Switzerland

Der Mensch schmückt sich gern mit fremden Federn

Von den Farben der Pfauen oder der Geschmeidigkeit der Löwen können wir Menschen nur träumen. Wir wirken blass neben den Tieren – und versuchen, uns ihre Schönheit mit Kleidern, Möbeln oder Schuhen anzueignen.

Auch in der Kunst haben Tiere ihren festen Platz: Scherenschnitt von Louis Saugy, 1946.

Auch in der Kunst haben Tiere ihren festen Platz: Scherenschnitt von Louis Saugy, 1946. 

 U. Romito und I. Suta, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Im Jahr 1938 wurden in der Schweiz zwei wichtige Dinge erfunden: das Cola-Fröschli und die Tigerfinkli. Beide tragen eine Verkleinerungsform im Namen, doch beide erlangten grosse Bekanntheit.

Das Bonbon mit Süssgetränke-Gout ist kurz nach der Markteinführung von Coca-Cola entstanden – ein gewitzter Berner Kaufmann hatte bemerkt, dass das braune Zuckerwasser reissenden Absatz fand, und schuf kurzerhand eine Schleckerei mit ähnlichem Geschmack. Seit 2008 zählt sie zum kulinarischen Erbe der Schweiz, Sektion Süss- und Confiseriewaren.

Die Kinderfinken ihrerseits sind einem familiären Erbsplitting entsprungen: Der Zürcher Edi Glogg musste die Schusterei seines Vaters mit zwei Brüdern teilen und dabei den Hausschuhbereich übernehmen. Er machte das Beste daraus und kreierte ein Modell, das Gross wie Klein überzeugte, spätestens ab den 1960er Jahren in jede Schweizer Stube gehörte und bis heute produziert wird – auf unveränderte Weise, nur nicht mehr in Fehraltorf, sondern in Polen.

Nebst Geburtsjahr und langanhaltendem Erfolg haben die zwei Klassiker freilich noch etwas anderes gemeinsam: Beide imitieren ein Tier. Einmal in der Form, so das Cola-Fröschli, das andere Mal im Muster, wobei bis heute nicht geklärt ist, wieso das giraffenartig gefleckte Finkli, das mit etwas Phantasie vielleicht noch an einen Leoparden erinnern könnte, ausgerechnet nach dem Tiger benannt wurde.

Aber wahrscheinlich spielt die Art ganz einfach keine Rolle. Hauptsache, Tier. Und Tier geht immer: Egal, wie es verarbeitet, designt oder interpretiert ist, stets vermag es den Menschen anzusprechen und nicht selten den Verkauf eines Produkts anzukurbeln. Diese tierische Wirkung ist zurzeit in der Ausstellung «Energie animale» zu erleben: Das Museum für Gestaltung Zürich präsentiert unter diesem Titel rund 600 Kunst- und Designobjekte, die in direkten Bezügen zu Tieren stehen.

Schlachtung und Schönheit

Zwischen Kleidern und Bildern, Gadgets, Geschirr und Möbeln wird deutlich, wie fliessend sich hier der Nutzen mit der Zierde verbindet. Der Muff aus Kaninchenfell gibt warme Hände, das ist klar, und aus Leder, es stamme vom Rind, vom Pferd oder gar vom Vogel Strauss, lassen sich gute Schuhe fertigen. Aber die Funktionalität der tierischen Materialien ist immer nur eine Seite der Sache. Denn etliche Formen und Farben, die draussen in der Natur auftreten, bestechen auch durch ihre schiere Schönheit, und also versucht der Mensch, der Mächtige, die Pracht auf sich zu übertragen.

Ein weiteres Schweizer Spezifikum: die Schaukelschnecke, produziert ab zirka 1961.

Ein weiteres Schweizer Spezifikum: die Schaukelschnecke, produziert ab zirka 1961. 

