Switzerland

Die Schweizer halten sich trotz zweiter Welle kaum zurück – sie bleiben mobil und konsumfreudig

In der Corona-Krise verändert sich die Wirtschaftslage fast im Wochenrhythmus. Wir zeigen mit neuartigen Daten in neunzehn Grafiken den Verlauf der Krise – und wo wir gegenwärtig stehen.

Matthias Benz, René Höltschi, Gerald Hosp, Nicole Rütti, Florian Seliger

Die Schweiz zählt bei den Sars-CoV-2-Infektionen pro Kopf zu den Spitzenreitern in Europa. Aber das scheint die Bevölkerung nicht gross zu beeindrucken. Die Menschen haben ihr Mobilitäts- und Konsumverhalten bis jetzt nur geringfügig angepasst, wie neuartige Echtzeitdaten zeigen.

Laut diesen Daten haben die Schweizer ihre Aktivitäten im Oktober allenfalls leicht reduziert. Das mag auch mit den Herbstferien zusammenhängen. Bemerkenswert ist die Entwicklung vom 19. Oktober bis 25. Oktober – also nachdem der Bundesrat und verschiedene Kantone unter dem Eindruck stark steigender Fallzahlen die Corona-Massnahmen verschärft haben. Die Mobilität der Schweizer ist in der vergangenen Woche sogar wieder leicht gestiegen und das Kaufverhalten ist rege geblieben.

Die Mobilität hat nur leicht abgenommen

Der Aktivitätsindikator bildet die Mobilität (z. B. Verkehrsaufkommen und täglich zurückgelegte Kilometer) und die Einkaufs- und Verkaufsaktivität (z. B. das Volumen und die Anzahl von Kredit-​ und Debitkartentransaktionen sowie Google-​Suchen nach Einkaufswaren) ab.

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 2020–40–30–20–10010412356

1 «Besondere Lage»: Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern (28. Februar)

2 «Ausserordentliche Lage»: Schliessung von Läden, Restaurants und Freizeiteinrichtungen (16. März)

3 Öffnung von Schulen, Läden und Gastronomie (11. Mai)

4 Grenzöffnungen (15. Juni) und grosszügige Lockerungen (22. Juni)

5 Infektionszahlen steigen stark (seit Anfang Oktober)

6 Bundesrat will neue Massnahmen zur Eindämmung verkünden (28. Oktober)

Dabei mag es innerhalb des Mobilitätsverhaltens gewisse Verschiebungen gegeben haben – etwa weniger Pendeln zum Arbeitsplatz, dafür mehr Mobilität in der Freizeit. Allerdings machen die Echtzeitdaten deutlich: Der grosse Rückzug in die eigenen vier Wände hat bis jetzt nicht stattgefunden.

Damit bietet sich ein ganz anderes Bild als bei der ersten Welle im Frühling. Damals schränkten sich die Schweizer bereits ein, bevor der Bundesrat offiziell den Lockdown ausrief – wohl aus Angst vor einer Ansteckung mit der neuartigen Krankheit. Die Mobilität der Menschen sowie Besuche in Geschäften gingen im März massiv zurück. Im Vergleich dazu nehmen sich die Verhaltensanpassungen in der gegenwärtigen zweiten Welle bescheiden aus.

Solche Schlüsse beruhen auf Echtzeitdaten, die Ökonomen seit Beginn der Corona-Krise systematisch sammeln, um die Wirtschaftsentwicklung auf Tages- oder Wochenbasis abzuschätzen.

Der gezeigte Aktivitätsindex der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) erfasst zum Beispiel auf täglicher Basis Mobilitätsdaten wie die (mittels Smartphone-App gemessenen) zurückgelegten Tagesdistanzen, die täglichen ÖV-Frequenzen oder das Verkehrsaufkommen im Individualverkehr. Auch die Kaufaktivitäten werden gemessen anhand des Einsatzes von Bank- und Kreditkarten sowie von Google-Suchanfragen für Einkaufswaren.

