Switzerland

Die Schweiz hat bei der Beschaffung des Impfstoffs viel riskiert – hat sich das gelohnt?

Die Schweiz hat bei der Beschaffung des Impfstoffs viel riskiert – hat sich das gelohnt?

Annick Ramp / NZZ

Zu zögerlich. Zu langsam. Zu geizig. Diese Vorwürfe hört die Chefin der Schweizer Impfstoffstrategie derzeit ständig. Doch schon Ende Monat soll der Impfstoff von AstraZeneca zugelassen werden. Der Bund hat davon mehrere Millionen Dosen bestellt.

Kommt ein Impfstoff? Wann? Welcher wird es sein? Und wie kann sich die Schweiz genügend davon sichern? Als sich Nora Kronig für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in den globalen Verteilkampf um Impfstoffe stürzte, hatte sie vor allem eines: viele Fragen. Die kleine, aber reiche Schweiz verhandelte mit den gleichen Pharmakonzernen, mit denen auch die EU und die USA feilschten. Klar war nur: Die Schweiz würde vergleichsweise wenig bestellen, bei den anderen ging es um Hunderte Millionen Dosen. Und Kronig wusste, was auf dem Spiel steht. Der Impfstoff ist – Stand heute – der einzige Ausweg aus der Pandemie.

Entsprechend gross ist der Druck, der auf der Vizedirektorin des BAG lastet. Kronig leitet die Arbeitsgruppe, die für die Beschaffung der Impfstoffe verantwortlich ist. Während Monaten haben sie und ihr Team mit Pharmafirmen, Staaten und multilateralen Organisationen verhandelt. Der Imperativ dabei: Je schneller geimpft werden kann, desto besser. Jeder Tag, der ohne Impfstoff verstreicht, kostet Leben.

Kronigs vorläufige Bilanz: Rund 15 Millionen bestellte Impfdosen. Verträge mit den drei Herstellern Moderna, Biontech/Pfizer und AstraZeneca. Die Vakzine der ersten beiden Firmen haben von der Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic bereits die Zulassung erhalten. Auf den ersten Blick ein spektakuläres Resultat. Denn als Kronig die Verträge abschloss, war noch unklar, welche der über 150 Impfstoffkandidaten sich durchsetzen werden.

Und doch haben sich in den vergangenen Wochen Kritiker zu Wort gemeldet – aus der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Bevölkerung. Die Impfstoffe kämen zu spät, heisst es. Und die Schweiz habe zu wenig bestellt. Das beweise ein Blick nach Israel. Dort hätten bereits 20 Prozent der Bevölkerung eine erste Impfdosis erhalten. In der Schweiz wurden gemäss Schätzungen des BAG erst 66 000 Personen geimpft. Das ist weniger als 1 Prozent der Bevölkerung. Ist die Kritik also berechtigt? Und wie kam die Schweiz überhaupt zu den Verträgen?

Die BAG-Vizedirektorin Nora Kronig ist dafür verantwortlich, dass die Schweiz rechtzeitig genügend Impfdosen bekommt.

Die BAG-Vizedirektorin Nora Kronig ist dafür verantwortlich, dass die Schweiz rechtzeitig genügend Impfdosen bekommt.

Peter Klaunzer / Keystone

Der Bund verhandelte lange mit Pfizer – eine Hochrisikostrategie?

«Wir führen Gespräche mit verschiedenen Anbietern.» So lautete bis im Sommer die Standardantwort des BAG an jene, die sich nach dem Stand der Impfstoffbeschaffung erkundigten. Erst später kamen Informationen zu einzelnen Verträgen an die Öffentlichkeit – tröpfchenweise. Es macht den Anschein, als habe der Bund mit dem Feuer gespielt: Erst am 7. Dezember verkündete er den Abschluss eines Vertrages mit Biontech/Pfizer. Grossbritannien hatte zu diesem Zeitpunkt den Impfstoff des deutsch-amerikanischen Gespanns bereits zugelassen. Rund zwei Wochen nach dem Vertragsabschluss gab auch Swissmedic grünes Licht. Nora Kronig und ihr Team verhandelten also ausgerechnet bei einem der vielversprechendsten Vakzine sehr lange – aus Aussensicht fast aufreizend lange.

