logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo
star Bookmark: Tag Tag Tag Tag Tag
Switzerland

Die Uber-Fahrt darf nicht zur Falle werden

Wie sicher ist es, zu einem Fremden ins Auto zu steigen? Dank Tech so sicher wie nie, sagt Uber. Doch Zweifel gefährden die Zulassung des Fahrdienstvermittlers in Grossbritannien und damit im wichtigsten europäischen Markt.

In London wurden im Jahr 2017 insgesamt 162 Sexualdelikte bei Taxifahrten zur Anzeige gebracht.

In London wurden im Jahr 2017 insgesamt 162 Sexualdelikte bei Taxifahrten zur Anzeige gebracht.

Dan Kitwood / Getty

Wann man ankommt, ist nicht die wichtigste Frage bei einer Taxifahrt. Wichtiger ist, wie man ankommt, und im Extremfall, ob überhaupt – schliesslich steigt der Fahrgast zu einer wildfremden Person in den Wagen, die möglicherweise kriminelle Absichten hegt. Das Risiko ist für Frauen grösser als für Männer, besonders wenn es um Gefahren wie sexuelle Belästigung geht. Auf Sicherheitsbedenken nicht gut genug zu reagieren, kann sich für Unternehmen rächen. So erlebt es der umstrittene Fahrdienstvermittler Uber, dem der Verlust seines grössten europäischen Marktes droht.

Fahrverbot in London?

Wenn es schlecht läuft, wird Uber in London endgültig die Betriebslizenz verlieren. Die städtische Transportbehörde hat kein Vertrauen darauf, dass das amerikanische Unternehmen die Sicherheit der Fahrgäste garantieren kann. Bei mindestens 14 000 Fahrten zwischen Ende 2018 und Anfang 2019, die mit der Uber-App vermittelt wurden, bestand laut Transport for London (TfL) ein Risiko. Fahrer hatten bei der Uber-Registrierung eine falsche Identität vorgetäuscht oder waren wieder zugelassen worden, obwohl Uber sie zuvor suspendiert hatte. Deshalb verlängerte TfL im November die Betriebserlaubnis nicht. Uber erhob Einspruch und argumentiert, inzwischen sei die Identität aller Fahrer überprüft worden. Bis zu einem Urteil rollen die Uber-Taxis weiter.

In der Zwischenzeit gibt sich Uber demütig. Das Vertrauen der Öffentlichkeit sei zerbrechlich und müsse verdient werden, heisst es aus der Geschäftsführung. «Angesichts der Grösse von Uber ist Sicherheit keine Option mehr, sondern eine Pflicht», sagt auch Rana Kortam, die als «Head of Women’s Safety Policy» für die Sicherheit von Frauen zuständig ist. Sie gibt zu, dass die Firma nicht aus eigener Kraft alle Antworten parat hat: «Wir sind ein Tech-Unternehmen. Also müssen wir uns an Experten wenden und uns beraten lassen, was zu tun ist.» Grundsätzlich ist aber klar: Tech, also der Inhalt und die Arbeitsweise der Uber-App, soll entscheidend zur Abhilfe beitragen.

Hilferuf per App

Rana Kortam arbeitete zuvor im Uber-Management in Ägypten.

Rana Kortam arbeitete zuvor im Uber-Management in Ägypten.

PD

«Technologie hat die Sicherheit von Taxifahrten gegenüber früher schon auf beispiellose Weise verbessert», so zeigt sich Kortam überzeugt. Die Uber-Managerin verweist auf die Möglichkeiten der App: Fahrgäste erhalten Details über das Fahrzeug und den Fahrer, um sicherzustellen, dass sie in das richtige Auto einsteigen. Sie können Angaben über ihre Reise in Echtzeit an Freunde übermitteln, auch der jeweilige Ort wird mittels GPS aufgezeichnet. Die App hat einen Notfallknopf, um die Polizei zu informieren – und zumindest in den USA werden die Fahrtdaten automatisch an die Rettungsdienste gesandt.

Uber ist zehn Jahre alt und behauptet, in den vergangenen zwei Jahren mehr für die Sicherheit der Fahrgäste getan zu haben als in den acht Jahren zuvor. Daraus liesse sich folgern, dass die Sicherheit am Anfang nicht oberste Priorität hatte – und das bestärkt eine grundsätzliche Kritik an Tech-Unternehmen: In der Begeisterung über ihre Innovationen können andere Aspekte intern in den Hintergrund gedrängt werden. Uber hat das verkrustete Taxigewerbe aufgebrochen und darüber Probleme vernachlässigt, die es schon gab, als Taxis noch Kutschen waren.

