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Die Rolle des Journalisten Hans-Joachim Seppelt im Fall Johannes Dürr

Die Doping-Razzia «Operation Aderlass» erschütterte die Sportwelt. Wer war der Informant, der heikle Informationen des überführten Langläufers Johannes Dürr an einen Ermittler weitergab?

Ist der Betrüger Johannes Dürr auch ein Betrogener ?

Ist der Betrüger Johannes Dürr auch ein Betrogener ? 

Eibner / Imago

Am Ende muss ich noch einmal von meinem Freund erzählen. Von dem Langläufer Johannes Dürr, der doch nur Sportler sein wollte, nichts anderes als Sportler, bevor ihn am Ende jede seiner Rollen bekannter machte als jene des Langläufers. Zu zweit trainierten wir, schrieben ein Buch, teilten Sorgen, fochten erfolgreich einen als aussichtslos geltenden Kampf gegen den allmächtigen Österreichischen Skiverband (ÖSV). Und: Wir vertrauten in all dem unserer Freundschaft.

Doch Johannes Dürr hatte gelogen. Er hatte sein Doping-Doppelleben von Anfang an weitergeführt und war kurz davor gestanden, eine Art eigene Dopingzelle zu betreiben.

Wie umfassend Dürr all die Jahre unsere Freundschaft betrogen hatte, lässt sich mit einem Jahr Abstand nicht benennen. Hinter seinem Betrug könnte jedoch eine ganz andere Täuschung stehen. Unabhängig von seiner Schuld, von meiner Betroffenheit. Ein möglicher Vertrauensmissbrauch, begangen von anderer, unvermuteter Seite und bisher aus guten Gründen verborgen. Es ist die nicht erzählte Geschichte der «Operation Aderlass».

Prinz, Dürr und die «Operation Aderlass»

(smb.) Martin Prinz, geboren 1973 in Wien, ist Schriftsteller. Für das Buch «Der Weg zurück» begleitete er den österreichischen Skilangläufer Johannes Dürr, der an den Olympischen Spielen 2014 des Dopings überführt worden war. Prinz wollte Dürrs Bestrebungen beschreiben, nach der Sperre zurückzukehren, um Mechanismen des Spitzensports offenzulegen. Der Sportler präsentierte sich nach aussen in jener Zeit stets als geläuterter Athlet, der Doping kategorisch abgeschworen hat.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass dies gelogen war. Dürr dopte weiter. Dies blieb auch Prinz verborgen, obwohl er jahrelang intensiv mit dem Sportler zusammenarbeitete, sein Freund wurde und zeitweise als Co-Autor seine Kontakte zu den Medien übernahm. Ein Gericht bescheinigte dem Schriftsteller, von Dürr getäuscht und geschädigt worden zu sein. Das Buch «Der Weg zurück» war kurz nach dem Erscheinen in wesentlichen Teilen überholt.

Während der Buchrecherche trat der deutsche Fernsehjournalist Hans-Joachim Seppelt mit der Idee einer Fernsehdokumentation auf Dürr und Prinz zu. Im Januar 2019 kam es zur Ausstrahlung in der ARD. Im folgenden Monat erschütterte die Razzia «Operation Aderlass» an den nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld sowie an weiteren Orten den Spitzensport.

Festgenommen wurde unter anderem der Erfurter Arzt Mark Schmidt, der im Verdacht steht, mindestens 23 Athleten aus acht Nationen gedopt zu haben. Einer von ihnen war Dürr, der mittlerweile zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Dürr erklärte auf Anfrage, sich nicht mehr zu der Thematik äussern zu wollen. In der Schweiz gestand der ehemalige Radprofi Pirmin Lang, zu Schmidts Kunden gehört zu haben, nachdem ihn die NZZ mit entsprechenden Recherchen konfrontiert hatte. Der deutsche Arzt Schmidt sitzt in München in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess.

Wer aber auch immer mein Freund Johannes Dürr war, kein weiteres Wort hätte ich darüber schreiben können, läge hinter seinem Betrug und dem Umstand, dass sein Vertrauen missbraucht wurde, nicht vielleicht noch etwas weit Bedrohlicheres. Ein möglicher Vertrauensverlust in die Grundpfeiler einer unabhängigen und freien Presse: Autonomie, Informantenschutz, Transparenz. Jene Werte, auf die sich der Journalismus als vierte Gewalt in unserer demokratischen Gesellschaft zu berufen pflegt.

