Switzerland

Die Kühe tanzen auf Fabianos Dach: Der neue Dokumentarfilm von Luzerner Filmemacher Aldo Gugolz ist da

Die Alpe d’Arena im Tessiner Onsernonetal liegt in tiefem Nebel. Bewirtschaftet wird sie von Fabiano. Die Alp, auf 1689 Metern gelegen, ist nur zu Fuss erreichbar. Ein paar Kühe, ein paar Geissen, Hühner, die herumflattern, ein Esel. Der 38-Jährige ist ein Chrampfer, das sieht man nicht nur an seinen Händen. Sein Gesicht ist gezeichnet von der rauen Natur. Und vom Leben. Seine Freundin Eva ist schwanger. Das erfüllt ihn mit Freude und Angst zugleich. Es ist eine fragile Existenz, die sie sich hier oben aufgebaut haben. Der Käse, den Fabiano mit grosser Hingabe produziert, bestimmt, ob «wir mehr oder weniger haben», wie Eva es ausdrückt.

Auch Evas Liebe zu den Tieren ist in «Kühe auf dem Dach» ein Thema. Und das Leben auf der Alp das richtige, um ein Kind zu haben.

«Kühe auf dem Dach» des Luzerner Filmemachers Aldo Gugolz («Rue de Blamage») ist kein Alpfilm im herkömmlichen Sinn. Hier wird keine heile Welt vorgegaukelt. Wohl aber geht es um die heilende Kraft der Natur. Eine Sehnsucht, die sich dieser Tage wieder verstärkt bemerkbar mache, wie Aldo Gugolz im persönlichen Gespräch sagt.

Der Filmtitel hingegen rührt von einem Albtraum her. Fabiano träumte, die Kühe hätten auf dem Dach getanzt und es zum Einsturz gebracht. «Anche stanotte le mucche danzeranno sul tetto» heisst der italienische Originaltitel. «Auch diese Nacht wieder werden die Kühe auf dem Dach tanzen.» Der Traum sei ein Sinnbild für Fabianos Probleme und sein Leben, sagt Gugolz. «Als Sohn einer Deutschschweizer Hippiefamilie ist Fabiano in eine fragil gewordenen Utopie hineingeboren.»

Das Wunschbild des Regisseurs: die Alpe d’Arena im Tessiner Onsernonetal, wo ein Blitzschlag alles ändern kann.

Kriminalfall eröffnet ­ zusätzliche Perspektive

Der Regisseur kennt die Alpe d’Arena schon seit seiner Zeit als Filmstudent und ist immer wieder dorthin zurückgekehrt. Im Sommer 2016 dann mit seiner Frau und den beiden Kindern. Sie trafen auf einen Serben, einen Tessiner und einen Deutschschweizer. «Was treibt sie an, diese eingeschworene Männertruppe, sich diesen Strapazen auszusetzen?», hat sich der Filmemacher gefragt. «Und was für Probleme lassen sie im Tal zurück?»

Fabiano beim Käsen. Die Gerüchte, die um den Kriminalfall kursieren, führen schliesslich dazu, dass im Tal nicht alle Leute bereit sind, denselben Preis zu zahlen wie im Vorjahr.

Neben harter körperlicher Arbeit sind es sicher auch mystische und spirituelle Erfahrungen, die der Deutschschweizer Dominik sucht. Er ist es, der Fabiano tatkräftig zur Hand geht, als Gugolz mit den Dreharbeiten beginnt. Dass bereits ein weiterer Schatten über der Alp liegt, konnte er damals noch nicht ahnen: Dominik ist der Ersatz für Nikola. Der mazedonische Hilfsarbeiter war unter ungeklärten Umständen verschwunden und wird neun Monate später unweit der Alp tot aufgefunden.

Mord, Drogen…, das sei im letzten Jahr oft ein Thema gewesen, sagt Fabiano. Ein Tessiner Fernsehteam kommt auf die Alpe d’Arena, um ihn zu befragen. Er leidet unter den unausgesprochenen Anschuldigungen. Und ihn plagen Schuldgefühle. Für den Film und seine Dramaturgie ist das Unglück eine Herausforderung. Gugolz weiss den Kriminalfall so einzubauen, dass er damit eine zusätzliche Perspektive auf seinen Protagonisten eröffnet.

Fabiano und sein Vater Philippe, der in den 1970er-Jahren auf der Suche nach alternativen Lebensformen ins Onsernonetal kam. Sie schauen sich in Locarno eine Fernsehreportage zum Kriminalfall an.

In einer sehr berührenden Sequenz erzählt Fabiano von seiner Kindheit. Das Haus seiner Eltern sei immer ein offenes Haus gewesen, sagt er. Woher jemand komme, was jemand mache, habe man nicht gefragt. Schon früh kam er mit Alkohol und Drogen in Berührung. Der Alkohol sei der Chaosfaktor im schönen Universum, sagt Eva. Die Geburt seines Sohnes Santino gibt Fabiano neuen Lebenssinn. Doch was die Zukunft bringt, weiss er nicht. «Vielleicht ist es wirklich das Ende eines Lebensstils», meint er. Aber den gegen eine «normale» Wohnung und einen festen Job eintauschen?

Der Film erzielt Nähe ­ durch Zurückhaltung

An 25 Drehtagen verteilt über drei Jahre hat sich das Filmteam der Luzerner Firma «revolumenfilm» im Massenlager neben der Alphütte und im Tal, in Locarno, einquartiert. Vieles bleibt unausgesprochen. Gugolz erzielt Nähe durch Zurückhaltung. Er muss nicht zu tief in die Privatsphäre der Protagonisten vordringen, um etwas über ihr Wesen offenzulegen. Ganz nah ist die Kamera, auch an den Tieren. Mit einer 35-mm-Optik setzt Gugolz’ Frau Susanne Schüle diese Sensitivität visuell um und nähert sich so dem Unfassbaren und Unbegreiflichen, das an einem solchen Ort immer mitschwingt.

«Nicht, dass sie mir noch die Kühe wegnehmen»: Fabiano beim Melken.

So weckt «Kühe auf dem Dach» nicht nur Verständnis und Toleranz für die Porträtierten, sondern wird auch zu einer philosophischen Betrachtung über das Leben selbst. Schlagen wir uns doch alle mit denselben Fragen herum, wenn wir auf uns selbst zurückgeworfen sind. «Wo endest du schlussendlich in deinem Leben, und wieso?», so formuliert es Gugolz. «Wie weit gelingt es einem, sich aus dem eigenen Schicksal zu befreien?» Heute absolviert Eva eine Ausbildung zur Landwirtin. «Sie ziehen das durch», ist Aldo Gugolz überzeugt. «Sie können gar nicht anders.»

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