F. X. Jaggy und U. Romito, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Franz Xaver Jaggy, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdKBettina Laubi

Leicht kann es komisch wirken, wenn er sich so mit fremden Federn schmückt, Hütchen aus halben Vögeln auf dem Kopf trägt oder mit Mokassins im Schlangenstil durch die Stadt pirscht. Nicht selten aber gelingt der Transfer; diverse Mäntel und Kostüme zeugen in der Schau davon. Dass diese Aneignungsprozesse zuweilen blutig verlaufen und ethische Fragen aufwerfen, verschweigt das Museum nicht. Mehrfach macht es klar, dass Glanz und Gewalt hier eng zusammenhängen: Zu den imposanteren Ausstellungsstücken zählen etwa zwei riesige, bunt verzierte spanische Keramikschalen – sie wurden eigens für Hausschlachtungen entworfen.

Die Grenzen sind fliessend, auch zwischen Wissenschaft und Kunst. Insekten und wirbellose Tiere zum Beispiel, die aus biologischem Interesse gesammelt und exakt gezeichnet wurden, weckten zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende die Neugier von Schmuckherstellern. Es entstanden Broschen in Käferform, Colliers, die an Anemonen gemahnten, verschiedene Art-déco-Vasen und -Lampen schienen direkt dem Meeresgrund zu entstammen. Und die Faszination bleibt ungebrochen: Die Quallen etwa, die der Zoologe Ernst Haeckel ab 1899 für die Serie «Kunstformen der Natur» malte, sind heute beliebte Tattoo-Vorlagen.

Flamingo verkauft Unterhemd

Man ist versucht, diese Obsession für die Tiere als Ausdruck einer Verlusterfahrung zu sehen. Besonders wenn es um Wohnaccessoires und Kinderspielzeug geht, kommt der Verdacht in einem auf: Stellen wir unsere Stuben nicht deshalb mit Vogelfusstischen, Storchengiesskannen und Käferteppichen voll, weil wir im alltäglichen Leben keinen Bezug mehr zu den Tieren haben? Vermissen wir sie derart, dass wir unsere Kinder mit Nachziehhasen und Schaukelpferden spielen lassen, oder stecken wir die Kleinen darum unter Mützen mit Bärenohren und in Pullover mit Fuchsgesichtern, weil wir alle, Alt und Jung, nichts mehr zu befürchten haben von den Tieren?

Eberkopfterrine mit Untersatz, ca. 1748/53, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

Eberkopfterrine mit Untersatz, ca. 1748/53, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

Roman Raacke

Vor der industriellen Revolution, als der Mensch noch abhängig war von der Kraft der Tiere und er seine Umwelt weniger gut beherrschte, dürfte er sie doch kaum zu dekorativen Zwecken verwendet haben. Das könnte man meinen, doch mit Kannen in Hühnerform und anderen schmucken Stücken aus der Zeit um 300 n. Chr. belehrt einen die Schau eines Besseren: Tier ging offenbar immer schon.

Neu ist sicher die Masse an tierartigen Dingen, die in unserer Konsumgesellschaft entstehen – und in diesem Zusammenhang auch der Einsatz von Tieren als Werbeträger. Etliche Plakate aus der hauseigenen Sammlung zeigen, wie auch hier ein Transfer stattfindet und etwa die Eleganz des Flamingos die Feinheit eines Unterhemds beglaubigen oder das schnaubende Pferd die Leistung von Benzin symbolisieren soll. Einen veritablen Werbewettkampf liefern sich sodann Katz und Hund: Die beliebtesten Haustiere mussten von der Wolle bis zum Putzmittel schon alles anpreisen und öfter auch gegeneinander antreten.

Sie selber sind ebenfalls eine neuere Erscheinung, Haustiere zum reinen Vergnügen hält sich der Mensch noch nicht sehr lange. In gewissen Fällen mögen diese tierischen Lieblinge selber zu Designobjekten werden, gelegentlich profitieren sie aber, umgekehrt, auch von den genialsten Entwürfen des menschlichen Geistes: Glückliche Hundchen bekommen heute auf glatten Böden Socken mit Anti-Rutsch-Funktion über die Pfoten gezogen. Man wartet auf den Tag, da einem der erste Pudel in Tigerfinken begegnet.

«Energie animale». Museum für Gestaltung Zürich, bis 7. Juni 2020.