Switzerland

Die Super League gerät selbst gegenüber Österreich ins Hintertreffen: Warum für einen Schweizer Fussballer Salzburg mehr zählt als Basel

In Europa verschärft sich die Dominanz der fünf Topligen. Vor allem fehlendes Fernsehgeld bringt die Schweiz zusehends in Bedrängnis. Das führt dazu, dass der Schweizer Meister YB im Vergleich mit dem spanischen Abstiegskandidaten Leganés nicht mehr konkurrenzfähig ist.

Viel TV-Geld und technische Kreativität in der Premier League: Kameramann bei Everton gegen Watford.

Viel TV-Geld und technische Kreativität in der Premier League: Kameramann bei Everton gegen Watford.

Mike Egerton / imago

Der noch nicht 20-jährige Noah Okafor springt Ende Januar auf die nächste Stufe. Das Talent des FC Basel kommt aber nicht wie vor ihm Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri oder Yann Sommer direkt in der Bundesliga unter, sondern in der österreichischen Liga. Österreich scheint mehr zu bieten als die Schweiz, auch wenn Okafor beim verlorenen Spitzenkampf gegen Linz (2:3) letzte Woche nur auf der Ersatzbank sitzt.

Gleichzeitig hat der YB-Stürmer Roger Assalé genug vom Titelrennen in der Schweiz. Er zieht in Spanien mit Leganés den Kampf gegen den Abstieg vor und wurde bis jetzt bei einem Remis und einer Niederlage zwei Mal eingesetzt – 31 und 8 Minuten. Das sind keine guten Signale für den Schweizer Klubfussball, obschon Okafor dem FC Basel über 10 Millionen Euro einbringt und Assalé vorerst nur leihweise weg ist.

Die Gründe für solche Transfers sind vielschichtig. Der neue Okafor-Klub Salzburg ist ein Ausnahmemodell und hat mit der österreichischen Realität wenig zu tun. Salzburg transferierte seit dem Sommer 2019 nicht weniger als sieben Spieler in die Bundesliga – für über 100 Millionen Euro. In letzter Zeit siedelte der 19-jährige Erling Haaland nach Dortmund über. Das könnte auch die Phantasie der Familie Okafor beflügeln.

Letztlich hat Salzburg dem FC Basel den Rang abgelaufen, obschon sich die Österreicher erst 2019 erstmals für die Champions League qualifizierten. Österreich stiess vor allem dank dem Klub, der über den Red-Bull-Konzern mit Leipzig verbandelt ist, im Uefa-Ranking auf den 12. Rang vor. Weil gleichzeitig der Schweiz unter anderem die Basler Resultate von früher fehlen, ist sie auf den 20. Platz abgerutscht.

Auch darum heisst’s in Salzburg: Servus, Noah Okafor. Die Champions League ruft.

Im Benchmarking-Bericht des Europäischen Fussballverbandes (Uefa) zeigen Zahlen, warum Assalé neu für Leganés stürmt. In der Schweiz geben die Klubs der höchsten Liga jährlich durchschnittlich 15 Millionen Euro für Löhne aus. In Spanien sind es 100 Millionen, wobei die grossen Kaliber aus Barcelona und Madrid den Betrag hochtreiben.

Ein Klub wie Leganés erhielt 2018/19 in Spanien allein aus den audiovisuellen Rechten fast 50 Millionen Euro. Der Schweizer Champion YB wies für 2018 unter dem Posten «Übertragungsrechte, Prämien national» knapp 4 Millionen aus.

Auch darum heisst’s in Leganés: Hola, Roger Assalé.

Die Big 5 haben die mit Abstand höchsten Saläre

Durchschnittliche Lohnsumme der Kluborganisationen in der obersten Liga, jährlich, in Euro (in Millionen)

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Das detaillierte Zahlenmaterial der Uefa legt dar, wie sich die fünf Topligen, genannt Big 5, immer noch deutlicher vom Rest absetzen. Darunter leiden kleinere Ligen wie diejenige in der Schweiz. Die Big 5 generieren mittlerweile 75 Prozent des Umsatzes im europäischen Fussball.

Die Milliarde ist zur Masseinheit geworden. Jedes Jahr werden in Europa 1000 Millionen mehr erwirtschaftet, was vor allem auf steigende Fernseheinnahmen und Uefa-Prämien sowie auf explodierende Transfervolumen zurückzuführen ist. Schweizer Klubs profitieren insofern davon, als dass auch ihre Transfererlöse und Uefa-Gelder im Verhältnis angewachsen sind – sofern sie sich für die Uefa-Wettbewerbe qualifizierten.

