Switzerland

Die Zeidlerformel

Das Staunen ist gross. «So gut wie in den vergangenen Wochen habe ich den FC St.Gallen noch nie gesehen», schreibt ein Leser dieser Zeitung, der den Club seit 1965 verfolgt. Die Auftritte der Ostschweizer wecken Begeisterung. Langeweile? Ist zu einem Fremdwort geworden. Die Spielidee von Trainer Peter Zeidler hat gegriffen. Kraftvoll, schnell im Umschalten, Pressing und Gegenpressing: Das alles zeichnet den Aussenseiter aus. Der FC St.Gallen beeindruckt – Anhänger wie Fachleute.

Teleclub-Experte Rolf Fringer hatte sich schon vor dem Saisonstart gewünscht, dass endlich irgendeine Mannschaft unerwartet Furore macht und den festgefahrenen Schweizer Fussball aufmischt. «Nun ist es das junge, hungrige St.Gallen, das freut mich», sagt der ehemalige Trainer der Ostschweizer.

«Zeidler hat mich positiv überrascht»

Für den 63-jährigen Fringer ist St.Gallens Coach der Hauptverantwortliche des Aufschwungs: «Es hat mich überrascht, dass sich Zeidler in einer schwierigen Situation traute, das System umzustellen. Nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.» Der Saisonstart war durchzogen, das Out im Cup eine Enttäuschung und plötzlich fehlten noch die Flügelspieler Dereck Kutesa, der zu Reims wechselte, sowie Axel Bakayoko, der sich verletzte. Zeidler rückte vom 4-3-3 ab und setzte auf ein 4-4-2 mit Raute. «Der Trainer hatte keine torgefährlichen Flügelspieler mehr, so ergriff er die Flucht nach vorne. Die Rahmenbedingungen wechselten, das kam dieser Mannschaft zugute», so Fringer. Weil Stürmer und Mittelfeldspieler – im Pressing und Gegenpressing – im neuen System defensiv mehr arbeiten mussten, entlastete Zeidler die junge Verteidigung. «Es war eine Win-win-Situation», sagt Fringer. In diesem Raute-System nehmen die Aussenverteidiger Silvan Hefti und Miro Muheim bei Angriffen immer wieder die Flügelpositionen ein, trotzdem funktioniert St.Gallens Absicherung meistens gut. Natürlich, ein Trainer müsse ein «frecher Cheib» sein, um so spielen zu lassen, wie es Zeidler tue. «Er wusste, dass er das Risiko einer Systemänderung eingehen und auf sein Bauchgefühl hören kann. Weil die Vereinsleitung zu hundert Prozent hinter ihm steht.»

Das gegenseitige Vertrauen auf Führungsebene und die Einigkeit über die Spielphilosophie haben sich schneller als erwartet ausbezahlt. St.Gallen ist trotz einiger Abgänge im Sommer und schmalem Budget Leader. Die Ostschweizer haben in den vergangenen 15 Spielen nur gerade zweimal verloren.

Weil die Mannschaft so jung und hungrig sei, könne man sie problemlos in jeden Zweikampf jagen, so Fringer: «Und die Spieler merken: Hey, jeder gewonnene Zweikampf gibt mir enormes Selbstvertrauen.» Das vermittle ein gutes Gefühl und Sicherheit. «So eine Gemütsverfassung kann in neue Sphären führen. Es fühlt sich an, wie frisch verliebt zu sein. Da kann dich fast nichts mehr bremsen.» Fringer weiss, wovon er spricht. 1993 wurde der FC Aarau unter ihm auf ähnliche Art völlig überraschend Schweizer Meister.

Die Berührungspunkte mit Ralf Rangnick

Roman Wild war von 2008 bis 2011 beim FC St.Gallen Assistenztrainer von Uli Forte. Seit zweieinhalb Jahren ist der Thurgauer Technischer Leiter beim Ostschweizer Fussballverband und unter anderem verantwortlich für die Ausbildung von Trainern im Breitenfussball. Zudem amtet er als Assistenzcoach des Schweizer U17-Nationalteams. Der 44-Jährige sagt: «Beeindruckend ist die Energie, welche die Spieler ausstrahlen. Das spürt natürlich auch der Gegner.» Die Basis der starken Entwicklung ist laut Wild das «immense Vertrauen» von Zeidler in seine Akteure. «Er animiert sie immer wieder, mutig zu sein und Risiken einzugehen. Unabhängig vom Ergebnis treibt er sie nach vorne.» Das zeige, dass der Coach von seinem Spielplan «extrem» überzeugt sei. «Das spüren auch die Spieler».

