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Switzerland

Die Welt verlangt danach, erzählt zu werden

Toleranz ist nicht einfach und nicht selbstverständlich. Sie ist eine kulturelle Errungenschaft und muss gegen die Versuchung des Dogmatismus – «Und willst du nicht mein Bruder sein / dann schlag ich dir den Schädel ein» – immer wieder verteidigt werden. Gegen Ende von Olga Tokarczuks monumentalem Roman «Die Jakobsbücher» disputiert Moliwda, eine wichtige Nebenfigur, mit seinem Bruder darüber. Für den Bruder, einen bornierten Offizier, gibt es keinen Zweifel daran, «dass die Erlösung allein durch die heilige römische Kirche möglich ist. Verständnis für die Lutherschen, die Juden, die Arianer – die ganze Teufelsbrut? Wo kämen wir dahin?» Sein Bruder, dessen Lebensweg über eine christlichen Sekte und eine häretische jüdische Gruppe wieder zurück zum Katholizismus geführt hat, ist dagegen davon überzeugt, «dass es einen Gott gibt, aber eine Fülle von Möglichkeiten, an ihn zu glauben».

Olga Tokarczuk hat Intoleranz am eigenen Leib erlebt. Nachdem sie für die «Jakobsbücher» den wichtigsten Literaturpreis ihres Landes erhalten hatte, forderte sie in der Dankesrede ihre Landsleute auf, sich an die dunklen Seiten der Vergangenheit zu erinnern, als Polen «Kolonisatoren, Sklavenhalter und Judenmörder waren». In einer Phase offiziell betriebener Geschichtspolitik, nach der Polen nur Helden oder Opfer gewesen seien, war das pure Blasphemie. Tokarczuk wurde als Verräterin bezeichnet, eine Weile bekam sie Personenschutz. Der Nobelpreis hat da manches geändert; jetzt ist auch das regierende Polen stolz auf «seine» grosse Autorin.

«Die Jakobsbücher» sind auch ein Stück Geschichtspolitik, aber antidogmatisch. Toleranz ist für Olga Tokarczuk nicht nur eine Sache des Inhalts – «polnische Geschichte ist ohne jüdische Geschichte nicht denkbar», sagt sie –, es ist auch eine Frage der Form. Der Erzählperspektive. Die Geschichte des Jakob Frank, die sie über fast 1200 Seiten erzählt, rückwärts gezählte Seiten, aus Respekt vor den jüdischen Büchern, hören wir nicht von einem allwissenden Erzähler. Olga Tokarczuk bricht sie vielfach, wie einen Lichtstrahl, den sie durch ein Prisma schickt.

Jakob Frank ist ein Schelm und Verführer, ein Besessener und ein Herrschsüchtiger, ein Stratege und Erotomane.

Dieser Frank, ein Schelm und Verführer, ein Besessener und ein Herrschsüchtiger, ein Stratege und Erotomane, ist ohnehin eine ambivalente, schwer greifbare Figur. Er lebte von 1726 bis 1791, erklärte sich zum Messias und führte seine Anhänger aus der jüdischen Orthodoxie heraus und bis zur Taufe. Er geriet damit zwischen alle Stühle – die «Talmudisten» verfolgten ihn, die Katholiken sperrten ihn ein –, entzog sich aber immer wieder den Verfolgungen und brachte es in Brünn zu einem prächtigen, am Ende seines Lebens im hessischen Offenbach zu einem immer noch ansehnlichen Hofstaat.

Wir erfahren von ihm über Briefe, die zwischen Adelsfräuleins und Bischöfen gewechselt werden, viel übers Hörensagen, er ist Objekt von Disputen und Plänen; die Autorin lässt ihn auch immer wieder selbst auftreten, stets in anderer Beleuchtung. Sie gibt ihm einen getreuen Gefährten, Nachman, Rabbi aus Busk, er folgt seinem «Herrn» über alle Stationen seiner Irrfahrt (viele dieser Stationen gehören zu dem, was im Zweiten Weltkrieg zu «Bloodlands» wurde) und notiert alles, was ihm widerfährt. Er ist gewissermassen Jakobs Evangelist. Nicht ganz so getreulich gerät sein Evangelium, Nachman ist ein «unzuverlässiger Erzähler» avant la lettre. Denn er hat, wie alle in diesem reichen Personentableau, eigene Interessen, eine eigene Sicht der Dinge.

Nachman hat beim legendären Bescht, dem chassidischen Prediger Baal Schem Tow, gelernt, die Wahrheit in den Schriftzeichen zu finden. Er ist ein Kabbalist, einer, der «in die Wörter Löcher bohrt und in die unergründlichen Tiefen in ihrem Innern blickt», der aus den hebräischen Buchstaben und deren Zahlenwert Prophezeiungen herausliest und auch Ereignisse im Leben in den «grossen Plan» einordnet, den der Schöpfer mit der Menschheit vorhat, insbesondere natürlich mit den Juden.

