Switzerland

Der Professor und seine extravagante Gletscher-Idee

Als der französische Unternehmer Jacques Mouflier im Jahr 1935 das entlegene Alpendorf Val-d'Isère besuchte, sah er dessen Zukunft vor sich. «Es wird ein Wunder geschehen», sagte Mouflier zu seinem kleinen Sohn und deutete auf die umliegenden Berge. «Die besten Skifahrer aller Länder werden kommen, um hier, wo wir jetzt stehen, gegeneinander anzutreten.» Er behielt recht. 1948 brachte Val-d'Isère den ersten französischen Ski-Olympiasieger hervor, und seither strömen die Profisportler in das auf 1850 Metern gelegene Dorf, zu denen sich Zehntausende Amateursportler gesellen. Vergangenes Jahr verkaufte das Skigebiet 1,3 Millionen Tagespässe.

Die anhaltende Attraktivität von Val-d'Isère – abgesehen von der fast bedrückend malerischen Umgebung, den Fünfsternhotels und den 300 Kilometern makellos gepflegter Pisten – rührte bislang daher, dass es, wie es im Jargon der Skiindustrie heisst, «schneesicher» ist. Jahr für Jahr kam der erste Schnee Mitte November, zuverlässig wie eine Schweizer Uhr.

Die Dorfbewohner behaupten, den Schneefall anhand der Beeren an den Vogelbeerbäumen vorhersagen zu können. Dichte Büschel im Sommer versprechen tiefen Schnee im Winter. Jahrzehntelang bogen sich die Äste unter dem Gewicht der Beeren. Doch Mitte der 1980er-Jahre stellten die Einheimischen eine Veränderung fest. Der Tag des ersten Schneefalls verschob sich nach hinten. An Hängen, die in den Vorjahren von durchgehendem Weiss bedeckt waren, zeigte sich fleckenweise kahler Boden. In einigen Skisaisons fiel überreichlich Schnee, in anderen zu wenig.

Konsistenter war der Rückzug des Pisaillas-Gletschers, dessen Schmelzwasser die umliegenden Wälder speist; jedes Jahr zog er sich etwas weiter nach oben auf den Pointe du Montet zurück, der das zerklüftete Bergpanorama dominiert. 2014 kam der Schnee so spät nach Val-d'Isère, dass das Critérium de la Première Neige zum ersten Mal in seiner Geschichte verlegt wurde, in eine schneereichere Region in Schweden.

Noch schnellere Erwärmung in den Alpen

Aus Gründen, welche die Wissenschaft nicht vollständig erklären kann, verläuft die Erwärmung in den Alpen schneller als im globalen Durchschnitt. Der Anstieg der Durchschnittstemperatur seit Ende des 19. Jahrhunderts beträgt 1,4 Grad, doch in den Alpen sind es zwei Grad. In den letzten hundert Jahren ist die Zahl der Stunden, in denen die Sonne auf die Berge scheint, um zwanzig Prozent gestiegen. Hitze und Sonneneinstrahlung bewirken, dass Schnee schmilzt oder gar nicht erst fällt.

Das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung hat 2017 festgestellt, dass in den Wintermonaten in den Alpen weniger Schnee gefallen ist als in jedem anderen Jahr seit 1874. Im April zeigte ein Bericht der European Geosciences Union, dass neunzig Prozent des Eisvolumens in den Alpen – Gletscher sind eine wichtige Quelle für Trinkwasser und landwirtschaftliche Bewässerung und auch zum Skifahren beliebt – bis zum Ende dieses Jahrhunderts verloren gehen könnten.

Für die Wintersportindustrie der acht Alpenländer, die 35 Prozent der weltweiten Skigebiete beheimaten und jedes Jahr schätzungsweise 120 Millionen Touristen anziehen, ist das existenzbedrohend. Seit 1960 hat sich die durchschnittliche Länge der Schneesaison um 38 Tage verkürzt, während die Verschiebung der Jahreszeiten das Kältemaximum von Dezember auf die ersten Monate des Jahres und damit die Skisaison aus den lukrativen Weihnachtsferien gerückt hat.

