Switzerland

Die Corona-App könnte das Problem der Massenveranstaltungen lösen

Fussballspiele mit Zuschauern könnten laut Bundesamt für Gesundheit unter Umständen schon bald wieder möglich sein. Das neue Handy-Programm zur Kontaktverfolgung würde die genannte Bedingung wohl erfüllen. Doch eine bindende Anwendung für Besucher würde laut Kritikern die Freiwilligkeit beeinträchtigen.

Besuche von Veranstaltungen, beispielsweise eines Open-Air-Kinos, könnten dank der Corona-Applikation bald wieder möglich sein.

Besuche von Veranstaltungen, beispielsweise eines Open-Air-Kinos, könnten dank der Corona-Applikation bald wieder möglich sein.

Karin Hofer

So weit, so gut. Auch über zwei Wochen nach dem grossen Öffnungsschritt vom 11. Mai ist keine Zunahme in der Zahl neuer Corona-Fälle sichtbar. Die Fallzahlen haben sogar weiter abgenommen. In den letzten zehn Tagen gab es im Mittel weniger als 20 neue gemeldete Fälle pro Tag; einschliesslich der Dunkelziffer mögen es täglich noch etwa 100 bis 200 neue Fälle gewesen sein. Fachleute orten vor allem zwei Gründe für den fortgesetzten Rückgang: Der Bestand der noch angesteckten und damit als Herd für die Verbreitung infrage kommenden Personen ist geschrumpft, und die Kantone hatten wieder mit einer konsequenten Rückverfolgung der Kontakte von Angesteckten begonnen.

Angesichts der guten Ausgangslage dürfte der Bundesrat diesen Mittwoch weitere grosse Lockerungsschritte beschliessen. Der Krisenexperte Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit hat in den letzten Tagen sogar fast Undenkbares in Aussicht gestellt: dass Massenveranstaltungen wie Fussballspiele mit Zuschauern bereits diesen Juli wieder möglich sein könnten, sofern die Kontakte der Besucher jeweils nachvollziehbar seien. Man darf annehmen, dass Koch seine Aussagen mit seinem politischen Chef Alain Berset abgestimmt hatte. Der Ball ist den Fussballklubs und anderen Ausrichtern von Massenveranstaltungen zugespielt – damit die Verantwortlichen die geforderten Sicherheitskonzepte austüfteln.

Die technische Antwort

Die genannte Bedingung erscheint sehr schwierig erfüllbar für Veranstaltungen mit Tausenden von Besuchern, die schon bei der Anreise in Trams und Zügen zusammengepfercht sein mögen, vor den Eingängen in grossen Knäueln unter Umständen lange warten müssen und nicht in jedem Fall die Personifizierung der Disziplin darstellen. Aus technischer Sicht gäbe es allerdings eine naheliegende Antwort zur Erfüllung von Kochs Bedingung: An Massenveranstaltungen wären nur Besucher zugelassen, welche die nun in der Pilotphase steckende Corona-Applikation des Bundes zur Nachverfolgung von Kontakten auf ihrem Smartphone benutzen. Die Corona-App gibt dem Betroffenen eine Meldung, wenn er während über 15 Minuten weniger als zwei Meter Abstand zu einem Angesteckten hatte. Wer eine solche Meldung erhält, kann in Quarantäne gehen, muss dies aber nicht tun.

Laut verbreiteter politischer Meinung soll die Corona-App für die Bürger freiwillig bleiben. Vorgesehen ist zudem auch ein Verbot der Diskriminierung gegenüber Personen, welche die App nicht benutzen. Das Verbot soll nicht nur für den Staat, sondern auch für private Akteure gelten. Laut einer Umfrage der Forschungsstelle Sotomo von Ende April bei rund 2800 Personen im Auftrag des Bundes lehnten 56 Prozent der Befragten bei privaten Veranstaltungen ein Einlassverbot für Personen ohne App «eher» oder dezidiert ab, während sich 36 Prozent dafür aussprachen. Doch das ist angesichts des schlechten Kenntnisstands der Befragten alles andere als eine vernichtende Ausgangslage. So wusste jeweils eine Mehrheit der Befragten nicht, dass die App keine Bewegungsdaten speichert und dass die aufgezeichneten Daten nur lokal auf dem jeweiligen Smartphone abgelegt sind. Und lediglich 7 Prozent wussten, dass nur der Besitzer des Smartphones selber Zugang zu den gespeicherten Daten hat.

