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Die Kalte Sophie: Im Volksglauben lebt sie weiter

Die Kalte SophieIm Volksglauben lebt sie weiter 

In den Bauernregeln ist sie so prominent wie kaum eine andere Heilige: Pflanze nie – vor der Kalten Sophie! Wer war diese Frau, die den Reigen der Eisheiligen beendet?

Sophia von Rom starb um 304 nach Christus als Märtyrerin.

Sophia von Rom starb um 304 nach Christus als Märtyrerin.

Ikone aus dem Jahr 1658 (Kloster Smolensk)

Ihr Gedenktag ist der 15. Mai, und dieser ist in vielen Garten- und Bauernkalendern dick angestrichen. Denn mit der «Kalten Sophie» ist die Gefahr der Boden- und Nachtfröste vorbei. Sagen viele Bauernregeln: «Vor Nachtfrost du nicht sicher bist – bis Sophie vorüber ist.» Oder nicht weniger holprig gereimt, aber salopper formuliert: «Die Kalte Sophie – macht alles hie.»

Dass diese Frau das nicht unbedingt schmeichelhafte Attribut «kalt» zugeordnet bekam, hat wenig mit ihrer Gefühlslage oder ihrer Ausstrahlung zu tun. Denn davon ist nichts überliefert. Was man von ihr weiss, ist denkbar wenig: Sie lebte in Rom, war wohl eine junge Frau und eine überzeugte Christin, was sie um 304 nach Christus das Leben kostete. 

Enthauptet, weil sie Christin war

Sie wurde im Zuge der letzten grossen Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian (gestorben 312 n. Chr.) hingerichtet. Wahrscheinlich wurde sie enthauptet, weil sie sich weigerte, den Kaiser als göttlich zu verehren. Auch die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula oder Urs und Victor, die Stadtheiligen von Solothurn, wurden gemäss manchen Quellen Opfer dieser Christenverfolgungen.

In Darstellungen trägt Sophia von Rom meist einen Palmwedel und ein Schwert. Damit werden in der christlichen Tradition Heilige dargestellt, die für ihren Glauben starben. Später werden ihr vor allem in der Ostkirche zuweilen Kinder zugeordnet als Personifizierungen von guten Eigenschaften, denn Sophia ist das griechische Wort für göttliche Weisheit.

Der Reigen der Eisheiligen

Doch nun von der Hagiografie, der Erforschung der Heiligen, zur Meteorologie: Im Mittelalter orientierten sich die Bauern in der Regel nach den Heiligentagen, wenn es um den richtigen Zeitpunkt für Saat oder Ernte ging. Dabei stellten sie fest, dass es Mitte Mai oft noch einmal bitterkalt werden konnte, bevor dann der Frühsommer einsetze. Diese Tage nannten sie die Eisheiligen. In unserer Gegend sind das vier. Der erste, Pankratius, fällt auf den 12. Mai – die Kalte Sophie macht am 15. Mai dann den Abschluss des Reigens.

Tatsächlich brachte die sogenannte Kleine Eiszeit, die um 1400 einsetzte und bis ins 19. Jahrhundert dauerte, oft strenge und lange Winter mit sich. So kam es in Mitteleuropa Mitte Mai gehäuft zu einem Kälteeinbruch, der eben «alles hinmachte», wie die Bauernregel warnt. Frost im Frühling, vor allem Bodenfrost, ist für die Landwirtschaft besonders verheerend, weil die jungen Triebe empfindlich sind. Es drohen flächendeckende Ernteausfälle.

Rebbauern versuchen durch Feuer die jungen Triebe vor Frostschäden zu bewahren.

Rebbauern versuchen durch Feuer die jungen Triebe vor Frostschäden zu bewahren.

Foto: Barbara Truninger

Laut Meteo Schweiz trafen die Eisheiligen in den letzten Jahrzehnten allerdings nicht mehr gehäuft ein. Die Messreihen zu Bodenfrost reichen bis 1965 zurück. Sie decken die Standorte Genf-Cointrin, Payerne und Zürich-Kloten ab und zeigen regelmässigen Bodenfrost im langjährigen Durchschnitt nur bis Mitte April an. Allerdings gibt es fast jedes Jahr im Mai noch ein bis zwei frostigeTage Bodenfrost im Mittelland, ein «Witterungsregelfall», im Fachjargon «Singularität» genannt, ist aber während der Eisheiligen nicht mehr feststellbar.

Ein Blick auf die Wetterprognose zeigt, dass dieses Jahr die «Sophie» ganz bestimmt nicht kalt ist. Für den 15. Mai sind Temperaturen um 27 Grad angesagt. Allerdings ist die Gefahr noch nicht vorbei, denn als diese Bauerregeln entstanden, galt der Julianische Kalender. Mit dem 1582 eingeführten, heute üblichen Gregorianischen Kalender verschieben sich die Gedenktage nach vorn. Die Kalte Sophie fällt demnach auf den 23. Mai und steht uns noch bevor. 

Helene Arnet ist promovierte Historikerin und hat einige Jahre an der Kantonsschule Limmattal unterrichtet. Seit 2001 ist sie Redaktorin im Ressort Zürich Politik & Wirtschaft. Sie schreibt aber auch gerne über kulturgeschichtliche Themen und Menschen, die etwas bewegen.

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@HeleneArnet

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