Switzerland

Die Roboter haben über das Genie gesiegt

«Wenn ich vom Trainer einen Rüffel bekam, tröstete er mich»Chris Baltisberger, Sitznachbar

Bild: Urs Jaudas

«Als ich sah, dass Robert Nilsson in der Kabine neben mir sitzen würde, als er (im Sommer 2013) zu uns stiess, wurde ich nervös. Und dann hatten wir mit unserem Trainingsunfall ja einen denkbar ungünstigen Start: Wir prallten bei einer Übung blöd zusammen und stürzten beide. Mir tat es auch weh, aber ich war unversehrt, Robert dagegen hatte einen Rückschlag, nachdem er wegen einer Gehirnerschütterung lange ausgefallen war. So verpasste er den Saisonstart.

Ich fühlte mich megaschlecht, es tat mir sehr leid. Ich war noch jung, es war mein erstes richtiges Jahr mit den ZSC Lions. Aber er machte mir keine Vorwürfe, war überhaupt nicht nachtragend. Da merkte ich gleich, was für ein liebenswürdiger Mensch er ist. Ich schenkte ihm einen Gutschein für ein Abendessen in der Waid, mit Aussicht. Er löste ihn ein mit seiner Freundin Sasha. Sie sagte mir einmal, es habe ihnen gefallen.

Wenn ich einen Rüffel vom Trainer (Marc Crawford) bekam, tröstete mich Robert. Er sagte zu mir: ‹Nimm es nicht persönlich.› Er ist sehr sensibel. Mir geht sein Abschied nahe, weil er ein solch wunderbarer Mensch ist. Immer fair. Er sagte ja, er würde mit Beat Forster ein Bier trinken gehen, obschon der mit dessen Check seine Karriere beendete. Das sagt viel aus über ihn.»

«Er hat es genossen, liess sich nie unter Druck setzen»Roman Wick, Jugendkollege

Bild: Doris Fanconi

«Ich kannte Robert schon, als er klein war. Wir wuchsen in Kloten beide im Buchhalden-Quartier auf, Luftlinie 20, 30 Meter voneinander entfernt, als sein Vater Kent für den EHC spielte (von 1989 bis 92). Und wir besuchten den gleichen Kindergarten. Ich war auch ein paarmal bei ihnen zu Hause. In der Siedlung spielten wir jede freie Minute Strassenhockey, mit Cyrill Bühler, Tobias Stephan und anderen. Irgendwann war Robert weg, und ich traf ihn erst mit 16, 17 wieder in einem Klotener Sommercamp von Wladimir Jursinow.

Als er zum ZSC kam, mussten wir uns zuerst wieder kennenlernen. Er ist ein sehr umgänglicher Mensch, mit ihm kann man es stets lustig haben. Er wollte immer irgendwelche Spielchen spielen. Tischtennis, Golf, Tennis. Und natürlich ist er in allem gut. Diesen Spielwitz hatte er auch immer auf dem Eis. Er hat es genossen, liess sich nie unter Druck setzen. So wie er auch sonst ein Geniesser ist.

Nach jenem Check Forsters (im Januar 2018) ahnte ich schnell einmal, dass es eine langwierige Sache werden könnte. Aber dass es gleich das Karriereende bedeuten würde, dachte ich natürlich nicht. Zuletzt war er nicht mehr so oft beim Team. Wenn 20 Jungs immer fragen, wie es dir geht, ist das kontraproduktiv.

Wir hofften sehr, dass er nochmals spielen könnte. Denn er ist eine riesige Bereicherung für eine Mannschaft. Aber ich verstehe seine Entscheidung zu 100 Prozent. Er hat noch viele Jahre vor sich ohne Eishockey.»

«Mit seinem Talent hätte er ein 10-Millionen-Dollar-Stürmer sein können»Edgar Salis, Ex-Sportchef

Bild: Urs Jaudas

«Robert ist ein Sonnenkind. Er war unglaublich talentiert und strahlte immer aus, dass ihm alles leicht fällt. Am besten beschreibt ihn wohl die Szene vor dem entscheidenden Penalty im Playoff-Final 2014 in Kloten. Sein Lächeln, wie er nach oben schaut und denkt, darauf habe er schon immer gewartet. Viele hätten vor diesem Penalty auf die Zähne gebissen. Er brachte die Leichtigkeit des Spiels immer aufs Eis. Er spielte, ohne überlegen zu müssen. So selbstverständlich, wie jemand anders den Tisch abräumt.

Der entscheidende Penalty: Nilsson macht den ZSC zum Meister. (Video: SRF)

Mit seinem Talent hätte er in der NHL ein 10-Millionen-Dollar-Stürmer sein können. Ich schätze ihn sogar als begabter ein als Auston Matthews. Seine Übersicht war absolut unglaublich! Manchmal kam es mir vor, als hätte er sechs Augen im Kopf.