Was heisst hier «freiwillig»?

Könnten nach geltendem Recht Ausrichter von Veranstaltungen sagen, dass sie nur Besucher mit der Corona-App zulassen? «Das ist umstritten», sagt Martin Dumermuth, Chefjurist des Bundes: «Nach meiner Meinung wäre das zulässig, denn es ginge um eine sachbezogene Ungleichbehandlung. Und die Handy-Besitzer müssen keine Handy-Daten preisgeben.» Anders sieht dies der Datenschutzbeauftragte des Bundes, Adrian Lobsiger. In seiner generellen Stellungnahme von vergangener Woche zu Corona-Schutzkonzepten legte er Wert darauf, dass die Beschaffung und Weitergabe von Personendaten im Rahmen der Schutzkonzepte freiwillig sei und auf die Betroffenen «auch kein indirekter Zwang ausgeübt wird, indem die Inanspruchnahme von Leistungen und Vorteilen mit der Angabe ihrer Personendaten verknüpft ist». Wenn alle Anbieter von ihren Kunden die Verwendung der Corona-App verlangten, sei die Applikation für die Bürger nicht mehr freiwillig, ergänzte das Büro des Datenschutzbeauftragten am Dienstag auf Anfrage.

Doch wie so oft im Leben geht es auch hier um die Verhältnismässigkeit. Denkbar wäre es laut einem Befragten, dass die geplante Gesetzesvorlage zur Corona-App ein Grundsatzverbot der Diskriminierung von Nichtbenutzern enthalte, aber begründete Ausnahmen möglich seien. Eine mögliche Begründung für eine Ausnahme könnte etwa darin liegen, dass eine Veranstaltung ohne Schutzkonzept mit App statt 30 000 Besucher nur 1000 Besucher haben könnte und damit der Verzicht auf eine App-Vorgabe nur relativ wenigen nützt, aber vielen Nachteile bringt. Solche Fragen mögen in der Junisession im Parlament noch zur Sprache kommen.

Was die Forschung sagt

Die geplante App ist kein Ersatz, sondern «nur» eine Ergänzung zur regulären Rückverfolgung der Kontakte von Angesteckten durch die Kantone. Das Virus ist nicht besiegt. Und mit einem Impfstoff kann man wohl frühestens 2021 rechnen. So geht es nun im Kern darum, durch eine konsequente Rückverfolgung der Kontakte von Angesteckten einen erneuten Ausbruch der Epidemie im Keim zu ersticken und damit die beschlossenen und kommenden Lockerungen aufrechterhalten zu können. Die internationale Forschungsliteratur zu den Ansteckungsherden liefert unter anderem vier Kernhinweise. Erstens: Ansteckungsherde sind besonders oft Menschenansammlungen während mehrerer Stunden. Zweitens: Die Ansteckungsrisiken sind in geschlossenen und schlecht belüfteten Räumen tendenziell deutlich höher als im Freien. Drittens: Wo laut gesprochen, gesungen oder geschrien wird, sind die Ansteckungsrisiken in der Regel überdurchschnittlich hoch. Und viertens: Etwa 10 bis 20 Prozent der Angesteckten sind die Quelle von rund 80 Prozent der Weiterverbreitung – weil die Quellen wegen ihrer Konstitution besonders viele Viren ausstossen und/oder weil sie besonders viele Kontakte haben.

Der letztgenannte Punkt deutet darauf hin, dass bei einem Wiederaufflackern der Epidemie lokal begrenzte Eindämmungsmassnahmen anstelle flächendeckender Schliessungen eher angebracht erscheinen.

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