Switzerland

Der Liedermacher und Kabarettist, der vergeblich auf den Winterschlaf wartete

Der St. Galler Manuel Stahlberger hat mitten in der zweiten Corona-Welle ein neues Album veröffentlicht. Er sagt, wie er sich als freischaffender Künstler durchschlägt – und warum sich Auftritte trotz erschwerten Bedingungen lohnen.

Bei jedem Konzert dachte sich Manuel Stahlberger, das wäre jetzt auch ein gutes letztes gewesen.

Bei jedem Konzert dachte sich Manuel Stahlberger, das wäre jetzt auch ein gutes letztes gewesen.

Karin Hofer / NZZ

Es ist ein Refrain, der in Endlosschleife zu laufen scheint: «Und denn verwachsch wieder nume i dinere Wonig», singt Manuel Stahlberger zu einem treibenden Beat auf St.-Galler-Deutsch. Der Song stammt von einem Album, das der Liedermacher und Kabarettist mit seiner Band 2014 veröffentlicht hat. Viele hätten ihm gesagt, es sei das Lied zu dieser sonderbaren Zeit, erzählt Stahlberger beim Gespräch in der St. Galler Altstadt.

Die Corona-Pandemie hat das kulturelle Leben in der Schweiz fast lahmgelegt. Trotzdem blieb es um die Kultur eher ruhig, während sich Vertreter anderer Branchen lautstark mit Forderungen überboten. Die schwierige Situation kam diesen Monat zwar an einem runden Tisch mit dem Bundesrat zur Sprache. Doch was macht die Krise mit den freien Kulturschaffenden, die keine Lobby haben?

Manuel Stahlberger ist einer von ihnen. Mitten in der zweiten Welle hat er das neue Album «I däre Show» veröffentlicht, zusammen mit dem Electronica-Produzenten Bit-Tuner, dem Bassisten seiner Band. Die Kritiken sind positiv. Ein Berner Musikjournalist überbot sich mit Superlativen, er sprach vom Besten, Poetischsten, Schlausten sowie im besten Sinne Trostlosesten, was das Schweizer Musikschaffen in diesem sonderbaren Jahr hervorgebracht habe.

Sonderbar ist die Zeit tatsächlich, um ein Album zu veröffentlichen und zu promoten. Konzerte sind – wenn überhaupt – noch mit maximal 50 Personen möglich. Einige Kantone haben die Kulturbetriebe geschlossen. Andere haben wie Basel die Obergrenze für Veranstaltungen auf 15 Personen gesenkt, was auf das Gleiche hinausläuft. «Der erste Auftritt unter den geltenden Beschränkungen war schon seltsam», sagt Stahlberger. Vor allem in grösseren Sälen gehe viel Atmosphäre verloren. Der Künstler war der Einzige, der keine Maske tragen musste.

Mehrere Auftritte

Wer an die Konzerte komme, sei dankbar und lasse sich auf die Schutzkonzepte ein. «Die Veranstalter, die noch geöffnet haben oder offen haben dürfen, geben sich viel Mühe, dass nichts passiert.» So fand die Plattentaufe mit zwei Auftritten an einem Abend statt – und in der Pause desinfizierten die Betreiber den Saal. Wenn nur ein Drittel oder Viertel des Publikums kommen darf, fallen zwar auch die Gagen kleiner aus. Trotzdem bedeuten die zwei Stunden auf der Bühne Stahlberger, 45, viel. «Ich geniesse den Moment. Vorher und nachher spricht man nur über Corona.»

Stahlberger und seine Band haben St. Gallen in den letzten Jahren auf die Schweizer Pop-Landkarte gesetzt. Sogar Züri West, im Mundartrock bis heute die Messlatte, coverten ihren Song «abghenkt». Doch in der Schweiz war es schon vor der Corona-Pandemie schwierig, von der Musik zu leben, zumal Stahlberger nicht den Ballenberg besingt, sondern die hiesige Durchschnittlichkeit. Von den Auftritten mit der Band blieb jeweils ein Sackgeld übrig. Das neue Album «I däre Show» bezeichnet Stahlberger als Nebenprodukt seines Soloprogramms. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Soloauftritten, vorwiegend in Kleintheatern. Die Kabarettkarriere begann er vor 25 Jahren mit Mölä & Stahli.

