Switzerland

«Du kannst in Palo Alto Mark Zuckerberg über den Weg laufen, und keinen kümmert’s»

Sie hadert zwar mit Donald Trump, aber sie liebt ihre neue Heimat: Die gebürtige Deutsche Ricky Gumbrecht macht im Silicon Valley Kunst. Die alte Welt vermisst sie keine Sekunde. Wie hat sie den Aufstieg der Region zum Hotspot der digitalen Welt erlebt?

Wenn die alte auf die neue Welt trifft und die Philosophie auf die Kunst: «Being and Time» (2017) von Ricky Gumbrecht.

Wenn die alte auf die neue Welt trifft und die Philosophie auf die Kunst: «Being and Time» (2017) von Ricky Gumbrecht.

PD

Frau Gumbrecht, Sie wohnen seit dreissig Jahren im Silicon Valley, also in jener Region, die gerade die ganze Welt umkrempelt. Und Sie machen hier Kunst, in aller Seelenruhe. Hat Sie der Hype irgendwie beeinflusst?

Wenn ich den Palm Drive in Palo Alto entlangfahre, dann muss ich mich täglich zwicken: Wow, unglaublich, so schön, so intensiv, und ich lebe hier mittendrin. Hier passiert’s, hier geht’s ab, und du lebst mittendrin. Das hat etwas Irreales, ja Surreales. Zugleich ist hier das Leben ganz easy und entspannt.

Hat Sie die Corona-Krise irgendwie bewegt?

Am Anfang schon – da war’s ein bisschen weniger cool hier. Aber die Auszeit dauerte nur wenige Wochen. Obwohl noch nicht alles läuft wie zuvor: Der Easyness-Trip geht weiter, als wäre nichts gewesen.

Ricky Gumbrecht.

Allerdings ist ein Spaziergang in Palo Alto auch ziemlich ernüchternd. Man spaziert durch diese Stadt, die etwas brüchig wirkt. Die Strassen sind zum Teil marode, sie wirkt wie eine charmante, aber etwas heruntergekommene amerikanische Kleinstadt irgendwo im Niemandsland.

Ja, die Infrastruktur darbt, sie lottert vor sich hin. Aber wer auf die Menschen schaut, der merkt gleich: Die sind so casual, diese Silicon-Valley-Hipster im Hoodie-Look und mit Sneakers oder Flipflops und Baseballmütze, die sind eigentlich allzu casual, strahlen eine Selbstsicherheit aus, als könne sie nichts aus der Ruhe bringen, nicht einmal ein Virus oder eine Wirtschaftskrise, von der sie am Ende ohnehin irgendwie profitieren. Du kannst in Palo Alto Mark Zuckerberg über den Weg laufen, und keinen kümmert’s.

Die Hipster sind die neuen Hippies?

Irgendwie schon. Du brauchst dich nicht zu verstellen, und diese Leichtigkeit, diese Lockerheit ist sozusagen der beste Selbstschutz. Das funktioniert hier ziemlich gut. Ist es in der Schweiz nicht ähnlich?

In Teilen wohl schon: Tina Turner kann man in Zürich auch einmal antreffen, und die Bundesräte – unsere Minister – benutzen zuweilen die öffentlichen Verkehrsmittel. Anderseits sind die Helvetier aber nicht so casual, eher etwas angespannt.

Ich mag die Schweizer, weil sie so korrekt sind. Vielleicht färbt das auf die Stimmung ab. Die Kalifornier hier nehmen nicht alles so ernst. Sie verbreiten eher Ferienstimmung, auch wenn sie hart arbeiten. Das Motto lautet: Mach etwas aus deinem Leben, aber lass dir bloss nichts anmerken!

Ist das kein Klischee?

Nein. Die Europäer denken das vielleicht, aber die Leute hier sind so gross geworden. Die fühlen sich wohl so. Das war vor dreissig Jahren nicht anders. Nur zwei Dinge haben sich seither verändert: Die Restaurants in Palo Alto sind definitiv besser geworden – und auch teurer. Als ich 1989 zusammen mit meinem Mann Hans Ulrich Gumbrecht nach Kalifornien zog, herrschte hier eine kulinarische Einöde, nur in Berkeley gab’s damals «Chez Panisse». Und zweitens explodierten die Mietzinsen und Häuserpreise. Wenn das so weitergeht, wird sich das Valley irgendwann in eine Residenz alter Reicher verwandeln.

Sie selber stammen aus Deutschland. War der Umzug damals ein Kulturschock?

Ich komme aus einem Nest namens Idar-Oberstein. Das höchste aller Gefühle war in meiner Kindheit eine Reise nach Mainz. Die Kleinstadt-Atmosphäre passt durchaus zu Kalifornien. Dennoch war es ein Kulturschock. So banal es klingen mag: Das Verstockte und Verhockte, das Ängstliche und Miesepetrige, das es damals in Deutschland gab, fiel ab von mir. Jeder wird hier zuerst einmal wohlwollend aufgenommen, selbst an meinem deutschen Akzent haben die Leute Gefallen gefunden. Es gibt eine grundpositive Einstellung zum Leben, eine Energie, die man spüren, aber nicht sehen kann. Ich habe mich gleich in diesen Flecken Erde verliebt und blühte auf. Mittlerweile habe ich den amerikanischen Pass und bin stolz darauf.