In Wirklichkeit kam die Vereinbarung mit Biontech/Pfizer allerdings nicht erst in letzter Minute zustande. Bereits im Oktober hatte die Schweiz einen Vorvertrag mit dem amerikanischen Hersteller abgeschlossen, wie Kronig bestätigt. «Der war bindend.» Vieles, darunter die Liefermenge, sei schon früh festgestanden. Am Telefon spricht die 40-Jährige über ihre Erfahrungen mit der historischen Impfstoffbeschaffung. Sie wirkt offener als bei ihren Auftritten an den Pressekonferenzen des Bundes. «Ich glaube nicht, dass es dringelegen hätte, schneller oder mehr Impfstoff von Pfizer zu bekommen, wenn wir früher dran gewesen wären.»

Stimmt das? Gemäss einer zuverlässigen Quelle soll Pfizer der Schweiz 6 Millionen Impfdosen angeboten haben. Diese habe aber dankend abgelehnt: Man wolle nur 3 Millionen. Später kam der Bund auf den Entscheid zurück: Plötzlich wollte man doch die ursprünglich angebotene Menge. Doch es war zu spät. Wirtschaftsvertreter sagen auch, die Schweiz habe lange auf Details beharrt und sei bei den Verhandlungen pedantisch gewesen. Kronig will sich zu diesen Vorwürfen nicht äussern. Sie beruft sich darauf, dass Verträge und Verhandlungstaktik Verschwiegenheit erforderten.

Klar ist: Das BAG konnte sich vom Pfizer-Impfstoff nur 3 Millionen Dosen sichern. Weil es zwei Impfungen pro Person braucht, reicht dies nur für 1,5 Millionen Menschen. Wäre am vergangenen Dienstag nicht das Moderna-Vakzin von Swissmedic zugelassen worden, wäre die grösste Impfkampagne in der Geschichte der Schweiz zum Scheitern verurteilt. Fuhr das BAG eine Hochrisikostrategie? «Nein», findet Nora Kronig. «Klar, wir mussten gewisse Risiken eingehen», räumt sie ein. Aber das sei in einer Pandemie normal.

Kronig: «Man kauft etwas ein, das noch gar nicht existiert»

Die Schweizer Impfkampagne verärgert viele. Risikopersonen warten auf einen Impftermin, und Politiker fordern, es müsse schneller gehen, damit die Corona-Massnahmen endlich gelockert werden könnten. Das liegt nicht nur an den verfügbaren Impfdosen, sondern auch an der Logistik: Ein Teil der Kantone war schlecht vorbereitet. Doch Stimmen aus der Wirtschaft und dem Gesundheitsbereich werfen dem Bund vor, bei der Impfstoffbestellung zu zögerlich vorgegangen zu sein. Andreas Faller, ein ehemaliger Vizedirektor des BAG, sagte zu Radio SRF, das Zögern sei der Grund, weshalb die Schweiz derzeit wenige Dosen zur Verfügung habe.

Warum hat die Schweiz nicht frühzeitig mit Dutzenden Impfstoffherstellern Verträge abgeschlossen? «Sie müssen sich das so vorstellen: Man kauft etwas ein, das noch gar nicht existiert», erklärt Kronig. Während die Schweiz bei Pfizer eher spät dran war, gehörte sie zu den ersten Ländern, die auf Moderna setzten. Kronig erinnert sich noch genau an den Tag Anfang Juni, als sie ihre Unterschrift unter einen Vorvertrag mit Moderna setzte. Drei weitere Personen mussten mitunterzeichnen: der damalige BAG-Chef Pascal Strupler und zwei Direktionsmitglieder aus dem Verteidigungsdepartement. Der Bundesrat redete bei diesem wichtigen Entscheid nicht mit.