«Man braucht vier Dinge, um Schnee herzustellen: Wasser, Luft, Kälte und Geschick.»Pierre Mattis, Beschneiungsexperte

Im November 2017 startete die EU das Prosnew-Projekt, in dem Wissenschaftler Skigebiete beraten, wie sie «dieselbe Saisonlänge mit etwa dreissig Prozent weniger Schnee bewerkstelligen können». Restlos erfolgreich war das Projekt nicht. Berichten zufolge gibt es mittlerweile bis zu zweihundert aufgegebene Skigebiete in den Alpen, in denen Hotels bankrott gemacht haben sind und Skilifte verlassen im Wind baumeln.

Dass die Katastrophe auch die Region Val d'Isère erfassen würde, war Olivier Simonin, deren Tourismusdirektor, seit der berüchtigten Saison 2006/2007 klar, als der Schneemangel in allen Alpen-Skigebieten zu einem Rückgang der Einnahmen um sieben Prozent führte. Im September veranstaltete die wichtigste Gewerkschaft der französischen Skiwirtschaft, Domaines Skiables de France, zum ersten Mal eine Dringlichkeitssitzung mit den Direktoren der wichtigsten französischen Skigebiete, um über die existenziellen Herausforderungen zu sprechen, vor denen sie stehen. Die Stimmung, so Simonin, war düster: «Das ist jetzt unser Hauptgesprächsthema», sagte er. «Niemand will sterben.»


Er ist offiziell für tot erklärt: Der einstige Pizolgletscher ist nur noch eine Stein- und Geröllwüste. Foto: Keystone

Anders als die Inselbewohner Kiribatis, deren Häuser in den nächsten Jahren der Pazifik schlucken wird, oder die Bauern in Bangladesh, deren Ernte hinüber ist, wenn ihre Felder vom Salzwasser überflutet werden, ist die Skiwirtschaft, die in den Alpen jedes Jahr Milliarden umsetzt, ungleich besser dafür gerüstet, um ihr Überleben zu kämpfen. Und Ferienorte wie Val-d'Isère haben auch bereits Dutzende Millionen in die einfachste Lösung investiert, die man sich vorstellen kann: Wenn kein Schnee mehr vom Himmel fällt, muss man ihn eben selbst machen.

«Man braucht vier Dinge, um Schnee herzustellen», sagte Pierre Mattis, als wir letzten September das Kontrollzentrum der Beschneiungsanlage im Val d'Isère besichtigten, die er leitet: «Wasser, Luft, Kälte und Geschick.» Eines Morgens im Jahr 1995 erfuhr Mattis, damals ein 28-jähriger Skilift-Ingenieur, dass er von nun an für die Betreuung der Handvoll Schneemaschinen des Skigebiets zuständig sei. Vier Jahre später begann er mit dem Bau seiner Schneefabrik, des Atelier de la Neige, und installierte ein siebzig Kilometer langes Rohrnetz unter dem Berg. Nach jahrelanger Erweiterung und Verbesserung kann er mit einer der technisch anspruchsvollsten Beschneiungsanlagen der Welt auf Knopfdruck 65 Quadratkilometer Pistenfläche mit Kunstschnee bedecken.

Schneekanonen müssen laufend verbessert werden

Die ersten Schneemaschinen in Europa kamen Anfang der 1980er-Jahre in Italien auf, kurz bevor man in Val-d'Isère bemerkte, dass sich die Jahreszeiten verschieben. Und wie man sich an Winter mit unregelmässigem Schneefall gewöhnte, gewöhnte man sich an die Maschinen. Die meisten basierten auf dem Entwurf eines Mannes aus Pennsylvania namens Herman K. Dupré, der 1968 eine Sprinkleranlage an einen Luftkompressor anschloss. Dupré pumpte Luft und Wasser mit hohem Druck durch eine lanzenartige Düse, um einen feinen Sprühstrahl zu erzeugen, der sich bei ausreichend niedrigen Temperaturen in Schnee verwandelte, bevor er auf den Boden traf.

