Switzerland

Die Pandemie lehrt Cornwall, den Winter zu lieben

Der Fluch des Sommers: Die Corona-Pandemie hat Hotels und Restaurants in Cornwall einen Grossteil der Saison gekostet. Im Winter ist kaum etwas los. Das muss sich ändern, trotz den maximal erschwerten Bedingungen.

Einmal brannten die Spanier Mousehole nieder, heute brennt’s, wenn keine Touristen da sind.

Einmal brannten die Spanier Mousehole nieder, heute brennt’s, wenn keine Touristen da sind.

Imago

Es gibt Orte, die sind für Social Distancing einfach nicht gemacht. Zum Beispiel ein Mauseloch. Dieses «mousehole» liegt an der Westspitze Cornwalls und ist ein Fischerdorf wie aus dem Bilderbuch: ein kleiner Hafen, verwinkelte Gassen, jahrhundertealte Steinhäuser, Blick auf den tiefblauen Ärmelkanal sowie ab und an eine Palme, die sich nicht daran stört, in England zu wachsen. Aber Mouseholes mildes Wetter erfreut nicht nur Palmen, sondern im Sommer auch Heerscharen von Touristen. Normalerweise. Dieser Sommer ist nicht normal.

Die Hälfte der Saison ist futsch

Abstandhalten wäre in Mousehole nur möglich, wenn die Touristen auf die Dächer klettern würden. Zugleich ist Mousehole ein Ort, von dem Edmund Inkin sagt, es sei ein «No-Brainer», hier ein Hotel und Restaurant zu führen – man müsse es sich also nicht zweimal überlegen, denn nach seinen Worten «gibt es nur wenige Orte in Cornwall, die so schön sind». Deshalb hat Inkin vor neun Jahren mit seinem Bruder Charles das «Old Coastguard» am Dorfeingang übernommen. Geboten werden gehobene Küche, 14 Zimmer und eine Gartenterrasse mit Meerespanorama.

Cornwall ist in einer schwierigen Lage. Als Tourismusregion ist es weit über die britischen Grenzen hinaus bekannt. Traditionell wird das allermeiste Geld in der Sommersaison verdient, wenn das englische Wetter an seinen besten Tagen fast französisch ist und keine Winterstürme drohen. Doch dieses Jahr fiel die Hälfte der Saison aus: Von Ende März bis Anfang Juli mussten Hotels und Restaurants wegen der Pandemie schliessen. Jetzt dürfen sie wieder öffnen und müssen die Kassen füllen, aber die Kapazität ist noch eingeschränkt, wegen der Abstandsregeln und weil die Betreiber sich erst langsam an die neuen Zustände herantasten.

Bis heute blieb Cornwall von einer Covid-19-Welle verschont. Das soll auch so bleiben, deshalb sind viele Einheimische gegenüber einer Rückkehr der Touristenmassen skeptisch. Doch weil ausländische Reiseziele wegfallen, existiert eine grosse inländische Nachfrage. Das «Old Coastguard» ist bereits bis Ende September ausgebucht. «Wir hatten mehr Anfragen als jemals zuvor», sagt Inkin. Es ist ein heikles Spannungsfeld: «Cornwall ist absolut auf den Tourismus angewiesen. In jeder Familie arbeitet jemand in dieser Branche», sagt der ehemalige Banker, der mit seinem Bruder noch einen weiteren Gastronomiebetrieb in Cornwall und einen in Wales führt. Es sei ein netter Gedanke, dass man hier eine andere Wirtschaftsstruktur aufbauen könne. «Aber die Realität ist, die Leute wollen ans Meer.»

Keine Alternative zum Tourismus

40 Kilometer östlich, in der kornischen Hauptstadt Truro, sieht Malcom Bell das ähnlich. Jeder dritte Job in der Privatwirtschaft und rund ein Fünftel der Wirtschaftsleistung hingen von der Branche ab, rechnet der Leiter des Tourismusverbands Visit Cornwall vor. Keine andere Region des Vereinigten Königreichs sei so stark auf den Fremdenverkehr angewiesen. «Die meisten Leute akzeptieren die Touristen», sagt Bell. Bis zu 15% der Einwohner lehnten es jedoch strikt ab, dass der Sektor seinen Betrieb wieder aufnehme.

