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Der Massenmörder von Hanau: Ein rassistischer, einsamer Wolf

Das «Manifest» von Tobias R. liest sich wie die selbstgebastelte Weltanschauung eines psychisch schwer gestörten, fremdenfeindlichen Besserwissers. Pathologie und Ideologie gehen fliessend ineinander über. Und doch reiht sich die Tat ein in einen zunehmend militanten Rechtsextremismus in Deutschland.    

Die Gedankenwelt von Tobias R. einzuordnen ist kein leichtes Unterfangen. Nach dem Wenigen, was bis Donnerstag über ihn bekannt wurde, war der mutmassliche Massenmörder von Hanau ein derangierter Rassist, der diversen Verschwörungstheorien anhing. Das jedenfalls legen jene Videos und Texte nahe, die R. hinterlassen hat und die von den Ermittlern als authentisch angesehen werden. Darin ist von einem Geheimdienst die Rede, der Tausende Deutsche (auch ihn) überwache, deren Gedanken lese und sich sogar in deren Gehirne «einklinken» könne. Die Deutschen bezeichnet er als «reinrassig und wertvoll», andere Bevölkerungsgruppen dagegen fielen durch schlechtes Verhalten auf. Der Islam sei «destruktiv». Darüber hinaus ergeht sich der Bankkaufmann und Betriebswirt in Vernichtungsphantasien für Milliarden von Menschen, Strategieempfehlungen für den Deutschen Fussballbund oder Ratschlägen an die USA für einen Krieg mit China.

Abstruse Verschwörungstheorien

Als potenzieller Gewalttäter aufgefallen war R. den deutschen Sicherheitsbehörden bis zur Bluttat von Mittwochnacht nicht. Er war weder polizeibekannt noch trat er offen als Extremist in Erscheinung. In den Datenbanken der Verfassungsschützer gab es keinerlei Einträge über den 43-Jährigen. Allerdings soll er selbst mehrfach bei der Polizei vorstellig geworden sein, um seine Weltsicht darzulegen. Die Behörden, erklärte der hessische Innenminister Peter Beuth, gingen von einem rechtsextremen Hintergrund der Tat aus. Generalbundesanwalt Peter Frank bezeichnete die Dokumente auf R.s Website am Donnerstag als «wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien», die eine «zutiefst rassistische Gesinnung» zeigten. Deswegen habe der Generalbundesanwalt die Ermittlungen an sich gezogen.

Reichsbürger-Argumentation

Für den Politologen und Autor Florian Hartleb («Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter»), passt der Fall in das Muster von «lonely wolf»-Tätern. Der Terrorismusforscher Peter Neumann sieht in der Geisteswelt R.s Argumentationslinien der sogenannten Reichsbürger-Bewegung durchscheinen. In seinem «Manifest», das Neumanns International Centre for the Study of Radicalization am King's College in London zu Verfügung gestellt hat, stellt der Massenmörder von Hanau selbst jedenfalls zweifelsfrei seinen Rassismus fest. So fordert er beispielsweise darin, dass ganze Völker komplett vernichtet werden müssten und zählt eine lange Reihe von Staaten auf, die von Marokko über die Türkei und den Nahen Osten bis hin nach Südostasien reicht.

Rassismus, Chauvinismus, Antisemitismus

Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz definiert rechtsextremistisch motivierten Terrorismus als geprägt von «chauvinistischen, rassistischen und antisemitischen Ideologie-Elementen». Dazu komme die Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung des Staates und seiner Institutionen, wie sie eben von den Reichsbürgern an den Tag gelegt wird. Nach einem deutlichen Anstieg der rechtsextremistischen Straf- und Gewalttaten nach der Flüchtlingskrise 2015, sanken die Zahlen 2017 und 2018 insgesamt wieder. Dabei nahmen allerdings von 2017 auf 2018 die Gewalttaten (um 3,2 Prozentpunkte) sowie «versuchte Tötungsdelikte» mit rechtsextremistischem Hintergrund von vier auf sechs Fälle zu. Auffällig ist auch ein Anstieg der antisemitisch motivierten Straftaten im selben Zeitraum um 13,7 Prozent. 