Schon vor Mitte der 1980er-Jahre hatte es warme Winter gegeben, sagt Robert Steiger, Ökonom und Tourismusforscher an der Universität Innsbruck, «aber damals waren die Alpengemeinden noch nicht so abhängig vom Skitourismus». Claus Dangel, CEO von Bächler, einem Schneemaschinenhersteller, der mehr als zweihundert Skigebiete in den Alpen beliefert, schätzt, dass heute 95 Prozent der italienischen, 70 Prozent der österreichischen, 65 Prozent der französischen und die Hälfte der Schweizer Skigebiete auf Schneemaschinen angewiesen sind, um zu überleben.

Es braucht viel Technik und riesige Mengen an Wasser und Strom, um die Schneemassen herzustellen, die noch vor zwei Generationen die Alpen auf natürliche Weise bedeckten. Mattis' in den Berg geschlagenes Kontrollzentrum in Val-d’Isère erinnert an den Bunker eines «Bond»-Bösewichts. Es beherbergt sechs je drei Meter hohe Pumpen, Wasserfilter und eine Phalanx von Computerbildschirmen – überwacht von Mattis' zwölfköpfigem «Schneeteam».

Der Schnee wird mit einer Geschwindigkeit von 250 km/h aus sechshundertfünfzig Schneekanonen auf die Berge geschossen. Noch vor zehn Jahren konnten Kanonen im Abstand von achtzig Metern eine dichte Schneedecke bilden, doch der Klimawandel hat Mattis gezwungen, diesen Abstand zu halbieren. Das System muss ständig verbessert werden, um mit den Auswirkungen des Klimawandels Schritt zu halten.

In seiner aktuellen Konfiguration, die auf 2014 datiert und 2 Millionen Euro kostete, kann das System 8000 Kubikmeter Schnee pro Stunde produzieren – das Achtfache gegenüber der Kapazität vor der letzten Erweiterung. Die Anlage ist eine der grössten in den Alpen und unterscheidet sich von den meisten ihrer Konkurrentinnen dadurch, dass fast alle Teile selbst entwickelt wurden. Mattis sagt, sein System sei einzigartig, da man damit die Dichte des Schnees auf einer 10-Punkte-Skala stufenlos steuern kann. Bei Bedarf sei er jederzeit in der Lage, einen kompakteren, «schnelleren» Schnee zu erzeugen, der sich ideal für Profiwettkämpfe eignet.

Weniger finanzstarke Gebiete setzen auf das Snowfarming: Der Schnee wird im Januar und Februar gesammelt oder produziert.

Eine solche Technologie ist mit hohen finanziellen und ökologischen Kosten verbunden. Heute geht jeder zwanzigste Euro, der in Val-d'Isère ausgegeben wird, in die Schneefabrik, um die Kosten für Strom, Personal, Wartung und Aufrüstung zu decken – eine versteckte «Kunstschnee-Steuer», die ständig steigt. Obwohl die Schneemaschinen immer effizienter werden, verbraucht ein Gerät im Schnitt noch immer in etwa so viel Strom wie ein Heizkessel in einem Einfamilienhaus. Zehntausendfach multipliziert, werden Schneemaschinen in den Alpen so zu einer selbstzerstörerischen Erfindung: Sie verschlimmern die Klimaprobleme, die sie eigentlich lösen sollten.

Und doch sind sie für das Leben in den Alpen, wie wir es kennen, unverzichtbar. Steigers jüngste Simulationen legen nahe, dass schon 2050 bis zur Hälfte aller Skigebiete nicht mehr in der Lage sein werden, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten, wenn nicht überall hochmoderne Beschneiungsanlagen installiert werden, wie sie Mattis in Val-d'Isère betreibt. Doch nur die wohlhabendsten Orte wie Val-d’Isère – wo Chalets mehr als 25'000 Franken pro Quadratmeter kosten – sind in der Lage, die notwendigen Investitionen zu tätigen, um ihre Anlagen beständig aufzurüsten.