Dass er von der Kleinkunst lebt, hat sich in der Krise als Vorteil erwiesen. «Ich bewege mich in einer Blase, in der man noch halbwegs spielen kann.» In normalen Zeiten kämen zwar 100 bis 200 Besucher, aber der Schritt auf 50 Leute sei nicht so extrem wie in grösseren Sälen. Bestuhlt sind die Kleintheater ohnehin. Trotzdem hat die Krise auch Stahlbergers Alltag auf den Kopf gestellt. Im Frühling war er gerade auf Tour, als der Bund den Lockdown anordnete. Die Veranstalter verschoben die Auftritte auf den Herbst. «Alle dachten, dann wäre es wieder gut und das Publikum würde nur auf die Kultur warten.» Dies sollte sich als Wunschdenken erweisen.

Inzwischen häufen sich die Absagen erneut. Grössere Anlässe wie das Humorfestival in Arosa sind nicht möglich. Kleinere Veranstalter haben ein ungutes Gefühl und verschieben die Auftritte. «Es wechselt manchmal von Woche zu Woche.» Als die Corona-Zahlen im Herbst wieder stark zu steigen begannen, war auch Stahlberger nicht mehr wohl. «Das Gebot der Stunde war, daheim zu bleiben.» Er begann, sich auf einen grossen Winterschlaf vorzubereiten. «Bei jedem Konzert dachte ich mir, das wäre jetzt auch ein gutes letztes gewesen.» Doch es kam anders als im Frühling, als der Lockdown Klarheit brachte. «Jetzt ist die Klarheit, dass man vor 50 Leuten spielen kann, solange nichts anderes entschieden wird.»

Der Vorteil der Provinz

Mit den abgesagten oder redimensionierten Auftritten fehlen auch Einnahmen. Zwar griff der Bundesrat der Kultur unter die Arme: Im Oktober entschied er, die finanziellen Massnahmen fortzuführen, die er im März verabschiedet hatte. Künstler und Betriebe können Gesuche für Ausfallentschädigungen einreichen, welche die Kantone prüfen. In der Peripherie war dies einfacher als in den Zentren mit ihren vielen Künstlern und Kulturbetrieben. Das St. Galler Amt für Kultur habe schnell und unbürokratisch reagiert, sagt Stahlberger. In Zürich und anderswo kamen die Behörden dagegen mit der Prüfung der Gesuche kaum nach.

Doch wie andere freie Kulturschaffende hat Stahlberger schwankende Einkünfte. «Im einen Jahr bin ich auf Tour und lege Geld auf die Seite. Im anderen Jahr erarbeite ich eher neues Material und verdiene wenig.» Weil 2019 ein solches Jahr war, hat er nun auch wenig Anspruch auf direkte Zahlungen. Stahlberger ist darauf angewiesen, dass ihm die Veranstalter bei Absagen über die Ausfallentschädigung wenigstens teilweise die Gage überweisen. Wenn es so weiterlaufe, habe er bis im Sommer aber genug Geld und Arbeit. «Schwierig wird es eher auf lange Sicht, weil wegen der Corona-Krise niemand gross plant.»

Manuel Stahlberger ist ein präziser, lakonischer Beobachter der Schweizer Befindlichkeit. Wird diese sonderbare Zeit in sein neues Material einfliessen? «Meine Texte sind nicht tagesaktuell oder tagespolitisch, sondern verhandeln meist Geschichten, die für mich abgeschlossen sind.» Trotzdem gibt es Momente, in denen die Pandemie zum Thema wird. Die Händehygiene gehörte schon vorher zu seinem Programm, fällt nun aber umso mehr auf. Zudem ist der Rückzug auf sich selber in Stahlbergers Liedern ein wiederkehrendes Thema. Sprüche über Masken sind jedoch nicht sein Ding. Er kenne nur einen legitimen Song über die Krise, «Die Liebe in Zeiten von Corona», der von der Berliner Liedermacherin und Kabarettistin Uta Köbernick stammt.

Hat er in der Krise einmal daran gedacht, den Bettel hinzuschmeissen? Zwar sei ihm in dieser Zeit schon die Energie ausgegangen. «Man weiss nicht genau, wo der Boden ist.» Das Aushalten der Ungewissheit, dieser ständige Schwebezustand, könne ermüdend sein. Doch die Lust, weiterzumachen, bleibe gross. Gegenwärtig arbeitet Stahlberger mit seiner Band an einem neuen Album. Es soll poppiger und weniger düster werden als das letzte. Auch eine Klub- und Festivaltour soll es geben. Irgendwann.

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