Switzerland

Die Ehefrau zeichnete den Neubau

Unsere bäuerlichen Dorfkerne leben vom Zusammenspiel traditioneller Grossvolumen, den Bauernhäusern, ihren Nebenbauten wie Speicher und Stöckli, dem Verhältnis der Häuser zum Strassenraum, zu ihren halbprivaten Bereichen und ihren Gärten und Feldern. Das Spiel von Volumen und offenen Flächen ist ebenso empfindlich wie die Bauten selbst. Nicht selten werden umgebende Weiden oder Baumgärten eingezont und überbaut. Setzt man in diese Freiräume Einfamilienhäuser ein, wie sie in den Wohnzonen stehen, mit ihren Einzäunungen, Parkplätzen und Grillanlagen, geht das angedeutete Zusammenspiel verloren, und das Bild der Baugruppen leidet. Ein ganzer Weiler kann durch eine ungeeignete zeitgenössische Ergänzung aus dem Gleichgewicht gebracht werden.

Genau das befürchteten wir anlässlich eines Spaziergangs durch das Dorf Hettiswil in der Gemeinde Krauchthal, als wir die aufgestellten Profile in der schönen Baugruppe «Stutz» sahen. Hier wird man von zwei gegeneinander gerichteten Bauernhäusern und ihren Nebenbauten empfangen, dann durch einen grossen ländlichen Gewerbestock, alle aus dem 19. Jahrhundert. Durch das Gefälle des «Stutzs», seine leichte Biegung und die Gebäudestellungen wird der Strassenraum dorfauswärts und dorfeinwärts gefasst. Wir vermuteten, die schöne Baugruppe werde durch den Neubau zerrissen.

Vor kurzem waren wir erneut in Hettiswil. Welche Überraschung: Statt des befürchteten Störfaktors steht nahe und rechtwinklig zur Strasse ein schlanker rechteckiger Zweieinhalbgeschosser unter einfachem, wenig ausladendem Satteldach – ein holzverschalter Ständerbau. Die mit Bank, Sturz und Brüstungsgitter artikulierten Fenster sind straff axiert, aber nicht symmetrisch angeordnet. Die Verschalung, der Regenmantel des Hauses, ist mit durchlaufenden senkrechten Hölzern in Hochrechteckfelder geteilt, sie binden auch die Fenster zusammen. Schwächere Hölzer in Form von Streben teilen diagonal die Felder und trennen das Obergeschoss und den Dachstock vom Erdgeschoss. Das bestehende Terrain ist weder abgegraben noch aufgeschüttet, auf Umzäunung der Parzelle wird verzichtet.

Entstanden ist ein zeitgenössischer Neubau, der den Strassenraum auf der Ostseite, wo er bisher offen war, wirkungsvoll schliesst. Weder biedert sich das neue Haus bei den alten Bauten an, noch fällt es als Fremdkörper aus der Reihe. Spielerisch wird mit der Fassadengliederung auf die in der Nachbarschaft stehenden Riegelbauten Bezug genommen; es ist kein Zitat, eher eine leichtgewichtige humoristische Persiflage. Ebenso speziell und erfreulich ist der Werdegang des Projekts. Die Ehefrau zeichnete mittels CAD-Programm ihren Wunschgrundriss von überzeugender Schlichtheit: Einheitsraum im Erdgeschoss, ausgeschnitten einzig zwei kleine Kammern und Treppenhaus, im Obergeschoss von Giebel zu Giebel durchlaufender Korridor, gegen Süden drei Zimmer, gegen Norden Treppe und Nebenräume, darübergestülpt eine Lochfassade. In einem Gutachterverfahren durch zwei Architekten und die Denkmalpflege und einen Landschaftsarchitekten wurde die Projektskizze zusammen mit dem Bauherren-Ehepaar verfeinert und zur Bewilligungsreife gebracht. Die Bauleitung lag schliesslich in der Hand des Ehemanns, der beruflich im Bauwesen tätig ist. Fazit: Ein mustergültiger Vorgang hat in kurzer Zeit zu einem mustergültigen Ergebnis geführt, ein Vorbild, das hoffentlich Schule macht.

Der Kunsthistoriker Jürg Schweizer lebt in Bern. 1990 bis 2009 war er Denkmalpfleger des Kantons Bern. Er ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnenteams.

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