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«Die Kinder wissen: Beim Schlegel muss man sich benehmen»

«De Schlegel», sagt Jürg Schlegel manchmal, wenn er sich selber meint. Er sieht sich dann, wie die Schülerinnen und Schüler ihn sehen: als vertraute Autoritätsperson. «Wenn die Teenies am Wochenende wieder zum Schlegel kommen», erzählt er mit frohem Gesicht, «und nachts auf dem Pausenplatz rauchen, kiffen, saufen.» Dann steige er halt aus dem Bett und verlasse um zwei Uhr morgens seine Wohnung. Sie liegt gleich neben dem Schulhaus Rotweg in Horgen und grenzt an den Pausenplatz. Schlegel ist der Schulabwart. Schlegel ist immer im Dienst.

Seit 31 Jahren arbeitet und wohnt Jürg Schlegel mit seiner Frau Ursina auf dem Schulareal. Ihre zwei Kinder sind erwachsen und weggezogen. Die Dienstwohnung ist Teil des Arbeitsvertrags, Schlegels mieten sie günstig. Sie bekommen 40 Prozent Zinsreduktion – und einen schönen Blick auf den Zürichsee, wenn sie zum einen Ende des Pausenhofs hinübergehen. Dorthin, wo der Klettergarten ist, der nach Schlegels Idee errichtet wurde. Schlegel, weisses Schnäuzchen und der Körper eines Ausdauersportlers, braucht und findet immer etwas zu tun.

Früher hat er bei Halb- und Skimarathons teilgenommen, die Startnummern hängen in seinem Büro im Keller. Den Garten, der zur Wohnung gehört und hinter der Turnhalle liegt, hat Schlegel vor Jahren vergrössert und belebt. Er hat einen Teich ausgehoben, eine Palme gepflanzt, einen Sitzplatz angelegt. Jetzt ist der Garten ein privater Pausenplatz, ein Paradiesli nur für ihn und seine Frau.

Mit der Schule verwachsen

Die beiden sind verantwortlich für die Schuleinheit Rotweg: für das Areal und den Unterhalt der Gebäude, wo sieben Unterstufen-, sechs Mittelstufenklassen und zwei Tagesschulgruppen untergebracht sind. Auf einem orangefarbenen Stundenplan, der in seinem Büro hängt und in der Wohnung, hat Schlegel eingetragen, wann welcher Raum frei ist. Sein Tagesablauf folgt den Zeiteinheiten auf dem Schulplan.

Schlegel putzt die Turnhalle morgens um 6.30 Uhr, eine Stunde später geht er in die Wohnung und frühstückt. Um kurz nach acht steht er vor dem Haupteingang des Schulhauses, begrüsst die Schülerinnen und Schüler. Er kennt die frechsten und die bravsten mit Namen.

Als Schlegel an der Schulter operiert wurde, schrieben ihm die Schulkinder: «Sie sind der beste Schulabwart in der Welt!»

«Würde ich immer im Keller sein, hätte ich keinen Bezug zu den Kindern», sagt Schlegel. Um Viertel nach acht läutet die Schulglocke zur ersten Lektion, Schlegel öffnet die Tür. Am Vormittag reinigt er ein paar Zimmer, am Nachmittag die Toiletten und die restlichen Zimmer, dazwischen erledigt er Reparaturarbeiten. Pause macht Schlegel zwischen neun und elf Uhr, Feierabend meistens um halb sechs. Und immer hat er Pikettdienst bis 22 Uhr.

Schlegel führt ein Leben, das mit der Schule verwachsen ist. Jedes Jahr organisiert er mit seiner Frau eine Schneeschuhtour oder eine Wanderung für die Lehrerinnen und Lehrer. An den Weihnachtsessen werden sie beschenkt. In den Ferien, wenn Schlegels nach Bali reisen, nach Kuba oder Tansania, besuchen sie die Schulen. Fotos, die im Büro hängen, zeigen sie lächelnd in kargen Schulzimmern.

Als Schlegel einmal an der Schulter operiert wurde, schrieben ihm die Schulkinder Briefchen: «Sie sind der beste Schulabwart in der Welt!» Schlegel sagt: «Das Schulhaus ist unser Ein und Alles.»

Zu lieb für einen Polizisten

Schlegel ist in Horgen aufgewachsen. Als er als Kindergärtler zum ersten Mal das grosse Schulhaus Rotweg betrat, sagte er: Hier bleibe ich nicht. Seine Eltern übernahmen die Stelle als Hauswartehepaar und zogen mit den drei Kindern in die kleine Wohnung im Keller des Gebäudes. Sie blieben 25 Jahre.