Die Schweiz bezieht vor allem den Impfstoff von Moderna

Impfstoffdosen bestellt, nach Lieferant (in Millionen)

AstraZeneca (noch keine Zulassung)

051015

Vieles war Ende Juni noch unklar. Moderna konnte etwa erste vielversprechende Daten liefern. Doch die amerikanische Firma, die international wenig bekannt und obendrein defizitär war, stellte einen neuartigen Impfstoff her. Sie setzte auf mRNA – eine Technologie, die vorher noch nie verwendet worden war. Trotz dieser Unsicherheit hat sich der Bund zu einem Vertrag verpflichtet. Kronig sagt: «Das hat mich lange beschäftigt.»

Zwei Impfstoffe sind in der Schweiz bereits zugelassen. Beide müssen stark gekühlt gelagert werden.

Zwei Impfstoffe sind in der Schweiz bereits zugelassen. Beide müssen stark gekühlt gelagert werden.

Georgios Kefalas / Keystone

Je schneller geimpft werden kann, desto besser. Eine Pflegefachfrau spritzt im Lausanner Impfzentrum einer Frau das Vakzin von Biontech/Pfizer.

Je schneller geimpft werden kann, desto besser. Eine Pflegefachfrau spritzt im Lausanner Impfzentrum einer Frau das Vakzin von Biontech/Pfizer.

Laurent Gillieron / Keystone

Als Diplomatin weiss die gebürtige Genferin, wie man verhandelt – eine Expertin für Impfstoffe ist sie allerdings nicht. Deshalb hat Kronig zwar mit anderen Staaten gefeilscht, nicht aber mit den Herstellern der Vakzine. Durch die bilateralen und multilateralen Verhandlungen hat sich die Schweiz einen Teil der reservierten Impfdosen gesichert. Wichtiger waren aber die direkten Kontakte zu Herstellern. Dafür holte sich das BAG einen externen Experten als Delegierten für Impfstoffbeschaffung mit ins Boot: Andrin Oswald. Er schien für diese Rolle prädestiniert.

Ohne die Zulassung des Moderna-Impfstoffs hätte die Schweiz Geld verloren

Von 2008 bis 2015 war Oswald der Chef der Impfstoffsparte von Novartis. Danach arbeitete er in einer Führungsfunktion für die Bill and Melinda Gates Foundation, die viel Geld in die Entwicklung innovativer Vakzine steckt. Das Wettrennen der Impfstoffhersteller um einen Schutz gegen das H1N1-Virus, die sogenannte Schweinegrippe, sei für ihn eine prägende Erfahrung gewesen, sagt Oswald im Gespräch.

Im Frühjahr suchte Oswald über einen Mittelsmann den Kontakt zum BAG und bot seine Mitarbeit an. Am 19. März nahm er an der ersten Sitzung der Arbeitsgruppe teil. «Die Schwierigkeit für eine Behörde besteht darin, möglichst früh mit der Vorbereitung auf eine Pandemie zu beginnen, ohne dabei alarmistisch zu wirken», sagt Oswald. Dazu gelte es in Szenarien zu denken. Und sich auch zu fragen, was im schlimmsten Fall zu tun wäre.

Oswald malte sich damals als Horrorszenario aus, dass der im April verhängte Lockdown bis in den Oktober dauern könnte – und man trotz den Massnahmen die Pandemie nicht in den Griff bekommt. In der Not wäre seines Erachtens auch ein Impfstoff eine Option gewesen, der erst Studiendaten aus der Phase II vorzuweisen gehabt hätte. Auch auf solche Situationen müssten sich die Länder vorbereiten. «Dass sich Regierungsstäbe damit befassen, ist aber kein einfaches Unterfangen.»

Für den Bund war die Unterstützung eines Praktikers mit Erfahrung und einem Netzwerk in der Pharmabranche wertvoll. Auch dass die Schweizer Firma Lonza in Visp den Moderna-Impfstoff herstelle, sei ein Vorteil gewesen, sagt Nora Kronig: «Es hat uns sicher geholfen, dass ein Schweizer Konzern bei Moderna dabei war.» Dadurch war es einfacher, einen direkten Draht zum amerikanischen Impfstoffentwickler zu finden.

