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Die «Titelfabrik» wird zum «Circus Maximus» – aber Titelverteidiger SCB bleibt ein Titan

Die SCB-Spieler nach der Testspiel-Niederlage gegen Red Bull München am Sonntag, 6. September 2020. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Die «Titelfabrik» wird zum «Circus Maximus» – aber Titelverteidiger SCB bleibt ein Titan

Der SC Bern steckt nach drei Titeln in fünf Jahren in der schwierigsten Umbruchphase seit dem Wiederaufstieg von 1986. Ausgerechnet in dieser kritischen Lage überlässt SCB-Manager Marc Lüthi die Führung der Mannschaft und der Sportabteilung zwei Zauberlehrlingen. Der Erfolg ist fraglich. Aber beste Unterhaltung hingegen garantiert. Und darauf kommt es Marc Lüthi ja an.

Diese Weisheit des grossen Enzo Ferrari wird oft zitiert, aber von den Managern immer wieder ignoriert: Es ist wichtig zu wissen, warum man nicht gewonnen hat. Aber noch wichtiger ist es zu wissen, warum man gewonnen hat.

Warum hat der SCB in den letzten fünf Jahren Jahren so oft gewonnen (drei Titel, drei Qualifikationssiege)? Weil Sportchef Sven Leuenberger (seit 2017 in Zürich) seinem Nachfolger Alex Chatelain ein meisterliches Erbe hinterlassen hat, und weil Kari Jalonen so gnadenlos ein Maximum herauszuholen vermochte, dass der schleichende Substanzverlust erst im letzten Frühjahr zum Absturz geführt hat. Der Meister verpasste die Playoffs.

Der SCB hat auch 2014 als Meister die Playoffs nicht erreicht. Aber schon zwei Jahre später den nächsten Titel gefeiert. 2014 war also ein Betriebsunfall. Aber 2020 ist kein Betriebsunfall. Die Berner stehen vor der schwierigsten Umbruchphase seit dem Wiederaufstieg von 1986.

Der SCB wie der HCD?

Jedes Sportunternehmen kommt in solche «Wechseljahre». Sie können inspirierend wirken. Wie im Song der Scorpions:

«The future's in the air
I can feel it everywhere
Blowing with the wind of change»

So war es letzte Saison in Davos. Der neue Sportdirektor Raëto Raffainer und der neue Trainer Christian Wohlwend führten eine Mannschaft in die Spitzengruppe zurück, die im Vorjahr die Schmach der Playouts erlitten hatte. Am Ende fehlten bloss zwei Punkte oder ein Sieg für Platz 1.

Der SCB wie der HCD? Theoretisch wäre es möglich. Auch beim SCB ist die Sportabteilung unter neuer Leitung und auch der SCB vertraut einem neuen Trainer, der zuvor fast nur mit Junioren gearbeitet hat. Sportchefin Florence Schelling und Trainer Don Nachbaur wie Raëto Raffainer und Christian Wohlwend?

SCB taumelt ratlos übers Saisonende hinaus

Es wäre fast ein Eishockeymärchen, wenn dem SCB die Renaissance so schnell gelingen würde. Der grosse Unterschied: HCD-Präsident Gaudenz Domenig wusste, was er bei der Krisenbewältigung tat. SCB-Manager Marc Lüthi weiss es eigentlich nicht.

Der HCD-Präsident (so wie Marc Lüthi in Bern hat er in Davos das letzte Wort) verpflichtete mit Verbands-Sportdirektor Raëto Raffainer den Architekten der internationalen Renaissance unseres Hockeys. Und mit ihm eine Hockeyphilosophie plus den dazu passenden Trainer.

Der SCB taumelte hingegen ratlos übers Saisonende hinaus, brauchte Wochen, um nach insgesamt vier Absagen doch noch eine Sportchefin zu finden, hat mit Alex Chatelain den Vorgänger von Florence Schelling behalten und schliesslich erst Ende Juni den neuen Trainer Don Nachbaur angestellt. Hinter diesem Vorgehen steckt keine Philosophie – ausser jene, dass der neue Trainer so billig wie nur möglich sein musste. Der Spardruck ist ohne Mäzen eben viel grösser als in Zürich, Zug oder Lugano.

