Switzerland

Der ungebetene Gast – wie die Schweiz den gestürzten Präsidenten Guatemalas, Jacobo Arbenz, bespitzelte und vertrieb

Jacobo Arbenz wollte sein Land reformieren und wurde Opfer eines Putsches der CIA. Als der Sohn eines Schweizer Emigranten im Januar 1955 in die Eidgenossenschaft reiste, schrillten in Bundesbern die Alarmglocken. Ein Blick zurück.

Winteridylle mit Blick aufs Matterhorn: Jacobo Arbenz im Januar 1955 mit seiner Familie in Zermatt.

Winteridylle mit Blick aufs Matterhorn: Jacobo Arbenz im Januar 1955 mit seiner Familie in Zermatt.

Photopress-Archiv

Blitzlichtgewitter sind am Bahnhof Visp selten. Doch am 5. Januar 1955 stehen die Fotografen bereit, als dem Orientexpress aus Paris ein Mann im dicken Wintermantel und mit streng zurückgekämmtem Haar entsteigt. Samt Ehefrau, Sohn, zwei Töchtern und noch mehr Gepäck wartet er auf die Weiterfahrt nach Zermatt. Von all den Prominenten, die sich in jenen Tagen auf den Skihügeln des Landes tummeln, steht er fortan am stärksten im Fokus. Der «Spiegel» berichtet: «Staunend stapfte die Familie aus der subtropischen Bananen-Republik durch meterhohen Neuschnee.» Die «Filmwochenschau» begleitet sie bei ersten Skiversuchen am Berg, die «Schweizer Illustrierte» zeigt den 41-jährigen Herrn auf Schlittschuhen und spöttelt: «Vielleicht findet er das Eisfeld nicht so glatt wie das politische Parkett.»

Bis vor kurzem ist Jacobo Arbenz noch Staatspräsident Guatemalas gewesen. Bis ihn die USA aus dem Amt geputscht haben. Der Mann mit dem urchigen Schweizer Nachnamen beherrscht während Monaten die Schlagzeilen der Weltpresse. Und nun ist er in der Eidgenossenschaft – zurück im Land seiner Vorfahren. Sehr zum Unmut der Behörden.

Der Krake schlägt zurück

Geboren ist Jacobo Arbenz 1913 in der Stadt Quetzaltenango in Guatemala. Sein Vater Jakob Arbenz zog 1899 von Andelfingen im Zürcher Weinland dorthin, arbeitete in der Apotheke eines Onkels, heiratete eine Einheimische, übernahm die Apotheke, verarmte und nahm sich auf seiner Finca «La Suiza» 1934 das Leben. Sohn Jacobo ist zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg nach oben. Nach dem Studium an der Militärschule macht er als Offizier Karriere, boxt, spielt Polo, unterrichtet Naturwissenschaften sowie Geschichte. Und er nimmt 1939 Maria Vilanova zur Frau, die sozialkritische Tochter eines reichen Kaffeepflanzers aus El Salvador.

In Guatemala leben damals drei Millionen Einwohner, die meisten von ihnen in bitterer Armut und ohne Rechte. Eine Oligarchie herrscht über das halbfeudale System. Als 1944 eine Reformbewegung das Regime von General Jorge Ubico wegfegt, ist Jacobo Arbenz an vorderster Front. Er dient dem neugewählten Präsidenten, dem Philosophieprofessor Juan José Arévalo, als Verteidigungsminister; 1950 wird er selbst zum Präsidenten gewählt. Der Wandel ist in jenen Jahren rasant: Das Bildungssystem wird umgebaut, ein Arbeitsgesetz verabschiedet, ein Sozialversicherungsgesetz eingeführt. Und Arbenz wagt, was in diesem Land noch niemand gewagt hat: eine umfassende Landreform.

Grosse Ländereien sollen enteignet werden, deren Besitzer werden entschädigt. Landlose Campesinos sollen angesiedelt werden und für den Markt produzieren. Arbenz handelt keineswegs realitätsfremd. Auch die Weltbank hat die extreme Ungleichheit beim Landbesitz als zentrales Hindernis für die ökonomische Prosperität Guatemalas ausgemacht. Doch die Grossgrundbesitzer laufen Sturm, allen voran die amerikanische United Fruit Company (heute Chiquita): Der Konzern ist der grösste Landbesitzer, Arbeitgeber und Exporteur, besitzt zentrale Infrastrukturen und heisst nicht ohne Grund im Volksmund «el pulpo» – der Krake.

Der neugewählte Präsident Jacobo Arbenz hält am 15. März 1951 seine Inaugurationsrede.

Der neugewählte Präsident Jacobo Arbenz hält am 15. März 1951 seine Inaugurationsrede.

AP

United Fruit beauftragt den «Papst der Propaganda», Edward Bernays, mit einer Diffamierungskampagne. Über eigens gegründete Informationsbüros verbreitet dieser Nachrichten, wonach in Guatemala eine von den Sowjets gestützte kommunistische Herrschaft errichtet werde. Er lädt Journalisten auf Pressereisen ein, bringt United Fruit dazu, Rebellen zu finanzieren, und lässt für die amerikanischen Politiker eine «Studie» über die «wahren» Zustände im Land erstellen. Bernays trägt damit entscheidend zur Intervention der CIA bei. Die «rote Angst» ist zu Beginn des Kalten Kriegs riesig. Im Juni 1954 stürzen von den USA unterstützte Rebellen Jacobo Arbenz. Er rettet sich in die mexikanische Botschaft, verharrt dort zwei Monate, bis er nach Mexiko ausreisen kann.