In der Impfstoffzentrale: Bundesrat Alain Berset lässt sich zusammen mit der Walliser Kantonsregierung erklären, wie Lonza in Visp den Moderna-Impfstoff herstellt.

In der Impfstoffzentrale: Bundesrat Alain Berset lässt sich zusammen mit der Walliser Kantonsregierung erklären, wie Lonza in Visp den Moderna-Impfstoff herstellt.

Alessandro Della Valle / Keystone

Der Bundesrat gab Kronig, Oswald und den restlichen Mitgliedern des BAG-Teams drei Ziele vor:

Für das erste Ziel war der frühe Vertragsabschluss mit Moderna im Sommer entscheidend. «Der Hersteller trägt das Risiko durch einen solchen Vertrag nicht mehr alleine», sagt Kronig. Und: «Wir wollten mit unserem Beitrag sicherstellen, dass ein Impfstoff kommt.» Daraus lässt sich ableiten: Die Schweiz hätte Geld verloren, wenn der Moderna-Impfstoff nicht zugelassen worden wäre. Um welche Summe es dabei geht, will die BAG-Vizedirektorin aber nicht offenlegen.

Die Meilensteine bei der Impfstoffbeschaffung

Täglich bestätigte Neuinfektionen in der Schweiz und in Liechtenstein, 7-Tage-Schnitt

1 25. Februar: erster bestätigter Covid-19-Fall in der Schweiz

2 19. März: BAG-Arbeitsgruppe für Impfstoffbeschaffung tagt erstmals formell

3 Anfang Juni: Vorvertrag mit Moderna

4 7. August: Vertrag mit Moderna (4,5 Mio. Impfdosen) unterzeichnet

5 Mitte Oktober: Vertrag mit AstraZeneca (5,3 Mio. Dosen) und Vorvertrag mit Biontech/Pfizer

6 7./8. Dezember: Vertrag mit Biontech/Pfizer (3 Mio. Dosen) und Moderna (weitere 3 Mio. Dosen)

7 19./22. Dezember: Swissmedic lässt Impfstoff von Biontech/Pfizer zu, erste Lieferung

8 12. Januar: Swissmedic lässt Impfstoff von Moderna zu

Andrin Oswald zieht Parallelen zu Finanzgeschäften: Die Reservationen seien eigentliche Optionsverträge. Wolle man früh sein, müsse man entscheiden und investieren, wenn die Unsicherheiten noch gross seien. Bei einem Fehlschlag sei das Geld weg, und man stehe mit leeren Händen da. «Wenn es nicht klappt, ist einem die öffentliche Schelte sicher.» Ein Land bestelle immer zu viel oder zu wenig Impfstoff. «Eine Punktlandung gibt es nie», weiss Oswald aus Erfahrung. Die Verträge sehen in der Regel vor, dass die Impfstoffdosen pro rata über einen längeren Zeitraum geliefert werden. Wer einen Grossteil der Bevölkerung innert weniger Monate impfen will, muss deshalb gemäss Oswald ein Mehrfaches der benötigten Menge bestellen. Dazu, warum der Bund das bei Moderna und Biontech/Pfizer unterlassen hat, will er sich nicht äussern.

Vermutlich war das BAG wegen seiner Erfahrungen bei der Schweinegrippe zurückhaltend. Als der Bund 2011 nicht benötigten Impfstoff im Wert von 56 Millionen Franken vernichtete, gab es starke Kritik. Hätte sich die Situation auch bei der Corona-Pandemie weltweit entspannt, hätte die Schweiz allenfalls Mühe gehabt, überzählige Impfdosen weiterzuverkaufen. Aber schon im Herbst war aufgrund der zweiten Welle in vielen Ländern absehbar, dass Impfstoffe extrem begehrt sein würden.

Die Schweiz muss kreativ sein, um nicht leer auszugehen

Die Schweiz verfolgte schon früh eine möglichst breite Strategie: Sie wollte von den drei geläufigsten Impfstofftypen jeweils mindestens zwei reservieren. mRNA-basierte Impfstoffe wie jene von Moderna und Biontech/Pfizer sind nun als Erste auf den Markt gekommen. Technologisch sind sie ein Novum. Auch vektorbasierte Impfstoffe wie jener von AstraZeneca sind bis jetzt wenig geläufig. Am verbreitetsten sind sogenannte Tot-Impfstoffe. Deren Entwickler scheinen von einem Durchbruch aber noch weit entfernt zu sein. Trotzdem hält die Schweiz an der Drei-Typen-Strategie fest. Kronig erklärt dies so: «Wir wissen noch nicht, wie lange der Impfschutz anhält. Vor allem längerfristig könnten auch andere Impfungen wichtig werden.»

Sobald sich der Erfolg eines Impfstoffs abzeichnet, wird die Firma, die ihn entwickelt, mit Kaufangeboten überhäuft. Die Regierungen sind Bittsteller, die Produzenten der Vakzine haben die Qual der Wahl, wen sie beliefern wollen. «Grosse Länder können starken Druck auf die Unternehmen ausüben, um sich den Zugang zu Impfstoffen zu sichern», sagt Oswald. Staaten wie die Schweiz müssten kreativer sein. Für ein kleines Land sei entscheidend, früh Interesse zu signalisieren und den Firmen Hilfe anzubieten.

Die Schweiz brauchte möglichst viele Informationen – über die Preise und die Verfügbarkeit der Vakzine sowie Vereinbarungen mit anderen Staaten. Kronig verrät: «Ich habe eng mit dem britischen Kollegen zusammengearbeitet. Das half enorm, auch für andere Dimensionen.» Dimensionen: Dieses Wort verwendet Nora Kronig oft, wenn sie über die Verhandlungen spricht und keine Details verraten will.

Wie schwierig war es, die richtigen Kandidaten auszuwählen?

Stephan Krähenbühl leitet die medizinische Expertengruppe, die Swissmedic berät. Er sagt, man habe dem BAG keine Tipps gegeben, auf welche Impfstoffe es setzen solle. Swissmedic habe nur regelmässig über den Stand der Zulassungsverfahren informiert. «Das Amt hat also von sich aus richtig spekuliert.»

Bei den mehr als 150 Impfstoffkandidaten, die im Frühling ins Rennen gingen, unterschied das BAG drei Kategorien: Zur ersten gehörten akademische Forscher, die viele Ideen lieferten, bei denen sich aber früh abzeichnete, dass sie gar nicht oder allenfalls erst spät industriell produzieren könnten. Die zweite Kategorie waren klassische, grosse Hersteller, die vor allem an etablierten Technologien forschten. Und zur dritten Kategorie zählten kleinere, innovative Unternehmen, die sich früh Partner suchen mussten, um die Produktion sicherstellen zu können – wie Moderna. Inzwischen ist klar: Die Grösse oder der Bekanntheitsgrad der Hersteller waren kein verlässlicher Indikator für die Chance auf Erfolg.

Dies zeigt sich allein daran, dass die Branchenleader GSK, Sanofi und Merck bis jetzt alle keinen wirkungsvollen Impfstoff vorweisen können. Die US-Firma Pfizer, die als Erste die Zulassung in der Schweiz bekommen hat, hat zwar auch bereits in der Vergangenheit erfolgreich Impfstoffe entwickelt. Doch der Coup beim Corona-Vakzin gelang nur in Zusammenarbeit mit Biontech, einem kleineren, innovativen Akteur aus Deutschland. Daneben ist Moderna als Underdog die Sensation gelungen.

Auch erste erfolgversprechende Resultate waren teilweise irreführend: Im Sommer sah es danach aus, als ob die britische Pharmafirma AstraZeneca das Impfstoffrennen gewinnen würde. Doch im September folgte ein erster Rückschlag: Der Hersteller unterbrach seine Studie, weil ein Proband eine Rückenmarkentzündung erlitt und ein möglicher Zusammenhang mit der Impfung geklärt werden musste. Trotzdem schloss die Schweiz im Oktober einen Vertrag mit AstraZeneca ab.

Auf diese Impfungen kann die Schweiz heute schon zählen: das Vakzin von Biontech/Pfizer . . .