Einen vertieften Einblick in das Konsumverhalten der Schweizer liefert das Projekt «Monitoring Consumption Switzerland» rund um Ökonomen der Universität St. Gallen. Die Forscher haben gesamtschweizerische Konsumdaten auf Wochenbasis erhoben: Diese zeigen, welche Ausgaben die Schweizer mit Bank- und Kreditkarten tätigen und zum Teil auch, wie viel Bargeld sie an Automaten abheben.

Die Schweizer haben demnach in der vergangenen Woche insgesamt weiterhin rege konsumiert. Ein Einbruch des Privatkonsums wie während der ersten Welle ist nicht zu erkennen.

Die Schweizer konsumieren rege

Wöchentliche Ausgaben mittels Bank- und Kreditkarten sowie Bargeldbezüge an Automaten, Schweizerfranken (in Milliarden)

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 20200123412356

1 «Besondere Lage»: Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern (28. Februar)

2 «Ausserordentliche Lage»: Schliessung von Läden, Restaurants und Freizeiteinrichtungen (16. März)

3 Öffnung von Schulen, Läden und Gastronomie (11. Mai)

4 Grenzöffnungen (15. Juni) und grosszügige Lockerungen (22. Juni)

5 Infektionszahlen steigen stark (seit Anfang Oktober)

6 Bundesrat will neue Massnahmen zur Eindämmung verkünden (28. Oktober)

Allerdings finden unter der Oberfläche Verschiebungen statt. «Die Läden und Lokale in den Innenstädten verlieren gegenüber jenen in den Agglomerationen», sagt Wirtschaftsprofessor Martin Brown von der Universität St. Gallen. «Auch geben die Konsumenten jetzt weniger Geld in Restaurants sowie für Transport und Unterhaltung aus, während sie wie gewohnt Esswaren einkaufen.» Das dürfte eine gewisse Rückkehr zum Home-Office spiegeln.

Tatsächlich haben Lebensmittelgeschäfte laut den Echtzeitdaten bis jetzt von der Corona-Krise profitiert.

Der Schweizer Lebensmittelhandel profitierte

Wöchentliche Ausgaben mittels Bankkarten in Schweizerfranken im Jahr 2020, zum Vergleich 2019 (in Millionen)

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 20200100200300400500412356

1 «Besondere Lage»: Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern (28. Februar)

2 «Ausserordentliche Lage»: Schliessung von Läden, Restaurants und Freizeiteinrichtungen (16. März)

3 Öffnung von Schulen, Läden und Gastronomie (11. Mai)

4 Grenzöffnungen (15. Juni) und grosszügige Lockerungen (22. Juni)

5 Infektionszahlen steigen stark (seit Anfang Oktober)

6 Bundesrat will neue Massnahmen zur Eindämmung verkünden (28. Oktober)

Im Gegensatz dazu haben sich die jüngsten Verschärfungen der Corona-Massnahmen negativ auf Restaurants und Hotels ausgewirkt. In der vergangenen Woche gaben die Schweizer dort weniger Geld aus als in den Vorwochen. Allerdings sind die Einbussen bis jetzt begrenzt. Ähnliches gilt für Transportdienstleistungen (zum Beispiel Kauf von ÖV-Tickets) oder die Unterhaltungsbranche.

Restaurants und Hotels erleiden im Oktober Einbussen

Wöchentliche Ausgaben mittels Bankkarten in Schweizerfranken im Jahr 2020, zum Vergleich 2019 (in Millionen)

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 2020020406080100120123456

1 «Besondere Lage»: Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern (28. Februar)

2 «Ausserordentliche Lage»: Schliessung von Läden, Restaurants und Freizeiteinrichtungen (16. März)

3 Öffnung von Schulen, Läden und Gastronomie (11. Mai)

