Switzerland

Dokumentarfilm beleuchtet 30 Jahre Mundart-Rap: Gekommen, um zu bleiben

«Murder by Dialect» hiess der erste schweizerdeutsche Rap-Song. Geschrieben hat ihn der Basler Black Tiger. Veröffentlicht wurde er vor ziemlich genau 30 Jahren. Dominik Bauer und Raphael Fischler von der Zürcher Filmproduktionsfirma Get Some Popcorn haben für die SRF-Dok-Serie «Uf Takt» während eines Jahres Dutzende Akteure interviewt und stapelweise Archivmaterial durchforstet. Jetzt liegt das erste umfassende Porträt einer Kultur vor, die die Schweiz noch auf Jahre prägen wird.

Wieso vergingen 30 Jahre, bis sich zum ersten Mal ein Dokumentarfilm ernsthaft mit Mundart-Rap auseinandersetzt?
Raphael Fischler: Schweizer Rap wurde lange gar nicht oder nur sehr oberflächlich wahrgenommen. Das Einzige, was den Leuten in den Sinn kam, war «Yo! Yo! Yo!» und ein paar rhythmische Handbewegungen.
Dominik Bauer: Die Mundart-Rap-Pioniere lachte man noch aus und meinte, das sei ein Trend, der vorbeigehe. Heute ist klar: Rap ist mehr als eine Jugendkultur.

Wie meinen Sie das?
Bauer: Ein Künstler wie EKR ist heute über 50 Jahre alt, hat immer noch etwas zu sagen und ist musikalisch relevant. Der Berner Rapper Tommy Vercetti kriegt für sein Album «Seiltänzer» einen Literaturpreis. Und dazu kommt eine grosse Zahl junger Rapperinnen und Rapper, die dieses Genre frei von Konventionen und Normen weiterentwickeln. Mundart-Rap ist hier, um zu bleiben. Das soll unser Film zeigen.

«Uf Takt» – Dok-Serie zu 30 Jahren Mundart-Rap

Die Serie «Uf Takt» ist ab Montag auf youtube.com/srfvirus und srfvirus.ch in zehn Folgen aufgeschaltet und wird am Freitag, 16. April auf SRF zwei um 20.10 Uhr am Stück ausgestrahlt.

Die bekanntesten und erfolgreichsten Rapper der Schweiz sind Bligg und Lo & Leduc.
Bauer: Absolut.

Aber hat das noch etwas mit Hip-Hop zu tun? Oder sind sie nicht gerade erfolgreich, weil sie eben heute Popmusik machen?
Bauer: Natürlich machen die heute sehr poppigen Sound, doch gerade Lo von Lo & Leduc ist ein gutes Beispiel: Er ging durch die härteste Schule, die es für mich künstlerisch gibt.

Welche?
Bauer: Drei Jahre lang nahm er an sogenannten Freestyle-Battles teil. Da trittst du auf eine Bühne vor 1000 Leute und improvisiert unvorbereitet und frei über Beats, um zu zeigen, was du kannst. Auch Bligg ging durch eine ähnliche Schule. Ohne diesen Hintergrund hätten beide nicht den Biss entwickelt, den es braucht, um kommerziell so erfolgreich zu sein.
Fischler: Diese Freestyle-Kultur ist bis heute Teil jeder Show von Lo & Leduc – und die Masse liebt es fast mehr als ihre grössten Hits. Bligg und Lo & Leduc sind nicht trotz, sondern wegen Mundart-Rap so erfolgreich.

Blenden wir zurück. Vor 30 Jahren erschien der erste Mundart-Rap-Song von Black Tiger. Was war das damals für eine Szene?
Bauer: Hip-Hop kam über US-Filme wie «Wild Style» in den 80er-Jahren nach Europa. Der legendäre Zürcher Produzent Sterneis erzählt in unserem Film von den ersten Hip-Hop-Partys, die er in Jugendhäusern mitorganisiert hat. Das war damals derart rar, dass Cars aus Deutschland und Frankreich vorfuhren. Die Jugi-Leiter verstanden die Welt nicht mehr.
Fischler: Hip-Hop war damals eine kleine, wilde Nischenkultur, die auch ziemlich gewalttätig sein konnte. Wer mit zu neuen Turnschuhen an Hip-Hop-Partys ging, verliess sie manchmal in Socken wieder, weil ihm die Sneakers abgenommen wurden.
Bauer: Ausserdem hatte die Heroin-Epidemie rund um den Platzspitz grosse Auswirkungen auf die Szene. Viele drifteten ab. Davon musste sich diese junge Kultur bis Mitte der 90er-Jahren erst mal wieder erholen.

Wie überlebte die Szene diese Zeit?
Bauer: Was Hip-Hop auszeichnet, ist die Mitmachkultur. Hip-Hop war damals – heute ist das vielleicht etwas weniger stark ausgeprägt – kein Lifestyle, den man einfach konsumiert.
Fischler: Du kannst dich im Tanzen, Rappen, im Plattenauflegen oder im Graffitimalen ausprobieren, ohne viel Geld in Ausbildung oder Ausrüstung investieren zu müssen – und wirst Teil der Kultur. Das hat eine enorme Anziehungskraft.