Weniger finanzstarke Gebiete sind auf eine günstigere Quelle angewiesen – das Snowfarming: Der Schnee wird im Januar und Februar gesammelt oder produziert, wenn die Herstellung weniger kostet als in wärmeren Monaten. Dann wird er unter einer vierzig Zentimeter dicken Schicht von Holzspänen deponiert, die Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben und den Schnee während der Sommermonate kühl, kompakt und nutzbar halten. Ende Oktober werden die Häcksel dann entfernt, damit der Schnee rechtzeitig zur Skisaison auf den Pisten ausgebracht werden kann. Kunstschnee, ob aus dem Sommerdepot oder aus der Schneekanone, könnte aber nicht nur die Skiindustrie retten – in einer Region, in der, wie die Internationale Alpenschutzkommission Cipra es ausdrückt, «die Notwendigkeit zu handeln immer dringender» wird.

Der Klimawandel setzt den Alpen zu: Abgedeckte Teile des Rhonegletschers im Wallis. Foto: Keystone

Ein holländischer Professor glaubt, Kunstschnee könnte auch der Schlüssel zur Rettung der Gletscher in den Alpen und anderen Gebirgen sein – und der Gemeinden, die für ihre Versorgung mit Nahrung und Wasser darauf angewiesen sind.

Am Morgen des 11. Juli 2000, nach einer Nacht mit starkem Sommerschnee, machte sich Hans Oerlemans vierhundert Kilometer nordöstlich von Val-d'Isère auf, um seine Wetterstation auf dem Morteratschgletscher nahe Pontresina zu inspizieren. Der Morteratsch ist einer der grössten Alpengletscher – eine Attraktion für Touristen und Abenteurer, von denen viele kommen, um auf seinem sechs Kilometer langen Rücken Ski zu fahren. Doch seit 1860 ist der Gletscher um zweieinhalb Kilometer geschrumpft – im Durchschnitt fast sechzehn Meter pro Jahr. Oerlemans glaubt, dass die Lehren, die er aus der Beobachtung des Morteratsch gezogen hat, überall in den Alpen bei der Rettung von Schnee und Eis helfen können.

Oerlemans, im niederländischen Utrecht aufgewachsen, ist gross und gut aussehend und trägt die dünn gerahmte Brille eines Hollywood-Therapeuten. An Gletschern forscht er, inzwischen Emeritus, seit seiner Promotion in Utrecht vor vierzig Jahren. Die Wetterstation auf dem Morteratsch, die er 1995 persönlich aufgebaut hat, war eine der ersten weltweit, welche die Auswirkungen des Klimawandels auf Gletscher massen.

Mithilfe der Aufzeichnung der Schwankungen von Dicke und Temperatur des Eises sowie der Umgebungsfeuchtigkeit hoffte er, eine Reihe grundlegender, noch unbeantworteter Fragen zu lösen. «Wenn das Klima ein Grad wärmer wird», sagt er, «was passiert dann in der Nähe der Gletscheroberfläche: Hat man einen Meter mehr Eisschmelze oder zehn Zentimeter oder zehn Meter? Niemand wusste es.»

Schmelzprozess gestoppt und sogar umgekehrt

Als Oerlemans an jenem Julimorgen vor zwei Jahrzehnten den Berg erklomm, der einen guten Blick auf den Morteratsch bietet, erwartete er, den Gletscher in seiner typischen Sommerpracht zu sehen – einen grossen gefrorenen Fluss, der unmerklich in Slow Motion den Berg hinunterfliesst. Stattdessen sah er nichts als Schnee, der den Gletscher einen halben Meter dick bedeckte. In den folgenden Wochen bemerkte er bei den Messungen der Wetterstation etwas, das ihn noch mehr überraschte: Das Auftauen des Gletschers war fast vollständig zum Stillstand gekommen.