4 Grenzöffnungen (15. Juni) und grosszügige Lockerungen (22. Juni)

5 Infektionszahlen steigen stark (seit Anfang Oktober)

6 Bundesrat will neue Massnahmen zur Eindämmung verkünden (28. Oktober)

Das Transportgewerbe leidet noch immer

Wöchentliche Ausgaben mittels Bankkarten in Schweizerfranken im Jahr 2020, zum Vergleich 2019 (in Millionen)

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 20200102030412356

1 «Besondere Lage»: Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern (28. Februar)

2 «Ausserordentliche Lage»: Schliessung von Läden, Restaurants und Freizeiteinrichtungen (16. März)

3 Öffnung von Schulen, Läden und Gastronomie (11. Mai)

4 Grenzöffnungen (15. Juni) und grosszügige Lockerungen (22. Juni)

5 Infektionszahlen steigen stark (seit Anfang Oktober)

6 Bundesrat will neue Massnahmen zur Eindämmung verkünden (28. Oktober)

Die mangelnde Zurückhaltung der Schweizer ist zum einen eine gute Nachricht. Sie bedeutet, dass die Wirtschaftsleistung gegenwärtig bei weitem nicht so massiv zurückgehen dürfte wie im Frühling. Damit halten sich die ökonomischen Schäden vorerst im Rahmen.

Zum andern ist die Sorglosigkeit aber auch eine schlechte Nachricht. Die Pandemie dürfte sich so kaum erfolgreich eindämmen lassen. Es steigt deshalb die Gefahr, dass sich die Politik zu einem zweiten harten Lockdown veranlasst sieht – mit katastrophalen Folgen für die Wirtschaft.

Eine Verlangsamung des wirtschaftlichen Aufholprozesses kann man bereits in Österreich feststellen, wo die Zahl der Coronavirus-Infektionen in den vergangenen Wochen ebenfalls stark gestiegen ist.

Aus Österreich kommen die umfassendsten Echtzeit-Daten. Forscher der Notenbank haben einen wöchentlichen Indikator für die gesamte Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandprodukt) entwickelt.

Zum Beispiel wird mittels täglich verfügbaren Daten zur Benutzung von Bankkarten und Bargeld der Privatkonsum abgeschätzt. Informationen zum Lastwagenverkehr an der Grenze liefern Hinweise auf die Exporttätigkeit. Aus dem Stromverbrauch lässt sich auf die Industrieaktivität schliessen.

Der wöchentliche BIP-Indikator für Österreich zeigt, dass sich das Wirtschaftsgeschehen gegen Mitte Oktober abgeschwächt hat. Reisewarnungen mancher Länder für Österreich machen sich im Tourismus spürbar, und auch die Haushalte sind zurückhaltender geworden. Gegenwärtig ist eine BIP-Lücke von rund 5% gegenüber dem Vorjahresniveau aufzuholen.

Die BIP-Lücke ist wieder grösser geworden

Wöchentlicher BIP-Indikator für Österreich, Veränderung gegenüber dem Vorjahr, in %

März 2020März 2020März 2020März 2020März 2020April 2020April 2020April 2020April 2020Mai 2020Mai 2020Mai 2020Mai 2020Juni 2020Juni 2020Juni 2020Juni 2020Juni 2020Juli 2020Juli 2020Juli 2020Juli 2020Aug. 2020Aug. 2020Aug. 2020Aug. 2020Aug. 2020Sept. 2020Sept. 2020Sept. 2020Sept. 2020Okt. 2020–30–20–1001012345678

1 Lockdown tritt in Kraft (16. März)

2 Öffnung kleiner Geschäfte (14. April)

3 Öffnung aller Geschäfte (2. Mai)

4 Öffnung der Restaurants (15. Mai)

5 Öffnung von Hotels, Pensionen und Freizeiteinrichtungen (29. Mai)

6 Grenzöffnung zu den meisten europäischen Ländern (15. Juni)

7 Reisewarnungen zahlreicher Länder für Regionen Österreichs (ab 16. September)

8 Verschärfte Corona-Schutzbestimmungen (Ende September)

Damit hat sich in den vergangenen Wochen das Bild einer «95-Prozent-Wirtschaft» verfestigt. Zwar hat sich das Wirtschaftsleben nach dem Ende des Lockdowns im Frühling überraschend stark erholt. Aber im Sommer verlor der Aufschwung an Kraft, und nun drohen wegen der zweiten Welle neue schwere Rückschläge.

