Switzerland

Der letzte Auftritt: Credit-Suisse-Chef Thiam erzählt, wie er die Jahre in Zürich erlebt hat

Die Präsentation der Geschäftszahlen gehört zu den Höhepunkten im Jahreskalender eines CEO – umso mehr, wenn er gute Kunde überbringen kann. Der scheidende Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam wollte sich die Gelegenheit für einen letzten medialen Auftritt nicht entgehen lassen, bevor er die Bank und vielleicht auch die Schweiz als Lebensmittelpunkt der vergangen viereinhalb Jahre verlässt.

«Ich bin stolz drauf, was die Credit Suisse während meiner Zeit bei der Bank erreicht hat», sagte der Manager. Der Finanzkonzern stehe nach der langen und schwierigen Transformationsphase solide und nachhaltig profitabel da, betonte er, und blickte auf die Anfänge seiner Arbeit in Zürich zurück.

Der Vorgänger hinterliess «schreckliche Zahlen»

Im Sommer 2015, als er den Job mit viel Vorschusslorbeeren angetreten hatte, habe er schreckliche Zahlen vorgefunden. Nur drei Jahre nach der letzten Kapitalerhöhung, die sein Vorgänger Brady Dougan nicht zuletzt auf Druck der Schweizerischen Nationalbank durchführen musste, befand sich der Konzern finanziell schon wieder in einer Zwangslage. Kein anderes grosses europäisches Finanzhaus habe zu jenem Zeitpunkt eine höhere Verschuldungsquote ausgewiesen als die Credit Suisse. Nicht nur sorgte deren Investment Bank für heftige, mehrheitlich negative, Ausschläge in der Erfolgsrechnung. Die den umfangreichen Handelsaktivitäten zugrunde liegenden Risikopositionen waren im Verhältnis zum knappen Kapitalkleid der Bank auch heillos überdimensioniert.

Zeit zum Nachdenken blieb dem neuen Chef keine. Vier Monate nach seinem Antritt präsentierte er eine grundlegend neue, dezentralisierte und auf Märkte statt auf Geschäftsbereiche ausgerichtete Organisation. Er bestellte ein neues Managementteam mit teilweise unbekannten Gesichtern. Und diesen setzte er ungewohnt konkrete und ehrgeizige Leistungs- und Gewinnziele. Weniger Risiken, mehr stabile Erträge und vor allem auch weniger Kosten. Nach 18 Monaten waren bereits mehr als 5000 Stellen weg. Die beispiellos hohe Schlagzahl, mit der Thiam seine Pläne vorantrieb, sorgte bei den Mitarbeitern nicht nur für Verunsicherung. «Jeder wird diesen Tempo-Stil etwas anders interpretieren, aber für mich ist klar, die Credit Suisse wird endlich wieder nach unternehmerischen Prinzipien geführt», stellte ein Mitglied des unteren Kaders nach sechs Monaten fest.

In den letzten Jahren unter Thiams Vorgänger sei das Klima zunehmend bleiern geworden. Dougans Sicherheitsdenken, das der Bank in den dunklen Jahren der Finanzkrise zweifellos zum Vorteil gereicht hatte, habe sich zuletzt lähmend auf die ganze Organisation ausgewirkt. Als Folge des zentralistischen Führungsstils habe sich eine grosse Distanz zwischen der obersten Führungsetage und den unteren Hierarchiestufen gebildet, die dem Gedeihen bürokratischer Leerläufe und besitzstandswahrenden Managementspielchen Vorschub geleistet hätten, erinnerte sich der Mann. Es seien verlorene Jahre gewesen.

Thiams Schwung ging auch auf die Investoren über. Diese zeigten sich beeindruckt und brachten in einer ersten Kapitalerhöhung im Herbst 2015 die ersten dringend benötigten Milliarden zur Stärkung der Bilanz.

Besonders schnell lief die Uhr für Thomas Gottstein, der jetzt die Zügel von Thiam übernommen hat. Thiam betraute ihn mit dem Job als Chef der neu geschaffenen «Swiss Universal Bank» praktisch ohne Vorlaufzeit. Er habe sich über diese Beförderung zunächst «etwas besorgt» gezeigt, erinnerte sich Thiam gestern an die erste Reaktion seines Nachfolgers. Die Leitung der grössten Geschäftseinheit im Konzern ohne einschlägige Führungserfahrung sei im Moment tatsächlich gerade etwas viel gewesen, bestätigte Gottstein. Den guten Ausgang dieses Märchens feierten die beiden gestern in ostentativer Eintracht. Thiam zeigte sich «super zufrieden» mit Gottsteins Berufung zum CEO und dieser pries nicht weniger überschwänglich dessen «inspirierenden» und «partnerschaftlichen» Führungsstil. Thiam sei ihm zum «Freund» geworden, sagte Gottstein.

Auf die schwungvolle Anfangszeit folgten alsbald schwierigere Zeiten. Die im Rückbau befindliche Investment Bank lieferte dramatisch schlechte Zahlen und machte bereits im Frühling 2016 eine Revision der erst fünf Monate alten Leistungsziele nötig. Thiams Zauber war damit verflogen. Sein Bedauern darüber war noch gestern in Zürich zu spüren. Eine Wahl habe es aber nicht gegeben: «Hätten wir damals nicht so gehandelt, sässen wir heute nicht hier.»

Die Investoren spürten die Not am Paradeplatz und liessen im Sommer 2016 in Erwartung einer weiteren Kapitalerhöhung den Aktienkurs erstmals und die Marke von zehn Franken fallen. In wenigen Monaten mutierte Thiams Image vom Erlöser zum Totengräber der traditionsreichen Bank. Die befürchtete zweite Kapitalerhöhung wurde dann im Frühjahr 2017 tatsächlich nötig.

Thiam äusserte sich zu Rassismus

Eine Journalistin meinte gestern am Ende der Pressekonferenz, die Beschattungsaffäre um den früheren Credit-Suisse-Starmanger Iqbal Khan, der ebenfalls ein Zögling Thiams war, sei vermutlich ganz einfach aus einem paranoiden Klima innerhalb des Top-Mangements heraus entstanden. Diese Beobachtung passt in der Tat gut zu den überaus wechselvollen Erfahrungen, die Thiam in der Schweiz gesammelt hat. Angesprochen auf die rassistischen Anwürfe sagte er diplomatisch: «Wenn Leute Rechtshänder nicht mögen und ich ein solcher bin, dann bin ich in Schwierigkeiten.»