Zwei Prozesse lassen Eis schmelzen: die Einwirkung warmer Luft und die Sonneneinstrahlung. Oerlemans' Messungen legten nahe, dass Letztere eine viel grössere Wirkung zeigt, als die Wissenschaftler bislang gedacht hatten. Die Schneedecke des ungewöhnlichen Sommersturms hatte offenbar als reflektierender Schutzschild gewirkt und so viel Sonnenstrahlung abgewehrt, dass dies einem Absinken der Lufttemperatur um ein ganzes Grad entsprach. Oerlemans fasste seine Ergebnisse in einer 2004 von der International Glaciological Society veröffentlichten Arbeit zusammen und beschäftigte sich dann zunächst mit anderen Dingen.

Als Oerlemans und ich diesen Herbst mit einer schaukelnden Seilbahn zu einer Aussichtsstation mit Blick auf den Gletscher und das Bergrestaurant fuhren – wo «der wahrscheinlich teuerste Teller Spaghetti Europas» serviert wird –, erzählte er, was weiter geschah. Etwa fünf Jahre nach der Veröffentlichung seiner Arbeit erfuhren die Dorfbewohner Pontresinas von einem Experiment, bei dem Polyestervlies verwendet wurde, um Schnee bei warmem Wetter darunter zu konservieren.

Das Vlies wurde in zwei Meter breiten Streifen auf den Gletscher gelegt – wie das Fell eines riesigen Schafs. «Sie breiteten es Mitte Mai aus und liessen es bis September auf dem Eis», sagte er. Das Vlies hielt den Schmelzprozess nicht nur auf, es kehrte ihn sogar um: Messungen zeigten, dass im Laufe des Sommers das Eis an einigen Stellen unter dem Vlies um bis zu zwei Meter dicker wurde.

Oerlemans geniale Erfindung war ein «Schneeseil», das im Zickzack quer über einen Gletscher gelegt werden kann.

Als die Nachricht dieser Eisumkehr Oerlemans erreichte, dachte er sofort an die Daten der Wetterstation nach dem starken Schneefall im Juli 2000. Wenn man einen Gletscher während der Frühlings- und Sommermonate mit einem Strahlungsblocker schützen könnte – wäre dies die Antwort auf ein Jahrhundert der Gletscherschmelze? «Der Massstab ist ein völlig anderer», überlegte Oerlemans. «Über einen Gletscher von der Grösse des Morteratsch, der sich bewegt, könnte man kein Vlies legen, weil es schnell kaputt ginge. Aber vielleicht könnte man Kunstschnee verwenden.»

Um die Theorie zu testen, sprühten Oerlemans und sein Team im Sommer 2017 eine zweieinhalb Meter dicke Kunstschneedecke über einen kleinen Abschnitt des Diavolezzafirn-Gletschers, einer der kleineren Nachbarn des Morteratsch. Das Experiment, das im Herbst endete, war erfolgreich: Ein weiteres Abschmelzen wurde verhindert, und an einigen Stellen wuchs das Eis sogar an.

Die guten Ergebnisse in der Hand, begannen Oerlemans und seine Mitarbeiter, sich mit der wesentlich grösseren Herausforderung auseinanderzusetzen, wie man eine ausreichende Menge Kunstschnee über die viel grössere Fläche des Morteratsch schiessen könnte. Schneekanonen wie jene von Val-d'Isère können nicht auf dem Gletscher platziert werden, da sie von der langsamen Strömung des Eises erfasst und von ihren Versorgungsröhren weggerissen würden.

Stattdessen überlegten Oerlemans und sein Kollege Felix Keller, eine Seilbahn über den Gletscher zu führen, ausgestattet mit einer Schneemaschine, die unterwegs Kunstschnee abwirft. Doch die Idee starb wegen der Schwierigkeit, eine fahrende Seilbahn mit dem Wasser für die Schneeproduktion zu versorgen. Schliesslich, in einem Heureka-Moment, machte das Team eine geniale Erfindung: ein «Schneeseil», das im Zickzack quer über den Gletscher gelegt wird, Hunderte von Metern lang. Wie eine Sprinkleranlage könnte es den Schnee von oben abschneien, während der Gletscher wie ein Förderband unter ihm hindurchläuft.