Das dürfte im Grossen und Ganzen auch auf die Schweiz und Deutschland zutreffen. Eine fortwährende 95-Prozent-Wirtschaft wäre ein enormes Problem, wie jüngst der deutsche Ökonom Clemens Fuest gegenüber dieser Zeitung ausgeführt hat.

Deutsche Konjunkturforscher achten derzeit verstärkt auch direkt auf Echtzeit-Indikatoren wie Stromverbrauch, Verkehrsdaten und Passantenaufkommen in Innenstädten.

Ein Beispiel ist der vom Statistischen Bundesamt veröffentlichte Fahrleistungsindex, der für die Dauer der Corona-Krise für jeden Arbeitstag aktualisiert wird. Er misst die Fahrleistung der mautpflichtigen Lastwagen mit mindestens vier Achsen auf Bundesautobahnen. Da die Lkw-Fahrleistung laut dem Statistikamt in engem Zusammenhang mit der Industrieproduktion steht, liefert der Index frühe Hinweise zur Konjunkturentwicklung.

Die Lastwagen kehren auf Deutschlands Strassen zurück

Täglicher Lkw-Maut-Fahrleistungsindex (2015 = 100, saison- und kalenderbereinigt) im Jahr 2020

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 20209010011012012345

1 Lockdown: Schliessung von Geschäften (mit Ausnahmen), Kneipen usw. (16. März)

2 Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen (22. März)

3 Beginn der schrittweisen Lockerung mit der Öffnung kleinerer Läden in den meisten Bundesländern (20. April)

4 Grenzöffnung zu allen Nachbarländern (15. Juni)

5 Bund-Länder-Beschluss zu Personenobergrenzen bei Veranstaltungen und Sperrstunden (14. Oktober)

Nach dem Lockdown in Deutschland ging der Lastwagenverkehr massiv zurück. Seither hat er sich spürbar erholt. Im August verkehrten erstmals deutlich mehr Lkw auf deutschen Bundesstrassen als im Vorjahr. Auch im Oktober war dies trotz zweiter Welle noch der Fall.

Zugleich wäre es aber verfrüht, aus der Normalisierung des Lastwagenverkehrs auf eine baldige Normalisierung der ganzen Volkswirtschaft zu schliessen. Manche Sektoren wie zum Beispiel Tourismus und das Messewesen liegen noch immer darnieder, die Binnenkonjunktur wird auch von temporären staatlichen Hilfsmassnahmen und den Kurzarbeitsregeln gestützt, und die für Deutschland wichtigen Exporte leiden noch immer unter den weltweiten Corona-Folgen. Vor diesem Hintergrund erwartet das deutsche Wirtschaftsministerium laut seiner jüngsten Konjunkturprojektion, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) erst Anfang 2022 das Vorkrisenniveau wieder erreichen dürfte.

Das Projekt «Track the Recovery» rund um den Harvard-Ökonomen Raj Chetty hat innovative Echtzeit-Daten für die USA zusammengetragen. Gesammelt werden täglich oder wöchentlich verfügbare Daten zum Privatkonsum, zur Lohnentwicklung, zum Arbeitsmarkt oder zur Lage der Unternehmen.

Die Schätzungen zum Privatkonsum basieren auf Daten von Zahlungsverkehr-Dienstleistern. Sie zeigen einen drastischen Verlauf der Krise. Nach dem Lockdown brach der Konsum um über 30% ein. Nach den ersten Öffnungen erholte sich das Ausgabenverhalten der Amerikaner.