Für Edmund Inkin hatte die Wiedereröffnung aber eine doppelte Bedeutung: Im Juni 2019 verwüstete ein Feuer das «Old Coastguard». Nach der Renovation hätte es am 20. März 2020 wieder aufgehen sollen – doch dann schlug das Coronavirus zu. Mitte März entschieden Edmund und sein Bruder, dass es keinen Sinn ergibt, den Betrieb aufzunehmen. Das war vorausschauend: Am 20. März erklärte nämlich Premierminister Boris Johnson, er sehe das genauso. Landesweit wurde die Branche pünktlich zum Start der Sommersaison in den Winterschlaf geschickt. Nun stehen die Tische im «Old Coastguard» weiter auseinander, beim Eintritt wird bei jedem Gast per Infrarotgerät die Temperatur gemessen. Eine Maskenpflicht herrscht in britischen Restaurants jedoch nicht.

Vorsicht hat dennoch Priorität. Im kleinen Ortsbus, der mühsam durch die Gassen rangiert, ist jeder zweite Sitz abgesperrt. Alle Restaurants bestehen auf Reservationen, um Anstürme zu verhindern – in ganz Cornwall. In Mousehole hat die Pandemie schon ein halbes Jahr im Voraus eine der wichtigsten Attraktionen torpediert: die Weihnachtsbeleuchtung rund um das Hafenbecken. Man könne es nicht riskieren, 3000 Gäste zur Eröffnungszeremonie und 30 000 Besucher im Laufe der drei Dezemberwochen zu beherbergen, heisst es.

Erst die spanischen Invasoren, jetzt die Touristen?

Mousehole hat unangenehme Erfahrungen mit einfallenden Horden gemacht. Das schlimmste Ereignis der Dorfgeschichte war die Invasion von 200 Spaniern im Jahr 1595, die den Ort niederbrannten. Nur das Haus des Junkers Jenkyn Keigwin blieb verschont, er selbst wurde bei der Verteidigung auf seiner Türschwelle erschossen. Nun ist Keigwins Haus das älteste im Ort. Der Angriff der Spanier auf Mousehole war das letzte Mal, dass eine ausländische Macht auf britischen Boden vordrang.

Jetzt ist es die Invasion der Touristen, vor der sich viele fürchten. Momentan ist die Kapazität der Hotels, Pensionen und Campingplätze in Cornwall jedoch noch reduziert, ausserdem ist die Halbinsel für viele britische Tagestouristen zu abgelegen. Deshalb ist in Mousehole sogar weniger los als sonst in dieser Zeit des Jahres. Ganz Cornwall habe in der letzten Juliwoche rund 180 000 Gäste gezählt, sagt Malcom Bell vom Tourismusverband. Das entspreche rund 35% der Wohnbevölkerung. Eigentlich brauche die Branche zu dieser Zeit so viele Gäste wie Einwohner, um zu überleben. Aber Bell möchte gar nicht, dass jetzt mehr Gäste kommen – sondern dass sie im Herbst anreisen.

Dagegen hätte auch Edmund Inkin vom «Old Coastguard» nichts einzuwenden. Sein Haus muss die Einbussen nicht zwingend im Rest des Sommers wettmachen, es war schon immer für den Ganzjahresbetrieb ausgelegt. Das hat einen für das obere Marktsegment wichtigen Grund: «Wir wollten immer ein Team, das das ganze Jahr bei uns arbeitet. Finanziell war das nicht überragend, aber es ist das Beste für die konstante Qualität eines Produkts», sagt Inkin.

In diesem Jahr könnte es sogar einfacher sein, das «Old Coastguard» auch über die Wintermonate zu füllen. Vielen Briten fehlen die Reisealternativen, und vor allem die ältere, kaufkräftige Klientel dürfte aus Sicherheitsüberlegungen noch länger auf weite Reisen verzichten. Inkin rechnet für November und Dezember mit einer Auslastung von bis zu 90%. Aber für ihn ist auch klar: «Man muss den Leuten einen Grund geben, das ganze Jahr zu kommen. Bei uns sind es das gute Essen und die Gelegenheit, ein paar Nächte ganz abzuschalten.»

