Switzerland

Die Philosophin Cynthia Fleury: «Unsere Gesellschaft hat Verletzlichkeiten aller Art verleugnet»

Cynthia Fleury ist eine der originellsten französischen Intellektuellen. 2016 hat sie einen Lehrstuhl für Philosophie im ältesten Pariser Spital aufgebaut, und seit langem geht sie den Zusammenhängen zwischen Pflege, Subjekt und Politik nach. Wie blickt sie auf die Corona-Krise?

Hat die Politik überreagiert? Dass man in der Not das Leben mit allen Mitteln verteidigt, will Cynthia Fleury nicht kritisieren.

Hat die Politik überreagiert? Dass man in der Not das Leben mit allen Mitteln verteidigt, will Cynthia Fleury nicht kritisieren.  

Benoit Tessier / Reuters

Frau Fleury, als politische Philosophin, die in einem Krankenhaus arbeitet, können Sie vielleicht eine Diagnose stellen. Der Staat wird ja gerne als Körper beschrieben, er hat Organe, manchmal wirkt er paralysiert, ein andermal panisch. Wie ist es momentan um seinen Gesundheitszustand bestellt?

Das ist nicht ganz einfach – gesund ist er sicher nicht. Wenn man ihn mit dem Körper eines Bürgers vergleichen möchte, müsste man sich wohl eine Person vorstellen, die vollkommen untrainiert und gegen gar nichts abgehärtet ist. Vielleicht auch jemanden, der sich gerade aus einer Schockstarre löst und jedenfalls komplett überrumpelt wurde. In Frankreich schien der Staat sehr schlecht vorbereitet auf die Krise, eigentlich kaum besser als die Bürger, die er im Prinzip hätte beschützen müssen – Probleme zu antizipieren und Vorsorgemassnahmen zu ergreifen, wäre ja eigentlich die Pflicht der Politik.

Ganz allgemein wird das Virus als unvergleichliche Katastrophe präsentiert. Haben wir alle, mitsamt unseren Politikern, in den letzten Jahrzehnten vergessen, dass Krankheiten zum menschlichen Dasein gehören?

Zunächst möchte ich betonen, dass es sehr wohl Leute gab, die Pandemien als ein Risiko der Globalisierung benannten, wir stehen durchaus nicht vor etwas absolut Unerwartetem. Aber tatsächlich gibt es in unseren Gesellschaften eine Tendenz, Verletzlichkeiten aller Art zu verleugnen. Vom Individuum nimmt man an, dass es immer störungsfrei «performt», und staatliche Vorsorgekonzepte hat man verschlankt und «optimiert», ohne sich einzugestehen, dass das System dadurch extrem fragil geworden ist. Dass es in unseren Vorräten an basalen Dingen wie Masken fehlte, hat damit zu tun, dass wir ein dysfunktionales und extrem vulnerables System geschaffen haben, vor dieser Vulnerabilität aber die längste Zeit die Augen verschlossen.

Die Verleugnung der Verletzlichkeit gibt es doch aber auch auf rein körperlicher Ebene: Yuval Noah Harari zum Beispiel hat in einem seiner Bestseller geschrieben, dass Krankheiten eine Geissel der Vergangenheit seien – und wie er glaubten viele, dass künftig eher Dinge wie allwissende Algorithmen das menschliche Dasein gefährden würden.

Na ja, um in der Gegenwart und auf dem Boden zu bleiben, würde ich einfach einmal daran erinnern, dass die häufigste Todesursache noch immer eine Krankheit ist, nämlich der Krebs. Aber tatsächlich hat es eine grosse Verschiebung gegeben, chronische Krankheiten haben zugenommen, während Infektionskrankheiten zurückgegangen sind. Und mit Viren, die zu Atemwegserkrankungen führen, hatten unsere Gesellschaften im Vergleich zu den asiatischen in letzter Zeit weniger Erfahrung. Trotzdem sind Krankheiten natürlich weiterhin präsent – mit dem Tod dagegen wollen unsere Gesellschaften immer weniger und am liebsten gar nichts mehr zu tun haben. Das zeigt sich jetzt sehr deutlich: Das Virus hat eine tiefe Letalität, 98 Prozent der Leute werden nach einer Ansteckung wieder gesund, und wir stellen 100 Prozent der Gesellschaft unter Quarantäne.

Finden Sie das unverhältnismässig?

Ich verstehe diese Reaktion in der Notsituation: Man verteidigt das Leben, und ich würde mir nicht anmassen, von einer Überreaktion zu sprechen. Nur muss man sich auch bewusst sein, dass das Leben keine rein biologische Angelegenheit ist. Es gibt auch ein soziales Leben, ein wirtschaftliches Leben, und ich befürchte, dass die Strategie, die dem biologischen Leben und der körperlichen Gesundheit den absoluten Vorrang eingeräumt hat, auf den anderen Lebensebenen noch sehr viel zerstörerischere Auswirkungen haben wird.