Vor vier Jahren erreichten rechtsextreme Straftaten ihren vorläufigen Höhepunkt

200120022003200420052006200720082009201020112012201320142015201620172018Jahr0200040006000800010000

12700 Gewaltbereite

Die Verfassungsschützer stellten 2018 (die jüngsten verfügbaren Zahlen) bei 24100 Personen «rechtsextremistisches Potenzial» fest, gut die Hälfte davon (12700) sei gewaltbereit. Als rechtsextremistische Gefährder galten 2018 immerhin 53 Personen, 2016 waren es erst 22. In den Zahlen lässt sich ablesen, dass die Szene in den vergangenen Jahren in etwa gleichbleibend gross geblieben ist, dass sich deren harter Kern aber zunehmend radikalisiert und organisiert hat. Darauf deuten auch die jüngsten Fälle hin.     

Erst vor wenigen Tagen wurde eine über ganz Deutschland verstreute Gruppe von zwölf Männern von SEK-Beamten dingfest gemacht, weil diese Anschläge auf mehrere muslimische Gebetshäuser geplant haben sollen. Dabei wurden Waffenarsenale und Sprengstoff sichergestellt. Erklärtes Ziel der Zelle: bürgerkriegsähnliche Zustände in Deutschland erzeugen. Die Männer sitzen wegen Bildung «einer rechtsterroristischen Vereinigung» in Untersuchungshaft. Auch in diesem Fall ermittelt die Generalbundesanwaltschaft. Eine ähnliche Rechtsextremistengruppe, die «Revolution Chemnitz», steht seit dem Herbst in Dresden vor Gericht. Auch diese plante den Umsturz des demokratischen Rechtsstaates. 

Nordrhein-Westfalen verzeichnet am meisten rechtsextreme Gewalttaten

050100150200Nordrhein-WestfalenSachsenBerlinBrandenburgSachsen-AnhaltThüringenBayernRheinland-PfalzBaden-WürttembergNiedersachsenMecklenburg-VorpommernSchleswig-HolsteinHessenSaarlandHamburgBremen

Attentat von Halle

In die Tat umgesetzt hat seine Pläne Stephan B., der im vergangenen Oktober am Jom-Kippur-Tag die Synagoge in Halle an der Saale angriff, um möglichst viele betende Menschen umzubringen. Wie wenige Monate zuvor der Attentäter auf eine Moschee in Christchurch versuchte er die Tat via Internet live zu übertragen. Der Anschlag misslang, B. ermordete zwei Passanten und wurde auf der Flucht festgenommen. Terrorforscher Neumann erklärte damals , dass «der Täter intensiv in rechtsextremen Message-Foren im Internet unterwegs war und sich dort, genauso wie der Christchurch-Attentäter, eine Ideologie zusammengebastelt hat».

Eine ähnlich krude, paranoide und eklektische Weltsicht findet sich nun  auch bei Tobias R. wieder. Allerdings warnt ein Verfassungsschützer, der seinen Namen nicht in  der Zeitung lesen will, vor voreilig gezogenen Parallelen: Der Mann habe seine Tat nicht angekündigt wie der Täter von Halle. Sein Manifest sei mit demjenigen Stephan B.s oder jenem des Utoya-Attentäters Anders Breijviks vergleichbar aber eben nicht das Gleiche. «Der rechtsextremistische Hintergrund ist offensichtlich. Aber wir kennen sein Umfeld nicht, wir wissen noch nicht wie er sich radikalisiert hat.»  

Das unterscheidet ihn von organisierten Gewalttätern, die aus einem explizit neonazistischen, ideologietreuen Millieu kommen, wie die Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) um Beate Zschäpe, die 2018 in München abgeurteilt wurde. Zschäpe und ihre vier Helfer hatten in den Jahren zwischen 2000 und 2007 neun Migranten und eine Polizistin ermordet, 43 weitere Mordversuche sowie Raubüberfälle und Sprengstoffanschläge verübt. Auch der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) im Juni 2019 passt eher in dieses Schema. Der wegen dringenden Tatverdachtes festgenommene Stephan E. hatte über Jahre andauernde, intensive Kontakte in Neonazi-Netzwerke.