Das war Ende der 90er-Jahre. Da erlebte Mundart-Rap seinen ersten grossen Boom mit Bands wie Sektion Kuchikäschtli, Gimma und Chlyklass.
Bauer: Genau. Wir sind ehrlich: Unser Film entstand auch aus einer Fan-Perspektive. In diesem Jahr, in dem wir den Film produzierten, haben wir viele unserer Jugendhelden getroffen. Meine Jugend ist massiv geprägt durch diese Kultur – und da bin ich nicht der Einzige. Das geht einer ganzen Generation so.
Fischler: Der Fakt, dass heute über Schweizer Rap ernsthafter berichtet wird, hat auch damit zu tun: Personen, die durch Schweizer Rap sozialisiert wurden, sind heute in Positionen, die es ihnen erlauben, die Kultur differenziert zu beleuchten. Dieses Interview ist ein Beispiel dafür.

Heute prägt Mundart-Rap die Umgangssprache.
Bauer: «Ender weniger» von Baze, «Dini Mueter» von EKR – das sind alles Wortkreationen, die durch die Verbreitung im Rap Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch fanden. Es ist schwierig zu sagen, ob diese Wörter durch Mundart-Rap kreiert wurden oder ob sie immer existierten und durch Rapper auf ein Podest gestellt und popularisiert wurden. Es ist die Huhn-oder-Ei-Frage.
Fischler: Aber der Einfluss ist enorm. Wir merken das in unserer Produktionsfirma Get Some Popcorn am eigenen Leib. Alle halbe Jahre setzt sich irgendein neues Wort in unserem Wortschatz fest, das aus einem Mundart-Rap-Song stammt.

Mundart-Rap ist immer wieder mit dem Vorwurf frauenfeindlicher oder homophober Texte konfrontiert. Was sagen Rapperinnen und Rapper dazu?
Bauer: Das ist ein enorm wichtiges Thema, zu dem sich viele Künstlerinnen und Künstler in unserem Film äussern.
Fischler: Steff la Cheffe, Big Zis, Tommy Vercetti und Mimiks bringen es auf den Punkt: Die Szene muss sich mit diesem Thema auseinandersetzen – und darüber sprechen. Und das tut sie jetzt auch.
Bauer: Es gibt eine neue Generation von Rappern, die sind mit einem ganz anderen Selbstverständnis aufgewachsen. Die bekunden grosse Mühe mit dem zum Teil sexistischen und homophoben Erbe, das diese Kultur mit sich bringt. Und dann gibt es eine ältere Generation, die in ihrer Jugend Texte geschrieben hat, die sie so heute nicht mehr schreiben würde und für die sie sich schämt. Das Wort «schwul» als Schimpfwort zu brauchen, war lange normal.

Was auffällt: Heute haben viele erfolgreiche Mundart-Rap-Künstler wie Xen oder Pronto Migrationshintergrund. Damals nach der Jahrtausendwende bestand die Szene vor allem aus männlichen Mittelschicht-Kids …
Bauer: Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Es gab schon immer Junge mit Migrationshintergrund, die enorm aktiv waren. Aber sie wurden medial nicht so abgebildet.

Klassische Medien braucht es heute nicht mehr. Junge Rapper vermarkten sich über Social Media selbst.
Bauer: Ja, das Gewicht von Social Media ist enorm. Früher brachten Rapper noch CDs raus, ohne auf dem Cover abgebildet zu sein. Heute ist das optische Erscheinungsbild integraler Bestandteil eines Rappers. Der innere Antrieb junger Rapper ist aber nach wie vor derselbe wie vor 30 Jahren.

Und der wäre?
Bauer: Es geht darum, sich auszudrücken, Anliegen zu adressieren und gehört zu werden. Der Rapper DaHated sagt sogar, die Musik helfe ihm, seine Aggressionen zu kontrollieren. Und nicht zuletzt spielen natürlich der Spass und die Begeisterung für Sprache und Musik eine zentrale Rolle.

Wo wird die Reise von Mundart-Rap enden?
Bauer: Die wir nie enden. Das läuft immer weiter. Diese Szene erneuert sich permanent selbst. Plötzlich taucht wieder einer auf wie Xen, der alles ändert und zum Mass aller Dinge wird. Ich freu mich auf alles, was noch kommen wird.

Die Köpfe hinter dem Film

Raphael Fischler (32, r.) und Dominik Bauer (35) haben gemeinsam mit ihrem Team der Videoproduktionsfirma Get Some Popcorn die zehnteilige SRF-Dok-Serie «Uf Takt» realisiert. Während eines Jahres interviewten sie über 40 Protagonisten der Schweizer Hip-Hop-Szene, sichteten 200 Stunden Archivmaterial und schufen ein Werk, das zum ersten Mal das Phänomen Mundart-Rap von der Geburtsstunde bis zur Gegenwart in Bewegtbild dokumentiert.

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