Erholung des Privatkonsums in den USA kommt langsam voran

Veränderung gegenüber Januar, in %

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 2020–40–30–20–1001012345

1 Verkündung des nationalen Notstands (13. März)

2 Kalifornien ordnet als erster US-Staat an, dass seine Bügerinnen und Bürger zu Hause bleiben sollen (19. März)

3 Präsident Trump präsentiert Richtlinien für stufenweise Lockerungen (16. April)

4 Einige Gliedstaaten schliessen wieder Bars und Freizeiteinrichtungen wegen stark steigender Fallzahlen (Anfang Juli)

5 Trumps Covid-19-Erkrankung wird öffentlich (2. Oktober)

Aber die Erholung verlief nur schleppend. So konsumierten beispielsweise die Schweizer bereits im Mai und Juni wieder rege; ihr Privatkonsum näherte sich dem Vorkrisenniveau an. Zudem stockte der amerikanische Aufholprozess im Sommer, weil in vielen US-Gliedstaaten eine zweite Welle an Coronavirus-Infektionen um sich griff. Im Oktober scheint die Erholung des Privatkonsums allerdings wieder etwas vorangekommen zu sein.

Dabei gibt es grosse Unterschiede zwischen verschiedenen Konsum-Kategorien. Lebensmittelläden erlebten während der ganzen Corona-Krise einen Boom. Mitte Oktober gaben die Amerikaner immer noch um 11% mehr für Lebensmittel aus als vor der Krise. Hingegen wendeten sie um 45% weniger für Transport-Dienstleistungen auf. Das zeigt grosse Verschiebungen zwischen den Wirtschaftsbereichen.

«Kommt es zu einer Konkurswelle und Massenentlassungen?», so lautet die Frage, die Konjunkturforscher derzeit stark bewegt. Treten solche Krisenphänomene gehäuft auf, wird die Erholung wohl Jahre auf sich warten lassen. Die Folgen wären Wohlstandsverluste auf breiter Front. Bleiben hingegen solche schwerwiegenden Krisenfolgen aus, stünden die Chancen auf eine allmähliche wirtschaftliche Erholung ohne einschneidende Spätfolgen gut.

Daten der Plattform Moneyhouse, die sich auf tägliche Handelsregistereinträge abstützt, lassen momentan keine Häufung von Konkursen im Vergleich mit dem Vorjahr erkennen. Dies hängt nicht zuletzt mit dem vom Bundesrat verkündeten vorübergehenden Rechtsstillstand im Betreibungswesen mit anschliessenden «Betreibungsferien» zusammen, der zu einer Entlastung der Unternehmen beigetragen hat: Bis zum Ende der gesetzlichen Betreibungsferien, dem 19. April, ist die Anzahl der Konkurse und Liquidationen stark zurückgegangen. Danach zeigt sich ein gewisser Aufholeffekt, doch der befürchtete Aufwärtssprung ist bisher ausgeblieben.

Die Anzahl der Konkurse liegt ungefähr auf Vorjahresniveau

Anzahl Konkurse und Liquidationen pro Tag, gleitender Sieben-Tage-Durchschnitt

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 2020020406080100120123

1 Rechtsstillstand im Betreibungswesen (18. März)

2 Ende der gesetzlichen «Betreibungsferien» (19. April)

3 Insolvenzrechtliche Massnahmen (Aussetzung der Überschuldungsanzeige und Covid-19-Stundung) laufen aus

Für eine Entwarnung gibt es jedoch keinen Anlass, da einige Firmenschliessungen durch den erleichterten Zugang zu Kurzarbeit und das Covid-19-Kreditprogramm lediglich aufgeschoben worden sein dürften. Ausserdem hat die Konkurshäufigkeit auch nach vergangenen Wirtschaftskrisen nicht abrupt, sondern jeweils graduell zugenommen. Es könnte durchaus sein, dass die befürchtete Konkurswelle erst zeitverzögert eintritt. So dürfte die neuerliche Verschärfung der Corona-Lage zum Beispiel dazu führen, dass es in der Stadthotellerie in den kommenden Monaten zu vielen Schliessungen kommen wird.

