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Die Glasgower Klimapläne sind schwach und lassen doch hoffen

Ein Signal an die Welt an der Klimastreik-Demo am letzten Freitag in Genf.

Ein Signal an die Welt an der Klimastreik-Demo am letzten Freitag in Genf.

Bild: keystone

Analyse

An der Glasgower Klimakonferenz müssen die 192 Teilnehmerländer ihre Versprechungen von Paris erfüllen. Ihre Pläne sind nicht ausreichend, doch es gibt auch Gründe für Optimismus.

Im schottischen Glasgow beginnt am Sonntag die 26. Uno-Klimakonferenz, kurz COP26. Es ist der wichtigste Anlass seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015. Damals hatten sich die 195 Vertragsparteien bei der Erderwärmung auf ein 1,5-Grad-Ziel gegenüber der vorindustriellen Zeit geeinigt. Die Übereinkunft wurde als grosser Durchbruch gefeiert.

Heute herrscht Ernüchterung. «Der mangelnde Fortschritt seit Paris lädt zu Zynismus – oder zumindest Argwohn – gegenüber Glasgow ein», meint die «New York Times» in einem redaktionellen Kommentar. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre sei auf über 400 ppm (parts per million) angestiegen, was «lange als gefährliche Schwelle galt».

Teure Energie: In Paris kletterte der Benzinpreis auf über zwei Euro.

Teure Energie: In Paris kletterte der Benzinpreis auf über zwei Euro.

Bild: keystone

Nach wie vor investieren die G20-Länder stärker in fossile als in saubere Energien. Die derzeitige Energiekrise könnte das Problem kurzfristig noch verschärfen. Die steigenden Benzinpreise sind auch an den Schweizer Zapfsäulen nicht zu übersehen. Die Gaspreise kennen derzeit ebenfalls nur eine Richtung. Gleiches gilt für die Strompreise.

Konkrete Pläne gefragt

Die Auswirkungen auf COP26 darf man nicht überbewerten. Klimaschützer sehen sogar eine Chance in den hohen Energiepreisen. Man könne den absehbaren Rückgang nutzen, um eine CO2-Steuer «einzubauen». Dies sei bei sinkenden Preisen einfacher als bei stabilen oder steigenden. In der Realität dürfte dies eher Wunschdenken bleiben.

Die Erwartungen an die Glasgower Konferenz, die knapp zwei Wochen dauert, sind jedenfalls nicht allzu hoch. Dabei müssten Nägel mit Köpfen gemacht werden, denn der Vertrag von Paris war ein Rahmenabkommen. Die Unterzeichner verpflichteten sich, bis in fünf Jahren einen Aktionsplan vorzulegen. Corona brachte diesen Zeitplan durcheinander.

Jetzt muss die Verpflichtung eingehalten werden. Und die 192 Teilnehmerstaaten haben tatsächlich ihre Pläne ausgearbeitet. Am Dienstag kündigte Australien an, den Ausstoss von Treibhausgasen bis 2050 auf Null zu reduzieren. Als Exporteur von Kohle gehörte der Südkontinent bislang zu den grössten Bremsern beim Klimaschutz.

Für Uno-Klimasekretärin Patricia Espinosa sind die Pläne völlig ungenügend.

Für Uno-Klimasekretärin Patricia Espinosa sind die Pläne völlig ungenügend.

Bild: keystone

Die Uno betrachtet die Vorgaben jedoch als ungenügend. «Wir sind noch nicht einmal in der Nähe, wo die Wissenschaft sagt, dass wir sein sollten», teilte Patricia Espinosa, die Leiterin des Uno-Klimasekretariats, am Montag mit. Mit den vorgelegten Plänen werde das 1,5-Grad-Ziel klar verfehlt und der globale Temperaturanstieg bis 2100 2,7 Grad betragen.

Grosse bewegen sich langsam

Der Climate Action Tracker, ein unabhängiges wissenschaftliches Analysetool, kommt auf ähnliche Werte. Noch extremere Szenarien skizziert der im August veröffentlichte jüngste Bericht des Weltklimarats IPCC. Das Verfehlen des Temperaturziels werde «zu einer destabilisierten Welt und endlosem Leiden führen», warnte Espinosa.

Die Befürchtung ist nicht grundlos, denn grosse Länder wie China, Indien oder Indonesien wollen erst 2060 klimaneutral werden. Saudi-Arabien, der weltgrösste Erdölförderer, schloss sich am Wochenende diesem «Klub» an. Skepsis gibt es auch gegenüber Brasilien, das sich unter Präsident Jair Bolsonaro weitgehend vom Klimaschutz verabschiedet hat.

Zu wenig Geld für arme Länder

Wenig erbaulich sind auch die finanziellen Perspektiven. 2009 verpflichteten sich die reichen Länder, den ärmeren Staaten ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für die Bekämpfung des Klimawandels zur Verfügung zu stellen. Dieses Ziel wurde auf 2025 verschoben, denn bis 2019 wurden erst 80 Milliarden zugesagt, ein Teil davon in Form von Darlehen.

Der Ölstaat Saudi-Arabien will klimaneutral werden, einfach erst 2060.

Der Ölstaat Saudi-Arabien will klimaneutral werden, einfach erst 2060.

Bild: AP/AP

Die reichen Staaten, darunter die Schweiz, verhalten sich nur bedingt grosszügig. Sie wollen vor allem eine Haftung für die von ihnen verursachten Klimaschäden abwenden. Für die Entwicklungsländer reichen die 100 Milliarden hinten und vorne nicht. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass sie 2 Billionen Dollar pro Jahr benötigen würden.

Kerrys «Knochenarbeit»

Muss man in Glasgow also mit einem Flop rechnen? Nicht unbedingt. So sind die Technologien für eine CO2-freie Zukunft heute «vorhanden und bezahlbar», wie ein Insider erläutert. Hoffnung macht auch die Rückkehr der USA, die sich unter Präsident Donald Trump mit Getöse aus dem Pariser Abkommen zurückgezogen hatten.

Nachfolger Joe Biden musste seine ambitiösen Pläne zwar auf Druck von Senator Joe Manchin aus dem Kohle-Staat West Virginia zurückschrauben, aber wichtige Elemente bleiben gemäss «New York Times» intakt. Sein Klimadelegierter John Kerry hat im Vorfeld der Konferenz viele Länder besucht und «Knochenarbeit geleistet», so der Insider.

Schweiz mit leeren Händen

Beobachter hoffen zudem darauf, dass in den Gesprächen vor Ort eine Dynamik entsteht, die zu ambitionierteren Zielen in der Zukunft führen könnte. Die nächste Runde dauert bis 2025, und schon 2023 findet nach den Vorgaben von Paris ein Global Stocktake statt, bei dem die beteiligten Länder Rechenschaft über ihre erzielten Fortschritte ablegen müssen.

John Kerry (r.) reiste im Vorfeld von Glasgow in zahlreiche Länder, darunter auch Indien.

John Kerry (r.) reiste im Vorfeld von Glasgow in zahlreiche Länder, darunter auch Indien.

Bild: keystone

Dabei ist auch die Schweiz gefordert. Sie reist mit gleich drei Bundesräten (Parmelin, Sommaruga, Maurer) nach Schottland, steht nach dem Scheitern des CO2-Gesetzes im Juni aber mit ziemlich leeren Händen da. Es wäre das Kernstück der bundesrätlichen Strategie gewesen, die CO2-Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 zu halbieren.

Bilaterale Klima-Abkommen

«Die Schweiz bietet nicht viel, sie ist ungenügend unterwegs», sagt der Insider, der zur Delegation in Glasgow gehört und deshalb nur «off the record» sprechen kann. Immerhin hat sie in letzter Zeit bilaterale Abkommen mit Peru, Ghana und Senegal abgeschlossen, um Klimaprojekte zu unterstützen. Damit kann sie ihr eigenes Reduktionsziel «aufpolieren».

Vor einigen Tagen kam ein weiteres Abkommen mit Georgien hinzu. Der Kaukasus-Staat gehört zur Environmental Integrity Group (EIG). Die kleine, aber feine Gruppierung umfasst auch die Schweiz, Südkorea und Mexiko, sie versteht sich als «Brückenbauerin» zwischen den reichen und armen Ländern. In Glasgow dürften diese Dienste willkommen sein.