Anteil der Big 5 wird grösser

Anteil an den Gesamteinnahmen der europäischen Fussballligen, in %

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Doch der Klumpfuss bleibt die Domäne Fernsehen. Mit nicht einmal 40 Millionen Euro pro Jahr, von denen erst noch 25 Prozent eine Stufe tiefer in die Challenge League fliessen, bleibt der hiesige Gesamterlös um 10 Millionen hinter demjenigen von Leganés zurück. Leganés! Die Kluft ist exorbitant. Der neue und noch zu verhandelnde Fernsehvertrag verspricht ab 2021 zumindest nicht mehr. Die Schweiz fristet ein einsames Dasein, weil in Absenz des Fernsehens fast zwei Drittel der Mittel über den Ticketverkauf und das Sponsoring generiert werden. Auch Mäzene greifen in ihre Taschen.

Nur Russland hat weniger TV-Erlöse als die Schweiz

Einnahmenstruktur der zwölf ökonomisch stärksten Ligen Europas, in %

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Der Bulldozer bei den audiovisuellen Erträgen ist die Premier League. Nur Barcelona, Real Madrid und Juventus Turin durchbrechen die britische Phalanx auf den ersten zwanzig Plätzen. Klubs wie Bournemouth, Watford oder Huddersfield deckten 2018 um die 90 Prozent ihres Bedarfs durch TV-Einnahmen.

In England gibt es 70 Mal mehr TV-Geld als in der Schweiz

Pro Klub, in Euro (in Millionen)

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Doch die Schweizer Klubs sollten sich ohnehin nicht mit den Big 5 vergleichen. Laut der Uefa wurden in der obersten Schweizer Liga 2018 ungefähr 215 Millionen Euro generiert – Transfers exklusive. Das bedeutet immerhin Rang 12 in Europa – punkto Wirtschaftskraft. Noch vor den Österreichern, vor den Skandinaviern und vor den Zyprioten, die den 25. Platz belegen und nur ungefähr einen Viertel der Schweizer Mittel aus dem Fussball ziehen. Und trotzdem liegen alle Länder im Uefa-Ranking nach sportlichen Kriterien, die für den Zugang zu den Uefa-Wettbewerben massgeblich sind, zum Teil deutlich vor der Schweiz.

Das heisst: Die Super League ist zwar ökonomisch stärker, hat aber in den letzten Jahren auf internationalem Terrain deutlich weniger gut gearbeitet als die obersten Ligen anderer kleiner Fussballländer. Der Vergleich zwischen Apoel Nikosia und dem FC Basel in der Europa League ist auch unter diesem Aspekt von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Uefa-Rang 16 trifft auf Uefa-Rang 20. Am Donnerstag findet das Hinspiel in Nikosia statt.

In der finalen Phase der Champions League weist eine glatte Null auf die Dominanz der Big 5 hin. Kein einziger Verein ausserhalb der Topligen vermochte sich für die Achtelfinals der Königsklasse zu qualifizieren. Das grosse Uefa-Geld fliesst dieses Jahr ausschliesslich zu den Big 5. Der Anfang der geschlossenen Liga der Grossen? Nein. 2019 kamen zwar zwei «Kleine» weiter (Porto, Ajax), und 2018 sogar deren vier (Porto, Basel, Donezk, Besiktas). Aber 2017 waren es ebenfalls nur zwei. Den Höchststand markierten 2012 fünf Aufmüpfige aus den kleinen Ligen, Basel inklusive. Aber was war im Jahr zuvor gewesen? Schon damals geigten nur zwei Kleine im Konzert der Grossen mit. Schwankungen gab’s schon immer. Es hätte auch 2019/20 weniger günstig für die Big 5 herauskommen können. Ajax, Donezk und Benfica scheiterten nur knapp.

Achtelfinalisten der Champions League

Nicht Big 5

Jahr Anzahl Klubs
2020 0 -
2019 2 Porto, Ajax
2018 4 Porto, Basel, Donezk, Besiktas Istanbul
2017 2 Porto, Benfica
2016 5 Benfica, Zenit, Gent, Eindhoven, Kiew
2015 3 Porto, Basel, Donezk
2014 3 Zenit, Piräus, Galatasaray
2013 4 Porto, Donezk, Galatasaray, Celtic Glasgow
2012 5 Nikosia, Basel, ZSKA, Zenit, Benfica
2011 2 Donezk, Kopenhagen
2010 3 Porto, ZSKA, Piräus

Die Beruhigungspille ändert nichts daran, dass die Lage für die Schweizer Liga ungemütlicher ist als auch schon. Die Transfers von Okafor und Assalé sind Ausdruck davon. Immerhin: Die zwei Spieler bringen Geld in die Schweizer Liga, deren Transfer-Nettoerlöse ein tragender Pfeiler der Finanzierung sind. 2018 brachten in die Big 5 abwandernde Spieler wie Elyounoussi und Vaclik für Basel, Cunha für den FC Sion, Nuhu für YB und Dwamena für den FCZ beträchtliche Geldsummen ein.

England kauft auf dem Transfermarkt am meisten ein

Ausgaben netto, in Millionen Euro

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