Nach zwei Jahren Vorbereitung, der Suche nach technischen Partnern und der Anmeldung von Patenten erhielt Oerlemans am 1. Oktober 2019 zwei Millionen Schweizer Franken von der Innosuisse, um mit der Arbeit an seinem extravaganten Schneedeckenprogramm zu beginnen. «Wir haben den Punkt überschritten, ab dem es kein Zurück mehr gibt», sagt Oerlemans. «Das ist jetzt keine Theorie mehr; es geschieht wirklich.»


Er glaubt, dass sein Konzept der lokalen Wirtschaft helfen könnte: Geophysiker Hans Oerlemans. Foto: Wikimedia

An einem warmen Morgen des vergangenen Sommers wanderte ich mit Hans Oerlemans auf einem Feldweg von Pontresina hoch zum Morteratschgletscher. Vielleicht um skeptische Besucher vom Ausmass des Rückgangs des Morteratsch zu überzeugen, hat die Gemeinde entlang des Weges zweieinhalb Meter hohe Markierungen mit Jahresangaben aufgestellt, um zu zeigen, wie weit die Ausläufer des Gletschers einmal gereicht haben.

Mit zunehmendem Schrecken gingen wir von der Markierung für 1865 in der Nähe eines Parkplatzes am Fusse des Berges an den Markierungen für 1940, 1960 und 1980 vorbei. Je weiter wir wanderten, desto weiter entfernte sich die nächste Markierung – der Rückzug des Gletschers beschleunigte sich im Laufe der Jahrzehnte. Es war wie ein Gang entlang eines Countdowns, bis zur Auslöschung des Gletschers, vielleicht auch unserer eigenen.

Pessimismus in Pontresina

Entlang des steilen Tals, das der Gletscher über Jahrtausende hinweg ausgehöhlt hat, sind die Felswände, welche die schrumpfende Eisscholle zuletzt freigelegt hat, mit «totem Eis» gefüllt, einer dunkelgrauen Substanz, die wie Granit aussieht. Totes Eis ist eine grosse Gefahr für Schaulustige, weil es zu massiven Felsstürzen führen kann; vergangenen Sommer ignorierte ein Junge mehrere Warnschilder und lief keine fünfzig Meter jenseits des Hauptwegs. Er wurde von einem herabfallenden Felsbrocken zu Tode gequetscht.

Die Dorfbewohner von Pontresina sind verzweifelt wegen der Auswirkungen, die der Rückgang des Gletschereises auf die Tourismuswirtschaft des Dorfes haben wird, sagt Hans Oerlemans. Aber nicht alle sind davon überzeugt, dass sein Schneedecken-Konzept die beste Verwendung für zwei Millionen Franken ist. «Ich bin skeptisch gegenüber dem ganzen Projekt», sagt ein Mitarbeiter des Gemeinderats. «Es ist eine so riesige Summe, und es ist nicht klar, welchen Effekt das Ganze bringen wird.» Doch selbst wenn das Vorhaben die Erwartungen erfüllt, bleibt der Verdacht, dass die Mittel, die hinter der Technik zur Gletscherrettung stehen, im Wesentlichen der Förderung der Skiwirtschaft dienen, für ein exklusives Freizeitvergnügen.

«Die Menschen in den Bergen sind zäh. Wir sind es gewohnt, uns anpassen zu müssen.»Olivier Simonin, Direktor in Val-d'Isère

Oerlemans und sein Team halten dagegen, dass von der Entwicklung neuer Technologien in den wohlhabenden Skigebieten der Alpen ärmere Gemeinden auf der ganzen Welt profitieren werden. Das Schneeseilsystem könnte eine solche Lösung sein und nicht nur das Überleben teurer Touristenorte, sondern auch landwirtschaftlich geprägter Gemeinschaften sichern, die auf Gletscherwasser angewiesen sind, etwa in Indien und Tibet. «Es gibt 230'000 Gletscher auf der Welt, und es ist undenkbar, dass man unsere Technik etwa dazu einsetzen könnte, den Beitrag der Gletscherschmelze zum Ansteigen der Meere aufzuhalten», sagt Oerlemans. «Aber auf regionaler Ebene könnte sie von unschätzbarem Wert für lokale Wirtschaftsräume sein, deren Überleben vom Schmelzwasser der Gletscher abhängt.»

