Switzerland

«Dry January»: Wenn weniger Alkohol verkauft wird, heisst das noch lange nicht, dass auch weniger Alkohol getrunken wird

Den ersten Monat des Jahres ohne Alkohol durchstehen: Dieser Vorsatz wird derzeit in der Schweiz mit einer vom Staat unterstützten Kampagne begleitet. Doch wie trocken ist der Januar wirklich?

The wine departmen in the branch of retailer Coop at the shopping center Seewen Markt in Seewen, Canton of Schwyz, Switzerland, on May 15, 2018. (KEYSTONE/Gaetan Bally)Die Weinabteilung in der Filiale des Detailhaendlers Coop im Einkaufszentrum Seewen Markt, aufgenommen am 15. Mai 2018 in Seewen, Kanton Schwyz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

The wine departmen in the branch of retailer Coop at the shopping center Seewen Markt in Seewen, Canton of Schwyz, Switzerland, on May 15, 2018. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Die Weinabteilung in der Filiale des Detailhaendlers Coop im Einkaufszentrum Seewen Markt, aufgenommen am 15. Mai 2018 in Seewen, Kanton Schwyz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Gaetan Bally / Keystone

Der Januar ist der Monat der Ambitionen. Der Vorsatz von Silvester ist noch jung und der Glaube, es dieses Mal tatsächlich zu schaffen, noch intakt. Zu den Dauerbrennern gehört dabei der Plan, zumindest im Januar auf Alkohol zu verzichten. Dafür gibt es gar ein eigenes Schlagwort: «Dry January». Es geht auf eine Gesundheitskampagne zurück, die 2013 erstmals in Grossbritannien offiziell lanciert wurde. Wobei das Recht des geistigen Eigentums umstritten ist: So soll Finnland schon 1942 inmitten des Krieges einen «nüchternen Januar» (Raitis tammikuu) propagiert haben, quasi als als Teil der geistigen Landesverteidigung.

Der schwächste Monat für Bier

Wem auch immer das Copyright zusteht: Dieses Jahr wird die Kampagne erstmals auch in der Schweiz durchgeführt, mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) als Hauptsponsor. Denn laut einer vom BAG in Auftrag gegebenen Studie verursacht der Alkoholmissbrauch in der Schweiz jährliche Kosten von 2,8 Mrd. Fr. im Gesundheitswesen, am Arbeitsplatz und in der Strafverfolgung. Wer sich an der Kampagne beteiligt, erhält einen Monat lang diverse Tipps. Man erfährt zudem, dass von den über 4 Mio. Menschen, die 2019 in Grossbritannien am Programm teilnahmen, 71% besser schliefen, 65% sich gesünder fühlten und 58% ihr Körpergewicht reduzierten.

Der mediale Auftritt der Kampagne ist modern und auf ein junges Publikum zugeschnitten. Mit flotten Sprüchen werden die Vorzüge eines alkoholfreien Monats beworben, darunter auch das eingesparte Geld. Doch ungeachtet aller Slogans auf Social-Media-Kanälen: Der Vorsatz, nach dem üppigen Essen und Trinken an den Festtagen etwas frugaler ins Jahr zu starten, ist selbstverständlich keine Erfindung von Dry-January-Initiativen, sondern existiert seit langer Zeit. Da liegt die Frage nahe, ob es meist beim Vorsatz bleibt oder ob die verfügbaren Daten einen «trockenen» Jahresstart nachweisen können.

«Im Januar wird tatsächlich eher wenig Bier getrunken», sagt Christoph Lienert, der stellvertretende Direktor des Schweizer Brauerei-Verbandes (SBV). Er hat die Bierverkäufe für den Zeitraum 2010 bis 2019 für jeden Monat analysiert. Dabei zeigt sich, dass der Januar kumuliert nur für einen Anteil von 6,4% am Jahresumsatz verantwortlich ist (siehe Grafik). Damit ist der Januar der schwächste Monat des Jahres, noch vor dem Februar mit einer ebenfalls stark unterdurchschnittlichen Quote von 7,0%. Die höchsten Umsätze werden in den warmen Monaten Juni und Juli verzeichnet, mit Anteilen von je 10,4%.

Im Januar wird relativ wenig Bier getrunken

Anteil am Jahresumsatz in %; kumuliert für den Zeitraum 2010 bis 2019.

