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Switzerland

Die junge Generation der «born free» verändert Südafrika – ein Foto-Tableau von Ilvy Njiokiktjien

25 Jahre sind seit dem Ende der Apartheid in Südafrika vergangen, doch noch immer kämpft das Land mit den Folgen. Junge Frauen und Männer wollen das Land voranbringen, stossen aber immer wieder an Grenzen.

Ein Abend im «Pirates Bowls Club» in Johannesburg, an der Bar bestellen die Gäste ihre Drinks. Eine der Bands, die an diesem Abend spielen, heisst Desmond and the Tutus. 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist Südafrika ein anderes Land. Bis 1994, als Nelson Mandela der erste schwarze Präsident wurde und die Rassentrennung beendete, war es undenkbar, dass Schwarze und Weisse gemeinsam feiern würden. Vor allem für junge Menschen ist dies heute selbstverständlich. Als Generation «born free» werden die um das Jahr 1994 herum Geborenen bezeichnet, weil sie das Apartheidregime nicht mehr selbst erlebt haben. Die niederländische Fotografin Ilvy Njiokiktjien hat einige dieser jungen Menschen mehr als zehn Jahre begleitet. Die Bilder, die dabei entstanden sind, zeigen eine komplexe Generation. Viele der Jungen sind hoch motiviert, das Land voranzubringen. Auf ihnen ruhen die Hoffnungen, das Erbe Mandelas fortzusetzen. Doch zugleich sind sie von der Politik desillusioniert; Korruption und Vetternwirtschaft in den vergangenen Jahren haben dem Land enorm geschadet. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt knapp 60 Prozent, und für Nichtweisse sind Beleidigungen oder rassistische Sprüche weiterhin Alltag. Welche Hautfarbe jemand hat, ist immer ein Thema. «Als ‹person of color› bist du anders», sagt Shane Veeran, ein 23-jähriger Mann mit indischen Wurzeln, der ebenfalls im «Pirates Bowls Club» war. «Früher oder später werde ich auf meinen indischen Hintergrund angesprochen.»

Abendessen im Hilton College, einem Internat für Jungen an der Ostküste Südafrikas. Es ist die teuerste Privatschule des Landes. Bis zum Ende der Apartheid 1994 war der Besuch Weissen vorbehalten, dank Stipendien ist die Schülerschaft vielfältiger geworden. Der 17-jährige John Turner, ein Weisser, sagt, er nehme die verschiedenen Hautfarben seiner Mitschüler nicht mehr bewusst wahr: «Meine Freunde kommen aus allen Schichten der Gesellschaft. Im Ellis House wohnen Jungs ‹of colour›, in den Schlafsälen aller Jahrgänge sind Jungs verschiedenster Religionen zusammen, und ich bin mit fast allen befreundet.» Ein verbindendes Element ist der Sport, vor allem Rugby. Erst im November wurde Südafrika in der Disziplin zum dritten Mal Weltmeister. Lange galt Rugby als Sport der Weissen, doch inzwischen gibt es auch schwarze Profis, und viele junge Farbige träumen von einer solchen Karriere. Ausserhalb des Sports verläuft die Durchmischung der Ethnien schleppender. Die jungen Leute, die Njiokiktjien fotografiert hat, sagten, in engen Freundschaften blieben Personen mit gleicher Hautfarbe noch oft unter sich – weil man leichter an ähnliche Erfahrungen anknüpfen könne oder, das sagten vor allem Schwarze, weil vielen Weissen nicht bewusst sei, wie sehr der Rassismus das Land noch immer präge. Turner ist sich seiner Privilegien bewusst. Er will sich für Menschen engagieren, die nicht so viel Glück hatten wie er. «Wenn du so privilegiert bist wie ich, ist das deine Aufgabe», sagt er.