Wenig Anzeigen, wenig Anklagen

Als Ägypterin stammt Rana Kortam aus einem Land, in dem der Missbrauch von Frauen sehr weit verbreitet ist. Doch es ist schwierig, das Problem zu beziffern, denn länderübergreifend werden solche Verbrechen aus verschiedenen Gründen selten angezeigt. Immerhin veröffentlicht TfL Zahlen über jene Fälle, die gemeldet werden: Im Jahr 2017 wurden 162 Sexualdelikte bei Taxifahrten in der britischen Hauptstadt angezeigt, davon 34 Vergewaltigungen. In insgesamt 24 Fällen folgte eine Anklage – allerdings nie gegen einen Fahrer eines Londoner «Black Cab», also eines traditionellen Taxis. Alle Anklagen bezogen sich auf Privatfahrer, zu denen auch die 45 000 in London über Uber vermittelten Fahrer zählen.

Für den Heimatmarkt USA hat Uber jüngst erstmals einen eigenen Sicherheitsbericht angefertigt. Nach diesem wurden in den Jahren 2017 und 2018 insgesamt 5981 Fälle von sexuellen Übergriffen gemeldet – dies bei insgesamt 2,3 Mrd. Fahrten. Das Klassifizieren der Fälle und die externe Überprüfung seien aufwendig gewesen, so die Uber-Managerin Kortam. Die Methodik werde nun weltweit bei der Aufnahme von Zwischenfällen angewandt. Ein Bericht für die USA soll alle zwei Jahre erstellt werden. Ob ähnliche Publikationen für andere Länder folgen, lässt sie offen.

Seit Jahren herrschen Zweifel

Auch wenn der Anteil von Verbrechen an der Gesamtzahl der Fahrten sehr klein ist – jeder Zwischenfall ist einer zu viel. In London ist die Transportbehörde seit Jahren unzufrieden: Schon 2017 hatte TfL die Lizenz des Unternehmens nicht verlängert, es folgte ebenfalls ein Rechtsstreit. Uber gewann und erhielt eine neue Lizenz bis September 2019, die TfL dann nur unerwartet kurz erstreckte, nämlich um zwei Monate. Auch in den vorangegangenen Konflikten war es um Mängel bei der Identifikation der Fahrer oder bei der Möglichkeit der Fahrgäste gegangen, Verbrechen zu melden. Uber sei nicht fit für den Einsatz, resümierte TfL im November. Uber hält dagegen, die grossen Fortschritte der Firma rechtfertigten eine neue Chance.

Rana Kortam verweist auf neue Tech-Ansätze, die derzeit in den USA erprobt werden. Dazu gehört, dass sowohl Fahrer als auch Fahrgast einen vierstelligen Code erhalten, den sie vor Fahrtbeginn vergleichen müssen. Getestet wird auch, ob sich die Handys beider Parteien automatisch erkennen können – dies alles, damit der Fahrgast in das richtige Auto steigt. Ein offizielles Taxi ist leicht zu identifizieren, ein Uber-Privatauto nicht, besonders in der Nacht und wenn der Fahrgast nach dem Ausgang angetrunken ist. Dass im richtigen Wagen ein (zumindest bis dahin) rechtschaffener Fahrer sitzt, soll auch die altmodische Überprüfung des Strafregisters garantieren, der sich Londoner Uber-Fahrer ebenso unterziehen müssen wie die «Black Cab»-Kollegen.

Uber fährt in der Verlustzone

Geschäftszahlen in $ (in Milliarden)

2016201720182019*–10–5051015

Für den langfristigen Erfolg von Uber – trotz einem Umsatz von mehr als 11 Mrd. $ im Jahr 2018 erwirtschaftete das Unternehmen aus San Francisco noch keinen Betriebsgewinn – dürfte es allerdings wichtig sein, nicht nur das Vertrauen von Frauen als Fahrgästen zu erhalten, sondern auch das von Fahrerinnen zu gewinnen. In einigen amerikanischen Städten seien bereits fast 30% der Chauffeure weiblich, berichtet Kortam. Doch global variiere der Anteil erheblich. Zu den Gründen dafür zählten die lokale Kultur, die Zulassungskosten und abermals die Sicherheit.

Frauen fahren für Frauen

Mehr Frauen hinter das Steuer zu bekommen, ist ein Ziel von Uber. Auch hier kann Tech helfen: In Saudiarabien und Brasilien testet Uber eine Funktion in der App, mit der Fahrerinnen einstellen können, dass sie nur weibliche Gäste erhalten. Das erleichtert ihnen den Einstieg in das Geschäft. «Wenn die Fahrerinnen erfahrener werden, setzen sie die Funktion seltener ein, etwa nur noch nachts oder bei Fahrten in unbekannten Vierteln», sagt Kortam. Aber weil ein Restrisiko eben immer bleibt und Vertrauen leicht verspielt wird, ist Ubers grösste Baustelle derzeit nicht Brasilien, sondern Grossbritannien.

Sie können Benjamin Triebe, Wirtschaftskorrespondent für das Vereinigte Königreich und Irland, auf Twitter folgen.

Themes
ICO