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Die Filmproduzentin Sardana Sawwina im sibirischen Hollywood: «Unser Kühlschrank darf nicht auftauen»

Ewige Weiten, ewige Kälte. Und Filme, die die Magie dazwischen einfangen. Das ist Sakhawood, die boomende Filmindustrie in der russischen Republik Sacha. Die jakutische Filmproduzentin Sardana Sawwina spricht über das Füttern von Geistern und den arktischen Winter.

Die Hauptfigur Ruslan, gespielt von Pjotr Sadownikow, verliess Frau und Kinder, um sich um seine Mutter zu kümmern. Filmstill aus «There Is No God But Me», Regie: Dmitri Dawydow, produziert von Sardana Sawwina.

Die Hauptfigur Ruslan, gespielt von Pjotr Sadownikow, verliess Frau und Kinder, um sich um seine Mutter zu kümmern. Filmstill aus «There Is No God But Me», Regie: Dmitri Dawydow, produziert von Sardana Sawwina.

PD

Frau Sawwina, jede Familie pflegt ihre eigenen Mythen. Ihre Familie trägt die Legende von einer Visitenkarte aus Moskau weiter. Erzählen Sie . . .

Das ist eine lustige Geschichte, die erst ins Gedächtnis zurückgeholt wurde, als ich mich bereits längst mit Film beschäftigt habe. Das Ganze passierte in den 1980ern, als ich, noch Kind, mit meiner Mutter in Moskau war. Als Touristin natürlich. An irgendeiner Metrostation hatte uns eine Frau angehalten, von Mosfilm, der Filmgesellschaft des Landes überhaupt. Sie hielt mich offenbar für eine interessante Erscheinung und wollte meine Mutter davon überzeugen, doch einmal im Studio vorbeizukommen. Meine Mutter aber fand sie aufdringlich und ging offenbar schnellen Schrittes weiter. Eine Visitenkarte, wie wir das heute kennen, hatte diese Frau sicherlich nicht dabei. Die gab es ja damals nicht. Sie zeigte wahrscheinlich eine Art Ausweis vor. Der Vorfall war schnell vergessen – bis meine Mutter sich irgendwann daran erinnerte und ich mir dachte: Mein Weg zum Film hätte vielleicht schon damals begonnen, wer weiss. Heute lachen wir gern über diese Begegnung.

Den Weg zum Film fanden Sie dennoch.

Ich liebe es einfach, Filme zu schauen. Schon als Kind ging ich am liebsten ins Kino, das war ein toller Zeitvertreib. Denn nahezu jedes sowjetische Dorf war mit einem kleinen Kino ausgestattet. Somit natürlich auch unser Dorf. Theater und anderes hatten wir nicht. Natürlich gab es dort meistens sowjetische Filme, manchmal aber auch indische und nordkoreanische. Ende der 1980er Jahre wurde sogar «King Kong» gezeigt. Später habe ich am Arktischen Staatsinstitut für Kultur und Kunst in Jakutsk gearbeitet. Bei einem Projekt machten wir eine Ausstellung, mit der wir nach Finnland aufbrachen. Dort, in Rovaniemi, begriff ich, dass das allgemeine Interesse an der Arktis gross ist. Und dass viele Menschen in der Welt denken, die Arktis sei menschenleer. Dabei leben dort sehr viele Völker. So sollte es bei der Erkundung der Arktis nicht nur um geopolitische und wirtschaftliche Interessen gehen, sondern auch um die vermeintlich vernachlässigbare Ressource: den Menschen, der in der Arktis lebt, samt seiner Kultur und seiner Identität.

Kühe, Jagd und Fischen, das ist das Leben von Mikipper und seiner Frau Oppuos in «The Lord Eagle» (2018) – bis an einem Wintertag ein Adler bei ihnen aufkreuzt (Regie: Eduard Nowikow, produziert von Sachafilm).

Was trägt das Kino dazu bei?