Auf diese Impfungen kann die Schweiz heute schon zählen: das Vakzin von Biontech/Pfizer . . .

Ennio Leanza / Keystone

. . . und das der amerikanischen Firma Moderna.

. . . und das der amerikanischen Firma Moderna.

Rob Engelaar / EPA

Nachdem der Bund unterschrieben hatte, kam bald der zweite Rückschlag: AstraZeneca musste Fehler bei seiner Studie eingestehen. Statt von der zuerst prognostizierten Wirksamkeit von 90 Prozent war plötzlich von 70 Prozent die Rede. Auch dieses Resultat erscheint wenig zuverlässig. Ein Tolggen in Kronigs Verhandlungsheft?

Sie verteidigt sich: «Uns ist es lieber, dass ein Hersteller seine Studie abbricht, wenn es ein Problem gibt, und erst dann weitermacht, wenn dieses gelöst ist, anstatt alles durchzuwürgen.» Dadurch wirke er vertrauenswürdig. Die Wirksamkeit sehe nur im Vergleich zu den mRNA-Impfstoffen schlecht aus, bei denen man inzwischen davon ausgehe, dass sie rund neun von zehn Personen vor einer Ansteckung schützten. Doch diese seien spektakulär und völlig überraschend gewesen: «Die Schweiz wäre lange auch mit einer Wirksamkeit von 60 Prozent zufrieden gewesen.» Das sei mehr, als manche Grippeimpfstoffe böten.

Aufgrund der Probleme bei den Studien nahmen Experten noch vor kurzem an, dass es bis zur Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca noch Monate dauern könnte. Nun sieht es aber plötzlich deutlich besser aus: Wie zwei unabhängige Quellen bestätigen, rechnet der Bund damit, dass das Vakzin von AstraZeneca bereits Ende Januar zugelassen wird. Swissmedic hat dazu bereits eine Sitzung eingeplant. Zwar dürfte der Entscheid nicht ganz so reibungslos gefällt werden wie bei den anderen beiden Impfstoffen – primär wegen der Fehler in der Studie. Trotzdem wird es wohl für eine Zulassung reichen. Der Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi sagt auf Anfrage: «Wenn alles exemplarisch läuft und wir die nötigen Daten bald erhalten, kann es sehr schnell gehen bis zum nächsten Zulassungsentscheid.»

Das erklärt auch, weshalb sich Kronig in den letzten Wochen so siegessicher gab und öffentlich versprach, dass sich bis Ende Juni alle impfen lassen könnten, die das wollten. Bis jetzt hat die Schweiz «nur» 10,5 Millionen Impfdosen auf sicher. Mit denjenigen von AstraZeneca kämen 5,3 Millionen zusätzliche Dosen hinzu, womit sich insgesamt knapp 8 Millionen Menschen impfen lassen könnten. Weil die Impfstoffe für Kinder bisher nicht zugelassen sind, würde dies locker für alle reichen.

Die Schweiz nutzte EU-Kontakte nur bei AstraZeneca – weshalb?

In die Vereinbarung mit AstraZeneca ist – im Gegensatz zu den zwei anderen Schweizer Impfstoffverträgen – nicht nur der Hersteller involviert: Die Schweiz erhält die Impfdosen von Schweden ohne Aufpreis. Möglich macht dies ein Mechanismus in den Verträgen der EU, der es erlaubt, das Vakzin an Drittstaaten weiterzugeben. Diese Möglichkeit hätte die Schweiz auch bei anderen EU-Verträgen gehabt. Aber bisher hat sie sie nicht genutzt. Einiges deutet darauf hin, dass das BAG bilaterale Verträge bevorzugt – damit aber bei grösseren Herstellern teilweise auflief. Allenfalls hatten die EU-Mitgliedstaaten aber schlicht kein Interesse daran, mit der Schweiz zu teilen. Da viele EU-Länder selbst noch nicht wissen, wie viele Dosen von welchem Impfstoff sie erhalten, ist die zweite Option durchaus realistisch.