Wurzeln in der Fischerei und im Bergbau

Eine ganzjährige Saison – das ist der heilige Gral des Tourismus in Cornwall. War das Ganzjahresangebot früher im besten Fall ein Zusatzgeschäft, so wie im «Old Coastguard», könnte es jetzt zur Überlebensfrage werden. «Die Pandemie zeigt, dass man es nicht riskieren darf, einen Sommer zu verlieren», sagt der Tourismusvertreter Bell. Die Krise werde den Wandel beschleunigen, meint er überzeugt und will mit Werbekampagnen und Thementagen dabei helfen. An dem Vorhaben hängen Familienschicksale. Die allermeisten Hotels und Restaurants in Cornwall gehören Einheimischen; grosse Ketten oder fremde Investoren sind die Ausnahme. Eltern hätten Betriebe aufgebaut, um Jobs für die Kinder zu schaffen, sagt Bell. «Es geht um eine Art Vermächtnis an die nächste Generation, nicht um Rendite.»

Die Familie durchzubringen, das war in einem der bis heute ärmsten Teile Englands schon immer eine grosse Aufgabe. Jahrhundertelang lebten die Einwohner von der Fischerei, die in den berüchtigten Stürmen vor der kornischen Küste einen hohen Preis von den Seeleuten forderte. Im Museum der Stadt Penzance, dem vier Kilometer von Mousehole entfernten Verwaltungssitz, wird das sichtbar. Der Westen Cornwalls zog Ende des 19. Jahrhunderts viele Maler an. Das häufigste Motiv der ausgestellten naturalistischen Gemälde sind das Bangen und die Verzweiflung von Ehefrauen, Eltern, Freunden und Verwandten um die Seemänner. Die Blicke in die kärglichen Fischerstuben tragen Titel wie «Ein Sonnenaufgang ohne Hoffnung» und «Auf der Vermisstenliste».

Cornwalls zweites wirtschaftliches Standbein war der Bergbau. Im 18. und im 19. Jahrhundert wurden Kupfer und Zinn gewonnen, heute sind die Vorkommen erschöpft. Dass der Tourismus den Bergbau ablösen könnte, hat die entlegene Region vor allem der in den 1850er Jahren gebauten Eisenbahn zu verdanken: Die Schienen beginnen im Londoner Kopfbahnhof Paddington und enden in Penzance. Doch wegen des Mangels an Investitionen ist die Bahnfahrt nicht mehr attraktiv. Sie dauert rund fünfeinhalb Stunden, zu lange für eine Strecke von 400 Kilometern Luftlinie.

Ein Pool muss mehr sein als ein Pool

Geld ausgeben, um attraktiv zu bleiben und Geld zu machen: eine Herausforderung, die älter ist als die Pandemie. Nicola Murdoch stellt sich ihr schon seit einiger Zeit. Murdoch ist in der Kleinstadt Penzance für den Betrieb des Jubilee Pool zuständig, eines Schwimmbeckens, das an die erhöhte Uferpromenade angebaut ist. Hinter dem Beckenrand rauscht der Atlantik gegen die Schutzmauern. Die Briten nennen ein solches Freibad Lido, und der Jubilee Pool im Art-déco-Stil gilt als eines der schönsten Lidos des Landes.

Der Jubilee Pool wurde 2014 bei Winterstürmen schwer beschädigt und konnte erst 2016 wieder öffnen.

Der Jubilee Pool wurde 2014 bei Winterstürmen schwer beschädigt und konnte erst 2016 wieder öffnen.

Matt Cardy / Getty

Der Jubilee Pool wurde 1935 eröffnet, doch Freibäder sind notorisch schwierig zu finanzieren. «Dieser Pool muss mehr sein als nur ein Pool, wenn er weitere 85 Jahre überleben soll», sagt Murdoch. Dabei schweift ihr Blick auf einen kleinen Beckenabschnitt, der den entscheidenden Beitrag leisten soll: Dieser Teil kann künftig geothermisch beheizt werden – eine Premiere für ein britisches Lido. Nach langen technischen Problemen ist endlich fast alles bereit. Ende August steht die Eröffnung an.

Theoretisch könnte der Jubilee Pool dann das ganze Jahr geöffnet haben. Die Verlängerung der Saison ist dringend nötig, um die Existenz zu sichern. Hinzu kommen ein neues Café, Behandlungsräume, zum Beispiel für Massagen, und geheizte Umkleideräume. Auch Veranstaltungen sind möglich, der Pool bekommt eine Lizenz für das Abhalten von Hochzeiten. «Wenn alles wie geplant funktioniert, wird der Pool einen Gewinn erwirtschaften», sagt Murdoch.

