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Der Untergang der «Estonia» schlägt wieder Wellen - Teilen der Filmcrew drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis

Der Untergang der Ostseefähre «Estonia» im September 1994 ist eine der grössten Katastrophen der zivilen europäischen Schifffahrt. Obwohl seit 1997 offiziell abgeschlossen, hat die Untersuchung dazu nie alle Zweifel über den Hergang ausgeräumt. Brisante neue Erkenntnisse werfen nun politische Fragen auf.

Bergung des Bugvisiers der «Estonia». Eine Fernsehdokumentation stellt nun die bisherige Darstellung der Katastrophe infrage.

Bergung des Bugvisiers der «Estonia». Eine Fernsehdokumentation stellt nun die bisherige Darstellung der Katastrophe infrage.

Jaakko Aiikainen / AP

Es war kurz vor ein Uhr nachts, als Carl Erik Laantee Reintamn durch einen dumpfen Knall aus dem Schlaf gerissen wurde. Ein Eisblock konnte das nicht gewesen sein, überlegte sich der junge Este geistesgegenwärtig. Fluchtartig verliess er seine Kajüte und stürmte auf ein offenes Deck. Das sollte ihm an diesem Tag, dem 28. September 1994, das Leben retten. Denn keine Stunde später war die Fähre «Estonia», auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm, gesunken. Reintamn war eine von den gut 130 Personen, der insgesamt 989 Passagiere und Besatzungsmitglieder, die davonkamen.

Einige Tage später, bei einer Einvernahme im Rahmen erster Untersuchungen zur Katastrophe, erzählte Reintamn von seinem Erlebnis. Doch damals schien von offizieller Seite schon festzustehen, dass die «Estonia» gesunken war, weil ihr in schwerer See das Bugvisier abriss und die dahinterliegende Laderampe für die Fahrzeuge dem Druck der vier Meter hohen Wellen nicht widerstehen konnte. Seine Beobachtungen schienen ihm deshalb bedeutungslos, wie Reintamn unlängst gegenüber der schwedischen Zeitung «Aftonbladet» sagte.

Eine neue Untersuchung – durch wen?

Jetzt allerdings sind sie wieder hochaktuell. Denn ein Recherche-Team einer nordischen Mediengruppe hat mit einer ausführlichen Fernsehdokumentation in den letzten Tagen zum Thema «Estonia» viel Aufsehen erregt. Es geht namentlich um ein zumindest der Öffentlichkeit bisher unbekanntes Bild, das einen vier Meter langen und gut einen Meter breiten kreuzförmigen Riss mit einem Loch in der Mitte unter der Wasserlinie in der rechten Aussenwand des Wracks zeigt. Es ist ein Schaden, wie er laut Experten von einem Aufprall solcher Art stammen könnte, wie ihn Reintamn und auch andere damals zu spüren glaubten.

Die Dokumentation ist deshalb so brisant, weil sie die bisherige Darstellung des Hergangs der Katastrophe infrage stellt; eine Darstellung, zu der Estland, Schweden und Finnland in einer von 1994 bis 1997 gemeinsam geführten Untersuchung gelangt waren. Für Margus Kurm, der als estnischer Staatsanwalt von 2005 bis 2009 nochmals mit einer «Estonia»-Untersuchung beschäftigt gewesen war, wäre das Loch in der Seitenwand der bis anhin fehlende Schlüssel zu einer ganzen Reihe offener Fragen, wie er in einem ausführlichen Interview für die Zeitung «Postimees» darlegte. Nicht zuletzt geht es darum, auf welchem Weg und wie rasch das Wasser eintrat und wie es in die drei Decks unter dem Autodeck gelangen konnte.

Weshalb aber dauerte es 26 Jahre, bis dies bekanntwurde? Entweder, sagte Kurm, habe die erste Taucher-Expedition diesen Teil des Schiffes nicht sorgfältig genug geprüft. Oder aber niemand habe davon wissen dürfen. Von den zwei Originalkopien der Unterwasseraufnahmen von 1994 sei eine vernichtet worden, und die andere sei verschollen. Zugänglich seien schon der ersten Untersuchungskommission bloss editierte Kopien gewesen, und diese zeigten die beschädigte Stelle nicht.

