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Switzerland

Ein 63-jähriger Vater sagt, wie sich das Comingout anfühlt: «Gibs auf, du bist schwul»

Ein bisschen anders war Konrad* schon als Kind – aber was ihn genau von den anderen unterschied, sollte er erst Jahrzehnte später herausfinden. In der Schule im Berner Oberland gehörte er zu den Jungs, die sich nicht für Fussball interessierten und allen Schlägereien aus dem Weg gingen. Seine Welt waren die Bücher und die Musik, schon in der Primar begann er mit dem Zeitunglesen. Mit 24 wurde Konrad Familienvater. Er folgte seinem Lebensplan: Er heiratete, machte Karriere und wurde Manager.

Konrad führte ein glückliches Leben. Von aussen betrachtet gar ein bisschen bünzlig. Konrad ging kaum noch in den Ausgang, pflegte vor allem ein Hobby: die Familie. Brüche gab es eigentlich nicht, bis die Kinder auszogen. Dann geriet allmählich alles aus den Fugen. Er verlor seinen Job und kurz darauf auch das Gefühl, ein vollkommenes Leben gehabt zu haben. Irgendwas fehlte. «Mit 55 Jahren schaute ich in den Spiegel. Da sagte ich mir: Gib’s einfach auf, es ist so. Du bist schwul. Es musste raus.»

«Ich bin keiner, der seine Frau betrügen könnte»

Konrad empfängt uns im Büro der Arbeitsgruppe der schwulen Väter am Lindenberg, gleich oberhalb des Restaurants Hirscheneck. Einmal im Monat sprechen hier Betroffene über ihr Verhältnis zu den Kindern, Wege, neue Partner zu finden oder die Angst vor Ansteckungskrankheiten. Und wie man ein Coming-out vorbereitet.

Genau genommen sind es bei schwulen Vätern mehrere. Konrad plante eine ganze Kaskade, wie er sagt. Das Erste hatte er zu diesem Zeitpunkt schon hinter sich. Dasjenige gegenüber sich selbst. «Was mir meine Familie kaum glaubt, ist: Ich hab’ ja nicht in der Pubertät gemerkt, dass ich schwul bin, es verheimlicht und bis heute geleugnet.» Der Prozess dauerte Jahrzehnte. «Dass ich beispielsweise schöne Männer angeschaut habe, dafür gab’s viele andere Argumente als die sexuelle Anziehung», sagt er. Im ländlichen Umfeld, in dem er aufgewachsen war, existierte das Thema Homosexualität in den 60er-Jahren kaum. Im Dorf gab es Gerüchte, wonach einer schwul sei und an «gewisse Orte» gehe. Aber mehr wusste man nicht.

Konrad sagt, im heutigen urbanen Umfeld hätte er womöglich früher bemerkt, dass er sich von Männern angezogen fühlt. Aber ihm sei schlicht nicht in den Sinn gekommen, dass er anders sein könnte. Er heiratete eine Schulfreundin. Das sei wohl ziemlich klassisch für Schwule, die eine Frau heirateten, meint er. Er habe diesen Eroberungsmoment nicht gehabt, sondern sich viel eher von der Geborgenheit angezogen gefühlt, die er mit ihr erlebte. «Und nicht etwa, um den Verdacht abzustreifen, dass ich schwul sei.» Drei Kinder zeugte Konrad, zwei Söhne und eine Tochter – alles im Glauben, er sei heterosexuell. Das schleichende innere Coming-out kam, als die Kinder ausgezogen waren und das Leben auf dem «Partnerlevel» wieder hätte intensiviert werden können. Zuvor waren die Kinder im Fokus gestanden. «Es folgte die gleiche Falle, in welche auch Heteropärchen tappen, wenn die Kinder ausgezogen sind», sagt der 63-Jährige. Es lebte sich auseinander – mit dem Unterschied, dass er sich nicht nach einer anderen Frau sehnte, sondern nach Männern. Aber eines war Konrad klar: «Ich bin keiner, der seine Frau betrügen könnte.»