In Finnland, bei den Sami, lernte ich auch, dass die Filmkunst sich unter den Indigenen stark entwickelt. Bei uns ist es auf staatlicher Ebene bis heute schwierig. Wir haben keine Filmschule in der Republik Sacha. Aber wir drehen Filme. Wer jedoch sollte sie sehen, wenn zunächst gar keine Möglichkeit bestand, sie zu sehen? 2012 gründete ich zusammen mit der jakutischen Regisseurin Ljubow Borisowa in Jakutsk den Kinoklub Sacha. Einfach aus dem Enthusiasmus heraus, Autorenfilme zu schauen und sie, auch mit den Filmemachern, zu besprechen. Das war ein interessantes Format, aus dem eine Bewegung unabhängiger Filmschaffender entstanden ist. 2013 lief das erste Filmfestival in Jakutsk. Ich übernahm die Funktion der Programmdirektorin, auch wenn man mich nicht so nannte. Diese Erfahrung half mir, um als Produzentin zu arbeiten. Als solche bin ich stets auf der Suche nach neuen jakutischen Filmemachern, nach neuen Formaten.

Die ersten jakutischen Filme waren in den 1990ern entstanden, nach dem Zerfall der Sowjetunion. Worum ging es dabei?

Zunächst um Horror. Oder vielmehr um Mystik, verbunden mit lokalen Geistern und dem Ahnenkult. 1996 ging es in Ellei Iwanows «Seteech sir» (Verfluchtes Land) letztlich genau darum: Die Erde spricht auf eine schreckliche Weise mit den Filmhelden. Es geht dabei nicht zuletzt um ein historisches Trauma. Ein Schamane konnte die Zeremonie der Geistervertreibung nicht zu Ende führen, weil die Rote Armee ihn daran gehindert hatte. Und so kommen die Geister zurück. Iwanows Film ist zu einem Kultfilm avanciert. Jeder hier kennt ihn, bis heute nimmt er die Menschen ein.

Das Filmemachen ist in Sacha mittlerweile institutionalisiert . . .

1992 entstand «Sachafilm», das örtliche Kinostudio. Die ersten Filme machten Leute, die ohnehin in diesem Bereich tätig waren, also Fernsehleute. Sie hatten zunächst gar keine Ambitionen, ein grösseres Publikum zu erreichen. Das änderte sich in den 2000er Jahren, weil der Film digitaler wurde – und dadurch zugänglicher. Neue Filmemacher kamen auf. Und sie wollen in die Welt hinaus, sie wollen, dass die Welt sie kennt.

Das jakutische Kino ist Europa und Asien zugleich. Ein Segen?

Russland ist Europa. Aber wir sehen asiatisch aus, Sacha ist territorial gesehen ein Teil Asiens. Für Korea zum Beispiel sind wir Europäer. Für Europäer sind wir Asiaten. Selbst für Moskau sind wir zuweilen fremd, weil wir in den Filmen Jakutisch sprechen. Ich war sehr irritiert darüber, als in der Berichterstattung über die Berlinale 2017 in russischen Medien stand, es sei kein einziger russischer Film in Berlin vertreten. Dabei wurden dort drei jakutische Filme gezeigt: also russische. Diese Zweideutigkeit, dieses Europäisch-Asiatische, die jakutische Filme aufgreifen, ist verkaufstechnisch oft schwierig.

Der junge Altan trifft in «The Sun Above Me Never Sets» (2019) auf einer einsamen Insel den lebensmüden Alten Baibal – und versucht alles, um Baibals Tage lebenswert zu machen (Regie Ljubow Borisowa, produziert von Sachafilm).

Welche Themen werden in Szene gesetzt?

