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Donald Trump, der Superspreader

Bild: keystone

Analyse

Donald Trump, der Superspreader

Die Zahl der Fälle explodiert, neue Covid-Erkrankungen im Weissen Haus – doch Trump macht weiter Rallys wie einst im Mai. In den USA breitet sich derweil eine Endzeitstimmung aus.

Zu Beginn des 19. Jahrhundert befand sich ein junger Amerikaner namens John Chapman auf einer Mission. Er füllte seinen Rücksack mit Apfelsamen und machte sich auf, diese in die hintersten Winkel der damals noch jungen Nation zu verteilen. Er wurde damit berühmt und beliebt. Als Johnny Appleseed ging er in die amerikanische Folklore ein und Apple Pie gilt bis heute als amerikanisches Nationalgericht.

Donald Trump entwickelt sich zu einer bösartigen Variante von Johnny Appleseed. Auch er befindet sich auf einer Mission, seiner Wiederwahl. Deshalb hetzt er quer durch die Vereinigten Staaten. Bis zu vier Rallys täglich hält der Präsident in der letzten Woche vor den Wahlen ab, vor Menschen, die eng beieinander stehen, laut grölen und selten eine Maske tragen.

Fester Bestandteil der amerikanischen Folklore: Johnny Appleseed.

Trump streut nicht Apfelsamen, er verteilt Viren. So berichtete die Zeitung «USAToday» kürzlich, dass sich die Corona-Fallzahlen nach einer präsidialen Rally merklich erhöhten. Und dies in einer Zeit, in der täglich neue Rekorde von Infizierten gemeldet werden, wo Spitäler keine Betten mehr für schwere Fälle haben und wo selbst ein Trump-Kumpel wie Chris Christie, der ehemalige Gouverneur von New Jersey, die Menschen dringend auffordert, eine Maske zu tragen. Christie ist selbst nur knapp dem Covid-19-Tod entronnen.

Das Weisse Haus lässt dies kalt, oder genauer: Es ist selbst zu einem Hotspot geworden. Nach der verhängnisvollen Feier auf dem Rosengarten sind über 30 Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt. Übers Wochenende wurde nun bekannt, dass vier Mitarbeiter des Vizepräsidenten Mike Pence positiv getestet wurden, darunter sein Bodyguard und sein Stabschef. Männer also, die sich im engsten Kontakt mit dem Vize befinden. Gemäss den eigenen Richtlinien müsste Pence sich deshalb sofort in eine Quarantäne begeben.

Wie der Präsident kümmert sich auch der Vize nicht um die eigenen Richtlinien. (Zur Erinnerung: Er ist immer noch Chef der Task Force gegen das Virus.) Am Sonntag hat Pence in North Carolina eine Wahlkampfveranstaltung abgehalten. Heute will er im Senat dabei sein, wenn die umstrittene Wahl der Bundesrichterin Amy Coney Barrett über die Bühne geht.

Müsste eigentlich in die Quarantäne: Mike Pence. Bild: keystone

Um dieses Verhalten zu rechtfertigen, greift das Weisse Haus zu einem ganz billigen Trick: Es hat die Arbeit von Pence als «essentiell» erklärt. Der Vize ist somit über Nacht eine Art Krankenschwester geworden. Fachleute sind entsetzt. So erklärt etwa der ehemalige CDC-Chef Tom Frieden in der «New York Times»: «Die Vorstellung, dass man kurzerhand jemanden zum essentiellen Arbeiter erklären kann, untergräbt das gesamte Konzept der Quarantäne.»

Wie lässt sich das irrationale Verhalten des Weissen Hauses erklären? Der Grund ist banal: Weil sein Wahlkampfteam das Budget nicht im Griff hatte, ist Trump das Geld ausgegangen. Er braucht die Rallys, um Aufmerksamkeit zu generieren. Zudem ist er überzeugt, dass ihm die Last-Minute-Rallys vor vier Jahren den Sieg über Hillary Clinton beschert haben.

Hingegen hat das Weisse Haus den Kampf gegen das Virus de facto aufgegeben. Stabschef Mark Meadows erklärte gegenüber CNN: «Wir wollen nicht die Pandemie kontrollieren. Wir wollen stattdessen versuchen, so rasch als möglich Impfstoffe, Therapien und andere Mittel zu erhalten.»

Den explodierenden Fallzahlen zum Trotz will Trump das Virus immer noch verharmlosen. «Alles wird bald vorüber sein», erklärte er an einer Rally in North Carolina. «Wir haben die Kurve gekriegt, es wird bald einen Impfstoff geben.»

Immer noch schiebt Trump die Schuld an der Misere den Medien in die Schuhe. So jammerte er an der besagten Rally:

«Schaltet euer TV-Gerät ein: ‹Covid, covid, covid, covid, covid.› Flugzeug stürzt ab, 500 Menschen sterben, niemand spricht darüber – «Covid, covid, covid, covid.» Übrigens, am 4. November werdet ihr nichts mehr darüber hören.»

Übrigens: Es gab keinen Flugzeug-Crash mit 500 Toten.

Immer verzweifelter versucht das Weisse Haus nach einer Story, welche Covid aus den Schlagzeilen verdrängen könnte. Mit aller Macht versuchen Fox News, Breitbart & Co. daher, die zweifelhafte Laptop-Sache von Hunter Biden zu pushen. Sie sind jedoch an sich selbst gescheitert.

Meist ohne Maske unterwegs: Trump-Fans. Bild: keystone

Wie die «New York Times» enthüllt, hätte diese Story eigentlich als «bombshell» im «Wall Street Journal» erscheinen sollen. Dieses Blatt gehört ebenfalls zum Murdoch-Imperium, konnte jedoch einen Teil seines einst renommierten Rufes erhalten. Vor allem die Reporter gelten nach wie vor als kompetent und unvoreingenommen. Deshalb erhofften sich Anwälte des Weissen Hauses die grösste Wirkung der Laptop-Geschichte, wenn das «Wall Street Journal» sie enthüllen würde.

Doch die Wall-Street-Journal-Reporter wollten zunächst die Fakten überprüfen. Das Trump-Team verlor die Nerven. Rudy Giuliani eilte mit der Story zum konservativen Revolverblatt «New York Post». Das Resultat: Ausserhalb der rechten Medien findet die Story nicht statt. Was als «Oktober-Überraschung» gedacht war, endete als medialer Rohrkrepierer.

Pandemie und Kulturkrieg setzen den Amerikanerinnen und Amerikaner immer mehr zu. Eine Art Endzeitstimmung breitet sich aus. So erklärt Frank Luntz, ein altgedienter Berater der Republikaner, gegenüber der «Washington Post»:

«So etwas habe ich noch nie erlebt. Selbst die gemässigten Menschen im Mainstream benützen eine Sprache, die aufgeladen und vergiftet ist wie noch nie.»

In diesem apokalyptischen Klima gedeihen die giftigsten aller giftigen Kreaturen. Die Vernunft hat dagegen keine Chance. So glauben gemäss einer Umfrage von Daily Kos/Civiqs ein Drittel der republikanischen Wähler an die von QAnon verbreitete These einer Verschwörung eines angeblichen «deep state».

Selbst die abstrusesten Thesen finden ihre Anhänger. Die «Washington Post» berichtet von einem evangelikalen Pastor, der seinen Schäfchen in Aussicht stellt, ein Sieg Bidens würde nicht nur «progressiven marxistischen Sozialismus» zur Folge haben, er würde auch zu «Animalismus» führen. «Animalismus», WTF? Der Pastor klärt wie folgt auf: «Jedermann kann eine Kuh heiraten und Sex mit ihr haben.»

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