Unter Beobachtung

Die Schweizer Behörden verfolgen genau, was sich in Guatemala abspielt. Schon 1953 verzichten sie auf die lukrative Lieferung von Jagdflugzeugen, weil sie die USA nicht verärgern wollen. Der Diplomat August R. Lindt kabelt kurz vor dem Putsch nach Bern, die Regierung Arbenz gelte in Zentralamerika «nicht als kommunistisch, sondern lediglich als sozial fortschrittlich». Doch Washington sei entschlossen, «to clean up the mess in Guatemala».

Als der gestürzte Präsident mit eidgenössischen Wurzeln im Dezember 1954 bekanntgibt, zur Erholung in die Schweiz reisen zu wollen, schrillen in der Bundesverwaltung die Alarmglocken: Will er sich niederlassen? Ist er ein Kommunist oder nicht? Droht durch die Beherbergung ein Reputationsschaden?

Vor allem die Berichte, die der Honorarkonsul Robert Fischer aus Guatemala schickt, sorgen für Nervosität. Arbenz besitze in der Schweiz diverse Konten mit Fluchtgeld, kolportiert Fischer und kreidet seinem Regime diverse «Terrorakte» an: «Es sind dabei Unmenschlichkeiten begangen worden, deren Gegenstück nur im tiefsten Mittelalter zu suchen ist und die die Methoden des (. . .) nazistischen Regimes erblassen lassen.» Konkrete Belege für die Anschuldigungen liefert Fischer indes nicht.

Jacobo Arbenz bekommt schliesslich nur ein für drei Monate befristetes Visum und muss sich schriftlich verpflichten, keine politischen Kommentare abzugeben und die Schweiz pünktlich zu verlassen. Frostig ist auch der Empfang im Wallis. Behördenvertreter sind keine anwesend, dafür verfolgt die Bundespolizei jeden Schritt von Arbenz, wie Akten aus dem Bundesarchiv zeigen. So weiss ein Gefreiter namens Berchtold zu berichten: «Die Mahlzeiten lässt sich die Familie meistens ins Zimmer bringen.» Und: «Mit der Direktion des Hotels Zermatterhof wurde abgemacht, dass mir jede Zusammenkunft von Arbenz mit unbekannten Personen gemeldet wird.» Aktivitäten im Schnee werden ebenso akribisch verzeichnet wie ein Ausflug nach Bern, wo Jacobo Arbenz den Zahnarzt und seine Frau den Gynäkologen besucht.

Derweil beschäftigt sich die Presse eifrig mit einer anderen Frage: jener des Schweizer Bürgerrechts für den gestürzten guatemaltekischen Präsidenten. Genealogische Herleitungen seit dem 16. Jahrhundert werden angestellt, Gesetzesparagrafen referiert. Die «Tat» empfiehlt Arbenz gar als neuen Gemeindepräsidenten von Andelfingen. Klar ist, dass er zwar nicht im Geburtsregister erfasst ist, sich aber auf ein durch den Vater weitergegebenes «schlummerndes Bürgerrecht» berufen könnte. Ein geplanter Empfang in Andelfingen muss wieder abgesagt werden. Zum einen übt der Bundesrat Druck auf die Gemeinde aus, «sich etwas diskreter zu verhalten». Zum anderen gehen wegen der angeblichen «Schreckensherrschaft des Diktators» nun Protestschreiben und Drohungen im Dorf ein.

Mysteriöser Tod

Arbenz hat indes gar nicht im Sinn, den Schweizer Pass zu bekommen: «Ich bin Bürger von Guatemala», erklärt er gegenüber Journalisten. «Und als guter Patriot meines Landes bin ich jenem guatemaltekischen Gesetz gehorsam, das doppelte Staatsbürgerschaften verbietet.» In der Eidgenossenschaft will er aber trotzdem vorübergehend bleiben und ersucht die Fremdenpolizei um eine Niederlassungsbewilligung. Um die delikate Angelegenheit kümmert sich der Bundesrat höchstpersönlich. Aussenminister Max Petitpierre schreibt Justizminister Markus Feldmann: «Es wäre wünschenswert, Herrn Arbenz eine negative Antwort geben zu können.» Genau das tut die Fremdenpolizei dann auch.

Am 5. April 1955 muss Jacobo Arbenz die Schweiz verlassen. Das Stigma, ein Kommunist zu sein, verhindert ein Asyl im Westen. Für die Familie folgt nun eine jahrelange Odyssee, vornehmlich durch sozialistische Staaten: die Tschechoslowakei, Chruschtschows UdSSR, Maos China, Castros Kuba. Die Schweiz überlegt sich gar, gegen Arbenz eine vorsorgliche Einreisesperre zu verfügen, sieht dann aber davon ab. 1967 lebt Arbenz noch einmal für kurze Zeit in der Schweiz, in Pully am Genfersee, damit zwei seiner Kinder in der alten Heimat studieren können. 1970 erhält er in Mexiko eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung. Glücklich ist er auch dort nicht mehr. Nach dem Suizid seiner erstgeborenen Tochter, die international als Fotomodell gearbeitet hat, ist er ein gebrochener Mann. 1971 stirbt er 58-jährig unter mysteriösen Umständen in seiner Badewanne.

Anerkennung erfährt Jacobo Arbenz erst später. In den 1980er Jahren werden seine Pläne zur Landreform nachträglich von amerikanischer Seite gewürdigt. 1996 empfängt Bundesrätin Ruth Dreifuss seine Witwe – als Geste der Wiedergutmachung für die einstige Haltung der offiziellen Schweiz. Und 2011 rehabilitiert Guatemalas Regierung den jahrzehntelang totgeschwiegenen Modernisierer vollständig.

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