Mut zum abenteuerlichen Risiko

Und so folgt auf den finnischen Meistertrainer mit Don Nachbauer ein kanadischer Zauberlehrling, der auf diesem Niveau noch nie eine Profimannschaft geführt hat. Und die neue Sportchefin Florence Schelling hat überhaupt keine Führungserfahrung im Profisport. Auch sie also ein Zauberlehrling.

Dieser Mut zum abenteuerlichen personellen Risiko auf den wichtigsten sportlichen Kaderpositionen garantiert dem SCB Medienpräsenz über die Landesgrenzen hinaus. Aber das Risiko ist erheblich, dass aus der «Titelfabrik» SC Bern so ein «Circus Maximus» auf Glatteis wird. Diese Abkehr von hohen sportlichen Zielen und Ausrichtung auf gute Unterhaltung wird das Publikum in Bern höchstens zwei Jahre goutieren. Der SCB ist und bleibt ein Sportunternehmen und kein Zirkus. Die letzte Wahrheit steht auch in Bern oben auf der Resultattafel.

Wie sind die sportlichen Aussichten? Nun, kein anderer ausländischer Trainer der SCB-Neuzeit ist bei seinem Amtsantritt kritischer beurteilt worden. Don Nachbaur mag nur marginale Erfahrung im Profihockey haben. Aber er ist ein «Bilderbuch-Nordamerikaner», der diese schwierige Aufgabe mit ansteckendem Optimismus nach dem Motto «Ich habe keine Chance, also packe ich sie» angeht. Er lässt erfrischendes Energiehockey spielen und ist als Kommunikator so gut wie sein oberster Boss Marc Lüthi.

Das Jammern über Langeweile wird verstummen

In Bern ist in den letzten Jahren über die fehlende Förderung der jungen Spieler geklagt worden. So gesehen ist ein neuer Trainer, der die meiste Zeit seines Lebens mit Junioren gearbeitet hat, nicht der falsche Mann. Ob Don Nachbaur auch mit den Stars umgehen und sich ohne die Rückendeckung von Lars Leuenberger (jetzt Trainer in Biel) behaupten kann, ist eine ganz andere Frage. Ob Energie- statt Systemhockey mit einer der langsameren Mannschaften der Liga das richtige Konzept ist, darf hinterfragt werden. Aber eines wissen wir: Die Unterhaltung wird grandios sein und das Jammern über Langeweile verstummen.

In Bern gibt es gewisse Anzeichen einer heraufziehenden sportlichen Depression. Überalterte Schlüsselspieler, Unsicherheiten auf der Torhüterposition und kein klares, auf die tatsächlichen Möglichkeiten der Mannschaft zugeschnittenes Konzept. Wenigstens kann noch eine Weile auf den taktischen Geleisen gefahren werden, die noch von Kari Jalonen gelegt worden sind. Aber schon jetzt ist die Mannschaft im Spiel mit der Scheibe besser als im Spiel ohne Puck.

Der SCB hat nicht bessere Ausländer und nicht den besseren Trainer als letzte Saison. Die Playoffs sind nur zu erreichen, wenn der Start gelingt und in einem «goldenen Herbst» Emotionen entfacht werden, die es der Mannschaft ermöglichen, über ihrem Nominalwert zu spielen. So gesehen ist die temporäre Verpflichtung von Gaëtan Haas (er bleibt bis die NHL-Camps beginnen) der wichtigste Transfer. Schwierig war er nicht: Der WM-Silberheld kann aufgrund seines Vertrages in der Schweiz nur in Bern spielen.

Der Titan SC Bern taumelt mit einer erfrischend nativen sportlichen Führung in die neue Saison. Aber nach wie vor hat der SCB das spielerische Potenzial eines Titanen. Den SCB zu unterschätzen wäre fatal.

Prognose

Von Platz 6 bis Platz 10 ist alles möglich. Sicher ist nur eines: Marc Lüthi wird auch im nächsten Frühjahr noch SCB-Manager sein.

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