Der 57-jährige Deutsche Zeidler hat dem FC St.Gallen eine moderne Ausrichtung verpasst – eine Ausrichtung, die an Gladbach unter Marco Rose und an Leipzig unter dem früheren Trainer Ralph Hasenhüttl erinnert. Rose, Hasenhüttl und Zeidler verbindet, dass sie in der Red-Bull-Schule einst Berührungspunkte mit Ralf Rangnick hatten.

Rangnick gilt als Vater dieses Spielstils: Anlaufen, immer wieder anlaufen, Gegenpressing, schnelles Umschalten nach Balleroberung, Torabschluss nach wenigen Sekunden Ballbesitz. Wild sagt: «Der Gegner hat 90 Minuten lang keine Ruhe. Teams wie die Young Boys oder Basel sind es sich nicht gewohnt, dass ein Gegner permanent anläuft und vor allem: dass er es so hoch macht.» Für St.Gallens Mittelfeldspieler Lukas Görtler ist die Spielphilosophie seines Trainers «ein guter Weg, um den Gegner zu deprimieren, und selbst in Erfolgsphasen zu kommen.»

Fringer allerdings mag nicht von einer Revolution sprechen, das Rad könne auch im Fussball nicht neu erfunden werden. «In England wurde schon früher so gespielt.» Der Gegner habe auf diesen Angriffsfussball jeweils mit hohen Bällen reagiert. So entstand schliesslich das legendäre Kick and Rush. «Auch die St.Galler werden nicht immer 90 Minuten Druck machen können, wenn der Gegner nur noch hohe Bälle hinter ihre Verteidigung spielt, um dem Pressing auszuweichen.»

Für den überfallartigen Fussball braucht Zeidler Spieler, die ausdauernd sowie tempofest sind und sich schnell erholen können. Allerdings spielt auch die Mentalität eine Rolle. Jeder Akteur muss bereit sein, immer wieder in dieses Pressing zu gehen. «Das ist bei dieser jungen, selbstbewussten Mannschaft aber kein Problem», sagt Fringer. Natürlich kommt das aussergewöhnlich gut funktionierende Kollektiv dem Zeidler-Fussball entgegen. «Jeder rennt für jeden, weil alle wissen, dass es der andere für ihn auch macht», so der Coach. Fringer sagt, das 4-4-2 mit Raute sei wegen der Anforderung, sich als Mannschaft dauernd kompakt verschieben zu müssen, anspruchsvoll. «Man zwingt die Spieler dabei zum Mitdenken. Genau deshalb entwickeln sich die Jungen in St.Gallen nicht nur fussballerisch, sondern auch gedanklich.»

Pfister: «Dortmund schafft das nicht»

Otto Pfister bezeichnet den FC St.Gallen als Herzensverein. Der Mann, der in 22 Ländern auf 4 Kontinenten gearbeitet hat, war zwischen 1963 und 1966 Spielertrainer der Ostschweizer. Der gebürtige Kölner, zuletzt Nationaltrainer Afghanistans, verfolgt die Entwicklung in St.Gallen mit Interesse. «Die Mannschaft verfügt über eine starke Grundlagenausdauer. Diese kann man sich nur in der Vorbereitung erarbeiten.» Für den 82-Jährigen ist nun vor allem die Regenerationszeit entscheidend. «Das Training scheint nicht mehr das Problem.» Viele grosse Teams haben sich in den vergangenen Jahren aufgemacht, die wuchtige, angriffige Philosophie zu implementieren. «Aber es müssen in einem Team alle mitarbeiten», sagt der in Mels wohnhafte Pfister. «Genau das fehlt derzeit zum Beispiel Dortmund.»

Wild widerspricht jenen Kritikern, welche monieren, es handle sich bei dieser Spielidee mehr um einen Dauerlauf als um ein Fussballspiel. «Fehlt das taktische Verständnis und die Spielintelligenz, geht auch diese Philosophie nicht auf.»