Kronig meint dazu nur: «Wir haben bei AstraZeneca die EU-Schiene gewählt, weil wir den Eindruck hatten, dass der Hersteller lieber mit Gruppierungen verhandelt als mit einzelnen Staaten.» Das Unternehmen spare so Ressourcen für die Verhandlungen. Wenn eine Organisation wie die EU selbst über die Verteilung des Impfstoffs entscheidet, muss sich der Hersteller zudem nicht vorwerfen lassen, er habe gewisse Länder übergangen.

Denkbar ist auch, dass Schweden beziehungsweise Brüssel der Schweiz mit dem AstraZeneca-Deal unter die Arme greifen wollte. Denn die umliegenden Länder haben ein Interesse daran, dass die Schweiz kein Seuchenherd bleibt. Andernfalls könnte das Virus wieder eingeschleppt werden. Das gilt auch umgekehrt. Das BAG achtete stark darauf, dass die Schweiz die Impfdosen ungefähr zeitgleich mit den Nachbarstaaten bekommt. Die Strategie scheint aufgegangen zu sein. Deutschland, Österreich und Italien konnten zwar bereits einen etwas grösseren Anteil ihrer Bevölkerung impfen. Allerdings sind die Schweizer Daten derzeit nicht vollständig, weil nicht alle Kantone ihre Zahlen liefern.

Die Schweiz liegt bei den Impfungen derzeit auf Rang 24

Anzahl der bereits verabreichten Impfungen gegen das Coronavirus weltweit, in Prozent der Bevölkerung, Top 30, nach Land

IsraelVAEGibraltarBahrainGrossbritannienUSADänemarkItalienIrlandSpanienIslandSlowenienLitauenKanadaEstlandDeutschlandUngarnPolenÖsterreichKroatienRumänienSlowakeiSchwedenSchweizLettlandChinaZypernPortugalRusslandGriechenland24,9815,457,426,444,943,372,231,611,571,451,431,421,41,221,121,010,990,980,940,930,870,870,790,760,70,690,690,690,690,68

«Wegen des Budgets auf nichts verzichtet»

Kontrolliert wird das BAG bei der Beschaffung vorerst nicht. Die Gesundheitskommission des Nationalrats hat den Prozess höchstens am Rande mitverfolgt, wie deren Präsidentin Ruth Humbel (cvp.) erklärt. «Das BAG hat uns regelmässig knapp informiert, wo es mit den Impfstoffverträgen steht.» Im Detail prüfen könnten den Beschaffungsprozess allerdings einzig die Finanzkontrolle oder die Geschäftsprüfungskommission.

Wie viel die Schweiz bezahlt hat, wissen nicht einmal Gesundheitspolitiker. Das BAG und der Bundesrat halten die Preise augenscheinlich so geheim wie den Standort eines Bundesratsbunkers. Auch in den meisten anderen Ländern schweigen die Regierungen. Wegen eines Fauxpas einer belgischen Ministerin – sie hatte vertrauliche Angaben auf Twitter veröffentlicht – ist immerhin bekannt, dass eine Biontech/Pfizer-Impfdose 12 Euro kosten soll. Bei Moderna wird über einen Preis von 15 Euro spekuliert, der Impfstoff von AstraZeneca soll mit 2 Euro deutlich günstiger sein. Bekam die Schweiz von der US-Firma Moderna, die einen Teil der Impfdosen von Lonza produzieren lässt, allenfalls einen günstigeren Preis?

Die Schweiz hat 5,3 Millionen Impfdosen von AstraZeneca bestellt. Das vektorbasierte Vakzin dürfte Ende Januar zugelassen werden.

Die Schweiz hat 5,3 Millionen Impfdosen von AstraZeneca bestellt. Das vektorbasierte Vakzin dürfte Ende Januar zugelassen werden.