Konkurse liegen in keiner Branche deutlich über Vorjahresniveau

Anzahl Konkurse und Liquidationen pro Tag nach Branchen, gleitender 14-Tage-Durchschnitt

Konkurse liegen in keiner Branche deutlich über Vorjahresniveau - Anzahl Konkurse und Liquidationen pro Tag nach Branchen, gleitender 14-Tage-Durchschnitt

Firmenneugründungen bilden die andere Seite der Medaille – wenn Unternehmen aus dem Markt ausscheiden, können diese wenigstens teilweise durch neue Unternehmen ersetzt werden. Die Zahl der Neugründungen ist erwartungsgemäss mit Beginn des Lockdown eingebrochen. Mit den Lockerungen stieg sie im Mai wieder an.

Von Juni bis Mitte Juli erreichte die Zahl der Firmenneugründungen sogar ein Rekordniveau. Im August liess die Gründungsdynamik wieder etwas nach, sie bewegt sich aber immer noch über Vorjahresniveau.

Nachholeffekt nach Ende des Lockdown

Anzahl Neugründungen von Firmen pro Tag, gleitender Sieben-Tage-Durchschnitt

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 20200100200300412356

1 «Besondere Lage»: Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern (28. Februar)

2 «Ausserordentliche Lage»: Schliessung von Läden, Restaurants und Freizeiteinrichtungen (16. März)

3 Öffnung von Schulen, Läden und Gastronomie (11. Mai)

4 Grenzöffnungen (15. Juni) und grosszügige Lockerungen (22. Juni)

5 Infektionszahlen steigen stark (seit Anfang Oktober)

6 Bundesrat will neue Massnahmen zur Eindämmung verkünden (28. Oktober)

Warum ausgerechnet jetzt Firmen gegründet werden, kann unterschiedliche Ursachen haben: Vermutlich dürften Nachholeffekte aber die grösste Rolle spielen, wie auch die Forscher von der KOF Konjunkturforschungsstelle vermuten.

Nachholbedarf vor allem im Handel und im verarbeitenden Gewerbe

Anzahl Firmenneugründungen pro Tag nach Branchen, gleitender 14-Tage-Durchschnitt

Nachholbedarf vor allem im Handel und im verarbeitenden Gewerbe - Anzahl Firmenneugründungen pro Tag nach Branchen, gleitender 14-Tage-Durchschnitt

Die Corona-Krise wird mittelfristig wohl deutliche Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen. Täglich verfügbare Daten aus dem Job-Room des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigen, dass die Zahl der registrierten Kandidaten, die eine Stelle suchen, zurzeit deutlich höher als im Vorjahr ist.

Die Zahl der Stellensuchenden liegt deutlich über Vorjahresniveau

Anzahl der Kandidaten im Job-Room-Portal des Seco (in Tausend)

Jan. 2020Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 2020050100150200

Auch wöchentliche Daten aus den USA zeigen, dass die Zahl der Stellenangebote immer noch unter dem Vorkrisenniveau liegt.

Die Zahl der Stellenangebote liegt deutlich unter dem Niveau vom Januar

Job-Angebote in den USA, in % des Januar-Werts

Jan. 2020Jan. 2020Jan. 2020Jan. 2020Febr. 2020Febr. 2020Febr. 2020Febr. 2020März 2020März 2020März 2020März 2020April 2020April 2020April 2020April 2020Mai 2020Mai 2020Mai 2020Mai 2020Mai 2020Juni 2020Juni 2020Juni 2020Juni 2020Juli 2020Juli 2020Juli 2020Juli 2020Juli 2020Aug. 2020Aug. 2020Aug. 2020Aug. 2020Sept. 2020Sept. 2020Sept. 2020Sept. 2020Okt. 2020Okt. 2020Okt. 2020–40–20020

Das Schweizer Marktforschungsunternehmen Evalueserve hat einen Work-Resumption-Index für 36 Länder erstellt. Er misst, zu welchem Grad sich das Arbeitsleben in den einzelnen Ländern normalisiert hat.