«Jetzt haben wir etwas»

Es begann damit, dass Johannes Dürr im September 2018 inmitten eines warmen, künstlich wirkenden Lichtkegels sass, vor laufenden Kameras, die Beine übergeschlagen, die Arme vor dem Körper verschränkt. Ihm gegenüber, bereits im Dunkel des zum Aufnahmestudio umfunktionierten Hotelraums von Oberhof, der TV-Journalist Hans-Joachim Seppelt. Hinter Seppelt ein Redakteur, manchmal zwei oder drei. Dahinter der Kameramann vor dem Monitor, der Personenschutz Seppelts sowie ich, der Verfasser dieser Zeilen, der auch damals mitschrieb. So war es mit Johannes Dürr ausgemacht.

An einem dieser Aufnahmetage schilderte Dürr, wie alles damit anfing, dass sein Trainer mit den Worten «Jetzt haben wir etwas!» in das Athletenzimmer trat. Auch den Namen des Trainers nannte Dürr, streng vertraulich und lediglich als Hintergrundinformation. Zur Mitarbeit an dieser TV-Doku hatte er sich im Vertrauen darauf entschlossen, dass es um keine Anklage gegen bestimmte Personen gehe. Inhalt sollten eine «Zustandsbeschreibung der Umstände im modernen Hochleistungssport» sein und ein «sehr persönliches Psychogramm». Das hatte ihm sein Gegenüber Hans-Joachim Seppelt vor Produktionsbeginn per E-Mail bestätigt. Auch sah eine an Dürr verschickte Mitwirkungsvereinbarung vor, dass in der Gestaltung der Dokumentation so vorzugehen sei, dass ein rechtliches Risiko für beide Seiten ausgeschlossen werde.

Zur Person

Hans-Joachim Seppelt

Hans-Joachim Seppelt

Journalist

An dem 21. September 2018 aber, an dem Johannes Dürr in Oberhof die Mitschrift des Interviews selbst verfasste, da ich für unser gemeinsames Buch an den Schreibtisch zurückmusste, gab es auf einmal Grund für Alarm: «Wir brauchen noch Wachstumshormone . . . Insulin on Tape . . . unbedingt noch fragen!» Diese Worte richtete Seppelt laut Dürrs Mitschrift an seine Kollegen. Entsprechend verärgert klang Dürrs Mailnachricht, als er mir spätabends das Protokoll schickte. Das Letzte, was er wollte, waren, wie er schrieb, jene gewohnten Doping-Geschichten, die am Ende maximal zu juristischen Schlammschlachten führten.

Dürr war kurz davor, die TV-Doku abzubrechen. Grund dafür gab es genug: Am Vortag erst hatte ihn eine Klagedrohung des Österreichischen Skiverbands erreicht. Gab er dem Verlangen des Skiverbandes nach, hätte er die Doku beenden müssen, weil ihn die Funktionäre zum Schweigen verpflichten wollten. Stellte er sich dem Rechtsstreit, war der Ausgang nicht nur juristisch ungewiss, sondern ökonomisch aussichtslos.

Rechtliche Unterstützung

Dass die Arbeit an der Doku trotz Dürrs Verärgerung weiterging, hatte nun vor allem damit zu tun, dass Hans-Joachim Seppelts Produktionsfirma Eye Opening Media umfassend für Dürrs rechtliche Unterstützung sorgte. So wurde ihm ein österreichischer Anwalt für den Rechtsstreit mit dem ÖSV zur Seite gestellt. Zudem beauftragte man zwei deutsche Rechtsanwälte, ein Gutachten über die straf- und sportrechtlichen Auswirkungen für den Fall einer exklusiv abgelegten Beichte zum bisher nicht eingestandenen Eigenblutdoping vor den Olympischen Spielen 2014 zu erstellen. Sosehr Dürr davor stets zurückgeschreckt war: Jetzt gab er nach. Zum einen befand er sich im Rechtsstreit mit dem ÖSV und brauchte einen Anwalt. Zum anderen fühlte sich Dürr durch das Ergebnis des Gutachtens beruhigt. Er vertraute offensichtlich darauf, dass die Angelegenheit für ihn glimpflich enden würde.

Anders hätte sich Dürr kaum derart sicher gefühlt, am 23. Januar 2019, wie die Akten zeigen, noch vor der Zeugeneinvernahme durch die Staatsanwaltschaft seinen deutschen Dopingarzt Mark Schmidt in aller Ruhe davon zu unterrichten. Bereits wenige Stunden später war dann alles ganz anders, und Johannes Dürr hatte nicht nur über die Rolle seines ehemaligen Trainers in Sachen EPO ausgesagt, sondern auch über Eigenblutdoping bei Schmidt in der Saison 2013/14.

Dürr rief mich an jenem Abend in heller Panik an. Er sei überrumpelt worden. Ermittler hätten ihm die vertraulichen Passagen jenes Interviews vorgelegt, in denen er nicht nur schilderte, mit welchen Worten der Trainer damals 2012 zu ihm und seinem Teamkollegen ins Zimmer getreten sei, sondern auch die Namen der Mittel und wie der Trainer heisse. Damit hätten ihn die Ermittler überrascht, worauf er nicht nur den Trainernamen bestätigt habe, sondern auch den ihm vorgelegten Namen des deutschen Arztes.