Anfangs ging es um die Geschichte unseres Volkes. In unserer Sprache. Denn zu Sowjetzeiten sollten wir alle gleich sein, und vieles, gerade bei den kleinen Völkern, ging verloren. Man nahm den Menschen die Wurzeln. Die Jakuten, weil auch so zahlreich, konnten sich glücklicherweise vieles erhalten, dennoch galten viele Dinge unserer Vorfahren als rückständig. Als die Sowjetunion zusammenbrach, war es eine Art Renaissance nationaler Kulturen. Auch wir Jakuten wollten herausfinden und zeigen, wer wir sind. Wir setzten vor allem auf die Vergangenheit. Filme ohne viele Worte folgten. Oft ging es ums Mythische. In den 2000ern kamen Regisseure auf, die keine Filmausbildung hatten, sondern einfach Filme drehten. Auf den Knien praktisch. Die Filme haben bis heute keine grossen Budgets, oft spielen Laien mit. Es sind sehr dynamische Werke. Man sucht sich selbst, die eigene Filmsprache.

Durch Mythen und Magie?

Die jakutische Kultur hat bis heute etwas Archaisches. Das spielt auch eine Rolle im jakutischen Film. Die Werke zeigen eine gewisse Verbindung zur Natur. Das ist elementar. Das nimmt auch Menschen, die nichts von jakutischer Kultur verstehen, ein. Die jakutische Verbindung zur Natur ist eine besondere, weil das Überleben hier, in der ewigen Kälte, etwas Besonderes ist. Die Lebensbedingungen sind hart. Hier muss man in Harmonie mit der Natur leben, um zu überleben. Man muss die Regeln kennen, wie man sich im Wald verhält, wie man sich in der Kälte verhält. Sonst ist man verloren. Und wir glauben an Geister. Wir füttern sie, um sie gnädig zu stimmen. Wenn wir Neues betreten, treten wir mit Geistern in Kontakt. Auch beim Filmen. Wir kennen die Kräfte der Natur. Wir achten sie. Das merken auch die Zuschauer des jakutischen Kinos. Diese archaische Verbindung trägt letztlich jeder in sich.

Sie leben in der ewigen Kälte, die gar nicht mehr so ewig ist. Wie spüren Sie diese Kräfte der Natur in Ihrem täglichen Leben?

Die Klimaveränderungen zeigen sich nicht plötzlich. Doch mit jedem Jahr spüren wir die globale Erwärmung mehr. Die Sommer werden heisser, es kommt zu vielen Waldbränden, zu Überschwemmungen, die Erde erodiert. Die Häuser brechen ein, vor allem in kleineren Ortschaften im Norden. Gerade sind es minus 47 Grad draussen. Das klingt nach grosser Kälte, ja. Aber diese Kälte kommt immer später. Früher war es schon im November grässlich kalt. Jetzt kommt die Kälte erst im Dezember. Dieser Herbst war verdächtig warm. Das ist für uns Menschen durchaus angenehm, man kann sich länger draussen aufhalten. Aber wir brauchen die Kälte unbedingt. Unser ewiger Kühlschrank darf nicht auftauen.

Sie macht Jakutsk zu Sakhawood

Filmproduzentin Sardana Sawwina

inn. Sardana Sawwina, geboren 1977 im jakutischen Dorf Werchnewiljuisk, studierte erst Englisch auf Lehramt an der Staatlichen Universität von Jakutsk. Später ging sie nach Sankt Petersburg zum Studium der Fremdsprachendidaktik. Als Filmproduzentin gewann sie mehrere Preise. Derzeit vertieft sie in Jakutsk, neben der Arbeit als Produzentin, ihre Kenntnisse zu Film und Literatur der Arktisregion. 

Damit seine kranke Mutter (Soja Bagynanowa) die Erinnerung an ihn nicht verliert, fängt Ruslan (Pjotr Sadownikow) in «There Is No God But Me» ein völlig neues Leben mit ihr an (Regie: Dmitri Dawydow, produziert von Sardana Sawwina).

Damit seine kranke Mutter (Soja Bagynanowa) die Erinnerung an ihn nicht verliert, fängt Ruslan (Pjotr Sadownikow) in «There Is No God But Me» ein völlig neues Leben mit ihr an (Regie: Dmitri Dawydow, produziert von Sardana Sawwina).

PD

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