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Die Befreiung des optisch Unbewussten – mit dem Boom der Web-Konferenzen geht ein weiteres wichtiges Stück unseres individuellen Geheimnisses verloren

Zoom-Web-Konferenzen sind zur Signatur der Corona-Zeit geworden. Manche betrachten sie nicht nur als mediale Krücke im Lockdown, sondern als Teil der Lösung des Klimaproblems. Nicht beachtet wird dabei, welche schwerwiegenden Ich-Enthüllungen damit einhergehen.

Lange haben wir uns gefragt, wie wohl die nächste Generation heissen wird, nachdem mit «Generation Z» das Ende des Alphabets erreicht war. Was auch immer die Antwort sein mag, klar ist, dass derzeit nicht nur die nächste Generation eine Erfahrung durchmacht, die mit Z beginnt. Wir alle sind «Zoomers». Denn nichts repräsentiert die soziale Distanz, die uns die Corona-Pandemie verordnete, so sehr wie die App des Telekonferenz-Unternehmens Zoom aus San Jose in Kalifornien.

Zoom war viel früher da als sein Erfolg. Es musste fast zehn Jahre warten, bis seine Nutzerzahlen und sein Aktienwert in die Höhe schnellten. Seine Stunde kam als Virus, das 2020 schliesslich das zur gesellschaftlichen Pflicht machte, wofür Zoom seit seiner Gründung 2011 geworben hatte: sich am Bildschirm statt in der Realität zu treffen. Dieser Vorschlag sprengte selbst den Denkrahmen der Generation Z, die ja auch Digital Natives genannt wird, weil sie bereits vollständig mit digitalen Medien aufwuchs. Aber auch diese Generation fuhr oder flog noch von einem Ende der Stadt oder der Welt zum anderen, als wollte sie sich eine letzte Bastion im Leben bewahren, die nicht digitalisiert ist.

Konferieren statt fliegen

Natürlich, das trotzige Anstossen vor Ort war schon lange gefährdet durch die mitgebrachten Handys, die keinen Zweifel daran liessen, dass jeder nur auf Abruf wirklich hier war. Das Handy auf dem Tisch verkörperte die Inkonsequenz der Situation: Verlangte der Wunsch, jederzeit und überall Zugang zu allem und allen zu haben, nicht von Anfang an auch die Überwindung des physischen Raumes? Was fehlte, war ein Virus, das uns räumlich beschränkte und zugleich entgrenzte. Nun trennen uns nur noch Zeitzonen. Aber zugleich ist jedem klar: Etwas früher aufstehen für ein Meeting am andern Ende der Welt ist allemal leichter, als sich selbst dahin zu begeben.

Die Kamera nimmt selbst das auf, was keiner gesehen hat: die Zehntelsekunde, in der mein Mundwinkel sich verzog, als die Chefin mehr Einsatz für die gemeinsame Sache forderte.

Wie toll, hört man schon: Zoom sichert unsere Zukunft. Nicht weil wir durch Begegnungen ohne körperlichen Kontakt die Infektionskurve niedrig halten und so besser durch die Pandemie kommen. Das ist nur die derzeitige Funktion einer Technologie, die Grösseres vorhat. Die nachhaltige Notwendigkeit von Zoom liege im Beitrag zur Lösung der Klimakrise, wozu jeder Kilometer zählt, der nicht gefahren oder geflogen werden muss.

Ein Profiteur der Corona-Krise könnte die Umwelt sein. Oder ist es etwa nicht symptomatisch, dass der Wert von Zoom schon im April 2020 denjenigen grosser Fluggesellschaften überstieg, die gerade erst ihre Talfahrt begonnen hatten? Das Flugzeug ist ein Medium des 20. Jahrhunderts, Zoom ist das Medium des 21.

