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Die Frustration der Tigers: Wie Langnau in der National League aus dem Tritt geraten ist

Der Trainer Heinz Ehlers war kurz davor, die SCL Tigers sensationell abermals in die Play-offs zu hieven. Dann sorgten Irritationen um den kanadischen Stürmer Chris DiDomenico für Unruhe. Droht dem Klub nun sogar ernsthafte Abstiegsgefahr?

SCL-Trainer Heinz Ehlers sagt: «Ich habe hier nächste Saison noch einen Vertrag.»

SCL-Trainer Heinz Ehlers sagt: «Ich habe hier nächste Saison noch einen Vertrag.»

Marcel Bieri / Keystone

Heinz Ehlers sitzt im Trainerbüro der Ilfishalle, neben ihm steht ein Klappbett, das er für Nickerchen nach Trainings oder vor Spielen braucht. Doch dem Trainer der SCL Tigers bleibt im Moment keine Zeit zur Erholung, es gilt, dieses schlingernde Team wieder auf Kurs zu bringen.

Gerade hat Ehlers das Vormittagstraining hinter sich gebracht. Er schiebt sich einen Beutel Snus unter die Oberlippe, ehe er die ihm gestellte Frage verhandelt: Ob 2019/20 eine gute Saison war für die SCL Tigers, nach 44 Runden? Ehlers sagt: «Sie war lange sehr gut, zuletzt nicht mehr.» Sechs der letzten sieben Spiele hat das Team verloren, die Negativserie dürfte den Klub die Play-off-Teilnahme kosten. Aber er ist immer noch Zehnter, was ein Erfolg ist, eigentlich, weil das Kader aus dem klassischen Mix eines Verliererteams besteht: aus Desperados, ewigen Talenten, Billigarbeitern und Romantikern.

Seit Ehlers die SCL Tigers im Herbst 2016 nach deren schlechtestem Saisonstart der Klubgeschichte übernahm, hat der Däne das Potenzial dieser Mannschaft fast immer ausreizen können. Dank hingebungsvollem Defensivspiel schafften es die Langnauer im Vorjahr erstmals seit acht Jahren wieder in die Play-offs. Die Qualifikation war vor allem das Verdienst des perfektionistischen und etwas schrulligen Trainers.

Bis Dezember schien es, als könnte Langnau die Kadenz halten und das System noch einmal austricksen, indem eiserne Disziplin das Talent der Konkurrenz schlägt. Doch die Dinge sind ins Wanken geraten in den letzten Wochen. Es fragt sich, ob es Zufall ist, dass der Verein just dann in die Krise rasselte, als die Irritationen um den pflegeintensiven Kanadier Chris DiDomenico begannen. Der ebenso begabte wie aufrührerische Stürmer ist im Wesen eine Reinkarnation des Langnauer Jahrzehntspielers Todd Elik und fühlte sich im Stolz verletzt, als der Sportchef Marco Bayer der «Berner Zeitung» im Dezember sagte, es sei ungewiss, ob man den Vertrag verlängern werde.

So harmlos das Zitat, so gross die Aufregung. Am Ende drehte DiDomenico den Spiess um und unterschrieb bei Fribourg-Gottéron. Wenn man Ehlers fragt, ob die Unruhe im Klub ein Grund für die Baisse gewesen sei, sagt er: «Es gab schon Unruhe, aber das wurde medial aufgebauscht. Inzwischen ist es lange vergessen.» Wie lange? Ein paar Wochen? «Eher einige Tage», sagt Ehlers.

Es sagt viel aus über den Mikrokosmos Langnau, dass die Zukunft eines Einzelnen den Verein derart aufwühlen kann. Nun fragt sich, ob die Probleme dieses Teams behebbar sind. Wenn nicht, ist sogar der Ligaerhalt in Gefahr.

Der Frustpegel ist hoch im Klub, das lässt sich in vielerlei Hinsicht erkennen. An der Disziplin etwa: Langnau hat hinter Ambri am zweitmeisten Zweiminutenstrafen erhalten. An den Darbietungen DiDomenicos, dessen Auftritt gegen die ZSC Lions vom Samstag von der Lokalzeitung als «Ärgernis» bezeichnet wurde. Und ein bisschen auch am Coach. «Was soll ich machen, wenn die besten Spieler unnötige Strafen nehmen? Ich kann sie nicht mit weniger Eiszeit bestrafen, ich brauche sie», sagt Ehlers. Die Aussage offenbart eine gewisse Ohnmacht, die dem sehr schwachen Kader geschuldet ist. Langnau hat die schwächste Offensive und das ineffizienteste Powerplay. Es gibt keinen einzigen Schweizer Spieler mit mindestens zehn Saisontoren.

Es spricht für den Trainer, dass sich Langnau trotzdem noch im Rennen um die Play-off-Qualifikation befindet. Auch wenn Ehlers kaum glauben mag, dass die Ausgangslage so gut ist. Auf die Frage, ob es auch etwas gebe, was sein Team besser mache als im Vorjahr, antwortet er: «Nichts.» Und er fügt an: «Gar nichts.» Ein bisschen scheint der Coach in diesen Tagen an diesem Team zu verzweifeln. Das schürt im Dorf die Angst vor einem vorzeitigen Abgang des Trainers, der auch die dänische Nationalmannschaft führt.

Es ist eine der grossen unbeantworteten Fragen des Schweizer Eishockeys: was Ehlers mit einem begabten Team anstellen könnte. Es gibt Leute in Langnau, die befürchten, Ehlers wolle sich bald an die Auflösung des Rätsels machen. Auf die Frage danach sagt er nur: «Ich habe hier nächste Saison noch einen Vertrag.» Wie eine Liebeserklärung klingt das nicht. Aber wahrscheinlich ist der aktuelle Schwall an Niederlagen auch nicht die richtige Staffage dafür.