Die Mutter nahm es am coolsten

Und so bereitete Konrad das Geständnis vor. Was er im Internet über Coming-outs von schwulen Vätern gelesen hatte, beruhigte ihn. Es hiess, dass es einfacher sei, wenn die Kinder ganz klein oder bereits erwachsen seien. Deshalb war er überrascht, welches Ausmass sein Bekenntnis haben sollte. «Ich hatte es unterschätzt. Aber ich hatte ja Jahre der Vorbereitung hinter mir und die anderen mussten innert Sekunden verstehen, was hier gerade passiert.» Seine Frau war die erste, die es erfuhr, danach die Kinder und die Freunde. Er hatte sich eine Liste gemacht mit denjenigen, die er informieren wollte. Und dann erzählte er es noch seiner Mutter: Die Hochbetagte reagierte am coolsten. Sie meinte: «Du hast doch immer gesagt, du hättest nie pubertiert. Jetzt hast du halt die Pubertät nachgeholt.»
Der Psychoanalytiker Udo Rauchfleisch weiss um die Probleme, die ein spätes Coming-out mit sich zieht. «Für die Ehefrauen ist es insofern schwerer, als es so definitiv erscheint. Man kann nicht um ihn kämpfen, wie wenn er sich in eine andere Frau verguckt hätte.» Es sei also chancenlos – andererseits sei es auch kränkender, wenn ein Mann sich trennt, weil er eine Jüngere hat.

Jetzt ist er mit der ersten grossen Liebe zusammen

Konrad musste einsehen: Ein Coming-out bedeutet nicht einfach nur, Ballast abzuwerfen. Er hatte sich damit nicht nur die langersehnte Freiheit bekommen, sondern war in neue Komplikationen hineingerasselt. Die Kinder stellten ihn zur Rede: War das alles nur ein Schauspiel, das er als Familienvater abgeliefert hatte? Bereute er gar, Kinder in die Welt gesetzt zu haben? Selbst heute, sechs Jahre danach, ist das Verhältnis belastet. «Ich wünschte mir, dass wir es schaffen, mit der Situation gelassen umzugehen.»

Die Kinder warfen ihm vor allem vor, die Mutter verlassen zu haben. Besonders die Tochter schien es ihm übel zu nehmen. Immer und immer wieder versuchte er, ihnen klarzumachen: «Ich bereue keinesfalls, eine Familie gegründet zu haben.» Er sei ja ein ausgewiesener Familienmensch gewesen; sogar die Nachbarn hätten anerkannt, wie viel er mit dem Kinderwagen unterwegs gewesen sei. «Damals, in den 80er-Jahren, hatte dieses Bild Seltenheitswert», sagt er. Doch nun habe sich ein Schleier gelegt über die Familie. Sechs Jahre seien vergangen seit seinem Coming-out; und noch immer wartet er auf die Aussage seiner Familie: «Okay, so ist es. Jetzt machen wir weiter.»

Die gleichen Erfahrungen machen viele Familienväter, die sich als schwul outen. «Die Kinder, aber auch die Ehefrau stellen grundsätzliche Glaubwürdigkeitsfragen», sagt Rauchfleisch. «Dabei ist es sehr oft so, dass keine Lüge vorangegangen ist. Der Mann hat sogar tiefe Liebe und sexuelles Begehren gegenüber der Frau empfunden, zu einem späteren Zeitpunkt aber herausgefunden, dass er noch mehr von Männern angezogen ist.»

Die Enkel werden kein Problem damit haben

Das steinige Coming-out lehrte Konrad Vorsicht. Er will anonym bleiben. Das Dorf, aus dem er stammt, soll nicht in den Zeitungsartikel, ebenso wenig seine ehemalige Firma oder das Basler Quartier, in dem er mit seiner Familie gewohnt hat. Die Nachbarn hätten schliesslich immer noch das Gefühl, es handle sich um eine normale Trennung. Der Gesellschaft fehle bis heute das Verständnis für einen Seitenwechsel, wie er ihn vollzogen habe, meint er. Dabei gäbe es wohl allein in Basel Hunderte Väter, die verborgen homosexuell seien. Konrad sagt, er habe den Blick dafür. «Ich sehe immer wieder Männer, die mit ihrer Familie unterwegs sind – und schwul sind. Das erkenne ich auf meinem Gayradar.»

Seit einem Jahr hat Konrad einen festen Partner. Kennengelernt «ganz normal beim Kaffeetrinken», wie er sagt. Nicht etwa auf einer Dating-Plattform oder in einer Schwulenbar. Es ist der erste männliche Partner, den der selbstständig Erwerbende hat. Und auch die erste grosse Liebe. Eintagsfliegen habe es schon gegeben, wo er ein leichtes Kitzeln verspürt habe.

Das nächste Coming-out steht bevor – für einmal ein leichtes, wie Konrad glaubt. Fünf Enkel hat er. Die wissen nicht, dass ihr Grossvater einen männlichen Freund hat. «Aber die Kinder werden damit kein Problem haben. Die werden nicht sagen: … ‹Igitt, der ist schwul.› Sondern: ‹Ah, der hat halt einen Mann als Partner›».


*Name der Redaktion bekannt.

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