Dan Himbrechts / Imago

«Wir sind zwar sorgfältig mit Steuergeldern umgegangen, aber wir haben wegen des Budgets auf nichts verzichtet», betont Kronig. Dies sei auch der Grund, weshalb der Kredit für die Beschaffung von 300 auf 400 Millionen Franken aufgestockt worden sei. Ob dies ausreicht, ist noch offen. Die Verhandlungen laufen gemäss BAG weiter. Dabei konzentriert sich die Schweiz derzeit auf neue, zusätzliche Hersteller. Dies liegt wohl unter anderem daran, dass der Lieferplan von Moderna und Biontech/Pfizer für die nächsten Monate bereits weitgehend ausgebucht ist.

Der Geschäftsführer von Interpharma, René Buholzer, ist überzeugt: Die Schweiz kann die Bevölkerung nur dann bis im Sommer durchimpfen, wenn der Impfstoff von AstraZeneca tatsächlich bald zugelassen wird. Das Risiko, dass etwas schiefgehe, bestehe aber immer. Aus volkswirtschaftlicher Sicht lohne es sich nicht, beim Einkauf knausrig zu sein. «Ich glaube, wir sollten uns einen vierten Impfstoff sichern, als Puffer.»

Anbieten würde sich beispielsweise der Impfstoff von Johnson&Johnson. Seit Dezember liegt auch vom US-Konzern ein Antrag auf Zulassung bei Swissmedic vor. Der fragliche Impfstoff soll mit nur einer Dosis seine Schutzwirkung entfalten. Resultate aus den grossen Patientenstudien könnten laut dem Forschungschef des Unternehmens bis Ende Februar vorliegen.

Die Fairness leidet

Es bleibt ein drittes Ziel, das der Bundesrat vorgeschrieben hat: Die Schweiz soll zur gerechten Verteilung der Impfstoffe beitragen. Nora Kronig bereitet diese «solidarische Dimension» zurzeit die grössten Sorgen. Die beiden bisher zugelassenen Impfstoffe sind sehr wirksam – aber auch sehr komplex. Schon in der Schweiz sorgt für logistische Probleme, dass die beiden Impfstoffe bei sehr tiefen Temperaturen gelagert werden müssen. «Wir haben klare Signale, dass es für ärmere Länder unmöglich sein wird, diese Impfstoffe zu lagern und zu verteilen.»

Dann wird es auch für die Organisation Covax schwierig, die extra gegründet wurde, um eine gerechte internationale Verteilung der Covid-19-Impfstoffe zu sichern. Die Schweiz setzt stark auf Covax. Sie will so nicht nur Impfdosen für bis zu 20 Prozent der eigenen Bevölkerung beschaffen, sondern auch das dritte Bundesratsziel erfüllen. Denn an Covax sind 172 Länder beteiligt, darunter auch viele, die Mühe haben, sich die Vakzine alleine zu sichern. Direkt auf einzelne Entwicklungsländer zugehen wird der Bund wohl selbst dann nicht, wenn er zu viele Impfdosen haben sollte. Kronig erklärt: «Wenn jedes Land auf eigene Faust entscheidet, wem es seine Dosen weitergibt, ist es fast unmöglich, dass alle Zugang bekommen.»

Das bisherige Fazit der historischen Beschaffungsaktion: Die Schweiz hat die richtigen Impfstoffe beschafft – und ziemlich sicher auch genügend davon. Dabei ist sie aber erhebliche Risiken eingegangen. Nun sind drei Faktoren entscheidend: dass sich die Leute impfen lassen, dass die Kantone ihre Impfkapazitäten ausbauen und dass die 10,5 Millionen Dosen von Moderna und Biontech/Pfizer innert nützlicher Frist in der Schweiz ankommen. Nora Kronig hat deswegen ein neues Ziel: Sie will das Liefertempo erhöhen. Gemäss jetzigem Stand sollen bis Ende Februar 1,5 Millionen Impfdosen in der Schweiz eintreffen. Schafft es Kronig, diese Zahl deutlich zu erhöhen, dürften ihre Kritiker verstummen. Es wäre ein Erfolg in fast allen Dimensionen.

Lassen sich in der Schweiz genügend Menschen impfen? Derzeit ist die Nachfrage gross. Und das BAG hat prominente Unterstützer – wie den Schriftsteller Franz Hohler, der sich öffentlichkeitswirksam impfen liess.

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Simon Tanner / NZZ

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