Wie aber war derart vertrauliches Interviewmaterial an die Staatsanwaltschaft gelangt? Hans-Joachim Seppelt, damit von Dürr und mir konfrontiert, reagierte souverän: schockiert zuerst, nicht einfach nur abwehrend, sondern mit dem Versprechen, all dem sogleich nachzugehen. Dazu brauche es jetzt aber Fakten, einerseits für Nachforschungen in der eigenen Redaktion, anderseits um eine Rücknahme der Aussagen anwaltlich beurteilen zu lassen. Denn auf eine solche drängte Dürr.

Die weiteren Ereignisse sind bekannt. Zuerst die grossangelegte Razzia an den nordischen Skiweltmeisterschaften im österreichischen Seefeld, am 5. März 2019 dann die Verhaftung Johannes Dürrs. Seine umfängliche Zeugenaussage vom Januar konnte Dürr nicht mehr zurücknehmen. Dass ihn nach seiner Verhaftung und dem Drohszenario einer Gefängnisstrafe ganz andere Fragen bedrängten als jene nach der Herkunft des ihm vorgelegten Interviewmaterials, ist nachvollziehbar. Er selbst war nun in der Öffentlichkeit zu einem geworden, über den man bestenfalls noch den Kopf schüttelte: ein Betrüger nach allen Seiten.

Welchen Sinn hätte es da gehabt, jene anzugreifen, die ihm eine wirksame Bühne für jene Rolle des Kronzeugen geben könnten, die ihm als einzige noch blieb? Tatsächlich erzählten fortan Hans-Joachim Seppelts Veröffentlichungen exklusiv wie keine anderen von Dürr. Das öffentliche Bild des Sportlers wurde durch Seppelts Twitter-Meldungen und seine ARD-Berichte geprägt, vor allem aber auch durch das, was er nicht erwähnte.

Ende Januar 2020 kam es in Innsbruck zum Prozess gegen Johannes Dürr. Ich beteiligte mich als Nebenkläger, weil ich – letztlich vergeblich - von meinem ehemaligen Freund, der mich mit seinem fortgesetzten Doping hintergangen hatte, Schadensersatz verlangte. In den Tagen vor der Verhandlung setzte ich mich intensiv mit den Prozessakten auseinander, um das Unbegreifliche irgendwie zu verstehen.

Der entscheidende Vermerk

Bis ich im holzgetäfelten Schwurgerichtssaal des Landesgerichts schliesslich Dürr und seinem früheren Trainer Gerald Heigl gegenübersass; beiden drohten Gefängnisstrafen. In einer der ersten Saalreihen verfolgte Seppelt die Verhandlung, umgeben von seinen Mitarbeitern. Ahnte er, dass ich in meinem Aktenstudium auf einen überaus heiklen Vermerk gestossen war? Aufgetaucht war er in den Dokumenten zu Heigls Verfahren, datiert mit dem 13. November 2018. Der zuständige Chefinspektor, so wird darin festgehalten, habe folgende vertrauliche Informationen erhalten:

«Dürr Johannes soll im September 2018 durch ein Journalistenteam (. . .) interviewt worden sein. Entgegen seiner bisherigen Verantwortung (. . .) gab Dürr dabei den Lieferanten der Dopingpräparate namentlich bekannt. Demnach habe Dürr sämtliche Dopingpräparate wie EPO, Wachstumshormone und Konsumationsanweisungen von seinem damaligen ÖSV-Langlauf-Cheftrainer Gerald Heigl erhalten. (. . .) Dürr gab im Interview des Weiteren bekannt, dass sein Zimmerkollege und Freund Harald W. dieselben Dopingpräparate von Heigl Gerald erhalten habe wie er selbst. (. . .) Durch den Informanten wurden dem Unterfertigten auch Videoauszüge aus dem Interview mit Dürr gezeigt bzw. vorgespielt, worin die oben angeführten Angaben von Dürr glaubhaft und ohne Zweifel in einer Interviewsituation getätigt wurden.»

Mit diesem Aktenvermerk hatte die «Operation Aderlass» begonnen. Infolge der Informationen sollte der Trainer bereits im Dezember 2018 überwacht werden. Warum aber wurde all das nie erwähnt? Warum bezeichnete Hans-Joachim Seppelt seinen Protagonisten immer wieder als Kronzeugen und freiwilligen Whistleblower? Im Abschlussbericht der Ermittler wurde derselbe Dürr noch dezidiert als jemand bezeichnet, der sich überhaupt nicht kooperativ gezeigt, sondern «erst nach Vorliegen immer neuer erdrückender Beweismittel . . . nach und nach Teilgeständnisse» abgelegt habe.

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