Was bedeutet es für Sie, heute Amerikanerin zu sein?

Für mich ist ganz klar: Ich will wählen in dem Land, in dem ich lebe. Zum politischen Deutschland habe ich längst den Bezug verloren. Mein Stolz leidet unter der Trump-Administration gerade ein wenig – diese Art, Amerika zu neuem Stolz zu verhelfen, dieses Grossmaulige, Unanständige und Aufgeblasene, beschämt mich eher. In Amerika hat mit Donald Trump eine neue Frivolität Einzug gehalten. Alles ist erlaubt, wenn es der eigenen Agenda, dem eigenen Ego, der eigenen Karriere dient. Das ist ein Albtraum und zutiefst unamerikanisch, jedenfalls gemäss meinem Selbstverständnis als Amerikanerin. Allerdings leben wir hier in Kalifornien unser eigenes Leben – die Bundespolitik interessiert uns nur am Rande.

Hand aufs Herz – haben Sie es nie bereut, in die USA auszuwandern?

Da kann ich guten Gewissens sagen: keine einzige Sekunde, trotz Wasserknappheit, Erdbeben und Trump. Meine beiden Kinder sind auch hier gross geworden, ich bin hier zu Hause.

Sie sind eine Künstlerin, die mittlerweile in Deutschland ausstellt. Gibt es in Palo Alto eine eigene Kunstszene, oder macht jeder auf eigene Rechnung?

Ich war gut zehn Jahre lang Mitglied der Pacific Art League, einer Galerie, die auch Kunstunterricht anbietet. Da habe ich mein Handwerk gelernt, zuvor war ich Fremdsprachenlehrerin. Ich komme also nicht von der Kunsthochschule. Was ich anfänglich für einen Nachteil hielt, hat sich als Vorteil herausgestellt – ich musste nichts entlernen. Ich habe über die Jahre meinen eigenen Collagenstil entwickelt. Lange Zeit waren wir neun Frauen, die sich getroffen, zusammen gemalt und auch gemeinsam ausgestellt haben. Am Ende ging jede ihren eigenen Weg. Das passt zu Kalifornien: Alle probieren mal und machen, was sie wollen.

In Mitteleuropa ist das Kunsthandwerk stärker reglementiert. Da ist es zweifellos von Vorteil, an einer Kunsthochschule studiert zu haben.

In Deutschland oder der Schweiz wäre ich wohl nie Künstlerin geworden, sondern Lehrerin geblieben. In Kalifornien hatte ich von Anfang an grossen Support, von der Familie, von Freunden, von Gleichgesinnten, von Sammlern. Das ist wirklich grossartig. Ich habe kein Künstlerdiplom, keinen Abschluss, nichts. Aber das kümmert hier ohnehin keinen. Diese Freiheit – das klingt schon wieder so banal – ist einfach phantastisch. Du kannst hier experimentieren, und niemand schaut dich schief an. Umgekehrt kaufen Sammler auch Werke unbekannter Künstler, einfach weil sie ihnen gefallen. Entweder es spricht sie an oder eben nicht.

Ihre Werke sind zuweilen bildungsbürgerlich aufgeladen – auf Ihrem wohl bekanntesten Gemälde ist jemand zu entdecken, der ziemlich stark Martin Heidegger ähnelt.

Ertappt! Das ist Martin Heidegger. Mein Mann unterrichtet ja hier in Stanford, und er hat viel über Martin Heidegger gelehrt. Unser ganzes Haus ist vollgestopft mit Heideggers Büchern. Also habe ich mir gedacht, dass ich ihn einmal auf einer meiner Collagen verewige. Mich interessierte dieses Gesicht. Man erkennt da auch noch ein Familienfoto. Ich habe im Grunde genommen irgendwelche Dinge genommen, die in meinem Kopf bzw. in meinem Haus herumschwirrten, und habe daraus ein Gemälde geschaffen, das dich entweder fasziniert oder eben nicht. Stört Sie denn der Heidegger, hätte der weggemusst?

Nein, ich finde, er passt nicht schlecht. Aber ich will wissen, was Sie sich dabei gedacht haben.

Sehen Sie! Und nein, ich habe mir nichts gedacht. Ich fand einfach, der passt dahin. Das Werk hat keine tiefere Bedeutung. Es hat die Bedeutung, die der Betrachter darin erkennt.

Come on, Sie spielen hier mit Ihrer deutschen Herkunft.

Ach – Sie können natürlich alles hineinlesen in mein Werk, das ist Ihnen unbenommen. Überhaupt ist ja wohl ein Werk eine Art Projektionsfläche für kluge Leute, die dir dann erklären, was du genau zum Ausdruck bringst. In Wahrheit verfahre ich rein intuitiv, ich klebe und entferne, ich male und übermale, und irgendwann finde ich: Jetzt ist das Ding vollendet.

Und dann schauen Sie, was passiert?

So ist es. Jedes Werk ist eine Flaschenpost, das im besten Fall irgendwann seinen rechtmässigen Besitzer findet. Werk und Sammler finden am Ende zueinander, man weiss nur nicht, wie das genau geschieht.

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