Als Jugendlicher wollte Schlegel weg, er lernte Kaminfeger und arbeitete zehn Jahre als Polizist. Am Schluss, bei der Seepolizei, habe es ihm nicht mehr gefallen, sagt er. «Für einen Polizisten war ich fast zu lieb.» Lieber mahne er, als Bussen zu verteilen.

Als die Eltern 1989 in Pension gingen, wollte Schlegel übernehmen. Seine Frau war skeptisch: Schulabwart? Immer nur putzen? Heute sagt Ursina Schlegel: «Mir war wichtig, dass er zufrieden ist und wir zusammen arbeiten können.» Sie zogen in die Abwartwohnung, die auf den Geräteraum gebaut worden war. Jürg Schlegel renovierte sie, baute ein Cheminée ein. Der Hauswartberuf brachte einen Vorteil: Die zwei Kinder konnten Schlegel begleiten, wenn er die Zimmer reinigte. Seine Frau fing an, im Büro zu arbeiten.

«Ich will einfach, dass die Kinder wissen: Beim Schlegel muss man sich benehmen.»Jürg Schlegel

Ein bisschen Polizist ist Schlegel geblieben. Wenn 270 Kinder durchs Schulhaus rennen und auf dem Pausenplatz spielen, braucht es Regeln. Fussbälle holt Schlegel nur einmal im Monat vom Dach, sonst müsste er ständig hochsteigen. Wenn eine Schülerin ihn an einem Sonntag bittet, wegen vergessener Hausaufgaben das Schulzimmer aufzuschliessen, sagt er Nein.

Eine Zeit lang hat ein Junge im Knabenklo danebengepinkelt. Schlegel klebte ein vergrössertes Foto seiner Augen über die Toilette. Er wollte mahnen: Ich beobachte dich. Dann wurde der Junge erwischt. Schlegel sagte zu ihm: «Ich habe dir doch nichts zuleide getan.» Der Junge antwortete: «Doch! Sie haben mein Gebüsch kaputt gemacht.» Der Junge hatte immer in den Büschen gespielt, sich dort ein Versteck eingerichtet. Bis Schlegel kam und die Hecke stutzte.

Schlegel hat erlebt, wie sich die Schule und die Anforderungen verändert haben. Im Pflichtenheft seines Vaters stand noch, dass die Spucknäpfe der Lehrer gereinigt werden müssten. Damals gab es eine einzige Spülung für alle WC, die der Vater jeweils nach der Zehn-Uhr-Pause betätigte. Als Schlegel als Schulabwart anfing, galt die Sechs-Tages-Woche. In den 90er-Jahren entstanden die ersten Gruppenräume, die Klassen wurden kleiner. Als 2010 die Schweinegrippe ausbrach, wurden in den Toiletten die Stoffhandtuch- durch Papierrollen ersetzt.

Schlegel rannte hinterher

Das Schulgebäude Rotweg, das 1907 erbaut wurde, ist denkmalgeschützt. Die alten Kleiderhaken vor den Schulzimmern müssen erhalten bleiben, die originalen Fenster wurden jüngst nach einer Renovation nachgebaut. Und als Schlegel und seine Frau durchsetzten, dass die Kinder im Schulhaus Finken tragen, musste der Kanton die Gestelle für die Finken bewilligen. Schlegel sagt: «Es ist alles etwas umständlicher geworden.»

Das Hauswartehepaar Jürg und Ursina Schlegel im Schulhaus Rotweg. Foto: Reto Oeschger

In zwei Jahren würde Schlegel pensioniert werden. Er hat bis Mai 2023 verlängert. Dann ist seine Frau sechzig, und dann ist genug. In der Wohnung würden sie am liebsten bleiben. «Wo sonst gibt es diesen Luxus für diesen Preis?» Und wo sonst kann Schlegel nachts zu den Jugendlichen sagen: «Guten Abend, seid ihr wieder bei mir. Ihr wisst, wie die Regeln sind.»

Einmal haben Teenies einen Abfalleimer auf dem Schulareal angezündet und sind davongerannt, Jürg Schlegel hinterher. Eine Täterin hat er erwischt. Die Polizei hat später eine Busse wegen Sachbeschädigung ausgesprochen. Der Schulabwart hingegen hatte nur gemahnt. «Ich will einfach, dass die Kinder wissen: Beim Schlegel muss man sich benehmen.»