Der Unterschied liegt jedoch nicht nur in den Umweltkosten. Auch die Kommunikationskosten sind verschieden. Und zwar zuungunsten von Zoom. Nicht weil man über Zoom die anderen schlecht hört und sieht, wenn das WLAN zu schwach ist. Im Gegenteil: Man sieht sie besser und mehr von ihnen, als allen lieb sein mag. Man schaut nun in die Wohn- und Schlafzimmer der Zoomer, sieht die Unordnung im Hintergrund, die Familienfotos an der Wand und auch den unglaublich kitschigen Kerzenständer vorne rechts. Aber darum geht es gar nicht. Zumal man diese neue Selfie-Situation ja auch nutzen kann, um sich möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Die gegenseitigen Einblicke ins Privatleben sind nur die Ablenkung von dem, was im Hintergrund tatsächlich passiert.

Gehackt und aufgezeichnet

Es war eine Aufdeckung mit Skandalwert: Zoom erlaubt dem Host eines Meetings, die Linkedin-Konten aller Teilnehmer zu kontaktieren, und zwar auch von denjenigen, die anonym am Meeting teilnehmen, sich aber zum Log-in identifizieren mussten. Zudem informiert die App den Host, wenn ein Teilnehmer nebenbei etwas anderes an seinem Bildschirm tut, Twittern etwa oder Einkaufen, oder wenn er seine Antworten heimlich abliest. Es bleibt fraglich, wie skandalös dies wirklich ist. Eigentlich gehört es sich ja, mit dem richtigen Namen zu einem Treffen zu erscheinen, und dann kann man sowieso jeden im Internet nachschauen. Ebenso gehört es sich, dass man dann auch wirklich anwesend ist – oder höchstens mit den Gedanken woanders – und dass man keine Spickzettel benutzt.

Viel problematischer als diese technische Forcierung von Normalität ist, dass die Meetings gehackt und mit verstörenden Inhalten bombardiert werden können. Wer viel in belanglosen Versammlungen sass, mag schon einmal davon geträumt haben, dass plötzlich lustig gekleidete Leute hereinkommen und komische Verrenkungen machen. Dieser Traum kann nun leicht wahr werden. Sehr leicht aber auch als Albtraum in Form von Kinderpornografie. Aber auch das sind Dinge, die man Zoom nur bedingt vorwerfen kann. Es sind die allgemeinen, längst bekannten Risiken sozialer Netzwerke.

Andere schlechte Nachrichten besagten, dass vereinzelt Daten von Zoom über Server in China geleitet wurden, als die Server anderswo überlastet waren. Wie gross die Datenmenge war und ob dies absichtlich geschah, ist unklar – und auf den zweiten Blick sekundär. Entscheidend ist die Einsicht, dass jede Digitalisierung menschlicher Aktionen zugleich ihre Datafizierung bedeutet und dass man letztlich keine Kontrolle hat, wo die Daten gesammelt und analysiert werden. Denn darum geht es am Ende: Was archiviert ist, kann analysiert werden. Und man weiss nie, wer diese Analyse zu welchem Zweck vornimmt.

Das eigentliche Problem, das Zoom für die Gesellschaft bedeutet, liegt in der Natur der Technik – und es äussert sich schon im Ungleichgewicht der Blicke. Man kann dem anderen gar nicht mehr so recht in die Augen sehen. Denn diese richten sich auf den Bildschirm und nicht auf die Kamera darüber. So schaut man auf den Bildschirm und hat gegenseitig das Gefühl, den anderen dabei zu beobachten, wie er auf seinen Bildschirm schaut. Wir mögen uns wie der Wächter im Panoptikum fühlen und sind doch zugleich Zeuge der eigenen Ohnmacht. Denn der oder die da auf dem Bildschirm sind wir, beschäftigt und abgelenkt – und beobachtet von einem Dritten aus dem Hinterhalt.

Dieser Dritte ist jeder, der die Aufzeichnung des Treffens besitzt. Also jeder, der es offiziell mitschneidet, um ein lückenloses Protokoll der Arbeitsbesprechung zu erstellen, oder heimlich. Man kann weder ausschliessen, dass auch Zoom Aufzeichnungen sammelt, noch dass irgendwann ein dubioses Unternehmen diese für dunkle Zwecke erwirbt oder stiehlt. Man wird erstaunt sein und schockiert. Zu Unrecht. Denn die Geschichte der Digitalisierung berechtigt kaum, an das Gute im Menschen zu glauben.

