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«Die Sorgen haben ihn erdrückt»

Der hessische Finanzminister Thomas Schäfer hat sich offenbar aus Sorge über die Bewältigung der Virusepidemie selbst getötet. Die Tat löste Bestürzung aus.

Ein Gespann, das sich schätzte: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (links) mit seinem Finanzminister Thomas Schäfer. Schäfer wurde am Samstag tot aufgefunden. Die Polizei geht von einem Suizid aus.

Ein Gespann, das sich schätzte: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (links) mit seinem Finanzminister Thomas Schäfer. Schäfer wurde am Samstag tot aufgefunden. Die Polizei geht von einem Suizid aus.

Foto: Keystone

Seit zehn Jahren regiert Volker Bouffier das deutsche Bundesland Hessen, aber eine so traurige Ansprache musste der Ministerpräsident noch nie halten. «Geschockt, fassungslos, unendlich traurig» habe er erfahren, dass sein Freund Thomas Schäfer am Samstag gestorben sei, sagte Bouffier am Sonntagmittag. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von einem Suizid aus.

Der 54-jährige Schäfer hatte dem 68-jährigen Bouffier seit zehn Jahren als Finanzminister gedient. Beide gehören den Christdemokraten an, Schäfer galt als wahrscheinlichster Nachfolger, sollte der 2018 zum zweiten Mal wiedergewählte Bouffier sich aus dem Amt zurückziehen.

Schäfer habe in verschiedenen Funktionen mehr als zwei Jahrzehnte lang hervorragend für Hessen und seine sechs Millionen Einwohner gearbeitet, sagte Bouffier in der Ansprache. Er sei ein «exzellenter Fachmann und grossartiger Politiker» gewesen, geschätzt weit über die Grenzen Hessens hinaus. «Gerade ihn hätten wir in einer so schweren Zeit besonders gebraucht.»

Schäfer habe jene Besonnenheit und Tatkraft aufgebracht, auf die es jetzt ankomme. Er habe «buchstäblich bis zuletzt Tag und Nacht daran gearbeitet», diese Krise finanziell und organisatorisch zu bewältigen. «Wir müssen heute davon ausgehen, dass er sich grosse Sorgen machte, ob es gelingen könne, die riesigen Erwartungen in der Bevölkerung, insbesondere die finanziellen Hilfen, zu erfüllen. Ich muss davon ausgehen, dass ihn diese Sorgen erdrückt haben. Er fand offensichtlich keinen Ausweg mehr. Er war verzweifelt – und ging von uns.»

Abschiedsbrief hinterlassen

Schäfers Tod sei ein grosser Verlust für Hessen. «Wir verneigen uns vor ihm mit allergrösstem Respekt und tiefer Dankbarkeit.» Bei den letzten Worten versagte Bouffier die Stimme. Schäfer hinterlässt seine Frau und zwei Kinder, 9 und 12 Jahre alt. Offenbar hinterliess er einen privaten Abschiedsbrief, in dem er seine Verzweiflung begründete. Einige deutsche Medien berichteten über den Inhalt, die meisten nicht.

Schäfer hatte als Finanzminister beim Kampf gegen die Epidemie und ihre wirtschaftlichen Folgen zuletzt eine zentrale Rolle inne. Er spannte einen 8,5 Milliarden Euro umfassenden hessischen Rettungsschirm auf, stellte einen Nachtragshaushalt auf die Beine und lockerte die Schuldenbremse. «Am Geld wird die Bekämpfung der Corona-Krise nicht scheitern», sagte er noch am Donnerstag.

Viel Erfahrung mit Krisen

Mitarbeiter und Kabinettskollegen hatten Schäfer die innere Aufgewühltheit nicht angesehen. Auf sie hatte er gewirkt wie immer: verlässlich, zupackend – ein scheinbar unerschütterlicher Garant der Stabilität. Schäfer hatte, damals als Staatsekretär, bereits in der Finanzkrise 2008/2009 Erfahrungen mit Notpolitik gesammelt. Er koordinierte die Anstrengungen der Landesregierung, den Rüsselsheimer Autohersteller Opel zu retten. Um die Tochter des amerikanischen Konzerns General Motors mit ihren Tausenden von Angestellten zu erhalten, pendelte er als Mitglied eines Verhandlungsteams der deutschen Regierung wochenlang zwischen Hessen, Berlin und Washington hin und her.

Schäfers Tod löste in Hessen, wo die CDU seit 2014 zusammen mit den Grünen regiert, parteiübergreifend Bestürzung aus. Auch die Opposition trauerte. «Wir sind alle fassungslos über diesen Tod und dessen tragische Umstände», teilte Nancy Faeser, Fraktionschefin der Sozialdemokraten, mit. «Als Politiker war Thomas Schäfer gradlinig und durchsetzungsstark, schlagfertig und humorvoll. Die seelischen Schmerzen, die der Mensch Thomas Schäfer empfunden haben muss, sind uns leider verborgen geblieben.»

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