Dass Technologien, die für die Reichen entwickelt wurden, eines Tages den Armen helfen, ist unter Technikidealisten ein altes Lied – und es tönt schief. «Die Annahme, dass westliche Technologien in Entwicklungsländern einfach so eingesetzt werden können, ist ein wenig naiv», sagt Robert Steiger von der Universität Innsbruck. «Armen Regionen in armen Ländern fehlt der institutionelle Hintergrund, den man braucht, um neue Technologien zu implementieren, und, noch entscheidender, ihnen fehlen das Wissen und das Geld, um diese Technologien am Laufen zu halten.»

Abgesehen davon schätzt Claus Dangel, der CEO der Schneemaschinenfirma Bächler, die derzeit den Schneesprinkler für Oerlemans konstruiert, dass das Unternehmen zusätzliche dreieinhalb Millionen Schweizer Franken benötigt, um das System vollständig zu entwickeln – weit mehr als den Zuschuss der Innosuisse. Dangel will das System so energiesparend wie möglich machen, vielleicht indem man die Schwerkraft nutzt, um den Schneesprinkler aus Bergseen zu speisen, die noch oberhalb des Schneeseils liegen. «Wir wollen, dass es ohne Strom funktioniert», sagt er. «Aber das ist sehr kompliziert, weil man einen hohen Wasserdruck benötigt. Ausserdem muss das System wahrscheinlich irgendwie beheizt werden, damit es nicht einfriert.»

Skigebiete müssen alles ändern

Langfristig erscheint es unwahrscheinlich, dass die künstliche Beschneiung selbst die wohlhabende Skiwirtschaft in den Alpen retten wird. Die Skigebiete beginnen, grundlegender zu überlegen, was sie ändern könnten, um sich den Auswirkungen der Klimakrise anzupassen, anstatt diese abzuwehren. Für viele Skigebiete bedeutet das, dass sie sich neu auf Aktivitäten fokussieren, die nichts mit Skifahren zu tun haben: Wandern, Mountainbiking, Naturerkundungen, Sightseeing. «Wir sehen, was auf uns zukommt», sagt Olivier Simonin, der Direktor in Val-d'Isère. «Wir werden alles ändern müssen.»

Simonin hofft, dass bis 2050 dreissig Prozent der Einnahmen aus anderen Aktivitäten als dem Skifahren kommen werden. Die Zahl der Touristen, welche die Alpen im Sommer besuchen, steigt laut WWF bereits jetzt von Jahr zu Jahr. Die Veränderungen des Klimas gehen einher mit Veränderungen der Besucherwünsche, insbesondere jener der Millennials. Aber Wandern und andere Sommeraktivitäten sind weniger profitabel als der Skisport, sodass der Tourismus zwar Bestand haben mag, die astronomisch hohen Einnahmen der schneereichen Jahrzehnte aber nicht.

Für einen Augenblick stützt Simonin den Kopf in die Hände. «Es wird Solidarität zwischen den Dorfbewohnern, den Ferienorten und den Hotels brauchen», sagt er schliesslich. «Aber die Menschen, die in den Bergen leben, sind zäh. Wir sind es gewohnt, uns anpassen zu müssen.» Vielleicht, sagt er, ein wenig überrascht von seinem eigenen Gedanken, kommen die Menschen in fünfzig Jahren ja nicht mehr nach Val-d'Isère, um Ski zu fahren, sondern einfach nur für den Schnee – ob von Menschenhand gemacht oder nicht –, weil es kaum noch welchen geben wird. Mit einem trockenen Lachen fügt er hinzu: «Vielleicht wird ja das die neue Attraktion sein: Schnee zu sehen.»