Das Problem ist, dass seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wenig läuft wie geplant. Zwar ist das Lido seit Ende Juli wieder geöffnet, aber wegen der Abstandsregeln dürfen nur 150 Gäste gleichzeitig ins Wasser. Vor der Pandemie waren es 600. Im beheizten Becken dürfen sich nur 15 Besucher gleichzeitig aufhalten; kalkuliert wurde mit 50. Ob sich die Öffnung über den Winter angesichts der Betriebskosten überhaupt lohnt, wird Murdoch in den kommenden Wochen entscheiden müssen. «Nachdem es so lang gedauert hat, sind wir erpicht darauf, auch den beheizten Teil anzubieten. Aber wir können es uns in diesem Winter nicht leisten, Geld zu verlieren», sagt sie. Das Überleben werde auf jeden Fall schwierig.

«Wir dürfen nicht so weitermachen»

Wegen der Corona-Krise sind die Geldsorgen zurück, auch für Jon Matthews. Er betreibt eine Pension in Penzance. Um die Reserven für den Winter zu schonen, bat er die Familie um Hilfe: Die Tochter lieh ihm Geld, und die Mutter gab ihre Kreditkarte, damit er Lebensmittel und Wein kaufen konnte – nicht für sich, sondern um den Gästen Wein und Lebensmittelkörbe anzubieten. «Wenn sie zurückkommen, sollen sie das Gefühl haben, dass wir besser geworden sind», sagt Matthews.

Manche Änderungen werden die Gäste sofort sehen: Statt sieben Zimmern bietet das «Woodstock Guesthouse» nur noch vier an. Dafür hat jedes Gästezimmer in der viktorianischen Stadtvilla jetzt seinen eigenen Frühstücksraum, um das Social Distancing zu erleichtern. Dieses Jahr gehe es nicht um die Frage, ob man Gewinn oder Verlust mache, sagt Matthews. Es gehe nur noch um die Grösse des Verlusts.

Doch Jon Matthews ist ein Optimist, vielleicht würde er sonst nicht nebenher auch noch den örtlichen Tourismusverband leiten. Von den rund tausend Gästezimmern in Penzance steht derzeit nur etwa die Hälfte wieder zur Verfügung – aber das sei gar nicht so schlecht, sagt er: «Wir wollen in dieser kritischen Zeit nicht von Touristen überrannt werden.» In der Bucht von Penzance liegt auch St. Michael’s Mount, eine malerische Gezeiteninsel mit einer Burg, die bei Ebbe von der Ortschaft Marazion aus bequem zu Fuss zu erreichen ist. Wenn die Feriengäste auch in Corona-Zeiten den üblichen Instagram-Pfaden folgen, könnte es bei Sehenswürdigkeiten wie dieser wieder eng werden.

St. Michael’s Mount ist als Fotomotiv auch in der virtuellen Welt beliebt.

St. Michael’s Mount ist als Fotomotiv auch in der virtuellen Welt beliebt.

Matt Cardy / Getty

Cornwall muss mehr tun, um seine unbekannten Ecken bekannter und seine unbeliebten Jahreszeiten beliebter zu machen. «Ich hasse das Wort ‹Chance›, wir haben es mit einem massiven Gesundheitsproblem zu tun. Aber wir dürfen nicht so weitermachen, wie wir aufgehört haben», sagt Matthews. Für ihn ist es eine Rückkehr: Aufgewachsen in der Gegend, dachte er als junger Mann zunächst daran, Fischer zu werden, konnte aber mit Glück eine Ausbildung zum Techniker bei einer nahe gelegenen grossen Satellitenstation machen. Er wurde Manager bei British Telecom und reiste viel herum. Als Entlassungen anstanden, nahm er freiwillig den Hut.

«Jetzt mache ich das Frühstück statt Telekomprojekte und habe zehn Kunden statt vier Millionen. Es macht aber grossen Spass», sagt Matthews. Schon sein Urgrossvater hatte in den 1930er Jahren in Penzance Bootsfahrten für Touristen angeboten. Den Urenkel schreckte früher ab, dass die Tourismusjobs so saisonabhängig waren und viele Freunde Probleme hatten, Arbeit zu finden. Jetzt ist es auch an ihm, das zu ändern.

Sie können Benjamin Triebe, Wirtschaftskorrespondent für das Vereinigte Königreich und Irland, auf Twitter folgen.

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