Der Indikator basiert auf sechs Variablen: Stickstoffdioxidemissionen, Arbeitsplatz- und Ladenbesuche, Verkehrs- und Flugdaten sowie Beschränkungen für Grenzübertritte. Der Index wird in Prozent gemessen und erlaubt damit einen Vergleich zur Vorkrisenzeit.

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung des Indikators über die vergangenen Monate. Die Farbskala gibt an, wie stark das Arbeitsleben während dieser Zeit reduziert wurde bzw. wie es sich wieder erholt hat. Deutschland und Norwegen liegen im Moment in Europa vorne bei der Erholung. Der hohe Wert der Türkei kommt offenbar vor allem dadurch zustande, dass die Türkei den Tourismus offensiv fördert. In zahlreichen anderen europäischen Ländern ist der Indikator in den letzten Wochen aufgrund der stark steigenden Fallzahlen wieder zurückgegangen.

Deutschland liegt in Europa vorne bei der Erholung des Arbeitslebens

Work-Resumption-Index, in Prozent des Vorkrisenniveaus; die Prozentzahlen rechts der Balken beziehen sich auf die zuletzt verfügbaren Wochenwerte.

Deutschland liegt in Europa vorne bei der Erholung des Arbeitslebens - Work-Resumption-Index, in Prozent des Vorkrisenniveaus; die Prozentzahlen rechts der Balken beziehen sich auf die zuletzt verfügbaren Wochenwerte.

Forscher der Oxford University haben zudem einen Stringency-Index zusammenstellt. Er misst, wie stark Regierungen weltweit das Alltags- und das Wirtschaftsleben eingeschränkt bzw. diese Einschränkungen wieder gelockert haben. In den täglich ermittelten Index fliessen etwa Schliessungen von Schulen und Läden, Verbote von Versammlungen und Veranstaltungen, Ausgangssperren oder Grenzschliessungen ein.

Der Index spiegelt nicht direkt die Wirtschaftsaktivität. Aber er bildet gewissermassen die angebotsseitigen Beschränkungen für die Wirtschaft ab: Was lässt sich wirtschaftlich machen? Kann produziert, gehandelt und gearbeitet werden? Je stärker die Restriktionen gelockert werden, desto mehr kann sich das Wirtschaftsleben grundsätzlich wieder erholen.

Die Grafik zeigt die Entwicklung des Indikators über die letzten Wochen für ausgewählte Länder. Die Farbskala richtet sich hierbei nach der Stärke der Einschränkungen. Je tiefer der Prozentwert, desto weniger Einschränkungen hat ein Land. In vielen Staaten wurden die Einschränkungen jüngst wieder verstärkt. In Israel beispielsweise wurde ein zweiter Lockdown verhängt. Israel landet daher am Schluss der Liste, obwohl es mittlerweile wieder erste Lockerungen gibt.

In Neuseeland gibt es aktuell am wenigsten Einschränkungen

Oxford-Stringency-Index, wöchentlicher Durchschnitt in Prozent; die Prozentzahlen rechts der Balken beziehen sich auf die zuletzt verfügbaren Wochenwerte.

In Neuseeland gibt es aktuell am wenigsten Einschränkungen - Oxford-Stringency-Index, wöchentlicher Durchschnitt in Prozent; die Prozentzahlen rechts der Balken beziehen sich auf die zuletzt verfügbaren Wochenwerte.

In der Corona-Krise sind sowohl das internationale Reisegeschäft wie der Welthandel massiv eingebrochen. Mit Blick auf das Reisen zeigt sich dies an der Zahl der kommerziellen Flüge. Ökonomen der Welthandelsorganisation (WTO) berechnen auf Tagesbasis einen Indikator zu den weltweiten Flugbewegungen.