Aber die ernsthafte Seite des Sports interessierte ihn zu wenig. Er hatte nicht die Verbissenheit und die Disziplin anderer. Ich meine das nicht negativ. Für ihn stimmte es so. Und sonst wäre er nie in Zürich gelandet. In diesem Unterhaltungsmetier war er ein absoluter Glücksfall. Die Zuschauer spürten seine Leichtigkeit. Er war einer, für den man gerne Geld bezahlte, um ihm zuzuschauen.

Ich mache mir um ihn keine Sorgen. Er hatte schon immer ein gutes Leben neben dem Eishockey. Ich stufe ihn als ziemlich intelligent ein. Und er ist ein sehr geselliger Mensch, immer gut drauf. Er ist ein ausgeprägter Stadtmensch, und so kam er schon bald mit der Bitte auf uns zu, er wolle in Zürich wohnen und nicht mehr in Winkel. So zog er um ins Niederdorf. Bei den höheren Kosten für Steuern und Miete kam er uns entgegen. Das widerspiegelt seinen Charakter. Es war es ihm wert.»

«Und er erzählte frischfröhlich von seiner Verletzungsgeschichte»Gery Büsser, Teamarzt

Bild: Manuel Geisser

Bevor er bei uns unterschrieb, kam Nilsson zu mir zum Check-up. Er war ja in Russland quasi verletzt geflüchtet. Normalerweise sagt ein Spieler, der einen Vertrag möchte, er habe noch nie etwas gehabt, nicht einmal einen Schnupfen. Er hingegen verheimlichte überhaupt nichts, erzählte frischfröhlich von seiner Verletzungsgeschichte. Das war total erfrischend. Ich merkte schnell: Er ist nicht darauf angewiesen. Er kam mir vor wie ein Prinzenbub, der einfach aus Freude Eishockey spielt. So schätze ich ihn bis heute ein.

Was mir auch sehr an ihm gefällt: seine Herzlichkeit und Offenheit. Er ist ein Superstar, der das überhaupt nicht zelebriert, wenn er mit dir redet. In meiner Praxis interessierte er sich für meine schöne italienische Kaffeemaschine. Als mein Sohn Xeno einmal beim ZSC spielte, war er mit Seger und Nilsson im Block. Nilsson spielte ihm einen Flippass zu, Xeno spielte weiter zu Suter, der das Tor schoss. Und Nilsson hatte eine Riesenfreude, dass Xeno seine Absicht verstanden hatte.

Seine Spiel- und Lebensfreude möchte ich von Nilsson in Erinnerung behalten. Wir hatten in den letzten zwei Jahren viele ernsthafte Gespräche über die Prognose nach seiner Gehirnerschütterung. Dass er nun aufhört, kommt mir vor, als hätten die Roboter über das Genie gesiegt. Aber seinen Grundoptimismus verlor Nilsson nie. Manchmal musste sogar er mich trösten, nicht umgekehrt. Ich hoffe, ja bin sehr zuversichtlich, dass er sein weiteres Leben ohne Einschränkungen führen kann.»

«Er strahlt so viel Lebensfreude aus, so viel Energie»Fredrik Pettersson, Freund

Bild: Sabina Bobst

«Wir hatten schon zu Juniorenzeiten den gleichen Agenten, spielten aber in Zürich erstmals gemeinsam im Club. Er ist einer meiner besten Freunde geworden. Auch unsere Freundinnen verstehen sich sehr gut. 2018 besuchten wir die Nilssons in ihrem Sommerhaus in Arizona. Wir trafen uns schon an vielen Orten, natürlich auch in Schweden.

Robert und ich sind unterschiedliche Typen, aber wir beide lieben den Wettkampf. Das letzte Mal gewann ich im Golf gegen ihn, das passte ihm gar nicht. Er brennt auf Revanche.

Robert hat gerne Spass, geniesst das Leben. Er strahlt so viel Lebensfreude aus, so viel Energie. Seine Vorliebe für guten Wein hat nicht auf mich abgefärbt. Er hat mir schon ein paar gute Tropfen zum Probieren gegeben, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wie sie hiessen.

Ich finde, er ist sehr gut mit der schwierigen Situation nach seiner Gehirnerschütterung umgegangen. Ich bin überzeugt: Er wird seinen Weg finden, ist ja schon in verschiedene Businesses involviert. Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt.»

Sogar Ex-ZSC-Teamkollege und NHL-Superstar Auston Matthews macht auf Instagram auf Nilssons Verabschiedung aufmerksam.

Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier: