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Der wohl treuste NZZ-Abonnent blickt zurück auf 100 Lebensjahre und stellt fest: «Ich habe noch viele Ideen. Aber man muss alle altersgerecht ausführen»

August Götschi ist 100-jährig – und frei von Daseinsüberdruss. Mit 94 sprang er dem Tod von der Schippe, doch längst versprüht er in seinem Wädenswiler Eigenheim wieder Lebenslust. Was ist sein Jungbrunnen?

August Götschi, NZZ-Abonnent seit 80 Jahren, fühlt sich als 100-Jähriger pudelwohl.

August Götschi, NZZ-Abonnent seit 80 Jahren, fühlt sich als 100-Jähriger pudelwohl.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Über dem weissen Hemd, wie er es einst an der Börse getragen hat, leuchtet ein Pullover in Magenta. Der bringt mehr Farbe ins Wohnzimmer als die malvenfarbenen Vorhänge und der stattliche Ficus zusammen. Schlohweiss spriesst das Haar, die Augen wirken etwas müde, aber lebendig sind sie alleweil, ebenso wie die Erinnerungen bis weit, weit zurück. Wir lassen ihnen Zeit, aufzusteigen. August Götschi spricht mit Bedacht, aber er verliert den Faden selbst bei seinen mit Jahreszahlen gespickten historischen Exkursen nie, etwa wenn er die Linie seiner Vorfahren zurückverfolgt bis zu Untervögten des Knonauer Amts.

«Die Leute gewöhnen sich an vieles»

Das Licht der Welt erblickte August Götschi zu Beginn der Roaring Twenties. Und nun gehört er also zum erlauchten Kreis von rund 1500 Menschen, die hierzulande mindestens 100-jährig sind. Wir besuchen ihn im schmucken Eigenheim, erbaut auf ehemaligem Landwirtschaftsland in Wädenswil hoch über dem See. Seit 60 Jahren bewohnt er dieses Haus, in dem seine zwei Söhne gross wurden und vor 17 Jahren seine Frau Elsie starb.

Jetzt stellt er dem Besucher «meine liebe Freundin» Roswitha Wellinger vor, die er seit Jahrzehnten kennt, seit vielen Jahren auch näher. Wer rechnet, kommt auf eine gewisse zeitliche Überschneidung der beiden Beziehungen (mit dem Einverständnis aller Beteiligten, wie er betont). Aber kalkulieren wir hier lieber auf einer anderen Ebene: Seit seiner Volljährigkeit liest August Götschi so gut wie täglich die NZZ, die schon sein Vater las. Seit 80 Jahren löst er Jahr für Jahr ein Abonnement. Das klingt rekordverdächtig.

Eigentlich hatten wir uns vor Monaten treffen wollen, dann kam Corona, und man hielt es gemeinsam für ratsam, etwas zuzuwarten. Als man es dann zu wagen beschloss, kündigte der Journalist an, zum Schutz des Gegenübers eine Maske zu tragen, und diese stets auffällig freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung meinte: «Dann werde ich auch eine tragen.» Am Ende lassen es beide bleiben, man unterhält sich mit Distanz, und in die sogenannte Risikogruppe will sich der so gelassene Götschi ohnehin nicht drängen lassen: «Ich würde auch dieses Virus überstehen», sagt er trocken. «Die Leute gewöhnen sich an vieles, auch an diese Bedrohung. Das war wohl immer so, man hat sich auch daran gewöhnt, dass im Herbst und im Winter die Grippe grassiert und in manchen Jahren 2500 Tote fordert. Wer spricht noch darüber?»

Dem Tod von der Schippe gesprungen

«Man muss doch 80 werden, um zu überlegen, wie das ist mit dem Tod», sagt August Götschi. Als Dreikäsehoch musste er auf dem Weg zum Kindergarten den ganzen Friedhof von Wädenswil durchqueren. Vergessen hat er das nicht, an Angstgefühle jedoch kann er sich nicht erinnern. «Angst kennt er bis heute nicht», merkt die Partnerin lächelnd an. Seine erste Krise allerdings löste nach seiner Erinnerung ein toter Vogel aus, den der kleine Guschti im Alter von etwa 2 Jahren im Garten fand. Immer wieder musste er hinausgehen und nachschauen, ob der kleine Kadaver noch da sei. Eines Tages war dieser weg, wohl gefressen von einem anderen Tier.

92 Jahre später sprang August Götschi selbst dem Tod von der Schippe, am 22. Juli 2014. Wenige Schritte von seiner Haustür fuhr ein Traktor an ihm vorbei, da fiel schnell und lautlos ein gepresster Heuballen vom Anhänger direkt auf seinen Rücken. Der alte Mann landete im Strassengraben, konnte sich nicht mehr rühren. Die Rega flog ihn zur Intensivstation, auf der er vier Wochen lag. Seine lebenslustige Partnerin zeigt ein Foto vom zerschundenen Körper, in dem so ziemlich alles gebrochen war, was brechen kann. «Er war eigentlich tot, aber er atmete noch weiter», sagt sie. «Du bist schuld, dass ich nicht tot bin», fügt er strahlend an. Sie scheinen sich gegenseitig ein Jungbrunnen zu sein.

Mit zahlreichen Operationen kämpfte sich der 94-Jährige ins Leben zurück, ein ganzes Jahr verbrachte er im Universitätsspital. Der Rücken ist nie mehr zugewachsen, aber Schmerzen sind keine geblieben. Er kann weiterhin selbständig leben – die Partnerin hat ihren eigenen Haushalt in Effretikon –, kocht sich zum Beispiel eine Bündner Gerstensuppe und erschliesst sich längst auch die digitale Welt. Einer seiner Enkel, ein Computerfachmann, hilft dabei ab und zu weiter.

So steht August Götschi mitten im Leben, im Unterschied zu einem 100-jährigen Romanhelden, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Er hat das Buch («sehr lustig und unterhaltsam») gelesen wie viele, die akkurat geordnet im Gestell stehen. Auf dem Tisch liegt eine abgegriffene Ausgabe von Aldous Huxleys «Brave New World». Die heutige Gesellschaft sieht Götschi vor allem als freizügiger als in seinen jungen Jahren, doch er ortet auch viele Widersprüche: Einerseits forderten die Leute zu Recht, dass der Staat nicht dreinreden solle, andererseits wollten sie alles von diesem, von der Wiege bis zur Bahre.

Banken, Börse, Berge

Aufgewachsen ist August Götschi in gutbürgerlichen Verhältnissen in Wädenswil. Hier wurde nach seiner Überzeugung die Basis für seine bis heute so positive Lebenseinstellung gelegt. Diese sieht er als Kombination aus genetischer Veranlagung und früher Prägung: «Ich finde einfach keinen negativen Posten in meiner Kindheit», konstatiert er fast entschuldigend. Seine Eltern waren beide Bauernkinder, seinen eigenen Werdegang könnte man auf diesen Nenner bringen: Banken, Börse, Berge.

Mit dem Velo, das er zur Matura frisch geschenkt erhalten hatte, fuhr er einst über den Kerenzerberg und den Julierpass bis nach Pontresina, wo er einen etwa gleichaltrigen Appenzeller kennenlernte. Dieser überredete ihn, gemeinsam den Piz Palü zu bezwingen, sie hatten keine Ahnung vom Bergsteigen, doch es ging alles gut. Und der Funke für die grosse Kletterleidenschaft sprang über. Seit nunmehr 67 Jahren ist er Mitglied des Schweizer Alpenclubs (SAC), wo er ebenso leitende Funktionen innehatte wie in anderen Organisationen, begonnen bei der Pfadi, in der er Freunde fürs Leben fand.

Nun ist der Freundeskreis altersbedingt dahingeschmolzen, von seinem Schuljahrgang lebt nur noch er selbst. Aber die Zeitung ist ihm eine treue Gefährtin geblieben. Zum Hundertsten hat ihm die NZZ Pralinés geschickt, wie er berichtet, und eine Ledermappe mit einer Ausgabe der «Züri-Ziitig» vom Tag seiner Geburt. Die Titelseite war den Nachwehen des Generalstreiks von 1918 gewidmet. Als es noch kein Radio gegeben habe, seien die Zeitungsnachrichten natürlich noch viel bedeutender gewesen als heute, sagt er. Aber dieses Blatt sei noch immer eine wichtige Stimme. Erlauben wir uns also, unseren vielleicht treusten Leser hier mit einem kleinen Werbespot zu zitieren: Die NZZ sieht er als «führende deutschsprachige Zeitung der Schweiz, vielleicht sogar Europas». Er schätzt ganz besonders den guten Schreibstil, und zuerst greift er gewohnheitsmässig stets zum Wirtschaftsteil.

Seine Laufbahn im Finanzsektor nach einer Banklehre hatte Götschi bis zur Position eines Vizedirektors geführt, aber auch in den Börsenring. Während seines einzigen längeren Auslandaufenthalts in London – es war auch der einzige Unterbruch seines NZZ-Abos – kam er in Berührung mit der High Society. Er habe sich in einfachsten Verhältnissen ebenso wohl gefühlt wie in besseren Kreisen, versichert Götschi vergnügt, er, der keineswegs verschont war von Schicksalsschlägen. Den einen Sohn verlor er bei einem Gleitschirmunfall, seine Frau Elsi wurde von Demenz befallen. Bis am letzten Tag war er mit ihr zusammen im Haus. Und wenn er von der Nacht spricht, in der sie starb, ist seine ohnehin schon sanfte Stimme von Wärme erfüllt.

Vom Wert der Genügsamkeit

Und welche Wünsche schlummern oder pochen gar noch in seinem Herzen? «Ich habe noch viele Ideen, aber man muss alle altersgerecht ausführen und wissen, wann etwas abgeschlossen ist», entgegnet er. Zu den Geheimnissen des guten Alterns scheint zu gehören, seine Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Mit dem 85. Lebensjahr gab er das Leiten von Berg- und Skitouren auf: Er merkte, dass selbst die Senioren jünger waren als er, dabei müsste der Tourenleiter stets der Stärkste von allen sein. Den Führerschein gab er mit 90 Jahren ab («die Reaktionen sind einfach nicht mehr so schnell»). Es habe vorher noch kurz eine Beule im Auto gegeben, vervollständigt die Lebenspartnerin die Geschichte. Er gesteht es ein, wie ein Bub, der eine Fensterscheibe eingeschlagen hat. In solchen Momenten verströmt er den Charme eines Johannes Heesters selig, des niederländischen Schauspielers, der noch mit über 100 Jahren die Frauenherzen höherschlagen liess.

Wie aber würde August Götschi Glück definieren? Er überlegt länger als zu jeder anderen Frage, spricht dann von der Zufriedenheit an allen Orten, an denen man sich willkommen fühle, erwähnt den Frühling und preist schliesslich die Genügsamkeit: «In den kleinen Alphütten waren wir immer am glücklichsten.» Das wäre das Stichwort für die Vervollständigung dieser Liebesgeschichte, die keinen Trauschein braucht. «Wir haben es wirklich schön zusammen», sagt er zu seiner Lebensgefährtin, mit der er bald die nächsten Ferien planen möchte.

«10. April!», kommt es wie aus der Pistole geschossen auf die Frage, wann und wie er die 21 Jahre jüngere Roswitha denn kennengelernt habe. Es war in einer Alphütte – er besitzt zwei renovierte im Lötschental –, sie war mit einer Gruppe auf Skitour, er als Bergführer unterwegs. Es war das Jahr 1989, in dem die Berliner Mauer fiel; zwischen den beiden brachen noch nicht alle Dämme, aber man traf sich wieder in der Stadt. Bald unternahmen sie gelegentlich etwas zusammen, auch gemeinsam mit seiner damaligen Gattin, die diese Liaison akzeptiert habe.

Die bessere Lebenshälfte

Zum Schluss will der etwa halb so alte Journalist wissen: «Kommt aus Ihrer Erfahrung die bessere Lebenshälfte noch?» – «Aus meiner Erfahrung kann ich das für Sie hoffen», meint Götschi und argumentiert staatspolitisch: In der Schweiz sei es «doch gottlob vorläufig noch so, dass wir alle stimmberechtigt sind». Somit könnten wir an allen wichtigen Entscheidungen für dieses Land teilhaben, also seien wir der Souverän in diesem Land, nicht die Regierung. «Solange das so bleibt, wird es in der Schweiz gut bleiben.» Und somit könne die zweite Lebenshälfte durchaus noch schöner werden als die erste – «wenn man Glück hat und gesund ist».

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