Sie haben ein Buch über den Mut geschrieben, der für Sie eine politische Tugend ist. War das, was Sie in den letzten Wochen und Monaten erlebt haben, eine mutige Politik – oder wie hätte eine solche ausgesehen?

Der Staat war zwar, wie schon gesagt, sehr schlecht vorbereitet. Ich würde aber sagen, dass er in der Krise dann doch recht gut reagiert hat. Bei allen Beschneidungen hat er grundlegende rechtsstaatliche Werte beachtet und sich bemüht, die Bürger möglichst transparent mit möglichst vielen Informationen zu versorgen. Es ist ja klar: Im Nachhinein wird die Krisenbewältigung immer kritisiert, jeder wird wissen, wie man es anders hätte machen sollen. Aber in dem Moment, da man handeln musste, war grundsätzlich jede Entscheidung mutig – auch eine Ausgangssperre zu verhängen, erfordert schliesslich Mut.

Besonders in Frankreich, hätte man gesagt: Das Vertrauen in die Regierung ist in dem Land erheblich tiefer als anderswo in Europa, in den vergangenen Jahren gab es fast pausenlos Krisen, Proteste und Streiks. Warum haben sich die Leute jetzt trotzdem ohne grossen Widerstand an die strengen Massnahmen der Regierung gehalten?

Es stimmt, dass das Vertrauen in die Regierung schwach ist. Doch zugleich ist das Vertrauen in die öffentlichen Dienste sehr gross. Emmanuel Macron hat nicht als Einziger das Wort ergriffen und die Leute zum Daheimbleiben angehalten. Über die sozialen Netzwerke haben sich auch zahllose Frauen und Männer aus dem Pflegebereich an die Franzosen gewandt, Ärzte und Krankenschwestern haben die Bevölkerung dringend gebeten, sie zu unterstützen – also die Ausgangssperre einzuhalten. Diese Aufrufe von direkt beteiligten Personen haben eine grosse Wirkung entfaltet. Sie ist letztlich dem Sozialkapital zu verdanken, über das wir in Frankreich zum Glück in grossen Mengen verfügen.

Wie wird sich die Krise auf die angespannte Situation zwischen dem Staat und den Bürgern auswirken?

Von einer Verbesserung würde ich nicht ausgehen, im Gegenteil. In der Krise gab es zwar eine Art «union sacrée», man raufte sich kurzzeitig zusammen. Aber sobald das politische Leben wieder richtig erwacht, sobald die wirtschaftliche Hilfe nicht mehr bedingungslos gesprochen wird, werden Ängste, Ressentiments und Misstrauen zunehmen. Die Skepsis bekommt der Staat übrigens jetzt schon zu spüren: Es sind bereits über 70 Klagen gegen die Regierung eingereicht worden, wegen fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung, Gefährdung des Lebens oder unterlassener Hilfeleistung.

Das Spitalpersonal, Sie haben es erwähnt, steht bei der Bevölkerung momentan hoch in der Gunst. In einer Gesellschaft, in der körperliche Gesundheit das Wichtigste ist, scheint das logisch, tatsächlich aber wurde der Pflegesektor bisher eher geringgeschätzt. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Es gibt hier, wie übrigens auch in anderen Bereichen, eine grosse Inkohärenz, die sich in Frankreich vielleicht besonders stark zeigt. Wir rühmen uns gerne unserer exzellenten Wissenschaften – und zugleich gehören unsere Lehrer zu den am schlechtesten bezahlten in ganz Europa. Im Gesundheitsbereich ist es ähnlich: Die Spitzenmediziner bekommen sehr viel Anerkennung, aber die Leute, die die täglichen, notwendigen und auch mühsamen Arbeiten verrichten, werden übersehen und auch monetär nicht wertgeschätzt. In diesem Bereich hat das unter anderem mit der Geschlechterkonstellation zu tun: Die Pflege galt lange als weibliche Domäne, und weil Frauen angeblich von der Natur fürs Pflegen vorgesehen waren, meinte man sie auch nicht richtig bezahlen zu müssen.

Jetzt wird das Pflegepersonal regelmässig beklatscht. Das ist schön – aber wird sich durch diese Krise auch nachhaltig etwas an der Wahrnehmung und der Stellung dieser Branche ändern?

Zumindest liegt die soziale Nützlichkeit der Pflege jetzt so offen zutage wie selten zuvor. Die Politik hat auch bereits Verbesserungen versprochen, aber nur wenn die Zivilbevölkerung auf Veränderungen pocht, werden den Worten auch Taten folgen. Ich habe aber wirklich den Eindruck, dass vielen Leuten bewusst geworden ist, wie zentral die Pflege für unsere Gesellschaft ist. Dabei verstehe ich dieses Wort in einem sehr weiten Sinn: Es geht nicht nur um Gesundheit, es geht darum, sich um unser gesamtes System zu kümmern, Läden am Laufen zu halten, Müll zu entfernen, Waren auszuliefern, also gesellschaftliche Einrichtungen zu pflegen und so ihr Funktionieren zu ermöglichen. Dazu leisten sehr viele Personen in kaum beachteten Sektoren einen entscheidenden Beitrag, und ich habe die Hoffnung, dass sie nach dieser Krise nicht sofort wieder aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwinden.