Er praktiziert erotische Riten

Die befinden sich im Polen des 18. Jahrhunderts in einer Endzeitstimmung; das Elend ist so gross, dass der Messias einfach kommen muss. Auf Jakob projizieren sich so ungeheure Hoffnungen; und der nutzt sie, geschickter Manipulator, der er ist, aus – zu seinem Besten und, vielleicht, zur Errettung der Menschheit oder jedenfalls seines Gefolges. Das hat seltsame, aber auch furchtbare Folgen. Er zelebriert «befremdliche Taten»: Die jüdischen Gesetze dürfen nicht nur ignoriert, sie müssen ins Gegenteil verkehrt werden. Er praktiziert erotische Riten und formt wie ein Guru Männer und Frauen zu Sexualpaaren. Sich selbst nimmt er, nach wem ihm gerade ist.

Fataler aber: In einer Disputation in der Kathedrale von Lemberg behauptet er, gestützt auf falsche Quellen, der Talmud verlange Christenblut für bestimmte Rituale; das nährt längst vorhandene Vorurteile. Zweimal erzählt Olga Tokarczuk, wie Juden aufgrund solch falscher Beschuldigungen gefoltert, verurteilt und grausam hingerichtet werden.

Ja, die glorreiche «Adelsrepublik» des 18. Jahrhunderts, die das heutige Polen gern verklärt, war für die grosse Mehrheit wenig glorios. Nicht für die Juden, und schon gar nicht für die Bauern. In einer Binnengeschichte erzählt Olga Tokarczuk das schreckliche Schicksal von «Jan aus Okno», dessen Familie sieben Tage pro Woche Frondienste leisten muss. Er selbst wird nach einem ersten Fluchtversuch schwer bestraft, nach dem zweiten fast totgeprügelt, im Wald als erfroren liegen gelassen und von Juden gerettet.

Er erklärte sich zum Messias: Jakob Frank (1726 bis 1791).

Deshalb streben die Konvertierten zwar durchaus nach einem Stück eigenem Land – Jakob Frank verfolgt dieses Ziel durchaus konsequent, ob in Korrespondenz mit dem osmanischen Sultan oder in Gesprächen mit dem Habsburgerkaiser; von Herzls Palästina-Traum ist noch nichts zu ahnen. Aber unter den Schutz polnischer Gutsherren wollen sie auf keinen Fall: Da droht ihnen doch nur das Bauernelend.

Der Lebensweg eines jüdischen Sektierers und seiner Gefolgschaft vor einem Vierteljahrtausend: Das scheint ein denkbar entlegenes Romansujet und führt doch in höchst aktuelle Debatten. Hier die Fremden, dort die Eingesessenen. Eine Welt im Umbruch; das gewohnte Alte löst sich auf, das Neue ist noch nicht in Sicht. Aufklärer appellieren an den Verstand, Populisten ans Gefühl. Verschwörungstheorien machen die Runde. Wer sich die Zeit für diesen Roman nimmt, wer die Geduld für ein komplexes Geschehen mit unzähligen Beteiligten aufbringt, der wird beschenkt mit einer langen Reise in eine Zeit, die zugleich fremd und vertraut erscheint.

Franks Schädel galt den Nazis als Beweis für die Minderwertigkeit der jüdischen Rasse

Ganz auf eine übergeordnete Erzählinstanz verzichtet die Autorin übrigens doch nicht. Aber es ist eine magische Instanz: die alte Jenta, die nicht sterben kann, weil sie ein Stück Papier mit einer Zauberformel verschluckt hat. Sie sieht alles, was geschieht, und sieht alles voraus. Als wieder Pogrome drohen, verstecken sie Verwandte in der Höhle von Korolowka, die, so Jakob Frank, zugleich die Höhle der Patriarchen von Hebron ist, in der tief unten Adam und Eva begraben sind und die – das ist nun historisch – während der deutschen Besatzung 38 Juden Unterschlupf bot; alle überlebten. Auch das erzählt Olga Tokarczuk, ebenso, dass der Schädel des wirklichen Jakob Frank NS-Wissenschaftlern als Beweis für die Minderwertigkeit der jüdischen Rasse diente.

«Die Welt verlangt danach, erzählt zu werden», sagt der Chronist und Wortspekulant Nachman einmal. Und «im Erzählen der Welt liegt auch ihre Veränderung». Ein Stück dieser messianischen Hoffnung dürfte sich auch bei Olga Tokarczuk erhalten haben, sonst hätte sie dieses monumentale Unternehmen nicht geschultert.

Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher. Roman. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Kampa, Zürich 2019. 1180 S., ca. 55 Fr.

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