Potenziell ständig auf der Couch

Software zur Analyse unseres Gesichtsausdrucks – etwa als der Chef zu mehr Einsatz für die gemeinsame Sache aufrief – gibt es jedenfalls genug. Zum Beispiel die App Affectiva, die ein besseres Verständnis der Stimmungslage eines Menschen aus der Beobachtung seines Gesichts verspricht. Immerhin sind 90 Prozent der Kommunikation nonverbal: Mimik, Gestik, Stimmlage. Ob es nicht toll wäre, wenn wir diese zur Lesbarkeit hin befreien könnten, fragt die Gründerin von Affectiva euphorisch. Mit Talleyrand wäre die Antwort ein klares Nein: «Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen.» Aber was wissen IT-Entwickler von der Diplomatie des Alltags? Was wissen sie von der Macht der Rhetorik?

Allerdings bedarf das Durchschauen nicht unbedingt der Zusatz-Algorithmen. Jeder Vorgesetzte, der mitschneidet, kann sich meinen Gesichtsausdruck in einer bestimmten Situation wiederholt und verlangsamt anschauen, um zu entdecken, was seiner Aufmerksamkeit zunächst entging. Mit Zoom liegen wir potenziell ständig auf der Couch des Psychoanalytikers. Denn Zoom expandiert das Aufbewahren in die letzten Winkel des gesellschaftlichen Lebens.

Vor den technischen Medien konnte Gedachtes und Erlebtes nur mündlich weitergegeben werden. Die Schrift sicherte das Aufbewahrte gegen Verzerrung, das gedruckte Buch gegen Verlust. Mit der Fotografie liess sich auch das Nonverbale festhalten, mit dem Grammophon auch Sound, mit der Kamera sogar Bewegung. Der Unterschied zwischen Kamera und Buch ist jedoch nicht nur die Natur der festgehaltenen Zeichen, sondern zugleich die Form des Festhaltens. Die Kamera nimmt selbst das auf, was niemand gesehen hat: die Zehntelsekunde, in der mein Mundwinkel sich verzog, als die Chefin mehr Einsatz für die gemeinsame Sache forderte.

Das Geheimste schwindet

Es handelt sich hier um das «optisch Unbewusste»: Details, die im Ablauf der Ereignisse untergehen, gelangen durch das Anhalten der Zeit im Foto oder die Zeitlupe im Film ins Bewusstsein. Walter Benjamin, der den Begriff prägte, spricht vom «Dynamit der Zehntelsekunde», die den Panzer des Geschehens aufsprengt. Dieses Dynamit befindet sich in den Händen derer, die über das Filmmaterial verfügen. Also meines Chefs, meines Kollegen, von Zoom, des Unternehmens und einer neuen Cambridge Analytica. Mit Zoom wird solches zum Standard.

Diese Nebenwirkung der Pandemie entbehrt nicht der Ironie. Denn während das Geheimste des Individuums vor der Kamera schwindet, nimmt dessen öffentliche Anonymisierung durch die Maske zu. Aber die Maske, die uns jetzt mehr Deckung im Alltag gibt, maskiert nur die Wendung zur Transparenz in gewichtigeren Interaktionen. Es ist dies eine Wendung, die das Virus überdauern wird.

Die kommende Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Zoomer oder wie immer die Software heisst, die gerade benutzt wird, um Arbeitsbesprechungen, Seminare, Familienkonferenzen oder Partys durchzuführen. Es ist die Ausweitung der Transparenz. Zu den frühesten Zoom-Witzen gehörte, dass nun die halbe Kleidungsindustrie bankrottgehen werde, weil man nur noch oben etwas anziehen müsse. Mag sein, dass sich der eine oder die andere in der Tat einen rebellischen Spass daraus macht, halbnackt zum Arbeitstreffen zu erscheinen. In Wahrheit sind wir alle nackter, als wir denken. Will man dies vermeiden, muss man weiter gehen, als das Gesundheitsamt fordert: Maskenpflicht am Bildschirm.

Roberto Simanowski ist Kultur- und Medienwissenschafter, derzeit als Max-Kade-Professor an der Vanderbilt University in Nashville. Sein Buch «Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz» ist bei Passagen Wien erschienen.

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