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Lienert bezweifelt aber, dass die schwachen Verkäufe im Januar mit Neujahrsvorsätzen zu erklären sind. «Weit wichtiger dürfte das Wetter sein. Es ist der bedeutsamste Faktor für den Umsatz von Bier», sagt er. Dieser Effekt spiele auch im kalten Januar. «Bei schönem Wetter gehen die Leute eher ins Freie, auf die Ski oder in die Beiz und trinken ein Bier.» Einen Gesundheitseffekt zu Jahresbeginn beobachtet der Branchenvertreter hingegen nicht. Alkoholfreies Bier, dessen Umsatzanteil in den vergangenen zehn Jahren von 2,3 auf 4,2% gestiegen ist, verkaufe sich im Januar nicht besser als während des Rests des Jahres.

Ältere Generationen unbeeindruckt

Ähnlich sieht das Bild beim Wein aus. Bruno Bonfanti, der Präsident der Vereinigung Schweizer Weinhandel (VSW), sagt: «Ich bin seit 36 Jahren im Weingeschäft. Ein Januarloch gab es schon immer.» Es sei normal, dass nach November und Dezember – den stärksten Monaten in der Branche – die Verkäufe zurückgingen. Doch wenn weniger verkauft werde, bedeute das noch lange nicht, dass auch weniger getrunken werde. Denn vor Weihnachten werde viel Wein gekauft oder verschenkt. Also würden im Januar zuerst die Vorräte abgebaut. «Man trinkt, was man geschenkt erhalten oder zu viel für die Festtage eingekauft hat.»

Ist Dry January also viel Lärm um nichts? Bonfanti differenziert: Ältere Generationen würden sich kaum von solchen Kampagnen beeinflussen lassen, meint er. Bei jüngeren Personen sei dies aber allenfalls anders. «Gut möglich, dass sich der Dry January bei diesen Leuten etablieren wird.» Die Schweiz habe ja schon verschiedene Bräuche, die von Älteren kaum beachtet würden, vom Ausland übernommen, etwa Halloween. In der Weinbranche sei es aber so, dass die Kunden zumeist ein etwas höheres Alter hätten. «Meist beschäftigt man sich erst ab zirka 25 Jahren intensiver mit Wein», sagt Bonfanti. Dies im Unterschied etwa zu Bier oder Spirituosen.

Doch in Zeiten einer Pandemie lässt sich über den Erfolg eines Enthaltsamkeitsprogramms schlecht urteilen. Denn die diversen Massnahmen gegen das Coronavirus und die Furcht vor einer Ansteckung beeinflussen ebenfalls den Alkoholkonsum. Zwar liegen noch nicht alle Daten für 2020 vor. Lienert vom Brauerei-Verband erwartet aber für das Gesamtjahr ein mengenmässiges Minus bei den Bierverkäufen von 5%. Verantwortlich dafür ist der Gastronomie-Kanal, wo der Ein­bruch aufgrund der ganzen oder teilweisen Schliessung von Restaurants auf 35% geschätzt wird. Einen leichten Zuwachs erwartet Lienert demgegenüber bei den Bierverkäufen im Detailhandel.

Auch im Weinhandel leiden primär jene Unternehmen, welche die Hotellerie, die Restaurants und Cafés beliefern. Bei diesen Firmen dürften laut Bonfanti die Umsätze 2020 um 30 bis 35% eingebrochen sein. Die Grossverteiler sind demgegenüber eher Profiteure der Krise; sie dürften das Gesamtjahr 2020 mit einem Umsatzplus abschliessen. Zwei wichtige Gründe sind dafür entscheidend: Erstens war es aufgrund der Reisebeschränkungen schwieriger, sich im Ausland mit Wein einzudecken, wovon die Schweizer Händler profitierten. Zweitens tranken die Leute vermehrt in den eigenen vier Wänden – und den Wein hierzu kauften sie vorwiegend bei den Grossverteilern.

Mit Mass und Stil

Auch im Januar 2021 wird Alkohol primär zu Hause getrunken. Ob nun die Dry-January-Kampagne zu weniger Konsum führt, ist schwer abschätzbar. Die Verkaufszahlen taugen nur beschränkt als Indikator, da die meisten Leute noch Vorräte im Keller haben. Offen bleibt auch, ob solche kollektiven – und staatlich finanzierten – Initiativen nachhaltig sind oder ob manch einer im Februar dann umso mehr trinkt. Einen langfristiger orientierten Weg beschreitet daher die europäische Weinbranche mit ihrem Programm «Wine in Moderation». Die 2008 lancierte Initiative will den Leuten die Kultur und die Geschichte des Weins nahebringen und macht sich stark für einen Konsum mit Mass und Stil. Letzteres sorgt zwar für wenig mediale Aufmerksamkeit, lässt sich aber genussvoll ein Leben lang – und nicht nur für einen Monat – durchziehen.

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