Zahlreiche Stimmen sind nun laut geworden, es sei eine neue Untersuchung zur «Estonia»-Katastrophe aufzunehmen. Sie gehören nicht zuletzt Überlebenden und Hinterbliebenen der Todesopfer. Von den drei betroffenen Regierungen sprach sich die estnische bereits am Montag dafür aus. Technisch sei das möglich, ohne den Vertrag zur Wahrung der Totenruhe zu verletzen. Dieser war schon 1995, zwei Jahre vor Abschluss der ersten Untersuchung, unter den meisten Ostsee-Anrainern abgeschlossen worden.

In einer gemeinsamen Erklärung schrieben am Montag die Aussenminister Schwedens, Finnlands und Estlands, man werde signifikante neue Informationen gemeinsam beurteilen. Man stelle ferner auch weiterhin auf den Report von 1997 ab.

Zahlreiche Ungereimtheiten

Gerade dieser Report ist jedoch angesichts mancher Ungereimtheiten umstritten. Damit stellt sich die Frage, wer allfällige neue Ermittlungen leiten soll. Für den estnischen Ex-Staatsanwalt Kurm müsste es ein regierungsunabhängiges Gremium sein, und die Arbeit müsse absolut transparent und von der Öffentlichkeit verifizierbar sein. Das Vertrauen in die Regierungen sei wohl dahin, wenn sie 26 Jahre lang die Realität nicht hätten sehen wollen.

Die meisten Fragen zu beantworten hat wohl Schweden. Zum Beispiel diejenige, weshalb man schon Monate nach dem Untergang der «Estonia» das Wrack mit einer Art Sarg aus Sand und Beton zudecken wollte. Auch ist bekannt, dass das Schiff im September 1994 bei mindestens zwei Fahrten geheime Fracht aus Estland an Bord hatte. Ein Marinehistoriker sagte dazu gegenüber «Aftonbladet», dass in der Umbruchzeit nach dem Kollaps der Sowjetunion die baltischen Republiken durch ihre Hinwendung zum Westen ein Eldorado für westliche Geheimdienste gewesen seien, die an sowjetische Militärgeheimnisse gelangen wollten.

Zuletzt zog Schweden zwei Journalisten jenes Recherche-Teams vor Gericht, das die Existenz des Lochs in der Steuerbordwand der «Estonia» nachwies. Sie hätten mit ihren Filmaufnahmen das Sperrgebiet um das Wrack zur Wahrung der Totenruhe verletzt. Die Expertenmeinungen gehen jedoch auseinander, ob das Abkommen in diesem Fall überhaupt anwendbar sei.

Die Theorien, wer was im Umfeld der Katastrophe zu verschweigen haben könnte oder vertuschen wollte, schiessen nun wieder ins Kraut – verstummt waren sie ohnehin nie. Umso wichtiger wäre es, dass eine tatsächlich unbefangene Untersuchung zustande kommt.

Teilen der Crew drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis

Teilen der Filmcrew, die durch ihre Dokumentation den Fall erst wieder an die Oberfläche brachte, droht derweil eine Gefängnisstrafe. Denn im Jahr 1995 haben sich mehrere Staaten an der Ostsee auf ein Gesetz geeinigt, welches das Wrack zum Seegrab erklärt. Tauchen und andere Aktivitäten unter Wasser sind verboten. Wer die Totenruhe der Opfer stört, kann zu bis zu zwei Jahren Haft verurteilt werden.

Die schwedische Staatsanwaltschaft hat bereits im Juni gegen den Regisseur und einen Mitarbeiter Anklage erhoben. Diese berufen sich auf das Seerecht. Sie hätten absichtlich ein deutsches Schiff gechartert, um dieses Gesetz zu umgehen. Das Wrack liegt in internationalen Gewässern, damit gelte deutsches Recht. Deutschland hat das Abkommen nicht unterzeichnet.

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