Zwischen 1948 und 1994, als in Südafrika die weisse Bevölkerungsminderheit mit der National Party regierte, waren Beziehungen zwischen Weissen und Nichtweissen verboten. Inzwischen sind 25 Jahre seit dem Ende der Apartheid vergangen, doch in den Köpfen vieler Menschen ist der Rassismus noch immer fest verankert. Wilmarie Deetlefs und Zakithi Buthelezi, die sich an einem Abend in Johannesburg in die Nacht aufmachen, lernten sich auf Tinder kennen und sind seit fünf Monaten zusammen. Im Alltag hören sie oft rassistische Sprüche. «Hol dir lieber einen Mann deiner eigenen Hautfarbe», habe einmal ein Taxifahrer zu der 24-Jährigen gesagt. Oder auch: «Du magst es also, wenn sie dunkler sind.» Ihr Freund erlebt genau das Gegenteil. Seit er eine weisse Freundin habe, behandelten ihn die Leute anders, sagt der 27-Jährige. Sie seien freundlicher und interessierter, respektierten ihn mehr. «Die Leute sagen eigentlich, dass unsere Beziehung nicht normal ist, aber das stimmt nicht», sagt Deetlefs. Sie stammt aus einer kleinen Stadt auf dem Land. Schon beim letzten Mal, als sie mit einem nichtweissen Mann zusammen gewesen sei, habe es ihr Vater fast persönlich genommen, sagt sie. Von ihrer neuen Beziehung wissen die Eltern noch nichts.

Tanya Grobler hebt die Füsse hoch, damit ihre Putzfrau vor dem Sofa entlangwischen kann. Schon seit Jahren kommt die Frau an sechs Tagen in der Woche in das Haus der Familie, doch ihren Namen kennen die Groblers nicht. Wenn sie ihre Hilfe benötigen, rufen sie sie an und sagen nur: «Tss tss.» Erste rassistische Gesetze in Südafrika gab es bereits ab 1910, als Schwarze dazu verpflichtet wurden, nur niedrige Arbeit zu verrichten. Vollends trat das rassistische Apartheidregime 1948 in Kraft. Schwarze und Weisse lebten fortan strikt getrennt, Spitäler, Banken und Geschäfte hatten getrennte Eingänge. Heute hält die weisse Minderheit noch immer den Grossteil der ökonomischen Macht, und es gibt Teile der Gesellschaft, die finden, dass das auch so bleiben solle. Tanya Groblers Bruder Johan besuchte einmal ein Camp der sogenannten Kommandokorps. Dabei handelt es sich um eine paramilitärische Gruppe, nach eigenen Angaben eine «Eliteorganisation», die junge Weisse lehrt, «sich selbst und einander zu schützen», wie es auf der Website heisst. Die Lehrinhalte fussen auf rassistischen Vorstellungen. Schwarze, so heisst es etwa, könnten von Natur aus schlechter die Initiative ergreifen und könnten nicht effizient regieren. Wer so etwas glaubt, interessiert sich auch nicht für den Namen seiner Putzfrau.

Inmitten der begeisterten Nachbarn machen sich Lauren-Lee (Lolla) Scheepers (Mitte rechts) und ihr Begleiter zum Schulabschlussball auf. Ihr Kleid hat sie von ihrer Cousine. Scheepers wohnt in Manenberg, einem Stadtteil von Kapstadt. 1966, zur Zeit der Apartheid, wurde Manenberg von der Regierung als Township gegründet, wo vor allem Schwarze leben sollten. Noch heute identifizieren sich 12 Prozent der Einwohner als Schwarze und 84 Prozent als «Coloureds», also als Personen mit heterogenem Hintergrund. Nur 22 Prozent der Bewohner haben einen High-School-Abschluss, und auch Scheepers ist die Erste in ihrer Familie, die das geschafft hat. Südafrikas grösstes Problem ist die Gewalt. Mit durchschnittlich 58 Tötungsdelikten pro Tag hat das Land eine der höchsten Verbrechensraten der Welt. Auch Manenberg ist für seine Kriminalität bekannt. Scheepers’ Vater wurde von Banden ermordet, und ihre Schule musste wegen Schiessereien in den umliegenden Strassen zeitweise geschlossen werden. Njiokiktjien sagt, noch immer seien die Wunden, die die Apartheid in Südafrika hinterlassen habe, sehr sichtbar. Eine Generation, die in Freiheit lebe, reiche wohl nicht aus, aber sie hoffe, dass Südafrika über die Jahre für jeden zu einem stabileren und inklusiveren Land werde. Lauren-Lee Scheepers ist bereits Mutter. Die nächste Generation macht sich schon bereit.

Bilder: Ilvy Njiokiktjien / VII

Ilvy Njiokiktjien: Born Free – Mandela’s Generation of Hope, 2019. 72 S., € 39.50.

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