Während des Lockdown sind die Passagier- und Frachtflüge um drei Viertel zurückgegangen. Danach setzte eine Erholung ein. Aber seit dem Sommer stagnieren die weltweiten Flugbewegungen bei rund 55% des Vorjahresniveaus. Einreisebeschränkungen, Reisewarnungen und Quarantänelisten lassen die Menschen weiterhin vor Flugreisen zurückschrecken.

Nur schwache Erholung der Flugbranche

Kommerzielle Flüge weltweit, täglich (gleitender 7-Tage-Durchschnitt) (in Tausend)

Jan. 2020Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 2020050100150

Die schleppende Erholung zeigt sich auch bei den täglichen Abflügen vom Flughafen Zürich. In den vergangenen Wochen gab es sogar wieder einen deutlichen Rückgang, auch im Vergleich mit dem Vorjahr.

Die Anzahl der Abflüge am Flughafen Zürich erreicht nicht einmal mehr 30% des Vorjahresniveaus

Tägliche Abflüge vom Flughafen Zürich, gleitender 7-Tage-Durchschnitt

Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 20200100200300400500

Im Gegensatz zum weltweiten Verkehr von Menschen hat sich der internationale Austausch von Gütern viel stärker erholt. Zwar wird auch ein Teil des Welthandels per Flugzeug abgewickelt, aber aussagekräftiger sind Daten zum Schiffsverkehr. Rund 90% des weltweiten Güterhandels werden gemessen am Gewicht per Schiff verfrachtet. Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IMF) schätzen täglich den Umfang des Seehandels anhand von Navigations- und Schiffsdaten.

Diese Zahlen zeigen, dass die Erholung schon weit fortgeschritten ist. Nach einem starken Einbruch im Frühjahr erreichten die chinesischen Exporte per Schiff im Juli wieder die Vorjahresergebnisse. Bei Schiffsladungen von und nach Amerika war dies im August der Fall, für die Euro-Länder im September. Allerdings erfolgt der Handel in Europa zu einem grossen Teil auch per Bahn und Strasse.

Die jüngsten Prognosen der WTO deuten auf eine ähnliche Entwicklung hin: Die Handelsorganisation geht davon aus, dass der Welthandel in diesem Jahr insgesamt um 9,2% zurückgeht. Zuvor betrug die Schätzung selbst im optimistischsten Szenario ein Minus von 12,9%. Asien dürfte weniger stark unter der Pandemie leiden als Europa oder die USA.

Chinas Exporte laufen bestens

Schiffsladungen im Jahr 2020 relativ zum Durchschnitt von 2017 bis 2019, in %

Jan. 2020Febr. 2020März 2020April 2020Mai 2020Juni 2020Juli 2020Aug. 2020Sept. 2020Okt. 2020406080100120140

Zu Daten und Methodik. Früher sah man die Wirtschaft nur im Rückspiegel: Bis verlässliche Daten zum Wirtschaftsverlauf vorlagen, vergingen meist einige Wochen oder Monate. Aber in der Corona-Krise ist schlagartig ein grosses Interesse an zeitnahen Informationen erwacht.

Zahlreiche Ökonomen sind deshalb kreativ geworden. Sie haben neue Datenquellen erschlossen, um die Wirtschaftsaktivität fast in Echtzeit zu messen. Die Daten zeigen zum Beispiel, wie die Menschen in der Krise den Konsum eingeschränkt haben und wie sich das Wirtschaftsleben nach der Lockerung des Lockdown wieder belebt.

Wir geben einen Überblick über innovative Wirtschaftsdaten zur Schweiz, zu Österreich und zu Deutschland sowie zur weltweiten Wirtschaftsaktivität. Die gezeigten Zahlen und Grafiken werden jeweils Mitte Woche aktualisiert. So können Sie selbst verfolgen, wie die wirtschaftliche Erholung vorankommt.

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