Cynthia Fleury.

Cynthia Fleury.

Brice Toul / Getty

Cynthia Fleury und ihre Philosophie der Pflege

Geburt und Tod, Unfall oder Krankheit – all diese fundamentalen Lebensereignisse spielen sich in Spitälern ab. Ist es da nicht logisch, dass diejenige Disziplin, die das Nachdenken über das Dasein zu ihrem Thema gemacht hat, an diesem zentralen Ort vertreten ist? Für Cynthia Fleury ist das gar keine Frage. Die Philosophin wollte sich nicht im Elfenbeinturm einschliessen, sondern vielmehr dort wirken, wo die Menschen existenzielle Erfahrungen machen und mit dem Leben hadern. Vor vier Jahren hat sie deshalb einen Lehrstuhl für Philosophie im Pariser Hôtel-Dieu bezogen, dem ältesten Spital der Stadt.

Damit hat Fleury Neuland betreten, eine vergleichbare Einrichtung gab es in Frankreich zuvor nirgends. Von der Ecole Normale Supérieure zusammen mit dem Verbund der Pariser Krankenanstalten 2016 als Projekt lanciert, hat sich der Lehrstuhl bald fix etabliert, inzwischen verfügen mehrere Spitäler über Philosophen, und Fleury selber, die sich auch zur Psychoanalytikerin ausgebildet hat, ist heute an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurowissenschaften im Einsatz. In den Spitälern halten die Philosophen einerseits klassische Vorlesungen und Seminare ab, andererseits dienen die Lehrstühle als Anlaufstelle für Ärzte, für Pfleger und auch für Patienten. Der Umgang mit diesen Letztgenannten steht im Zentrum von Fleurys Denken, das im Kern ein politisches ist.

Bei eigenen Spitalerfahrungen hat die heute 46-Jährige in den 1990er Jahren den Eindruck erhalten, dass die Medizin den Menschen aus dem Blick verloren hatte und sich um Krankheiten wie um technische Störungen kümmerte – ohne das leidende Subjekt wahrzunehmen und auf es einzugehen. Dieses mechanische Verständnis von Behandlung und Gesundheit sucht sie durch ein Konzept zu ersetzen, das «Pflege» in einem sehr umfassenden Sinn als grundlegende menschliche Leistung begreift. Einen anderen zu pflegen, sich um einen Menschen zu kümmern, bedeutet für Fleury: ihn zu ermächtigen, ihn also nicht nur physisch auf die Beine zu bringen, sondern ihn auch als Subjekt aufzurichten und ihm zu Autonomie zu verhelfen.

Auch sich selbst muss das Subjekt dauerhaft Pflege und Sorge entgegenbringen, um seinen Eigenwert als Individuum zu erkennen, und die beiden Dinge sind entscheidend für unser politisches Leben. Denn nur in einer Gesellschaft, in der die einzelnen Menschen sowohl autonom als auch fürsorglich sind, kann eine Demokratie bestehen – das politische Gemeinwesen braucht Individuen, die eigenständig denken, verantwortungsvoll handeln und bereit sind, die demokratischen Institutionen zu pflegen. Die Sorge, für andere und für sich, ist für Fleury demnach eine Kerntugend unserer Zivilisation, und das Spital, wo die Pflege auf ganz konkrete Weise geschieht, sieht sie als Herz einer jeden Stadt.

Ihre Gedanken hat Cynthia Fleury in zahlreichen Büchern und Essays ausformuliert. Die Ideen zur Pflege hat sie unlängst im Band «Le soin est un humanisme» (Gallimard, 2019) veröffentlicht, das Konzept der unersetzlichen demokratischen Individuen hat sie in «Les Irremplaçables» (Gallimard, 2015) entwickelt. Zuvor hat sie ein Buch über den Mut und sein Verschwinden geschrieben («La fin du courage», Fayard, 2010), und auch eine kritische Bestandsaufnahme der französischen Demokratie («Les pathologies de la démocratie», Fayard, 2005) hat sie schon vorgelegt.

Nebst ihrem Engagement im Spital ist Fleury auch Professorin am Conservatoire National des Arts et Métiers, assoziierte Professorin an der Ecole des Mines und Mitglied der nationalen Beratungskommission für Ethikfragen. Durch den unkonventionellen Standort ihres Lehrstuhls im Hôtel-Dieu ist Cynthia Fleury zu einer der bekanntesten Philosophinnen des Landes geworden – dank ihren breitgefächerten Arbeiten ist sie vor allem auch eine der interessantesten.

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