über der Stadt.

Dann folgt für den Betrachter der eigentliche Lektürevorgang. Wir sehen eine Stadt, ihre Strasse, sie sind ein Brett, neben einem Auto thront Dürrenmatts Weinglas, seine übermächtige Hand packt Schachfigur oder Menschengestalt, bestimmt über ihr Schicksal, wohin soll sie? Gerade so wird auch unser Auge geführt, wenn wir es nur einmal dem Bild anvertrauen. Bis wir begreifen, wo das am Ende hinführen muss: zu der Bedeutung, die uns der erste Blick bereits eröffnete.

Der Kreis aus Eindruck und Leseakt schliesst sich; wir gingen nicht fehl, wir lasen nur doppelt. Einmal Dürrenmatts Schachspieler, dann Binders Schachspieler Dürrenmatt. Und dabei waren wir selbst nur Figuren, stumme Zuschauer im Spiel zweier Künstler.

«Hannes Binder. Die doppelte Lektüre», Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof, bis 17. Mai. Hannes Binder: Der digitale Dandolo. Graphic Novel. Limmat-Verlag, Zürich 2020. 56 S., Fr. 28.–.

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